„Niemals.“ […]
„Du glaubst nicht, dass du irgendwann mal deine Meinung änderst? Da ist keine Möglichkeit, dass das JEMALS passiert?“
Erschöpft wurde ich schwächer. „Naja, ich schätze theoretisch ist es schon möglich, dass ich eines Tages meine Meinung ändere, aber —“
„—Siehst du? Ich wusste, dass du Kinder möchtest!“* (Bonnie Datt, What to Expect When You’re Never Expecting)
In dem Sammelband No Kidding. Women Writers On Bypassing Parenthood schreiben neben Bonnie Datt noch 36 weitere Autorinnen (die meisten aus dem Comedy-/Stand-Up-Bereich) über das Nicht-Kinder-Haben, wobei es noch konkreter vor allem darum geht keine Kinder geboren zu haben oder_und dies nicht vorzuhaben. In kurzen Beiträgen schreiben diese Frauen über Erfahrungen mit Kindern, von den unterschiedlichen Gründen ein „kinderloses“ Leben zu führen und wie diese Entscheidung_Tatsache von ihrem sozialen Umfeld aufgenommen wird.
So weit, so die Prämisse. Nur leider ist das Buch nicht empfehlenswert. Das größte Problem: Zwar gibt es hier eine Ansammlung unterschiedlicher (in einem engen Rahmen, aber dazu gleich mehr) Geschichten, doch gibt es fast nie eine Verortung in gesellschaftlichen Strukturen. Viele der Autorinnen versuchen sich abzugrenzen von einer gesellschaftlichen Anrufung als (potentielle) Mutter, sie thematisieren aber nie an welche Personen sich diese Anrufung überhaupt in welchem Maße richtet und dass die Möglichkeit sich zwischen „Kinder bekommen“ und „nicht Kinder bekommen“ zu entscheiden auch nicht für alle Menschen gleich möglich ist.
Dass dies kein Thema wird, macht schon die Einleitung klar, in der postuliert wird, dass Kinder bekommen ja so einfach wäre. Die Autorinnen sind mehrheitlich weiß, überwiegend hetero, soweit ich das richtig gelesen habe ausschließlich Cis-Frauen, fast alle sind nicht-behindert und zum großen Teil in der Mittelklasse und aufwärts zu verorten. Und da sich alle Essays um das ganz eigene Erleben drehen, bleibt der Fokus äußerst begrenzt.
Das Nicht-Hinterfragen von Machtstrukturen und vorherschenden Gesellschaftsvorschstellungen von dem, was eigentlich Familie ist, wie Elternschaft auszusehen hat etc., zeigt sich in vielen Aussagen, die so nebenbei, vollkommen unproblematisiert, in dem Buch getroffen werden. So schreibt Wendy Liebmann in ihrem Essay Bearing It:
Ich habe bereits zwei Stiefsöhne im Teenager-Alter. […] Aber ich habe sie nicht geboren. Ich habe sie aufgezogen und sie sind zwei der Menschen, die ich am meisten liebe. Aber sie sind nicht mein Fleisch und Blut. Milch. Eier. Ich habe sie erzogen, aber nicht geboren. They got my nurture, not my nature.
Diese Essentialisierung von Mutter-Kind-Beziehungen findet nicht nur in diesem Text statt, sondern zieht sich als einer der roten Fäden durch die Sammlung. Sie hängt auch eng mit eben jenen Mutter-Mythen zusammen, die ständig wiederholt und verstärkt werden, um sich dann von ihnen abzugrenzen. Viele der Autorinnen scheinen sich dafür zu entschuldigen, dass sie keine Kinder geboren haben. Dies tun sie, indem sie ihre Karrieren als Ersatz-Kinder betiteln oder ihre eigene Unfähigkeit (in was auch immer) hervorheben. Eine dritte Strategie, wie sie zum Beispiel von Maureen Langan in Sitting On The Fence angewandt wird, ist es zu betonen, dass bereits andersweitig im Leben Sorgearbeit (für Kinder) übernommen wurde:
Ich mag nicht die offizielle Mutter von irgendwem sein, aber ich habe in meinem Leben schon viel bemuttert. Ich war mehr eine Mutter, als ich viel mehr Kind hätte sein sollen. […] Darum ist es für mich ok keine Kinder zu haben, weil ich bereits erzogen habe.
Dazu passt dann auch, das in vielen der Essays hetero-Beziehungen und deren Wichtigkeit im Mittelpunkt stehen. Und selbst wenn sich von der Vorstellung „Mutter zu werden“ abgegrenzt wird, wird häufig im Gegenzug hervorgehoben, dass die Autorin „trotzdem“ geheiratet habe (obwohl es ja schwierig sei, Partner zu finden, die auch keine Kinder möchten) oder es wird als wichtiger Faktor bekräftigt. So schreibt Judy Nielsen:
Ich dachte, ich hätte viel Zeit um Kinder zu haben. So dachte ich, warte ich einfach bis zum richtigen Zeitpunkt, dem richtigen Mann, Vater, Partner.
Darüber hinaus ist aber ihr Text einer der wenigen, der in der Sammlung eine Perspektive jenseits der oben genannten Parameter bietet, da sie in diesem ihre Multiple-Sklerose-Diagnose thematisiert. Allgemein bleibt aber festzustellen, dass die meisten Texte nur in einem geringen Raum des Vorstellbaren agieren, Normen kaum in Frage stellen und stattdessen viele verstärken. Dies passiert auch in dem „Witz“, den die meisten Texte auszustrahlen versuchen. Dies geschieht oft auf dem Rücken anderer Menschen, da wird gegen Mütter gebasht, es werden ständig fatshamende Kommentare eingebaut oder auch rassistische, ableistische, hetero_sexistische Aussagen getroffen.
Es ist also kein Wunder – und natürlich auch besser so – das beim Klappentext und in den Ankündigungen zum Buch selten bis nie das Wort „feministisch“ fällt. Trotz allem bin ich auf das Buch aufmerksam geworden, weil es in einer feministischen Zeitschrift (Bitch Magazine) wohlwollend besprochen wurde. Aufgrund dieses feministischen Rahmens hatte ich auch eine kritischere Auseinandersetzung im Buch erwartet. Was bleibt? Essays, die sich irgendwie nur um die eigenen Bauchnabel drehen und dabei – wenn sie nicht gerade auffallend *istisch sind – zu einem gewissen Grad auch leicht verwechselbar werden.
Henriette Mantel (Herausgeberin). 2013. No Kidding. Women Writers on Bypassing Parenthood. Seal Press. 233 Seiten.
* Alle Zitate sind im Orginal auf Englisch. Die Übersetzungen sind von mir.

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