Einträge von Hannah


Im postrevolutionären Tunesien wird die Rolle der Frau zum Kampfplatz

22. März 2012 von Hannah

Die Tunesierinnen sind stolz auf ihre Gleichberechtigung. „Wir durften früher wählen als die Schweizerinnen“, betont Laila Alphil. Sie ist aktives Parteimitglied der sozialdemokratischen Ettakatol, der drittstärksten Partei in der tunesischen Regierung. Tatsächlich war das postkoloniale Tunesien in Punkto Frauenrechte nicht nur der arabischen Welt, sondern auch manchem Land in Europa voraus. Als Habib Bourguiba 1957 in Tunesien an die Macht kam, schaffte er das auf der Scharia basierende Familienrecht ab, verbot Zwangsehen und Polygamie und schaffte die Gehorsamspflicht gegenüber männlichen Vormündern ab. Frauen durften eine Erwerbsarbeit aufnehmen, ohne ihren Ehemann zu fragen – das war ihnen in Deutschland erst ein Jahr später erlaubt.

Doch jetzt nach der Revolution, die allen mehr Freiheit bringen sollte, fürchten einige um diese über 50 Jahre bewährten Frauenrechte. Aus den Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung im Oktober ging die moderat islamistische Ennahda mit 37 Prozent der Stimmen als stärkste Partei hervor. Allerdings musste sie eine Koalition eingehen mit eher linksstehenden Parteien. Sie regiert nun mit der sozialdemokratischen Ettakatol und dem Kongress für die Republik, einer weiteren Mitte-Links Partei.

Einige fürchten, dass die Islamisten die Familiengesetzgebung ändern könnten und damit die Gleichberechtigung von Frauen abschaffen. „Ich bin nicht in den Kugelhagel im Januar gegangen, damit die Polygamie wieder eingeführt wird“, schrieb die Bloggerin Lina Ben Mhenni. Allerdings hat die Ennahda mehrfach betont, dass sie nichts dergleichen vorhaben. Aber Ben Mhenni sagt: „Man kann diesen Leuten nicht trauen.“ Immer wieder machen Ennahda-Abgeordnete Schlagzeilen mit reaktionären Ansichten: Mal behauptet eine Abgeordnete unverheiratete Mütter seien eine Schande, mal fordert ein Abgeordneter, man müsse den Leuten, die jetzt noch Sit-Ins veranstalten, die Hände und Füße abhacken.

Dabei bemüht sich die Ennahda-Führung um ein moderates Image, auf Reisen nach Europa wird der Ministerpräsident Hamadi Jebeli nicht Müde seine Sympathie für das türkische Modell zu bekunden: Die säkulare Verfassung Tunesiens will er nicht anrühren. (weiterlesen …)


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Mütter sollten ihre Möpse bedecken – jedenfalls wenn sie rechnen können

2. Januar 2012 von Hannah
Dieser Text ist Teil 35 von 36 der Serie Muttiblog

Am Prenzlauer Berg verstopfen Rinder die Gehwege, verstellen mit ihren Kinderwagen die Cafés und holen ihre unbedeckten Euter heraus, um ihre Kinder zu stillen. So steht es in einem Vorabdruck in der Taz von „Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter“ – ein soeben erschienenes Buch der Journalistin Anja Maier. Im Untertitel behauptet die Autorin über Edel-Eltern und ihre Bestimmerkinder zu schreiben. Tatsächlich sind ihr Feindbild aber die P-Berger Mütter. Obwohl ihre Fakten nicht stimmen, ihre Beschreibungen von altbekannten Klischees strotzen, erfährt sie erstaunlich viel Zuspruch. Warum dieser Mütter-Hass?

