Einträge mit dem Tag ‘Hoyerswerda’


Bundestagswahl, Zwangseinweisungen und die Frage nach Sicherheit – kurz verlinkt

21. September 2017 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 362 von 365 der Serie Kurz notiert

Deutschsprachige Artikel

Diesen Sonntag ist Bundestagswahl. Im Mädchenmannschafts-Podcast sprachen Anna und Charlott unter anderem darüber, warum und wen sie wählen gehen. ze.tt wirft zu dem einen Blick auf die Wahlprogramme und fragt, was die Parteien eigentlich zu Themen wie reproduktive Medizin, (körperliche) Selbstbestimmung von trans und inter Personen, Familienkonzepte, sexuelle Vielfalt etc. sagen.

Proteste gegen den „Marsch für das Leben“ (Berlin, 16.09.)

In der DDR gab es geschlossene Krankenanstalten, in denen Patient_innen mit sexuell übertragbaren Krankheiten behandelt werden sollten. Der NDR berichtet über die tatsächliche Praxis von Zwangseinweisungen, die vor allem junge Mädchen und Frauen betraf, die nicht in bestimmte Vorstellungen passten – und zum überwiegenden Teil nicht einmal erkrankt waren. Nathalie Nad Abonji interviewte für diesen Beitrag betroffene Frauen und eine Historikerin, die zu dem Thema arbeitet.

Nino baut gerade eine queer-feministische, somatisch-systemische Körperpraxis in Berlin auf.

Hoyerswerda-1991.de ist „eine Webdokumentation, die aus vielfältigen Perspektiven über Ursachen, Ablauf und Folgen der tagelangen Angriffe auf Migrantinnen und Migranten 1991 in Hoyerswerda (Sachsen) informiert.“

Simone Dede Ayivi hat in der letzten Woche ihr neues Stück Queens in Berlin aufgeführt. Im Missy Magazine spricht sie über Geschlechterkonzeptionen außerhalb westlicher Heteronormativität, Theater als nicht-einladende Räume und Kronen.

Proteste gegen den „Marsch für das Leben“ (Berlin, 16.09.)

„Was macht uns wirklich sicher?“, fragt das Transformative Justice Kollektiv Berlin und hat ein Toolkit zusammengestellt:

Englischsprachige Artikel

In Berlin hat sich das Center for Intersectional Justice gegründet und wurde feierlich mit einer ersten Konferenz eröffnet.

Über Rassismus und Lernen im Kontext des deutschen Bildungssystems sprach Sharon Dodua Otoo bei der Konferenz Schools for Tomorrow. Die Rede kann man nun auch online nachsehen:

Termine in Berlin, Bremen, Freiburg, Halle, Hamburg, Merseburg, Mühlheim und Münster

21. September in Berlin: SchwarzRund liest aus Biskaya, einem afropolitanen Roman über das Leben von Schwarzen Menschen in Berlin. (FB-Link)

21. September in Merseburg: Veranstaltung mit Mithu Sanyal: „Rape revisited. Warum wir über sexualisierte Gewalt sprechen, wie wir darüber sprechen„. (FB-Link)

22. bis 24 September in Berlin: Design Thinking und Interkulturelle Innovation – ein Projekt für geflüchtete Frauen. (FB-Link)

Es gibt noch bis zum 22. September einen dritten Durchlauf der Fortbildungsreihe „Hier und jetzt! Kolonialismus und Kolonialrassismus im Schulunterricht“ und dazu einzelne Termine zu denen Ihr Euch anmelden könnt – alle Module und Infos zur Anmeldung findet Ihr hier.

23. September – 1. Oktober in Berlin: Die Ausstellung „Bodies & E_Motions“ von SChwarzRund ist zu sehen. Am 23. gibt es auch eine feierliche Ausstellungseröffnung. (FB-Link)

27. September in Berlin: Vortrag/Diskussion: Was ist Suchmaschinenoptimierung, wie wird sie von christlich-fundamentalistischen „Lebensschutz“-Webseiten genutzt und was können wir dem aus queer-feministischer Perspektive entgegen setzen?

