Die französische Vogue zeigt in ihrer aktuellen Ausgabe eine Modestrecke, in der das Model ihren Schwangerschaftsbauch mit Zigaretten rauchen und Babys werfen kombiniert.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de
Sowohl jezebel als auch feministe sind sich sicher, dass diese Fotos in der amerikanischen Vogue keine Chance gehabt hätten – so manche Mutter hätte sich auf ihren Mutterpass getreten gefühlt. Dass ein Verstoß gegen die mütterinszenierende Norm in Frankreich durchaus für Skandale sorgen kann, hat die Diskussion um Rachida Datis High-Speed-Mutterschutz gezeigt. Um so besser, dass es um die Vogue nun ruhig bleibt.
Aber mal davon abgesehen, dass es sich hier um Modefotografie, also um Kunst im weiteren Sinne handelt und diese nun mal dafür da ist, gesellschaftlichen Regeln zuwiderzulaufen, finde ich es gut, den Mutterkult ab und an mal vom Thron zu schubsen. Denn Mütter sind auch nur Menschen. Und Schwangere sowieso, die üben das Heiligsein ja gerade erst.
Es steht außer Frage, dass jegliche Art von Drogen in der Schwangerschaft dem Kind schaden und dass jede werdende Mutter sich ihrer Verantwortung bewusst sein sollte, welche Auswirkungen ihr Verhalten nun eben auch auf einen weiteren Menschen hat. Aber es bleibt ihre Entscheidung, ihr Verhalten, ihr Kind – Super-Nannys unerwünscht.
Feministe Userin Maggie beschreibt, wie in England eine schwangere Frau gebeten wurde, den Pub zu verlassen, weil sie ein zweites Bier trinken wollte. Und dann sagt sie noch etwas sehr wichtiges:
Women’s bodies, especially when it comes to reproduction, sex, health screening, menopause ecetera, ecetera are considered the property of the patriarchy, foaming at the mouth religious fanatics ecetera, ecetera. Because we have such tiny minds we couldn’t possibly hope to be trusted to know what’s good for us…
Eine Freundin von mir ist gerade ganz frisch schwanger. Prompt meint ihre Ärtztin, jetzt müsse sie aber ein bisschen zurücktreten und weniger arbeiten, reisen, feiern und sich statt dessen auf die neuen Aufgaben vorbereiten. Puh, denke ich, sie ist schwanger und nicht Patientin in einer Besserungsanstalt. Ab dem Moment, in dem das Ultraschallbild die embryonale Erdnuss zeigt, wird Frau gerne in die Unmündigkeit gedrängt. Entscheidungen über das eigene Verhalten treffen nun die anderen.
Und das ist erst der Anfang. Denn Mütter fallen genauso unter den aufgezwungenen Perfektionismus – die durch nichts zu erschütternde Mutterliebe inklusive. Kein Wunder, dass das schwangere Vogue-Model schon mal das Baby-Werfen übt. Dazu noch mal feministe, Userin umami:
And that one “tossing the baby aside” shot seems like a dark fantasy a lot of new mothers have, and I think it’s good to acknowledge that mothers have those feelings sometimes, rather than to promote the destructive myth that being a perfect mother is easy or even possible, and that women are naturally good at motherhood.
Die stets gut gelaunte Mama, die mit Geduld, Nachsicht und voller Liebe rund um die Uhr ihren Nachwuchs betüdelt, die mag ein Fall für die Brüder Grimm sein. Im Alltagsleben hat sie genauso ein Recht auf schlechte Laune, lautes Gebrüll und Nachlässigkeit wie jedes andere Individuum.
Und bitte, keine Schwangere und keine Mutter ist dafür da, als gutes Vorbild den Maßstab an ihr Geschlecht zu erfüllen. Denn Muttersein löst das Menschsein nicht ab. Und zum Menschsein gehören neben schlechter Laune und Ungeduld eben noch ein Haufen anderer Unzulänglichkeiten. Also Daumen hoch für den Tabubruch der Vogue, der das Aufregerpotential eines Knacks‘ hat.

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