Frau in High Heels und Bluse, Minirock und Leggins, die eine Aktentasche, Pfanne und Staubwedel mit drei Armen hält, sowie ein Baby in einem kleinen Wagen hinter sich herzieht

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Anja Maier spricht nicht selbst in dem Kapitel, das die Taz druckte, sondern lässt eine Kaffeehausbetreiberin über die schwäbischen „Rinder“ herziehen, die alles bio und antiallergisch wollten, ihre Kleinkinder zum Chinesisch-Unterricht schickten und ihre Ehemänner für all das zahlen ließen, weil sie selbst mindestens drei Jahre Babypause machten.

Die Tirade der Wirtin hat einen heftige Diskussion in der Kommentarspalte der Taz hervorgerufen und Betrachtungen des Problems in zahlreichen Zeitungen. Interessant daran ist, dass die meisten den Ost-West-Konflikt sehen: Alt-Ostberliner gegen zugereiste Schwaben. Nur wenigen fällt auf, dass die Beschreibung von Müttern als Rinder, die ihre Euter herausholen, wohl so ziemlich die übelste sexistische Beschimpfung von Frauen ist, die einem in den letzten Jahren jenseits von Mario Barth untergekommen ist. (weiterlesen …)


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Feministische Bloggerin in Syrien verhaftet

9. Dezember 2011 von Hannah

Am 4. Dezember haben syrische Sicherheitskräfte die Bloggerin Razan Ghazzawi verhaftet. Helga und ich trafen Razan im Mai bei einer Blogger-Konferenz in Kairo.

„Blogger werden überschätzt“, schrieb Razan Ghazzawi im Oktober auf ihrem Blog razanghazzawi.com. Razan ist eines der Gesichter der Revolte in Syrien: Scharfzüngig formuliert sie ihre Thesen und fährt gerne ihren Gastgebern über den Mund. Wenn das Essen nicht schmeckt genauso wie wenn sie sich von westlichen NGOs benutzt fühlt. Das kam in letzter Zeit häufiger vor.

Links Razans Gesicht, eine junge Frau mit braunen Locken, rechts auf gelb-weißem Hintergrund FREE RAZAN - Freedom Advocate Detained in Syria

Sie reiste von Konferenz zu Konferenz, sah aber zunehmend kritisch, dass gerade sie mit ihrem perfekten Englisch dorthin eingeladen wurde. „Aus irgendeinem Grund glauben die Leute, meine Anwesenheit auf Konferenzen sei nützlich“, schreibt sie. „Der arabische Frühling macht viele NGOs reich und diese NGOs müssen sich engagieren.“

Andere, mutigere sollten an ihrer Stelle auf den Konferenzen sitzen, fand Razan und verwies auf all die syrischen Aktivisten, die unbekannt in syrischen Gefängnissen gefoltert werden. Laut Amnesty International sind mindestens 180 politische Häftlinge seit Beginn der Revolte im Februar zu Tode gekommen.

Dabei war sie von Anfang an eine der Mutigsten. Als eine der wenigen benutzte sie ihren Klarnamen. Bis die Menschen in Syrien gegen das Assad-Regime auf die Straße gingen, schrieb sie in ihrem Blog über feministische Themen, auch über Homosexualität und wagte sich damit an ein Tabu in der syrischen Gesellschaft. Viele ihrer Freunde reagierten damals ablehnend. „Ich denke mittlerweile, dass es ein Fehler war über Lesben- und Schwulenthemen zu sprechen, bevor man Gender und Sexualität thematisiert, besonders in einem Land, wo es keinen Raum gibt, Tabus und Fehlinterpretationen zu dekonstruieren,“ sagte sie im Sommer in Kairo.

Seit Beginn der Revolte bloggt sie über das neue Syrien, das sie sich wünscht und setzt sich für die Opfer des Regimes ein. Eins ihrer wichtigsten Anliegen ist die Überwindung nationaler und ethnischer Identitäten. „Wenn wir uns als Syrer definieren, fördern wir damit nicht eine rassistische, nationale Identität als reine Araber?“ schreibt sie. Zusammen mit ihrem Mitstreiter Hussein Ghrer, der gerade nach einer 37tägigen Haft entlassen wurde, diskutierte sie in Kairo, wie man die Allawiten in die Revolte einbeziehen könne.

