Einträge von Sabine


Die Blogschau – Mythos „Wir sind alle gleich“

4. April 2015 von Sabine
Dieser Text ist Teil 275 von 295 der Serie Die Blogschau

Eine Schulleiterin sagt zu einer minderjährigen Schülerin: “Betül, hast du alles wunderbar gemacht. Wir müssen aber über dein Sche*ß-Kopftuch reden.” Betül berichtet anhand ihrer Schulbiographie eindrücklich wie „Emanzipation“ und „Unterdrückung“ identitär bzw. auswechselbar werden etwa vom Ausschluss vom Schulaustausch in Paris bis hin zum subtilen Zwang mit der Schulklasse nach Spanien zu reisen.

Keine Umstände bereiten zu wollen, die Sorge Raum einzunehmen, versuchen unsichtbar zu werden, um bloß nicht aufzufallen. Ein nachdenklicher Text über die Verkörperung sexistischer Strukturen und Raumpolitiken, zwischen Reproduktion dieser und den Widerständen.

Es gibt eine neue Initiative für Bildungs“aufsteiger“. Bildung ist nicht schlecht, problematisch ist vielmehr der Mythos, der darum kreiert wird nämlich, dass es jede_r nach „oben“ schaffen könne, wenn er_sie nur wolle. Diese Kritik an der vermeintlich meritokratischen Gesellschaft ist nicht neu, allerdings wirkt diese laut Clara Rosa im Kontext mit der neuen Initiative „Klückskinder“ doch etwas schärfer nach. Bei Klückskinder sollen ehemalige „Heimkinder“ als Mentoren für Heimkinder fungieren und ihnen ein positives Vorbild werden, wenn es nur so einfach wäre.

Aufruf und Ankündigung zugleich: Die Queerulant_innen sind an einer neuen, spannenden Ausgabe zu  „Trans* und Elternschaft“ und benötigen Zuschüsse für die Druckkosten.

Warum ich aufgehört habe über „Women in Tech“ zu bloggen, beschreibt das Dilemma zwischen Zuschreibungen, Erwartungen und dem eigenen well-being, aber auch den Komplex „women in tech“ und die Abgrenzungen zum „Karrierefeminismus“.

 

Für eine bessere Vernetzung der feministischen Blogosphäre listen wir jede Woche auf, was unsere Kolleg_innen über die Woche so melden und tun. Haben wir etwas vergessen oder übersehen? Kennen wir dein brilliantes Blog etwa noch gar nicht? Dann sag uns bitte Bescheid!


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Rassismus, Scheindebatten und Neujahrsvorsätze – Die Blogschau

10. Januar 2015 von Sabine
Dieser Text ist Teil 270 von 295 der Serie Die Blogschau

„Fremde klopfen mir anerkennend auf die Schulter allein deswegen, weil ich existiere.“ Die verstorbene Aktivistin Stella Young bezeichnete dies als „inspirational porn„, wenn eine Gruppe von Menschen, nämlich Menschen mit Behinderung behinderte Menschen, als Objekt der Inspiration dargestellt würden.

„Tweet, tweet, tweet, wir haben uns alle lieb“:  In diesem Artikel widmet sich Emine dem australischen Hashtag“#I’llRideWithYou“ und erklärt, weshalb der Slogen schon einen Anfangsfehler hatte und weshalb sie keine Toleranz möchte.

In „Entweder Oder“ wird das vermeintliche Dilemma der Zugehörigkeits-Gruppen anhand der vergangenen 31c3-Konferenz beschrieben. Was bedeutet es, sich sowohl autistisch und gender-queer zu verstehen, aber in bestimmten Räumen auf ein „Entweder Oder“ zu stossen?

Neujahrsvorsätze? Reizende Rundungen hat schon einmal eine wichtige Liste für uns – und warum unser Körper unser Hoheitsgebiet sein sollten, vorbereitet.

