Anti XXL

von Verena

Ein Trend, der unausrottbar scheint, ist das It-Girl. Frauen wie Paris Hilton, Nicole Richie oder Sienna Miller füttern mit ihren bunten Kleidchen und kaputten Liebesbeziehungen die Illustrierten, halten die eigenen Hüften und Hirne aber schlank.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Immerhin macht sich neuerdings ein Gegenentwurf breit: Das Anit-It-Girl. Vertreterinnen sind junge Frauen wie Pixie und Peaches Geldof, die zwar eine ähnlich schlanke Taille wie ihre Pro-Vertreterinnen aufweisen, aber ihrer Kleidung und ihrem Make-Up ein Lotterleben zugestehen. Fuck the All-American-Girl! Trotzdem sitzen diese Mädchen beim internationalen Laufsteggeschehen in den ersten Reihen – und treffen dort auf das meiner Meinung nach einzig wahre Anti-It-Girl: Beth Ditto.

Über die Sängerin der Band „The Gossip“ schreibt die österreichische Standard:

Sie ist klein und dick, lesbisch und vorlaut, rasiert sich weder Beine noch Achseln und soll in ihrer Jugend in einer Wohnwagensiedlung in Arkansas auch schon einmal Eichhörnchen zum Abendessen verspeist haben.

Klein und dick, das heißt 95 Kilo auf 1,55 Meter verteilt. Ihren Wuchtbrummenkörper zwängt Dito außerdem bevorzugt in hautenge Klamotten, derer sie sich auf der Bühne schwitzend wieder entledigt. Das ist ihre Auffassung von Freiheit – zu machen, was sie will.

Ditto stammt aus dem Riot Grrrl-Umfeld und gründetet bereits 1999 The Gossip, die 2006 mit „Standing in the Way of Control“ gegen das Verbot von Homo-Ehen ansangen. Und auch sonst weiß Ditto mehr zu bieten als Fettpolster und Achselhaare. Ihrem Aufstieg als Fashion-Vorbild steht sie durchaus kritisch gegenüber und statt sich nun gegenüber Lagerfeld und Co. zu verpflichten, entwirft sie Kreationen für Übergewichtige. Außerdem heißt es, sie wolle einen Stilratgeber für Frauen jenseits der schlanken Konfektionsgrößen schreiben.

Schade nur, dass die mediale Präsenz einer Frau wie Beth Ditto, trotzdem kein gesellschaftliches Umdenken hinsichtlich weiblicher Körperformen nach sich zieht. Da kann die Vogue ruhig fragen, ob dick das neue chic sei, das allgemeingültige Ästhetikempfinden wird sich nicht ändern. Machen wir uns doch nichts vor: Im Alltag wird die Vogue-Leserin, Chanel-Käuferin und It-Girl-Kopiererin nach wie vor das Näschen rümpfen, wenn ihr eine Rubensfrau in Leggins begegnet.

Im spiegel.de Interview sieht Ditto das ähnlich:

Wenn ich mich so umsehe in den Medien, dann habe ich immer noch das Gefühl, dass da ganz andere Trends propagiert werden, Trends wie die Trenndiät.

Gleichzeitig wundert sich spiegel.de Autor Thomas Winkler, warum bei dem ganzen Hype die Musik der Band und ihre feministisch-queere Verortung verloren gehen. Was soll der Mist, Beth Ditto über die – in dem Fall – paradoxen Mechanismen der Modewelt populär zu machen und das Wesentliche, nämlich Musik und Message hinten an zu stellen? Ist Erfolg tatsächlich nur über kurzlebige In- und Out-Listen machbar? Oder sollten wir uns freuen, wenn die cleanen It-Girls von einer unangepassten Dicken an den Rand gedrängt werden?

