Einträge von Adele


Das Katzentatzen-Lied – Nur ein Kinderlied?

16. April 2012 von Adele
Dieser Text ist Teil 36 von 45 der Serie Muttiblog

Im Kindergarten lernt das Kind so allerlei. Unter anderem auch das Katzen­tatzenlied.

Dieses Lied spiegelt sehr plakativ das Kindheits- und Jugendtrauma vieler post-gender Piraten wieder: Man fragt nett und freundlich, aber leider genügt schon ein einziger Makel (dick, hyperaktiv, laut, aber auch schlicht anders, nicht der eigenen Art entsprechend), der es scheinbar rechtfertigt, dass man zurückgewiesen wird. Und dann kommt dieser oberflächlich perfekte Typ vorbei, geht hin, nimmt sich einfach, was er will, ganz ohne zu fragen und schon macht die Frau bereitwillig mit – egal, ob er die totale Dumpfbacke ist oder nicht.

Wenn ich auf diese problematische Implikation des Liedtextes hinweise, bekomme ich, wie so häufig bei ähnlichen Themen (Werbung für Kinder, Rollenklischees in Kinderbüchern, Religionsunterricht in der Grundschule, etc.) zu hören: „Ist doch nur ein Kinderlied!“ Genau, es ist ein Kinderlied! Und Kinder lernen ihre Welt nun mal auch über solche Spiele kennen. Da schaue ich mit dem Kind ein Bilderbuch und es zeigt auf einen normalgewichtigen Hamster und sagt: „Hamster, pummelig.“ Das 2-jährige Kind hat also schon kapiert, dass ein Hamster pummelig ist, also wird es früher oder später auch kapieren, dass pummelig zu sein dazu führt, dass man nicht mitspielen darf und schlussendlich – am Beispiel des übergriffigen Katers – , dass es nicht auf das Einverständnis des Mädchens/der Frau ankommt, wenn man sie küssen möchte. (mehr …)


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Verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre

4. Juli 2011 von Adele
Dieser Text ist Teil 34 von 45 der Serie Muttiblog

Die Frauenquote findet ja immer mehr AngängerInnen, wie es gerade so scheint. Auch meine Arbeitgeberin hat dieses Thema als etwas entdeckt, worüber man mal reden sollte und sich das Ziel gesteckt, bis 2015 30% Frauen in Führungs­positionen zu beschäftigen. Erreicht werden soll dieses Ziel mit mehr Kinder­betreuungs­möglichkeiten, flexibleren Arbeits­zeiten und Heim­arbeits­plätzen. Klingt erstmal toll und modern. Allerdings merkt man an den Maßnahmen sehr deutlich, wer sich das ausgedacht hat: weiße verheiratete Männer Mitte 50 mit durch­schnittlich 2.1 Kindern, die davon ausgehen, dass Frauen diejenigen sind, die Familie und Beruf vereinbaren müssen.

Frau in High Heels und Bluse, Minirock und Leggins, die eine Aktentasche, Pfanne und Staubwedel mit drei Armen hält, sowie ein Baby in einem kleinen Wagen hinter sich herzieht

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Wegen der Wohnsitzproblematik blieb für uns letztendlich nur die Option „Betriebs­kinder­garten“. Aber auch dort sind die Plätze heiß begehrt und es be­durfte eines Wutausbruchs im Büro meines Chefs und mehrerer emotional sehr auf­ge­ladener Gespräche mit oberen Führungskräften, um nach einem Jahr Warte­zeit nun endlich ab Sommer das Kind an meinem Arbeitsort in den Kinder­garten schicken zu können und damit den Status „Wochenendmama zu beenden.

Jetzt haben diese Männer also erkannt, dass sie das Potential ihres Führungs­nachwuchses nicht voll ausschöpfen, weil ein Teil des Potentials ganz offen­sichtlich nicht beachtet wird. Und woran liegt das? Daran, dass die weiblichen High Potentials mit Kindern Beruf und Familie vereinbaren müssen. Da helfen wir denen doch mal ein bisschen und spendieren denen Kindergärten, flexible Arbeitszeiten und Heimarbeitsplätze. Nur: Die außertariflich Angestellten werden schon heute nicht nach Anwesenheitszeit bezahlt. Die somit bereits realisierten flexiblen Arbeitszeiten bedeuten in dem Zusammenhang hauptsächlich „Über­stunden sind mit dem Lohn bereits abgegolten“. Und auch der Laptop, Zugang von einem externen Internetanschluss via VPN zum Firmennetzwerk und der Blackberry gehören zum Standard, so dass das Arbeiten von zu Hause aus bereits jetzt schon problemlos möglich ist. Diese vollmundig versprochenen Maßnahmen, größtenteils bereits etabliert, werden wahrscheinlich einfach nicht reichen, solange die männlichen Konkurrenten eben nicht das Problem haben, Karriere und Familie zu vereinbaren. (mehr …)