28. September in Mühlheim: Buchvorstellung und Diskussion zur Anarchafeministin Rirette Maîtrejean (1887-1968). (Termin bei Facebook)

29. September in Halle: Tagung zu „Was ist das für 1 Männlichkeit? Männlichkeiten zwischen Selbst- und Fremdbildern„. Anmeldung bis zum 11. September möglich.

7. Oktober in Berlin: Seminar zur Suchmaschinenoptimierung, um feministische Inhalte besser zu platzieren.

Das 24. queerfilm Festival findet vom 10. bis 15. Oktober in Bremen statt.

13. bis 15. Oktober in Freiburg: Drei Tage LaDiY Fest!

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen/ geschrieben? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?


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Hoyerswerda ist…

16. Januar 2017 von Nadine

Hoyerswerda ist…

Hoyerswerda ist die Stadt, in der ich geboren bin und bis zu meinem 19. Lebensjahr gelebt habe.

Hoyerswerda ist die Stadt, von der die Schriftstellerin Brigitte Reimann in ihrem 1974 erschienenen Roman Franziska Linkerhand berichtet, es sei die Stadt im Osten mit der höchsten Suizidrate.

Hoyerswerda ist das sozialistische Großmosaik, das noch immer die Lausitzhalle ziert, die bis heute von den meisten Hoyerswerdschen nicht Lausitzhalle, sondern HBE genannt wird. Haus der Berg- und Energiearbeiter.

Hoyerswerda ist Lausitzer Seenlandschaft, rundherum geflutete Tagebaue, wunderschöne Radwege, viel Wald.

Hoyerswerda ist eine Stadt, die kämpft, weil man verpasst hat, neben dem Braunkohleabbau Arbeitsplätze, Ausbildungsmöglichkeiten, ausreichend Lebensqualität zu schaffen.

Hoyerswerda ist alt. Das Durchschnittsalter seiner Bewohnerinnen liegt weit über 50. die Jungen ziehen weg. So wie ich.

Hoyerswerda ist klein. Von ehemals 80.000 Einwohner_innen kurz vor der Wende leben in Hoyerswerda heute vielleicht noch 25.000.

Hoyerswerda ist Stadtumbau Ost. Rückbau. Lücken und Leere im Stadtbild. Dafür viele Grünflächen.

Hoyerswerda ist die Frau Mitte 50 auf dem Balkon, die den Arm zum Hitlergruß in die Höhe reißt und hasserfüllt auf die Menschen herabschreit, die 2011 gegen das Vergessen demonstrieren.

Hoyerswerda ist die Biografie meiner Eltern, in der die Seite 1991 fehlt.

Hoyerswerda ist das entnervte Brummen meiner Oma, nachdem ich ihr schon wieder klarmachen muss, dass Geflüchtete Menschen sind.

Hoyerswerda ist mein Cousin, der in den 90ern in der Neonazi-Szene aktiv war und im Knast gesessen hat, weil er zusammen mit anderen Nazis einen Obdachlosen ins Krankenhaus geprügelt hat (oder schlimmeres) und später seine Frau. Über den meine Oma sagt, er hätte ja nur daneben gestanden und trinkt halt. Wie sein Vater.

Hoyerswerda ist die befreundete Aktivistin, die im letzten Jahr beruflich die Zweigstelle der RAA Sachsen besucht, um die Mitarbeiter_innen zu beraten, was man in Hoyerswerda in Sachen interkultureller Öffnung tun könnte oder gegen die „Ängste der Bevölkerung“. Wir treffen uns an einem Sonntagmittag vor dem Jugendclubhaus Ossi, in dem auch die RAA ihre Büros hat und ich hab keine Ahnung, wie der Laden mittlerweile eigentlich heißt. Ich frage sie, was sie alles über 1991 erfahren hat. Nichts sagt sie. Wie jetzt? frage ich. Darum gibt’s die RAA hier doch überhaupt. Wart ihr wenigstens an den Orten? Thomas Müntzer Straße, Albert Schweitzer Straße? Nein. Wie nein? Kannst du mich hinfahren, Nadine? Klar.