Rassismus oder Leipziger Tradition? „Schon seit jeher ist Silvester in Leipzig für mich mit Stress verbunden. Zu oft habe ich erlebt, wie rein „zufällig“ Böller und Raketen in meine Richtung geflogen sind.“ Ein Bericht über das jährliche Silvester in Leipzig und warum die eigene Kapunze unter Umständen gefährlich werden kann.

Schleuser_innen, die Menschen auf ungesteuerten Schiffe transportieren, sorgen im EU-Flüchtlingskontext für Empörung und gelten als gewissenlos. Während des Nationalsozialismus wurden Schleuser_innen (im Nachgang) heroisiert, weil sie Menschen retteten. Mehr dazu auf andersdeutsch.

Ein lesenswerter Text von Antje Schrupp über „Männer, die auf Feministinnen starren“.

Neues Jahr, neuer Style-Crush, indeed: Ein tolles Interview mit der modischen Wahlberlinerin JJ auf Queer Vanity.

Habt ihr diese Woche was geschrieben, gezeichnet oder aufgenommen, das hier nicht verlinkt wurde? Kennen wir eure tolle Webseite/tollen Blog etwa noch gar nicht? Dann ab damit in die Kommentare. Jede Woche verlinken wir Text_Wissens_Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum.


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Triggerwarnungen, Skinhead-Looks und Anti-Homo-Demo in Stuttgart – die Blogschau

27. Oktober 2014 von Sabine
Dieser Text ist Teil 263 von 295 der Serie Die Blogschau

Nele Tabler schreibt für das Magazin Vice ihre Erfahrungen mit den Bildungsplan-Gegnern auf der Anti-Homo-Demo in Stuttgart auf. Die Aussagen der sogenannten Bildungsplan-Gegner sind homophob, heteronormativ und beinhalten auch eine NS-Rhetorik.

Warum Triggerwarnungen problematisch sind und auch die Vorstellung von schwachen, fragilen Gewaltopfern reproduziert lest ihr auf Identitätskritik.

„Jetzt bewohne ich einen Zwischenort mit der Sammeladresse ’non-binary‘, und das ist erst mal okay so.“ Bluespunk über W_ortfindungsstörungen beim Benennen des eigenen Körpers und den Erfahrungen damit.

In Nina LaGrandes Kurzgeschichte geht es um das Innenleben einer „internetaffinen“-Protagonistin beim Bewerbungsgespräch.

Auf Queer Vanity thematisiert Heng die Problematiken hinter Skinhead-Looks, die von weißen Menschen getragen werden.

In der aktuellen Progress erklärt Anne Pohl am Beispiel des #gamergate (wir berichteten), wie stereotype Rollen und organisierte Hasskampagnen miteinander zu tun haben.

Über (Netz)Feminismus als Selbstinszenierung schreibt Nadine auf ihrem Blog Medienelite.

Deutschsprachige Kinder- und Jugendbücher, die queer sindqueerdenke_n mit einem Überblick.

Auf die rassistisch motivierte Frage „Woher kommst du?“ kontert Heng auf Tea-Riffic mit witzigen Antworten.


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Samstagabendbeat mit Angel Haze

26. Oktober 2013 von Sabine

Angel Haze Bild: Flickr CC/ Phillip Nguyen http://www.flickr.com/photos/pnguyen83/Es ist die letzte Abfahrt. Wer die großartige US-amerikanische Rapperin Angel Haze nicht kennt, sollte spätestens jetzt reinhören. Anschnallen bitte nicht vergessen. Ihr aktuellster Remix von Mackelmores & Ryan Lewis „Same Love“ Version stellt die Frage, wer für wen sprechen kann und welche Stimme fehlt. Mackelmores Lied „Same Love“ wurde zu großen Teilen als Hymne für die gleichgeschlechtliche Liebe und Ehe gefeiert. Schöne Sprache, schönere Bilder und die Liebe eines schwarzen Mannes, der schwul ist und am Ende des Musikclips sehen wir Trauringe. Macklemore selbst ist weiß und heterosexuell. Irgendwie ist es nett.