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Wie wär’s mit obligatorischem Vaterschaftsurlaub?

4. April 2011 von Adele
Dieser Text ist Teil 33 von 45 der Serie Muttiblog

In Frankreich gibt es Überlegungen, verpflichtenden Vaterschaftsurlaub einzuführen. Ich hatte ja bereits den Kündigungschutz für werdende Väter gefordert, um Elternzeit für Väter zu vereinfachen. So weit zu gehen, verpflichtenden Vaterschaftsurlaub zu fordern, habe ich mich bisher nicht getraut. Ich hörte schon diese Stimmen, die die freiheitlich demokratische Grundordnung gefährdet sehen – durch solch einen staatlichen Zwang zur care-Arbeit. Aber Frauen werden auch gezwungen, wenn sie ein Kind zur Welt bringen, 18 Wochen lang ihrer Erwerbsarbeit nicht nachzugehen. Dies wird, zu Recht, als Errungenschaft einer fortschrittlichen Gesellschaft angesehen. Warum gönnen wir den Vätern denn nicht auch eine solche Auszeit, in der sie intensiv ihren Nachwuchs kennenlernen können?

Hinzu kommt, dass solch ein verpflichtender Vaterschaftsurlaub wahrscheinlich auch ein Umdenken in den Köpfen der ChefInnen bewirken könnte. Folgende, tatsächlich erlebte Geschichte wäre dann hoffentlich anders gelaufen. (mehr …)


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Guttenberg: Familie als Entschuldigung

28. Februar 2011 von Adele
Dieser Text ist Teil 31 von 45 der Serie Muttiblog

Dass Deutschland gerade den Verlust politischer Integrität in bisher un­be­kannten Aus­maß erlebt, ist ja bereits an genügend Stellen hin­länglich dis­kutiert worden. Warum ich die Causa Gutten­berg hier im Mutti­blog noch­mal aufgreife? Weil der Lügen­baron seinen absichtlichen Betrug u.a. damit rechtfertigt, dass er als junger Familien­vater mit dem korrekten Aus­arbeiten seiner Doktor­arbeit überfordert gewesen sei. Mein Mit­leid hält sich allerdings stark in Grenzen. Diesem Typen ist wirklich nichts zu billig. Aber es ist bestimmt der Feminismus schuld, dass ein Bundestagsabgeordneter, der gleich­zeitig auch noch Vater ist, einfach keine Ruhe mehr hat, seine Doktorarbeit sorgfältig aufzuschreiben und sich an die Regeln zu halten. Stattdessen steht er als moderner Vater unter dem Druck, auch für die Familie anwesend zu sein. Wie soll man da bitte noch den Überblick behalten?

Frau in High Heels und Bluse, Minirock und Leggins, die eine Aktentasche, Pfanne und Staubwedel mit drei Armen hält, sowie ein Baby in einem kleinen Wagen hinter sich herzieht

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Ich stelle mir gerade eine alleinerziehende Mutter vor, die zwischen ihrem Job am Tag, Kinder versorgen und dem Putz­job am Abend, damit es finanziell überhaupt irgendwie geht, ganz aus Ver­sehen nach sorgfältiger Auswahl der Lebensmittel im Super­markt vergisst, das ein oder andere Teil aufs Band zu legen. Kann ja mal passieren, mit den Ge­danken noch bei der Arbeit, die Kinder quengeln, da kann man doch mal was vergessen, wer will denn da so kleinlich sein?