Nun ist sie selbst verhaftet worden. Ausgerechnet auf dem Weg zu einer Konferenz über Medienfreiheit in Amman, wurde sie an der syrisch-jordanischen Grenze festgenommen und am Mittwoch in das berüchtigte Adra Gefängnis in Damaskus überstellt. Dort wurde ihr Prozess erstmal auf morgen verschoben. Die Kampagne Free Razan ruft zu ihrer Freilassung auf.


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Mit dem Taxi zur Revolution

17. Juni 2011 von Hannah

Zu Beginn des libyschen Aufstands befanden sich Frauen in der ersten Reihe. Mittlerweile bestimmen die Männer das Bild in Bengasi. Doch auch Frauen kämpfen weiterhin gegen das Regime von Muammar al-Gaddafi. Wie feministisch ist die libysche Revolution?

In der Mitte des Tahrir Square, des »Platzes der Befreiung«, in Bengasi versammeln sich Männer zum Gebet. Die älteren von ihnen halten ein Schwätzchen in einem der Zelte, die den Platz umgeben. Dahinter tanzen junge Männer zum neuesten Revolutions-Rap. Halbstarke fahren etwas abseits Rennen auf Quads. Frauen sieht man hingegen nicht. Zu Beginn des libyschen Aufstands waren sie noch hier und schrien am 17. Februar gemeinsam mit den Männern vor dem Gerichtsgebäude nach »Freiheit«. Bis spät in die Nacht hinein saßen sie mit ihren männlichen Freunden auf dem Platz und diskutierten, nachdem die Stadt am 20. Februar aus der Herrschaft von Muammar al-Gaddafis Leuten befreit worden war.

Aber vor vier Wochen war Schluss damit. Die Frauen bekamen ein mit Brettern abgesperrtes Areal an der Strandpromenade zugewiesen. Nachmittags organisieren dort junge Frauen Kinderspiele: Kegeln, Malen, Türme Bauen. Abends ist der Platz verwaist. »Nach der Revolution kamen immer mehr Frauen zum Tahrir Square«, erzählt Dina al-Gallal. »Vielleicht haben einige der Jugendlichen Frauen belästigt. Deshalb brauchten wir einen sicheren Ort.« Die 27jährige arbeitet ehrenamtlich im Pressezentrum. Sie und ihre Kollegin Nada tragen kein Kopftuch. Das ist in Bengasi so selten wie eine Niqab tragende Frau in Berlin. Dina sagt, es gebe keine Probleme. »Niemand zwingt mich. Es ist hier gar nicht so streng. Wir können arbeiten. Wir können Auto fahren.«

Das mit dem Autofahren hört man oft. Tatsächlich sitzen viele Frauen am Steuer. »Ohne Auto kann man sich als Frau nicht bewegen«, erzählt Seham al-Elamani. Die 30jährige Englischlehrerin hat keines. Allein mit dem Taxi zu fahren, hält sie für zu gefährlich. Wenn sie zum Gerichtsgebäude will, wo sie als Übersetzerin arbeitet, kommt ihr Mann im Taxi mit. Zu Freundinnen kann sie nur, wenn eine sie abholt. »Das ist so wegen der Sicherheitssituation«, sagt sie. (weiterlesen …)


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70.000 Euro für einen Trauschein?

7. März 2011 von Hannah
Dieser Text ist Teil 32 von 36 der Serie Muttiblog

Letztens sagte Sigmar Gabriel, er wolle das Ehe­gatten­splitting abschaffen, aber nicht gleich, irgend­wann mal. Von der FDP kam prompt die Antwort: Typisch, SPD will immer Steuern erhöhen.