Und dann kommt Angel Haze. Ihre Version von „Same Love“ knallt und sofort ist klar, was fehlte. Ihre Wörter sind gewaltig, sie schießen ins Herz. Es ist ihre Geschichte, ihre Sexualität, ihr Finden zu sich, dem Begehren und den damit verbundenen Ausschlüssen, und der homophoben Gewalt. Es ist Tagebuch, nicht so schön wie wir uns das Leben vielleicht wünschen, sondern verletzlich, intim und zart.

Wir bekommen es zu spüren, wenn sie in ihren Zeilen rappt:

“Hi Mom/ I’m really scared right now but I have to…/ At age 13 my mother knew I wasn’t straight/ She didn’t understand but she had so much to say/ She sat me on the couch, looked me straight in my face/ She said, ‘You’ll burn in hell or probably die of AIDS,”

„Hi Mom/ Ich habe gerade richtig Angst, aber ich muss…/ Mit 13 Jahren wusste meine Mutter, dass ich nicht Hetero war/ Sie verstand es nicht, aber hatte so viel zu sagen / Sie setzte mich auf das Sofa, schaute mir direkt ins Gesicht/ Sie sagte: „Du wirst in der Hölle brennen oder wahrscheinlich an AIDS sterben,“

Worte, die in der Seele brennen, Luft anhalten lassen, weil es weh tut. Haze lässt sich nicht in Identitäten eingrenzen und rappt gegen Kategorisierungen ohne wegzuwischen, was da an Schmerz und Verletzungen ist:

“No, I’m not gay/ No, I’m not straight/ And I sure as hell am not bisexual/ Damn it, I am who I am when I am it.”

„Nein, ich bin nicht homosexuell/ Nein, ich bin nicht heterosexuell/ Und ich bin todsicher nicht bisexuell/ Verdammt, ich bin wer ich bin, wenn ich es bin.“

Haze ist versöhnlich, weil sie an den Wandel glaubt, dass sich Einstellungen ändern und Akzeptanz kommen wird. „Same Love“ hat diese Interpretation gebraucht, nicht weil sie die beste Version wäre, sondern weil eine Stimme fehlte. Angel Haze nimmt uns in ihren intimen Ort, in ihre Kindheit, und legt sie offen.

Es ist sicherlich nicht voreilig zu sagen, dass mit diesem Lied, das Lied des Jahres geschrieben wurde. Die Rapperin ist ZWEIUNDZWANZIG! Das ist irgendwie krass, weil ihre Texte so viele Leben spiegeln und Tiefe haben. Und vielleicht ist das so, wenn Menschen nicht in normierten Bereichen leben. Vielleicht auch nicht. Sie ist zumindest eine Rapgöttin. Ihr neues Album „Dirty Gold“ steht schon in den Startlöchern.

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Selbermach-Sonntag (13.10.2013)

13. Oktober 2013 von Sabine

selberSchon wieder eine Woche vorbei. Zeit für den Selbermach-Sonntag. Was hat euch in euren Ecken des Internets bewegt, interessiert, geärgert? Was habt ihr geschrieben? Oder welche tollen Beiträge habt ihr gelesen? Was für Termine stehen in nächster Zeit an? Hier ist Platz für all das und noch mehr. Yalla: 1, 2, 3, Kommentarspalte frei.


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Hallo, ich bin Eva, bitte nehmt Platz – Die Blogschau

12. Oktober 2013 von Sabine
Dieser Text ist Teil 223 von 295 der Serie Die Blogschau

Wenn wir barrierefrei lesen, an was denken wir? Ein wichtiger Text über Barrierefreiheit mit Barrieren. Besonders empfehlenswert auch für diejenigen, die Veranstaltungen organisieren, planen, durchführen.

