In Bibliotheken gibt es für gewöhnlich Bücher, CDs, DVDs und andere Medien zum Verleih. Menschen gehen für gewöhnlich in Bibliotheken, um sich Wissen anzueignen und konsumieren dafür Medien. Normalerweise. Seit geraumer Zeit gibt es das Konzept der „living library“, das heißt, Menschen können sich andere Menschen „ausleihen“, die als Expert_innen fungieren und der ausleihenden Person Wissen vermitteln. Mit nach Hause nehmen darf mensch die „lebenden Bücher“ zum Glück noch nicht, allerdings ist der Objektivierungscharakter so oder so gesehen fragwürdig.
Ein neues Projekt, „die lebendige Bibliothek“ in Berlin setzt allerdings noch einen drauf: Dort kann mensch sich ganz säuberlich nach „Diversity“-Aspekten sortiert Muslima, Behinderte, Transsexuelle, Obdachlose usw. ausleihen und sie mit eigenen Vorurteilen und Stereotypen nerven. Unterstützt und gefördert wird das Projekt aus Fördermitteln des Bundes. Da lacht das Herz.
Mal wieder ein typischer Fall: Gut gemeint, schlecht in der Umsetzung. Grundsätzlich soll es darum gehen, Vorurteile abzubauen, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, mit denen eine_r sonst aus Gründen nicht ins Gespräch kommt. Ja, welche Gründe eigentlich?! Wäre nicht das interessant zu erfahren? Warum also müssen sich jene den bohrenden Fragen der „Toleranzgesellschaft“ stellen, die sowieso täglich mit Ausgrenzung, Diskriminierung und blöden Sprüchen konfrontiert sind? Sind wir im Zoo? Was werden denn da für Bilder über Menschen und deren Lebenssituationen konstruiert? Sind Transsexuelle, Muslima, Obdachlose nur diese Labels? Welche Kriterien müssen sie erfüllen, damit sie als Expert_innen für ihr Label gelten? Essenzialismus pur, Differenzkarneval für Anfänger_innen.
„Ich wollte unbedingt das Thema Migration…Islam dabei haben. So hatte ich beispielsweise eine muslimische Frau dabei, die gleichzeitig auch als Migrantenbuch aufgetreten ist.“ – „Die haben Lebensgeschichten, das glaubt man gar nicht!“ sind nur zwei Aussagen der Initiatorin des Projektes, die deutlich machen, wer als Zielgruppe der „lebendigen Bibliothek“ konzipiert ist. Am Ende haben sich alle lieb und freuen sich, dass sie sich mal unterhalten haben. Diskriminierung? Einfach Buch ausleihen, ausfragen, nett lächeln und zum Schluss ’nen kleines Bussi auf die Wange. Nie waren Herrschaftsverhältnisse leichter zu überwinden.
Klar, so werden wieder einige meinen, es sei doch ein guter Anfang, man darf nicht zu viel auf einmal erwarten, kleine Schritte, erstmal die Barrieren im Kopf überwinden. Ja, sage ich, alles schön und gut, solange nicht am anderen Ende der Barriere fleißig weiter gebaut wird. Denn dieses Projekt funktioniert mit umgekehrten Rollen nämlich gar nicht, was eigentlich schade ist…
Wie wäre es zum Beispiel damit? Als lesbische Frau wollte ich schon immer mal wissen, wie das mit dem Heterosexismus und der Homophobie bei den Heterosexuellen so funktioniert. Wie die so ticken, wenn sie ein schwules Pärchen auf der Straße sehen (oder zwei Männer dafür halten) oder der mobbende Kolleg_innenpöbel sich das Maul zerreißt über die Kampflesbe aus der anderen Abteilung. Ja, manchmal würde ich Heteros gern die Frage stellen: „Was hat dich bloß so ruiniert?“
Dann könnte ich einfach, wenn ich Lust habe, die Bibliothek aufsuchen, mir so eine Hete ausleihen und wenn ich genug von ihren schmerzhaften Erfahrungen mit Homos habe, stelle ich sie zurück ins Regal und muss nie wieder mit ihr reden. So wie es die Besucher_innen der „Lebendigen Bibliothek“ in Berlin tun, wenn sie das Gebäude verlassen.

Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.