Dann verebbte das Thema wieder – für mich unbegreiflich. Ich halte das Ehe­gatten­splitting neben Zwangs­abschiebungen und der Zusammen­arbeit mit fol­tern­den Geheim­diensten für einen der größten Skandale unserer Republik.

Frau in High Heels und Bluse, Minirock und Leggins, die eine Aktentasche, Pfanne und Staubwedel mit drei Armen hält, sowie ein Baby in einem kleinen Wagen hinter sich herzieht

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Das Ehe­gatten­splitting kettet Ehe­frauen ans Haus. Immer wenn sie nach der Baby­pause eine kleine Stelle auf­nehmen wollen, rechnen beide Ehe­partner nach und stellen fest, dass durch mehr zu zahlende Steuern von dem schönen Geld fast nichts übrig bleiben würde. Kommen dann noch Kinder­betreuungs­kosten hinzu, wird die Erwerbsarbeit der Frau zum puren Luxus, weil sie mehr kostet als einbringt. Na, da ist es doch besser nicht zu arbeiten.

Das prangern zwar viele an. Aber so ein richtiger Aufreger ist das Thema für die Meisten nicht. Besonders unbegreiflich finde ich diejenigen, die das Ehe­gatten­splitting verteidigen. Das sind doch in der Regel dieselben Leute, die Hartz IV-Empfänger dafür beschimpfen (dekadente Sozialschmarotzer), dass sie kühl nach­rechnen, ob es sich lohnt arbeiten zu gehen. Bei Eheleuten fördern sie aber diese Haltung.

Ich habe also meine Mutter gefragt, die immer erzählt, dass sie schon 1977 gegen das Ehe­gatten­splitting gekämpft hat.  Sie hat auch für die Quote gekämpft, gegen den §218 und für mehr Kitas. Da war die Frauen­bewegung einigermaßen erfolgreich. Beim Ehe­gatten­splitting hat sich aber so gar nichts getan. Warum habt Ihr da nichts erreicht, Mama?
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Immer wieder Mutterliebe

15. Dezember 2010 von Hannah
Dieser Text ist Teil 20 von 36 der Serie Muttiblog

Das Muttiblog hat eine neue Autorin: Hannah. Hier schreibt sie über den Mythos der Mutterliebe.
Nichts gegen Mutterliebe. Mutterliebe ist großartig. Die Mutterliebe wird fast immer erwidert – zumindest bis zum Eintritt der Geliebten in die Pubertät.
Frau in High Heels und Bluse, Minirock und Leggins, die eine Aktentasche, Pfanne und Staubwedel mit drei Armen hält, sowie ein Baby in einem kleinen Wagen hinter sich herzieht

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Redet man über Mutterliebe, ist die Sicht der Mutter selten Untersuchungsgegenstand. Es gibt nur die Sicht aller anderen. Seit Jahrzehnten beschäftigen sich Studien mit der Mutterliebe. Sie finden fast ausnahmslos heraus, wie notwendig sie für Gedeih und Verderb der Kinder, der späteren Erwachsenen und der Gesellschaft als Ganzer ist. Das dient dann meist konservativen Daherrednern, die Herdprämien, Halbtagsschulen und Freiheit zum Hausfrauensein fordern.

Mutterliebe als Naturgesetz?
Gerade ist im Freitag ein Artikel zum Thema erschienen, die SZ berichtete darüber im Sommer. Die inhaltliche Essenz lässt sich zusammenfassen: Kindern, die genug Mutterliebe erfahren, geht es später besser. Die aktuelle Studie dazu hat herausgefunden, dass Kinder, deren Mütter ihnen vor 30 Jahren die Wünsche von den Lippen lesen konnten („das Ausmaß der Sensitivität der Mutter, die Signale und Bedürfnisse des Babys zu verstehen“), heute emotional stabiler sind: weniger Angst, weniger aggressiv, stärker belastbar. (weiterlesen …)


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