Frauen als Täterinnen und die Kategorie Gender als Gewaltakt
30. September 2010 von NadineFrauen als Täterinnen und Unterstützerinnen eines patriarchal organisierten Gewaltsystems wurden seit Beginn der Frauenbewegung immer wieder benannt, doch selten führte diese Benennung zu einer methodologischen und epistemologischen Veränderung innerhalb feministischer Forschung und Kritik. Unversalisierbar schien die Auffassung, das Patriarchat stelle eine allumfassende ausschließlich von Männern initiierte und ausgeübte Form der Unterdrückung von Frauen dar. Zu tief saßen Trauma und Scham über die Gewaltverbrechen und Menschenrechtsverletzungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, an denen Männer und Frauen im gleichen Maße beteiligt waren, unter denen Männer und Frauen im gleichen Maße litten.
Die Täter-Opfer-Dichotomie begann erst in den 1980er Jahren brüchig zu werden, als kritische Feminist_innen die These der Mittäterinnenschaft nachhaltig innerhalb feministischer Diskurse etablieren konnten und so eine selbstkritische Perspektive auf das Geschlechterverhältnis eröffneten. Christina Thürmer-Rohr trug einen wesentlichen Teil dazu bei, das feministische Selbstbild zu überdenken und feministischer Forschung einen anderen methodologischen Zugang an die Hand zu geben, Herrschafts- und Machtformen zu analysieren und zu hinterfragen.
In „Die unheilbare Pluralität der Welt – von Patriarchatskritik zur Totalitarismusforschung“ fasst Thürmer-Rohr den feministischen Diskurs des 20. Jahrhunderts grob zusammen und erläutert in chronologischer Abfolge politisches Denken und Handeln des Feminismus mit seinen jeweiligen Epistemen in Bezug auf Gewalt, Macht und Herrschaft. Weiter verknüpft sie Erkenntnisse der Totalitarismus- und feministischer Forschung und rekurriert dabei immer wieder auf Hannah Arendt, die Anerkennung von Dialog und Pluralismus forderte und in der Vielfalt und Verschiedenheit von Menschen ein Mittel gegen totalitäre Bewegungen, Systeme und Denkansätze sah.
Die inhaltliche Nähe zu Arendts Erkenntnissen zu Formen totaler Herrschaft fußt auf Thürmer-Rohrs eigener Biografie: Ihr Vater war in der Zeit des Nationalsozialismus Offizier der Wehrmacht. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs beginnt Thürmer-Rohr sich kritisch mit ihren eigenen traumatischen Erfahrungen und ihrer Rolle als Frau in einem totalitären System, als Familienmitglied eines seiner Unterstützer_innen und dem Funktionieren des Systems selbst auseinander zu setzen. Später wendet sie sich gegen ihren Vater.
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