Wir setzen uns ins Auto und fahren durch die Stadtumbau Ost Lücken, vorbei an Brach- und Grünflächen, an verlassenen Supermärkten, unsanierten Schulen. Sag mal Nadine, weißt du wie viele PoC hier leben? Abgesehen von den Menschen in der Unterkunft? Ja. Hm. Keine? Wie meinst du das? Wenige. Ok. Ehemalige Vertragsarbeiter_innen und deren Kinder leben hier nicht mehr, die wurden zusammen mit Asylsuchenden nach den Pogromen aus der Stadt geschafft. Einige wenige mögen geblieben sein. Meine engste Schulfreundin Tam zog Ende der 90er mit ihrer Familie nach Berlin. Yosbani habe ich nach der Grundschule nie wieder gesehen. Schau. Hier habe ich früher gewohnt. Wo denn? Na da drüben. Das Haus ist aber abgerissen worden. Und hier fanden die Angriffe statt. Hier standen überall Menschen und haben Steine geschmissen. Molotovs. Wie in Lichtenhagen später. Wo denn? Na hier, aber die Häuser sind auch abgerissen worden. Für wen wollen die dann eigentlich interkulturelle Öffnung betreiben? Ich habe keine Ahnung.

Hoyerswerda ist die Dokumentation von 1994 über Hoyerswerda 1991, bei der ich immer wieder nach bekannten Gesichtern suche.

Hoyerswerda ist „Nationalsozialismus oder Untergang“, verziert mit Hakenkreuzen an der Hauswand, direkt neben dem Wohnhaus meiner Eltern.

Hoyerswerda ist dieser junge Typ, der mitten am Tag mit Reichskriegsflagge durchs Wohngebiet spaziert.

Hoyerswerda ist die Stadt, in der ich jede Ecke kenne, zum ersten Mal verliebt war, mit dem Fahrrad im Sommer zu Freund_innen fuhr und auch mal nachts betrunken mit dem Auto zurück.

Hoyerswerda ist eine halbe Stunde Autofahrt von Bautzen entfernt. Und eine von Dresden. Und auch nicht so weit von Chemnitz, Mittweida und Heidenau und Pirna und Freital und Görlitz.

Hoyerswerda ist Sachsen.


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24 Jahre Hoyerswerdaer Pogrome – alles wie immer in Deutschland

1. Oktober 2015 von Nadine

1991 Hoyerswerda. 2015 Heidenau. Und noch immer keine Lösung in Sicht.

Nazis, „besorgte Bürger“, „Asylkritiker“ versammeln sich vor Unterkünften und Wohnungen von Menschen, die in Deutschland Asyl suchen, fliehen mussten aus ihrem Herkunftsland und nun in Deutschland leben wollen bzw. hierzulande nach Möglichkeiten suchen zu überleben. Die Besorgten, Verängstigten und Völkischen grölen nicht nur rassistische Parolen, zeigen ab und zu ganz unverhohlen mit ausgestreckter Handfläche und Arm gen Himmel oder schimpfen auf „die da oben“, die völlig an den Bedürfnissen der „einfachen und guten“ Deutschen (arbeitsam, pünktlich, fressehaltend, weiß) vorbei planen und Trilliarden von Menschen ins Land lassen, die gar nicht „hier her gehören“. Sie schmeißen auch Flaschen, Steine (aber nicht auf Deutsche, deswegen okay!!!111), Brandsätze, lauern auf, schlagen zusammen, morden. Der rassistische Mob, der sich schnell zusammenfindet (gerne auch mit Beteiligung aus anderen Städten und Umgebungen, der gute Deutsche hilft schließlich aus), um am Ende mit der Hitler-Hand und dem ausgestreckten Zeigefinger ganz schnell von sich weg zu zeigen. Dumpf daneben zu stehen, zu schweigen, zuzusehen und grummelig in Fernsehkameras zu gucken wie das Kind, das Mittagsschlaf machen muss, obwohl es viel lieber draußen spielen möchte. Unverhohlen jubeln war schließlich gestern, als die Presse, Antifaschist_innen, Aktivist_innen und Gutmenschen den weißdeutschen Einheitstaumel vor den Unterkünften noch nicht störten. Als die Stadt, die Kommune, die Gemeinde noch nicht öffentlich überfordert tat, sondern hinter vorgehaltener Hand entschied, die Unterkunft an der städtischen Peripherie oder ganz abseits von Sozialleben bereitzustellen, weil Sicherheit und Ängste ernstnehmen eben in erster Linie für den weißdeutschen Volkskörper gilt. Öffentliche Überforderung wird dann zelebriert, wenn die Unterkünfte brennen und die Polizei nur zusieht oder Aktivist_innen festnimmt (Rechts-Links, Links-Rechts, da kann mensch sich halt total leicht vertun), wenn die „Ängste der Bürger“ sich bereits in die Steine geschrieben haben, die fliegen oder mit einem einig „Wir sind das Volk“ bereinigt werden. So wie die Unterkunft, aus der die Menschen, sollten sie noch unversehrt sein, dann ausziehen müssen, irgendwo hingebracht werden, irgendwo anders abgeladen werden, einfach weil diese Stadt… so… überfordert ist mit dem Rassismusproblem ihrer Alteingesessenen. Schwierig.