Ich kenne einige Mütter und Väter, die neben ihrem Vollzeitjob noch ihre Doktorarbeit schreiben. Müssen die es jetzt auch nicht mehr so genau nehmen? Oder all die Mütter und Väter, die neben dem Beruf studieren, eineN MeisterIn, TechnikerIn, oder sonstige Fortbildungen machen? Können diese Menschen sich in Zukunft, wenn sie beim Abschreiben erwischt werden, darauf berufen, dass Job, Familie und Weiterbildung einfach zuviel waren? Sollten wir Karl Theodor zu Guttenberg dankbar sein, dass er klar gemacht hat, welch extremer Druck auf dreifachbelasteten Vätern lastet? Oder sollten wir Beifall klatschen, weil dem vielbeschäftigten Herrn Minister seine Familie wichtiger zu sein scheint, als jegliche Integrität?

Ich finde es einfach billig, dass ein Mann seine dreisten Betrügereien damit ent­schuldigt, dass die Familie ihn so sehr gefordert habe. Wieviele Frauen (und auch Männer) in Deutschland leisten täglich Übermenschliches, um den ganz normalen Wahnsinn zwischen Job und Familie zu meistern und kommen dabei nicht auf die Idee, geltende Regeln zu vergessen?

Und schlussendlich frage ich mich, ob wir diese Art von modernen Vätern brauchen. Die ihren Kindern im großen Stile vermitteln, dass man sich, wenn die Be­weise für ein Fehl­verhalten erdrückend werden, nur so tun muss, als handele es sich um eine Lapalie, für die man sich ein kleines bisschen ent­schuldigen muss – dann hat das Fehl­verhalten keine ein­schneidenden Konsequenzen.


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Kompetente Väter

14. Februar 2011 von Adele
Dieser Text ist Teil 30 von 45 der Serie Muttiblog

Ist man als Mutter mal für fünf Minuten weg, bringt der Vater aus Versehen das Kind um. Was so absurd klingt, scheint in unserer Gesellschaft eine gängige Annahme zu sein. Anders kann ich mir ein paar bemerkenswerten Erlebnisse der letzten Zeit nicht erklären.

Frau in High Heels und Bluse, Minirock und Leggins, die eine Aktentasche, Pfanne und Staubwedel mit drei Armen hält, sowie ein Baby in einem kleinen Wagen hinter sich herzieht

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Mein Mann ist derzeit viel mit dem Kind alleine unterwegs. Neulich ließ ihn eine ältere Dame beim Aussteigen aus dem Bus wissen, dass sie ihn beobachtet habe. Er mache das ganz vorzüglich mit dem Kind, eine Frau könne es nicht besser machen.

Ärgerlich finde ich im Zug die Durchsage „Liebe Fahrgäste, aufgrund von hohem Fahrgastaufkommen bitten wir Sie, freie Sitzplätze nicht mit Gepäckstücken zu blockieren. Fahrgäste mit Sitzplatz werden gebeten, diesen gegebenenfalls älteren Reisenden oder Müttern mit Kleinkindern anzubieten“. Diese Durchsage habe ich in den letzten 4 Monaten, seit ich jeden Beginn des Wochenendes in vollen Zügen genieße, schon mehrmals gehört. Sie steht also offensichtlich so im Handbuch, Väter mit Kleinkindern existieren scheinbar nicht.
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Ist pink schwul?

31. Januar 2011 von Adele
Dieser Text ist Teil 29 von 45 der Serie Muttiblog

Wenn man dem einjährigen Sohn eine pinke Jacke anzieht, dann kann man sich sicher sein, dass man plötzlich für sehr viel Gesprächsstoff auf dem Spielplatz sorgt. Das geht sogar so weit, dass das Kind nicht mehr erkannt wird, weil es plötzlich als Mädchen wahrgenommen wird. Mindestens aber wird man gefragt, warum man ihm um alles in der Welt eine pinke Jacke anziehe.

Frau in High Heels und Bluse, Minirock und Leggins, die eine Aktentasche, Pfanne und Staubwedel mit drei Armen hält, sowie ein Baby in einem kleinen Wagen hinter sich herzieht

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Ähnliche Nachfragen provoziert man, wenn man in der Drogerie einfach ins Regal greift und zufällig ein rosa Schnullerband erwischt. Ob ich Probleme mit der Farbwahrnehmung hätte wurde ich beispielsweise schon gefragt. Die Nachbarn meiner Schwiegereltern waren sogar so nett und haben uns ein blaues Schnullerband geschenkt, das sie noch von ihrem Sohn übrig hatten. Als unser Sohn am nächsten Tag wieder mit seinem rosa Schnullerband bei den Nachbarn aufkreuzte, wurde dies von ihnen leicht konsterniert angemerkt. Die absurd anmutende Unterhaltung wurde dann von meinem Mann zu einem jähen Ende gebracht: „Vielleicht ist er ja schwul.“ Über den Schock in den Augen der Nachbarn amüsieren wir uns heute noch.


