Diese Buch lässt man sich besser vorlesen. Weil man beide Hände braucht, um entweder an sich herum zu spielen, oder um schon mal die Kamera in Stellung zu bringen. Denn „X – Lust für Frauen“ liefert nicht nur eine umfangreiche Anleitung zum Pornokonsum, auch macht es schlicht Lust auf Sex, Begehren und Sinnlichkeit.
Die eigene Vorstellung von Sex im Porno zu verarbeiten, das ist das Ziel der Autorin und Produzentin Erika Lust. Weil sich die Schwedin selbst im herkömmlichen Porno kaum repräsentiert fühlte – zu stereotyp, mit billiger Deko, schlechter Musik und unfreiwilliger Komik – folgt sie nun ihrer eigenen visuellen Vorstellung, ohne dabei den Weichzeichner zu bemühen. Stattdessen: Weg vom Mainstream-Gerammel, in denen Frauen auf die Rollen der lüsternen Lolita oder aufs Fieberthermometer geilen Krankenschwestern reduziert werden. Weg von den auch auf Männer projizierten Klischees der Zuhälter, Multimillionäre oder „megamuskulösen Sexmaschinen“. Hin zu mehr Vielfalt und weiblicher Definitionsmacht darüber, wie Pornographie aussehen kann. Denn das ist bei einer aktuell mehrheitlich von weißen heterosexuellen Männern dominierten Branche auch dringend notwendig.
„Informierte Masturbatorinnen“ nennt Lust ihre Zielgruppe; Frauen, die herausfinden wollen, was sie sexuell anspricht und erregt. Schlapplachen ist nicht. „Wir werden ihn schöner“ machen, verspricht Lust zu Beginn und das klingt gefährlich nach weiblicher Stereotypisierung, immer alles hübsch und schön anzusehen haben zu wollen.
Aber keine Sorge, die Autorin lässt eigentlich alles gelten und will keinerlei Beschränkungen auferlegen. Was zählt ist das, was jede_r Einzelne_r für sich entdecken will. Lust liefert dafür nur die theoretisch reichhaltigen Grundlagen.
In elf Kapiteln widmet sich die Schwedin, die mittlerweile in Barcelona lebt, dem pornographischen Film von allen Seiten, Um uns zu informieren, gräbt Lust tief: Über die Klischees des „Männerpornos“, Historisches, Pornographie und Feminismus schreibt sie genauso wie über die Grundlagen des Genres. Sogar ein kleines Lexikon hat sie zusammen gestellt, in dem Blowjob und Cunnilingus genauso erklärt werden wie Kokigami – eine japanische Sexspielart, in der der Penis mit Papier geschmückt wird, so dass er wie ein Origami-Tier aussieht.
Sie stellt RegisseurInnen und ihre Klassiker vor, erklärt Trends und Genrespezifisches und gibt Antworten auf Fragen „warum Männer ihn immer herausziehen, bevor sie abspritzen“ oder welche Maßnahmen zur Vorbeugung von Geschlechtskrankheiten unternommen werden.
In einem Kapitel heißt der Untertitel: „Am Schluss […] weißt du mehr über Porno als viele Kerle.“ Stimmt, denn dieses aufklärende Detailreichtum in Verbindung mit zahllosen Tipps für Filme, Internetseiten und Brancheninterna bereichert absolute Pornoneulinge genauso wie die bereits besser Informierten unter uns. Hinzu kommt, dass Lust zwar humorvoll aber nicht zotig schreibt. Es gibt keinerlei Verlegenheiten, die umspielt werden müssten; keine Begrifflichkeiten, die anstandshalber hübsch umschrieben werden. Der Mann hat einen Schwanz, die Frau eine Möse und beides können sie beliebig einsetzen.
Lusts unverkrampfte Offenheit zeigt sich auch in der Fotoreihe zu Beginn des Buches, in der sie herumalbert und Grimassen und Fratzen schneidet. Wohltuende Glaubwürdigkeit, denn nichts ist frustrierender als diese Ratgeberbuch-Frauen, die sagen, „du kannst alles schaffen“ und aussehen wie eine gecastete Wonderwoman. Erika Lust lässt ihren LeserInnen genug Raum, sich individuell zu definieren.
Aber, und das ist ein Manko des Buchs, „X – Lust für Frauen“ will um jeden Preis Spaß am Sex suggerieren. Das nämlich setzt fast ein bisschen unter Druck, wenn die moderne „.informierte Masturbatorin“ merkt, dass sie zwar mit Vibrator und Fetischporno ausgerüstet ist, dem gemütlichen Onaniestündchen zuhause aber noch dieses oder jenes Toy fehlt. So droht der Solo-Sex genauso unter die Kategorien Leistung und Konsum zu fallen wie die meisten anderen Bereiche unsere Lebens. Aber klar, Erika Lust will natürlich auch ihre eigenen Produkte verkaufen. Selbst ein Online-Netzwerk zum Erfahrungsaustausch haben Verlag und Autorin ins Leben gerufen. Das Feld pornobewusster Frauen und Produkte ist mittlerweile vermutlich so groß, das für die eigentliche Sache die Zeit knapp werden dürfte. Aber dafür lässt sich „X – Lust für Frauen“ ja bequem aufbewahren, um immer mal wieder reinzublättern – es lohnt sich unbedingt!
Erschienen bei Heyne, kartoniert, 224 Seite, 15 Euro
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