Der Rest der Band hat seine eigene Meinung:

„Man kann die Medien nicht kontrollieren“, sagt Gitarrist/Bassist Brace Paine, das einzige heterosexuelle Mitglied von Gossip. Und die flächendeckend tätowierte Schlagzeugerin Hannah Billie ergänzt: „Wenn sich die Leute lieber auf diesen VIP-Dreck konzentrieren wollen, dann ist das deren Problem, nicht unseres.“




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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 17. Juni 2009 um 14:53 Uhr unter Inspiration, Körper. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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15 Kommentare

  1. drikkes sagt:

    Ihr meint sicher Pixie und Peaches Geldof, ohne „r“. (Weiß ich natürlich nur wegen dem Vater…)

  2. Verena sagt:

    Hui, danke für den Hinweis!

  3. drikkes sagt:

    Zum Inhalt: Aussehen hin oder her, auf der Bühne ausziehen, Mode kreieren und die Absicht, einen Stilratgeber zu schreiben hören sich für mich (nicht nur formal betrachtet) alles andere als „anti“ an. Sie unterschätzen die Affirmationskraft des Marktes gewaltig.

  4. Marcel sagt:

    @drikkes: „Sie unterschätzen die Affirmationskraft des Marktes gewaltig.“ Absolut richtig: Mit „Revolte“ Kohle machen ist ein alter Hut- das ist spätestens seit den Sex Pistols und deren Inszenierung durch Malcolm McLaren und Vievienne Westwood klar. Auch das „Label“ lesbisch lässt sich sehr gut vermarkten. Sei’s drum:

    Beth Ditto ist die mit Abstand coolste Lesbe, die ich kenne!

  5. freies_radikal sagt:

    @Marcel und drikkes:
    Stimme da absolut überein ( mit Revolte Kohle machen etc). Allerdings: Ich liebe die Band bzw ihre Musik (va. auch live wirklich ein Hammer ;) ) und ich hätte vielleicht nie von Gossip erfahren, wenn nicht über die Medien, die grade mal die Band hinter/neben der („gehypten“) Person Beth Ditto in einem Nebensatz erwähnt haben…

    Und übrigens:

    Beth Ditto ist die mit Abstand coolste Lesbe, die ich kenne!

    Find ich auch. :)

  6. Marcel sagt:

    … aber die Sex Pistols waren trotzdem Stil- und Epocheprägend. Mit etwas Glück dürfte das mit Beth Ditto ebenfalls so laufen. Kommt halt auf den Produzenten an. Abgesehen hat sich das Musikbusiness (v. a. die Distributionswege und die Vermarktungsmethoden) seit 1978 ganz erheblich verändert.

    Abgeshen davon: Warum müssen sich eigentlich künstlerischer Anspruch und Kommerzialität immer beissen? Davin Bowie- das androgyne Wesen aus den Siebzigern (Ziggy Stardust / Major Tom, remember?)- ist diese (schwierige) Symbiose ja geglückt!

  7. Steve, the pirate sagt:

    Ich habe gestern das erste mal mir ein Lied von „The Gossips“ angehört: Ditto hat ja wirklich eine unglaubliche Stimme und die Musik ist auch nicht schlecht. Ehrlich gesagt war mir gar nicht klar wie musikalisch begabt die Frau ist, da sie in den Medien eigentlich immer nur als die „gehypte, fette, vorlaute, coole Lesbe, die ja so furchtbar anders und individuell ist“ dargestellt wird.
    Ihre Aussagen finde ich dann doch, wieder Erwarten, total symphatisch.

    Da ja auch ihr Aussehen angsprochen wurde:
    Ich möchte sicher nicht aussehen wir Paris hilton, aber ehrlich gesagt möchte ich auch nicht wie Ditto aussehen.

  8. drikkes sagt:

    Wie sinnvoll es ist, sich selbst mit dem revolutionärsten Gedankengut den Gesetzen des Marktes zu unterwerfen, daß kann man schon in Walter Benjamins Text ‚Der Autor als Produzent‘ nachlesen. Ich habe das vor Jahren mal in einer Hausarbeit zum Thema Kunst und Konsum verwurstet.