1991 Hoyerswerda. 2015 Heidenau. Und noch immer keine Lösung in Sicht.

Obwohl die Tatsachen seit Jahrhunderten für sich sprechen (weiße Deutsche haben ein Rassismusproblem), wird mit den immergleichen Mustern und Abläufen darauf nicht_reagiert. Stur wie ein Esel verschärft, schafft ab, gewaltet Deutschland vor sich hin. Versenkt Milliarden Steuergelder in noch mehr Bürokratie für noch mehr Abschiebung, Menschenrechtsverletzung und Rassismus. Wo ein Formular ist, kann die Empathielosigkeit und Menschenverachtung nicht weit sein.

Vor 24 Jahren schaffte es Hoyerswerda mit tagelangen rassistischen Ausschreitungen nicht nur in die internationale Öffentlichkeit, sondern entledigte sich aller geflüchteten Menschen und ehemaligen Vertragsarbeiter_innen auf einen Schlag – zu wessen Schutz eigentlich ist nach wie vor nicht abschließend geklärt, denn die örtliche Polizeibehörde kapituliert weiterhin vor den Nazis, die mittlerweile weiße Leute aus der Stadt jagen müssen. Damals wurde der Rassismus der Bevölkerung mit Abstiegsängsten, allgemeiner Verunsicherung nach dem Mauerfall und Arbeitslosigkeit gerechtfertigt. 24 Jahre später passiert 1:1 das gleiche jeden Tag in vielen anderen Städten Deutschlands und die vorgeschobene „Einheitsproblematik“ von damals weicht der unverblümten Affirmation weißdeutscher Einigkeit von heute, dass Platz 1 in der Europa League einfach nicht mit anderen teilbar ist. Hey, und außerdem wollen 25 Jahre 3. Oktober schließlich angemessen gefeiert werden.

1991 Hoyerswerda. 2015 Heidenau. Und noch immer keine Lösung in Sicht.


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25 Jahre Mauerfall: Deutsche Selbstverständlichkeiten

10. November 2014 von Nadine

In der Erinnerungsarbeit und Aufarbeitung der DDR-Geschichte, auch in den vergangenen Tagen, wird deutlich: Es sind die immer gleichen Geschichten, die erzählt werden: Staatliche Verfolgung, Überwachung, Repression, Morde, die – zum Glück – mit dem Fall der Mauer am 9.11.1989 und dank einer „friedlichen Revolution“ beendet wurden. Die langersehnte deutsche Einheit 1990, ein einig „Volk“. Es kam endlich zusammen, was schon immer zusammengehörte?