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Ellenbogenkapitalismus im Schlafzimmer

30. November 2010 von Adele
Dieser Text ist Teil 27 von 45 der Serie Muttiblog

In seiner Focus-Kolumne erklärt uns Uli Dönch, warum die Frauen-Quote feige und falsch ist:
Wer das Phänomen verstehen wolle, müsse tiefer graben. Das dann folgende ist tatsächlich auf einem Niveau unterhalb der Grasnarbe… Natürlich sind die Frauen man wieder selbst schuld, wenn sie nicht bereit sind 65 bis 70 Stunden in der Woche zu arbeiten, dann wird das halt nix mit dem Vorstandsposten. Was schließen wir daraus? Man muss nur 70 Stunden in der Woche arbeiten, und übermorgen ist man im Vorstand eines DAX-30-Unternehmen, ist also ganz einfach.
Frau in High Heels und Bluse, Minirock und Leggins, die eine Aktentasche, Pfanne und Staubwedel mit drei Armen hält, sowie ein Baby in einem kleinen Wagen hinter sich herzieht

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Der Aufsichtsratschef der Commerzbank Klaus-Peter Müller fragt im Interview zu Recht, wieviel Frauen tatsächlich für solche Posten zur Verfügung stünden. Die Schlüsse, die Dönch daraus zieht, sind natürlich Quatsch.

Zuerst einmal sind ein paar Vorstandsposten, die mit Frauen besetzt sind, zwar ein nettes Symbol, aber sind nur für einen verschwindend geringen Teil der weiblichen Bevölkerung erreichbar oder erstrebenswert. Das gilt im übrigen ebenso für den männlichen Teil der ArbeitnehmerInnen. Auch die wenigsten Männer haben einen Posten im Vorstand (70 Stunden die Woche zu arbeiten, scheint also doch nicht zu reichen…). (mehr …)


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Das schlechte Gewissen der Working Mum

9. November 2010 von Adele
Dieser Text ist Teil 19 von 45 der Serie Muttiblog

Frau in High Heels und Bluse, Minirock und Leggins, die eine Aktentasche, Pfanne und Staubwedel mit drei Armen hält, sowie ein Baby in einem kleinen Wagen hinter sich herzieht

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Ich weiß nicht, wie oft ich in den letzten Wochen gefragt wurde, ob ich mein Kind eigentlich nicht vermisse, wenn ich es nur am Wochenende sehe. Ja, das tue ich. Und trotzdem frage ich mich, ob ein Mann, der jobbedingt sein(e) Kind(er) nur am Wochenende sieht ähnlich oft diese Frage gestellt bekommt.
Auf der anderen Seite werde ich aber auch oft gefragt, ob ich es genieße, unter der Woche meine Ruhe zu haben. Und dann ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich meine Begeisterung über den tollen Job, den ich habe, relativiere, indem ich darüber klage, dass ich mein Kind so selten sehe. Männer in ähnlichen Situationen hingegen erzählen begeistert, dass sie es genießen, viel arbeiten zu können und abends noch Zeit für andere Dinge und vor allem ihre Ruhe zu haben. Schlechtes Gewissen? Fehlanzeige. Klar, sie kommen ja auch ihrer Rolle als Ernährer nach, sie arbeiten viel, Geld kommt rein, was will die Familie mehr? Ich hingegen habe ständig das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich meinen Mann mit dem Kind alleine lasse.

Dabei geht es weniger darum, dass mein Gegenüber diese Rechtfertigung von mir verlangt, als vielmehr darum, dass es sich dabei um ein Problem handelt, welches ICH habe. Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn das Kind am Sonntag abend herzerweichend weint, wenn ich gehe, ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn mein Mann mir erzählt, dass das Kind nachts 50 Minuten geschrien hat, ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn mein Mann feststellt, dass er an 50% der Besprechungen in seinem Job nicht mehr teilnehmen kann, weil die um 15 Uhr beginnen, das Kind aber spätestens um 16 Uhr aus der Krippe abgeholt werden muss. Denn: eine Mutter lässt ihr Kind nicht alleine, eine Mutter ist da und tröstet das Kind, wenn es nachts weint UND eine Ehefrau unterstützt die Karriere ihres Mannes.