Wie viel Zeit bleibt in aktivistischen Kontexten für das Selbst und die Selbstfürsorge? Ist die Unterscheidung „Aktivismus oder Selbstfürsorge“ nicht auch schon ein Privileg? Wer kann, und aus welcher Position heraus ein „oder“ setzen?

„Metal feiert Nonkonformität. (…) Gothic, wo die Abgrenzung zur Gesellschaft auf eher stille Art zelebriert wird, durch Rückzug und Verweigerung, ist Metal offensiver, geht mehr in die offene Rebellion, und ist von seiner Haltung her oft positiver“ schreibt Ryuu über ihren Musikgeschmack, und warum Metal für sie – trotz berechtigter Kritik – empowerend ist.  (In eigener Sache: mehr Musiktexte!)

International Queer Art + Activism ist das Juli-Thema, die siebte Ausgabe des Germany Zine ist da.

Die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder will immer noch Wahlfreiheit, kein Witz.

„Aber du hättest ja was sagen können“ Bäumchen über raumeinnehmende Kommunikation und das Gefühl des Platz machens. „Platz machen im eigenen Leben für andere Menschen und ihre Möglichkeiten“.

„Wenn ich keine Termine hatte, konnte ich morgens nicht aufstehen. Ich hatte Angst vor der Arbeit. Ich hab morgens in der S-Bahn geheult, und dann kurz vor der Ankunft schnell versucht, alle Spuren davon zu beseitigen.“ Hallo, ich bin Eva und bin depressiv“ beziehungsweise *war* depressiv.

Warum verbringen Menschen eigentlich Stunden, Wochen, ja, Monate damit Serien begeistert zu verfolgen, auch wenn ihr Inhalt manchmal ärgerlich ist und die Logik dessen mangelhaft ist? Heiter Scheitern hat einen Podcast dazu gemacht (inkl. Rechercheaufgabe: es hat etwas mit Feigen zu tun).

Lilja reist gerne innerhalb Europas. In ihrem Blog hat sie ihre sieben Tipps für reisende Frauen* festgehalten.

Vom feministischen Tweet zur Hasskampagne. Ein Paradebeispiel aufgeschrieben und erlebt von Anna Zschokke.

 

Für eine bessere Vernetzung der feministischen Blogosphäre listen wir jede Woche auf, was unsere Kolleg_innen über die Woche so melden und tun. Haben wir etwas vergessen oder übersehen? Kennen wir dein brilliantes Blog etwa noch gar nicht? Dann sag uns bitte Bescheid!


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Top 20 – Weil Ihr GROSSARTIG seid! (feminist playlist nr. 2)

30. August 2013 von Sabine

Aus gegebenem Anlass, hier mal meine Top 20, wenn es darum geht, sich zu sagen, yes, I’m f***ing perfect auch wenn, sich die ganzen Hater, Trolls und antiemanzipatorischen Klänge festsetzen wollen. Bitte ergänzt, es, wenn Ihr mögt. Nadia hatte schon eine großartige playlist (Nr. 1) für den Frauen_kampftag begonnen, hier und auf ihrem Blog Shehadistan geht es weiter. To be continued…

1. Pink – Your F***in Perfect

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Schöne neue Welt – „Hellcome to Germany“

28. August 2013 von Sabine

Ein Essay über die Menschenrechte

„Hellcome“ brüllt der Mann vor dem Flüchtlingswohnheim. Willkommen in der Hölle. Er steht mit anderen auf der Straßenseite gegenüber dem Heim, einem früheren Schulhaus. Neben ihm hebt einer den Arm zum Hitlergruß. Keine Glatze, keine Springerstiefel, rosagestreiftes T-Shirt. Anwohner, Neonazis? Sie sind schwer zu unterscheiden. Der mit dem Hitlergruß wird wenig später von einem Polizisten abgeführt. Die „Bürgerinitative“, die auch von der rechtsradikalen NPD unterstützt wird, bleibt. Die Flüchtlinge auch. Vorerst. Marzahn-Hellersdorf, den 19. August 2013.

