Im Zuge des Shitstorms gegen den gewaltverherrlichenden und frauenfeindlichen Clip der E.on-Tochter „E“ gab es mal wieder ein paar „kritische“ Stimmen von außen, die da lauteten: „Ist doch witzig gemeint“, „Also ich fand’s lustig“, „Meine Freundin/Bekannte/Kumpeline fand das lustig“, „Das kann man sexistisch finden, muss man aber nicht“. Diese Stimmen wollen aussagen, dass es sich bei der Kritik an Sexismus und anderen -Ismen um ein von Gegner_innen hausgemachtes Problem handelt. Mücke und Elefanten, ein Problem, was eigentlich keines ist. Meist werden die Aussagen ergänzt mit „Kümmer‘ dich doch mal um die echten Probleme von Frauen“ oder „Komm‘ mal wieder runter“.
Die „Empörungsindustrie“ macht den Sexismusapologet_innen schwer zu schaffen. Mit aller Mühe wird versucht, die Kritik zu relativieren oder Sexismus zur Disposition zu stellen. Sexismus ist halt erst Sexismus, wenn er von allen Beteiligten in einer Diskussion als solcher identifiziert wurde, nicht, wenn die hysterischen Emanzen ihn als solchen definieren. Denn – so lassen sich die Abwehrmechanismen einordnen – die größte Angst der Mehrheit besteht darin, nicht mehr über dieses und jenes lachen zu dürfen. Ein Stück des selbstverständlichen Weltbildes als diskriminierend abqualifiziert zu bekommen.
Letztlich steckt immer der Wunsch dahinter nicht als schlechter Mensch zu gelten, der diskriminierende Inhalte lustig findet. Da die Sichtbarmachung von -Ismen in den meisten Fällen mit Tabus belegt wird, die zu durchbrechen angeblich den höchsten Frevel der Menschheit darstellt, werden Kritiker_innen mit allerlei rhetorischen Strategien beschäftigt gehalten, um ja nicht noch mehr Menschen vom diskriminierenden Inhalt des kritisierten Gegenstandes zu überzeugen. Eine Strategie neben Bildungsforderungen, Beschimpfungen und Alltagswissen ist die Degradierung der Kritiker_innen zu Menschen, die nicht mehr ganz bei Sinnen sind, mittels oben genannten Aussagen: Die Betroffenen haben einfach nicht verstanden, dass die sexistische Kackscheiße einfach nur witzig gemeint war.
Im US-amerikanischen Kontext gibt es dafür den Begriff des „Gaslighting„, eine Strategie, mit der in Form von emotionaler Manipulation (oft unintendiert) versucht wird, die_den Kritiker_in als „verrückt“ und deren Argumentation und Perspektive als invalid gelten zu lassen. Tatsächlich lösen diese Abwehrstrategien bei Betroffenen Trigger und Emotionen aus, die ihnen schmerzlich bewusst werden lassen, dass die eigenen Erfahrungen und Empfindungen von der abwehrenden, unsensibilisierten Mehrheit als ungültig oder nicht relevant eingestuft werden. Die eigene Verunsicherung, die jene spüren, deren Weltbilder durch die Kritik an -Ismen ins Wanken gebracht werden, wird auf die Betroffenen verlagert.
Die perfide Botschaft hinter Aussagen wie „Du hast den Witz nicht verstanden“ ist: Ich nehme deine Kritik nicht zur Kenntnis (weil ich’s kann/weil ich nicht muss) und unterstelle dir, dass du eine Perspektive auf den Gegenstand legst, die nicht der objektiven/neutralen/realitätsnahen entspricht. Der Zynismus hinter der Aussage könnte deutlicher nicht sein, denn Betroffene von Sexismus und anderen -Ismen sind in einer Welt sozialisiert worden, die ihnen täglich zu verstehen gibt, dass Unterdrückung Normalität ist und daher Witze darüber oder über bestimmte Gruppen völlig akzeptiert sind. Sie haben gelernt ihre Umwelt immer durch zwei Brillen zu sehen: die eigene und die der Mehrheitsgesellschaft. Sie haben gelernt, dass die „Default-Brille“ die der Mehrheitsgesellschaft ist.
Soll heißen: Die Betroffenen haben den Witz schon längst verstanden. Sie haben sich aber in diesem Fall dafür entschieden, es nicht witzig zu finden. Betroffene wissen auch stets, wie etwas „gemeint“ ist. Sie weisen die Perspektive lediglich zurück. Ergo ist „Gaslightening“ keine Form der Argumentation, sondern eine Form der Degradierung des_der Gegenüber_s, der Versuch Unterdrückung wieder in die Unsichtbarkeit zu verbannen und Problemverlagerung auf Betroffene. „Du hast den Witz nicht verstanden“ ist Gewalt, da die kritisierte Diskriminierung noch einmal auf die Betroffenen zurückfällt.
Allerdings wird mit „Du hast den Witz nicht verstanden“ deutlich, dass es nicht die Betroffenen sind, deren Weltsicht eingeschränkt ist. Denn wir beide haben den Witz verstanden, ich bin nur schon einen Schritt weiter als du.

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