Bullshit! Aber die Sozialisation durch Hollywood und TV sitzt wohl leider viel tiefer als uns lieb ist. Also arbeite ich daran, mir klarzumachen, dass eine Mutter auch dann für ihre Familie sorgt, wenn sie für mehr als die Hälfte des Familieneinkommens sorgt, wenn sie am Wochenende sich ausgeglichen und glücklich vollumfänglich um ihre Lieben kümmert und wenn sie unter der Woche an den vielen freien einsamen Abenden Kinderkleidung näht und strickt ;-)


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Krippen-Notstand als Gleichberechtigungskiller

19. Oktober 2010 von Adele
Dieser Text ist Teil 18 von 45 der Serie Muttiblog

Frau in High Heels und Bluse, Minirock und Leggins, die eine Aktentasche, Pfanne und Staubwedel mit drei Armen hält, sowie ein Baby in einem kleinen Wagen hinter sich herzieht

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Ich würde mal behaupten, dass sich mein direktes soziales Umfeld in Hamburg nicht allzusehr in puncto Verdienst, Bildung und sozialem Status von meinen neuen Arbeitskollegen hier in NRW unterscheidet. Und doch gibt es einen ganz eklatanten Unterschied: In Hamburg kenne ich nur sehr wenige Familien, die das traditionelle Ein-Ernährer-Modell leben. So gut wie alle Frauen haben nach spätestens einem Jahr wieder angefangen in ihrem erlernten Beruf zu arbeiten.

Nicht so in meinem neuen Kollegenkreis. 80 % der befragten Kollegen antworteten auf die Frage, wie sie das Problem Kinderbetreuung gelöst hätten, dass ihre Frau zu Hause sei.

In Hamburg gibt es ausreichend Betreuungsplätze für Kinder unter 3 Jahren und selbst Tageseltern werden dort von der Stadt gefördert, so dass man maximal 517 Euro (einkommensabhängig) für die Vollzeitbetreuung eines Kindes bezahlen muss. Anders in NRW. Dort hängt es sehr stark davon ab, in welcher Stadt bzw. Gemeinde man wohnt, wie viel Betreuungsplätze und wie viel finanzielle Förderung zur Verfügung stehen. Und das hat massive Auswirkungen darauf, wie viele Frauen in ihren Beruf verhältnismäßig zeitnah nach der Geburt eines Kindes wieder zurückkehren.

Die Jugendämter scheinen sich auch schlicht und einfach diesem Missstand ergeben zu haben und verwalten lediglich die allzu knappen Krippenplätze auf eine sehr bürokratische und wenig menschliche Art und Weise, immer mit dem Verweis darauf, dass es ja immer noch die Möglichkeit der Tageseltern gebe.

Für die Kommunen ist aber die Tatsache, dass sich so viele Familien nach wie vor dazu entscheiden, ihr Kind mindestens drei Jahre lang zu Hause von der Mutter betreuen zu lassen, eine sehr bequeme Lösung. Und nicht nur für die Kommunen, sondern auch für diese Familien. Man muss sich nicht um einen Krippenplatz bemühen, was in einen extremen Psychostress ausarten kann, wenn man dringend einen solchen Platz braucht, aber keinerlei Unterstützung durch das zuständige Jugendamt erfährt. Man muss sich nicht täglich koordinieren, wer das Kind in die Krippe bringt und wer es wann wieder abholt, wer dafür sorgt, dass abends was zu Essen auf dem Tisch steht und noch genügend im Kühlschrank ist für das Frühstück. Und die Frau kann sich sicher sein, dass sie für die Erledigung ihres Jobs von ihrem Kind bedingungslos geliebt wird (was sie im übrigen genauso wird, wenn sie nicht pausenlos um es herum ist) und muss sich nicht mit einem/einer fordernden ChefIn herumschlagen, die/der einen durchaus auch mal kritisiert.