Es sind Szenen, wo die Scham sich selbst verschluckt. Und der Reflex, dies am liebsten weit von sich zu schieben, steigt, aber sie erinnern dumpf. Als meine Kusine 1992 nachts im Heim nicht mehr schlafen kann – vor lauter Angst, weil es wieder brennen könnte. Um sie zu beruhigen sagt mein Vater zu ihr, dass es meist nicht zweimal an einem Ort brennt. Da war ich sieben Jahre alt. Im selben Jahr wird das Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen von Nazis angezündet und von den AnwohnerInnen beklatscht. Brennende Bilder, grölende Nazis im Fernseher, NPD-Plakate an den Litfaßsäulen, das sind die 1990er Jahre. Unter dem damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble wurden als Konsequenz auf die rassistischen Ausschreitungen die Asylgesetze (1992) massiv verschärft. Ja, das Boot sei voll. Nachrichtenmagazine wie der Spiegel folgen, sie titeln mit der Angst vor den Flüchtlingsströmen und der Überfremdung. Das Layout in dunkeln Farbtönen gehalten. Dabei lag die Angst ganz wo anders. Die Angst, die hatten wir, meine Kusine, meine Eltern. Und jetzt, im Jahr 2013, Berlin, Marzahn-Hellersdorf? Flüchtlinge werden durch den Hintereingang unter Polizeischutz in ihr neues Wohnheim gebracht. Sie haben Angst, um ihr Leben.

Hannah Arendts Thema sind die Flüchtlinge. Sie sind Staatenlose. Ihr Leben verdanken sie nicht ihren Menschenrechten, sondern der Mildtätigkeit derer, in deren Land sie geflohen sind. Ob sie leben oder sterben, ist reiner Zufall. Wer etwas über Menschenrechte lernen will, schaut am besten auf die Lage von Flüchtlingen. Arendts Thema ist mehr als 60 Jahre später aktueller denn je. Sie hat wenig mit der NPD zu tun. Aber viel mit Marzahn-Hellersdorf, Rostock-Lichtenhagen. Und mit dem Zweiten Deutschen Fernsehen, wo die Geschichte von Flüchtlingen, ihrer Flucht, ihrem Trauma offenbar so überflüssig sind, dass sie von einem „Aussteiger“-Nazi und einer Sarrazin-Bewunderin nachgespielt werden.

Hannah Arendt hat beschrieben, was es heißt, nur noch Mensch sein zu dürfen. Wer nur noch Mensch sein darf, ist ganz frei. Frei von Rechten und Gesetzen. Das Ergebnis ist Entfremdung. Keine Entfremdung von dem Selbst, sondern vielmehr eine Entfremdung von der Welt. Arendt beobachtet, dass die Etablierung von Nationalstaaten und ihre globale Hegemonie nur noch wenige Räume übrig gelassen haben. Räume, die nicht territorial in Nationalstaaten eingegrenzt sind. „Zuerst und vor allem findet der Raub der Menschenrechte dadurch statt, daß einem Menschen der Standort in der Welt entzogen wird, durch den allein seine Meinungen Gewicht haben und seine Handlungen Wirksamkeit.“ (Arendt 1949). Sie beschreibt ihre Erfahrungen als Staatenlose, Geflohene und als deutsche Jüdin im Dritten Reich vor dem Hintergrund der Shoa. Es sind andere Erfahrungswerte, sie zeigen jedoch einen Mechanismus auf, welcher nicht einzigartig ist. Den Prozess wie wir ausgezogen werden, Rechte verlieren, unkenntlich gemacht werden. Nämlich wie Menschen zu einem Abstraktum werden. Ihre Unsichtbarkeit, ihr Verschwinden aus dem öffentlichen Leben findet leise statt. Flüchtlingsheime werden an die Ränder der Städte verlagert, in die Industriegebiete. Der Tod der Ausgeschlossenen wird verschleiert etwa durch Neologismen wie „Dönermorde“, so dass wir nicht an unseren Bruder oder Schwester denken müssen.