  9. Marcel sagt:

    @drikkes: Danke für den Link zu diesem schon fast ewig alten Konflikt- ich werde ihn zuhause sich einmal lesen ;-)

  10. Killerkitty sagt:

    Man sollte bei all der Begeisterung aber nicht vergessen, dass 95 Kilo auf 155 cm nicht gesünder ist als 55 Kilo auf 195 cm.

  11. Alice Ranitzki sagt:

    ich revoltiere gegen die Konsumgesellschaft indem ich Konsumgüter gestalte? … dann doch lieber so:

    Songtext / Lyrics zum Club-Hit „C’est Beau La Bourgeoisie“ von Discobitch
    I’m a bitch (x2)
    (Refrain :)
    C’est beau la petite bourgeoisie qui boit du champagne,
    C’est pour tous les quotas Français que j’parle plus anglais,
    I’m not crazy, I’m just fond of you,
    And all the piles of money that grow next to you.
    C’est pour la petite bourgeoisie qui flâne à Hawaï.
    Qui s’paie des régulièrement, la coupe de champagne.
    I’m not crazy, I’m just fond of you,
    And all the piles of money that grow next to you
    Just recordin’ that track for all the bitches out there,
    Shakin’ their ass like they just don’t care,
    Like they just don’t care.
    T’as passé ta vie à prendre ton temps,
    Du fric en masse que tu caches dans tes gants
    Craqué jusqu’aux dents tu claques la caisse des parents
    Pour rentrer dans les soirées célib d’moins 30 ans.
    (Refrain)
    I’m a bitch (x3)
    La coupe pour moi si tu comptes pas le prix dedans
    Faudra pas trimer pour te faire cracher le billet de 100
    Y’a des choses qui n’ont pas de prix,
    Comme le dernier sac Versace.
    I’m just recording that track for all the bitches out there,
    Shaking their ass like they just don’t care,
    Like they just don’t care…
    Lalalala
    I’m just recording that track for all the bitches out there,
    Shaking their ass like they just don’t care,
    Ohaheh, they just don’t care,
    They Just don’t care.
    Je me dois un verre de boisson, de champagne
    C’est pour la petite, …
    Qui boit du champagne
    (Refrain)

  12. Erna sagt:

    hat beth ditto jemals gesagt sie revoltiere gegen die konsumgesellschaft?
    meines wissens nach nicht…
    vielleicht revoltiert sie gegen homogenität, sowohl was sexuelle orientierung als auch was ästhetische vorlieben betrifft, aber gegen konsum?
    dann wäre es tatsächlich unglaubwürdig klamotten zu entwerfen.

    ich habe noch nicht viel von dem hype um sie mitbekommen… aber was sollte so falsch daran sein popularität dafür zu nutzen seine gesellschaftskritik auch praktisch umzusetzen. und sei es mit einer klamotten-linie für dickere frauen. klar, verdient sie damit geld… aber das finde ich nicht problematisch.
    schwierig fände ich nur wenn sie jetzt 60 kilo abnehmen und sich einen stylo-boyfriend anschaffen würde.
    mit dem was sie jetzt tut verrät sie ja nicht ihre standpunkte, oder?

    ich hoffe nur dass der hype um frau ditto jetzt nicht die musik in den hintergrund treten lässt.. die ist und bleibt nämlich großartig und beachtungswürdiger als klamotten und fashionshows.

  13. […] Personenzentriertheit greift auch außerhalb des Mainstreams immer mehr um sich; siehe etwa den Hype um Beth Ditto. Solche Musiker tun dann ach so independent, kreieren aber lieber eine Modelinie als zu […]

  14. […] mich ja schon bei Beth Ditto genervt. Also ist die Frage: Muß das sein? Ein Mitglied der eigentlich von mir gemochten Band […]

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