Als ich Lisa Ortgies Buch „Heimspiel“ las, dachte ich noch, dass sie bei der Beschreibung der Betreuungssituation in Deutschland arg dick aufträgt um deutlich auf die Missstände hinzuweisen, aber mittlerweile ist mir bewusst, dass sie kein bisschen übertrieben hat und dass ich bis vor ein paar Monaten mangels persönlicher Betroffenheit einfach nicht über den Tellerrand von Hamburg und seinen paradiesischen Zuständen hinaus geschaut habe. Welche krassen gesellschaftlichen Auswirkungen diese Situation hat, wird mir nun bewusst, wenn ich mich mit meinen Kollegen unterhalte und ich merke, wie wichtig es ist, an dieser Stelle laut und deutlich zu sagen: NEIN, Frauen haben nach wie vor NICHT die gleichen Möglichkeiten wie die Männer in dieser Gesellschaft!!!


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Väter ohne Zeit

28. September 2010 von Adele
Dieser Text ist Teil 17 von 45 der Serie Muttiblog

Frau in High Heels und Bluse, Minirock und Leggins, die eine Aktentasche, Pfanne und Staubwedel mit drei Armen hält, sowie ein Baby in einem kleinen Wagen hinter sich herzieht

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

60% der Männer geben laut Familienreport des Familienministeriums an in Elternzeit gehen zu wollen, wenn sie Kinder haben. 18,5% tun es wirklich, ¾ davon nur die minimal notwendigen 2 Monate um Elterngeld zu beziehen. Die Gründe dafür sind so vielfältig wie es Väter gibt. Irgendwo müssen die 67% der elternzeitwilligen aber nicht-Elternzeit-nehmenden Männer ja abbleiben.
Ich habe mich in meinem Umfeld mal Ursachenforschung betrieben und festgestellt, dass es immer wieder individuell sehr nachvollziehbare Argumente gab, die die Absprachen, die vor der Zeugung/Geburt bezüglich Vätermonaten getroffen wurden, plötzlich obsolet machten.

Und auch ich musste feststellen, dass meine klaren Vorstellungen von der 50/50 Aufteilung der Elternzeit durch äußere Umstände auf 90/10 verschoben wurde. Nach 7 Monaten Mutterzeit hatte ich leider noch keinen Job, so dass die Vätermonate immer weniger wurden. Kann mein Mann nichts dafür und er war es auch, der mich dann gedrängt hat, deutschlandweit nach Jobs zu schauen. Im Endeffekt bin ich 13 Monate nach der Geburt zu Hause geblieben, mein Mann macht 2 Monate Elternzeit. allerdings kann ich ihm aber zu Gute halten, dass er seit September alleinerziehend ist, während ich 5 Tage in der Woche 400 km weit weg arbeite. Man kann aber auch die Frage stellen, warum er nicht genauso ein Jahr Elternzeit nimmt und wir gemeinsam in einer Stadt leben, finanziell wäre das sogar möglich. Ihr erratet sicher, mit welchem Argument diese Möglichkeit verworfen wurde: „In meinem Job kann ich es mir nicht leisten, ein Jahr auszusteigen.“

Bei einer anderen Familie gab es pünktlich, als das Kind 9 Monate alt war, ein Jobangebot, welches der Vater auf keinen Fall ablehnen konnte und sofort annehmen musste, weshalb die vereinbarten 2 Vätermonate, die dazu dienen sollten, dass die Frau stressfrei wieder in ihren Job einsteigen kann, natürlich auf keinen Fall drin sind. Stattdessen kann er sich voll auf seine Einarbeitung konzentrieren und die Frau steigt nun in Halbzeit wieder ein. Das perfide an der Situation: Ihr fehlen noch ein paar wenige Arbeiten, um eine bestimmte Qualifikation zu erlangen, die notwendig ist, um in ihrem Job weiterzukommen. Er hat diese Qualifikation bereits, weshalb er auch diesen neuen tollen Job angeboten bekommen hat. Einfach nur, weil er ein bisschen weiter in der Ausbildung und nicht schwanger war (während der Schwangerschaft darf man diese Arbeiten, die noch fehlen, nicht machen) ist er jetzt in der Lage, ihr die berufliche Laufbahn noch schwerer zu machen. Die Verantwortung eine Kinderbetreuung zu finden, liegt natürlich zu 100% bei ihr, schließlich will sie wieder anfangen zu arbeiten.

Beides individuelle Beispiele, die zeigen, dass es IMMER gute Gründe geben wird, warum die Männer weniger Elternzeit nehmen als die Frauen


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