Im EU-Behördendeutsch wird nicht über Flüchtlinge gesprochen, sondern von einer Illegalität und einer „irregulären Zuwanderung“. Zur Bekämpfung dieser „irregulären Zuwanderung“ wurde im Mai 2005 nach der EU-Osterweiterung auch die Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen, kurz: Frontex, gegründet. Flüchtlinge werden seit den 1990ern in der europäischen Migrations- und Asylpolitik illegalisiert, ihre Rechte verschwinden hinter der Wortschöpfung „Irregularität“, sie sind somit nicht einklagbar. Dabei sind es Menschen, die den Krieg überlebt haben, davor oder vor Verfolgung und absoluter Armut fliehen. In der Hoffnung auf ein besseres, sicheres Leben. Für die Rechtlosen gibt es „überhaupt kein Gesetz“, schreibt Hannah Arendt, „nicht daß sie unterdrückt sind, kennzeichnet sie, sondern daß niemand sie auch nur zu unterdrücken wünscht. Ihr Recht auf Leben wird erst im letzten Stadium eines langwierigen Prozesses in Frage gestellt; nur wenn sie völlig überflüssig bleiben, und sich niemand mehr findet, der sie reklamiert, ist ihr Leben in Gefahr.“ (Arendt 1949)

80 Jahre, nachdem Arendt ihre Heimat verlassen musste, werden in der Schweiz Freibäder zu no-go-areas für Flüchtlinge, in Berlin wird ein Spielplatz – von AnwohnerInnen – eingezäunt, damit Flüchtlingskinder dort nicht spielen. Thilo Sarrazin, Parteimitglied der SPD, wird als Bestsellerautor gefeiert. Es wird kälter in Deutschland, vermutlich weil sich die, die man am liebsten ausschließen würde, nicht mehr ausschließen oder ignorieren lassen. Also wenn die Asylbewerberheime nicht im Industriegebiet liegen, sondern mitten im Wohngebiet. Wenn Flüchtlinge sich an die öffentlichen Orte begeben. Es wagen, in die Freibäder, Spielplätze zu gehen oder eben mitten im Wohngebiet zu leben.

Die Welt ist nie nur eine Umwelt, aber auch eine Mitwelt. Eine Welt mit Anderen. Nach Arendts Überlegungen in ihrem Werk Vita Activa (2010) „erscheinen“ die Menschen einander durch ihre Worte und Taten. So entfaltet sich das menschliche Leben im „Beziehungsgewebe“ menschlicher Beziehungen. Hölle, sind nicht die Anderen, sondern das nicht Da-sein. Ein Dasein in der Welt stellt für Arendt eine zentrale Kategorie in ihrer Konzeption von Menschenrechte dar. Es kann nur ein einziges Menschenrecht geben. Nämlich das Recht, Rechte zu haben.
Für viele Flüchtlinge kommt es gar nicht so weit. Viele geben ihr Leben, weil sie leben wollten. Sie versinken, ertrinken im Mittelmeer. Laut UNHCR waren es 2011 allein über 1.500 tote Flüchtlinge, die Dunkelziffer liegt weit höher. Das Mittelmeer ist der Massenfriedhof der Menschenrechte wie Heribert Prantl es einst treffend bezeichnet. Und in den letzten Tagen wurde binnen kurzer Zeit an den Bahnhöfen von Fulda, Kassel und Frankfurt über 60 Flüchtlinge aus Eritrea festgenommen. Sie waren ohne Papiere.

Sie, das könnte ich sein, meine Kusine, meine Eltern. Das Leid hat sich nicht verändert, aber die Gesetze sind schärfer. Ein Wunder, wer es schafft über die Wüste, Menschenhändler, Foltercamps oder das Mittelmeer. Es ist Spätsommer, da ist das Mittelmeer etwas ruhiger und die Flucht kann gelingen. Dass weiß auch die Bundes- und Grenzschutzpolizei. Hochsaison, die Jagd hat begonnen. In dieser Welt möchte niemand bloß Mensch sein.