Viel wurde getan nach 1989, damit die ehemaligen IMs, SED- und Stasifunktionäre aufgespürt, sanktioniert und ausgegliedert werden konnten. Nicht allen widerfuhr ihre „rechtmäßige“ Bestrafung, doch es ist auffällig, mit welchem Nachdruck die gesamtgesellschaftliche Verurteilung des DDR-Regimes bis heute passiert – eine positive Bezugnahme auf die DDR ist tabuisiert. Das Urteil „Unrechtsstaat“ ist unwiderruflich. Die Linkspartei muss sich immer wieder legitimieren. Selbst der Bundespräsident und die Bundeskanzlerin dürfen ihre Bedenken zur Regierungsbildung in Thüringen äußern und damit demokratische Prozesse auf den Prüfstand stellen. Wo die Linke mitregiert, ist die SED nicht weit. Während zeitgleich Koalitionsüberlegungen der CDU mit der rechten AfD okay sind. „Man wird ja wohl noch koalieren dürfen“, gilt eben nicht für die Linke, eine Partei mit SED-Vergangenheit, eine Partei mit sozialistischen Grundsätzen.

Noch immer mischen sich antisozialistische und antikommunistische Ressentiments in der Bundespolitik genauso wie in der westdeutschen Gesellschaft mit klassistischen und klassenspezifischen Abwertungen, die die Linkspartei treffen und viele weiße Ostdeutsche, die ihre Herkunft nicht hinter einer dialektfreien Sprache oder neoliberalen, sozialchauvinistischen Ideologien verbergen können oder wollen. Wer sich rot äußert oder darauf aufmerksam macht, dass sich die Lebensqualität der meisten Ostdeutschen nach 1989 eher verschlechtert als verbessert hat, gerät unter Generalverdacht ein Gesellschaftssystem zu präferieren, das dem Faschismus gleicht. Linksradikale Bewegungen werden kriminalisiert und dem Vorwurf der Verfassungsfeindlichkeit und Volkszersetzung ausgesetzt. Während Nazis weiterhin von staatlicher Seite ungehindert marschieren und morden dürfen.

Es verwundert nicht. Es ist die Fortsetzung deutscher Geschichte, die schon immer darum bemüht war, die Errungenschaften sozialer Bewegungen möglichst schnell zu revidieren. Dass sich ein sozialistisches Gesellschaftsmodell auch nach 1945 hierzulande nicht behaupten konnte, geschweige denn in seinem kurzen Bestehen für alle ein besseres Zusammen_Leben ermöglichen konnte, ist nicht nur Folge von globalen gesellschaftspolitischen Machtkämpfen und einem aggressiven Kapitalismus, sondern eigentlich eine deutsche Selbstverständlichkeit.

Es verwundert nicht. Es ist die Aktualisierung eines deutschen Bewusstseins, das bis heute von weißen, christlichen, völkisch-nationalistischen Allmachts- und Überlegenheitsfantasien und einem soziopathologischen Begehren nach Obrigkeit und Führung geprägt ist. Dass in den Erzählungen um den 9. November weder die staatlichen verordneten Pogrome 1938, die Verfolgung und Ermordung von Jüd_innen und allen anderen, die zu Nicht-Menschen degradiert wurden, einen dem Mauerfall ebenbürtigen Platz in der Erinnerungsarbeit bekommen, ist nicht nur Folge eines Jubeltaumels über den Zerfall der DDR mit Bier und Bratwurst, sondern eigentlich eine deutsche Selbstverständlichkeit.

Es verwundert nicht. Es ist die unhinterfragte und ungebrochene Hervorhebung weißer, deutscher Opfer historischen Unrechts, die die Erzählungen der ehemaligen Vertragsarbeiter_innen aus BRD und DDR, der migratisierten und kolonialisierten Generationen, die hier lebten und leben, den Geflüchteten, die hier leben wollen, systematisch aus deutscher Erinnerungsarbeit ausgeschlossen werden. Hoyerswerda, Solingen, Lichtenhagen, Mölln – bedauerlich für das Ansehen von Deutschland, aber nicht betrauernswert für die Angehörigen, Hinterbliebenen, Vertriebenen. Dass 1884, 1938, 1989, 1991, 1992 und 2014 oft einseitig erinnerte und zusammenhangslose Jahreszahlen bleiben, ist nicht nur Folge kollektiver Geschichtsamnesie, sondern eigentlich eine deutsche Selbstverständlichkeit.


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