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Selbermach-Sonntag (30.06.2013)

30. Juni 2013 von Sabine

selberBlitz, Donner, Regenschauer, ja, die letzte Juniwoche ist vorbei: Zeit für den Selbermach-Sonntag. Was hat euch in euren Ecken des Internets bewegt, interessiert, geärgert? Was habt ihr geschrieben? Oder welche tollen Beiträge habt ihr gelesen? Was für (Open-Air) Termine stehen in nächster Zeit an? Hier ist Platz für all das und noch mehr.


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Fruchtbarkeitsmythen, Vorbilder und Habermas’ AfD Ausrutscher – Die Blogschau

30. Juni 2013 von Sabine
Dieser Text ist Teil 211 von 295 der Serie Die Blogschau

Helgas Text hat den Bericht in The Atlantic zum Thema Kinderwunsch und Alter analysiert. Dieser räumt mit einigen Fruchtbarkeitsmythen auf: etwa mit dem Bio-Mythos der „tickenden Uhr bei Frauen ab 35“. Wobei es natürlich auch wichtig zu wissen ist, dass die Fruchtbarkeit des Mannes ja tatsächlich ab dem 35. Lebensalter abnimmt.

„Sei ein Mädchen, verstehe dich als Partnerin, werde Mutter.“ Wie schmerzvoll die Anrufung als Mutter auch in queer-feministischen Kreisen sein kann, steht auf Don’t Degrade Debs Darling.

„Als kleiner Mensch war ich gewohnt, vor größeren auszuweichen und Platz zu machen (…)“ Nina LaGrande erzählt eine Geschichte aus ihrem Alltag, weil Erzählungen von Menschen mit Behinderung in der Öffentlichkeit kaum sichtbar sind.

Vorbilder, anyone? „… würde ich mich freuen, wenn ihr mir eure Vorbilder zeigt, die grob aus den Bereichen Fat Acceptance, Body Positivity, Feminismus, Fat Fashion, Plus Size kommen.“

Auf Afrikawissenschaft findet ihr spannende Fundstücke aus den Medien von Bono bis hin zu Südafrika – 20 Jahre nach der Apartheid, und wieder zurück nach Deutschland zu Blackface-Diskussionen.

Antje Schrupp spricht mit Elke Brüns über das Bedingungslose Grundeinkommen und darüber wie eine Gesellschaft aussähe, in der jeder Mensch über ein Einkommen verfüge.

Hauptsatz: Habermas schreibt einen Text über die Vereinbarkeit von Demokratie und Kapitalismus. Nebensatz: Der „Alternative für Deutschland“ sei Erfolg zu wünschen, so Habermas. Julia Schramm analysiert diese Aussage und ihre Implikationen. Sehr aufschlussreich.

Als das DHM (Deutsche Historische Museum) die Kolonialgeschichte stahl…

OHA-ranienplatz … Der Kampf für Freiheit ist mehrdimensional. Über Sexismus und Rassismus auf dem O-Platz (Oranienplatz, Berlin).

Ein Briefwechsel auf Undercoverofcolor. „Betreff: Du hast mir nie erzählt das es SO schwer sein wird!“

Auf Denkwerkstatt finden Journalist_innen hilfreiche Tipps und Links, wenn es darum geht in der Berichterstattung nicht in Klischees und Stereotypen zu verfallen.

Und bei Femgeeks fragt Charlott, warum Wissenschaftlichkeit und die Liebe zum kritischen Hinterfragen meist nur so weit reiche, bis ein dicker_fetter Körper in den Fokus kommt.

Morgen ist Juli. Auf Fatty Fashion Challenge gibt es eine neue Herausforderung für diesen Monat: Was ist Eurer Festivaltrend? Lust auf Konzerte in Erfurt und Berlin? Dann schaut mal hier.


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