Naekubi bloggt bei Danger! Bananas über das Leben von Asiat_innen in Deutschland, Kultur und Alltag, Rassismus und Feminismus, Selbstbewusstsein und Selbstverständnis. Wir freuen uns sehr, dass sie nun auch eine Kolumne bei der Mädchenmannschaft schreibt.
November ist im Internet nicht nur der Monat der Schnurrbärte (Stichwort Movember), sondern auch der Zeitraum, in dem der sogenannte NaNoWriMo stattfindet. NaNoWriMo steht für „National Novel Writing Month“. Ziel ist es, innerhalb des Monats November 50.000 Wörter auf Papier zu bringen und so einen Rohentwurf eines Romans fertigzustellen. Was vor 15 Jahren in den USA begann, wird auch in Deutschland immer beliebter: Über 2.700 SchreiberInnen beteiligen sich dieses Jahr daran, ich gehöre dieses Jahr zum ersten Mal dazu. Warum ich mir das antue? Zwei Gründe: Selbstverwirklichung und Selbstermächtigung.
Schreiben und lesen waren von klein auf meine Leidenschaften. Ich verlor mich in Geschichten, ich lebte in Büchern, ich verbrachte ganze Sommer in der Stadtbibliothek. Ich identifizierte mich mit den HeldInnen aus den Büchern, die anders waren als ich: Sie erlebten Abenteuer, leisteten Außergewöhnliches. Eines hatten sie gemeinsam: Sie waren so gut wie alle weiß. Sie sprachen zu Hause keine andere Sprache mit ihren Eltern, sie wussten, wer sie waren und woher sie kamen. Und niemand stellte das infrage. Nicht-weiße waren allenfalls Randnotizen, Sidekicks, niemals im Fokus. Der Konflikt von Identität, die Diskrepanz zwischen Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung, die mich prägten, fanden sich nicht zwischen Buchdeckeln. Ich selbst dachte lange nicht darüber nach, weil das ohnehin niemand tat, schon gar nicht in literarischer Form. Warum sollte ausgerechnet ich plötzlich den Blick darauf richten und das problematisieren? Schlafende Hunde soll man nicht wecken.
Mit 17 hatte ich das erste Mal den Gedanken, einen Roman schreiben zu wollen. Irgendeinen. Doch ich hatte keine Ahnung, wie man das machte, und ich traute es mir nicht zu. Wer sollte schon das Zeug von einem vietnamesisch-deutschen Mädchen lesen? Wer würde sich mit einer Outsiderin dieser Gesellschaft identifizieren können? Kunst sollte doch etwas Allgemeingültiges über die Conditio Humana sagen können, dafür empfand ich meine Sichtweise nicht allgemeingültig genug. Ich war nicht normal, Punkt. Vorbilder oder Ermutigung in meiner unmittelbaren Umgebung hatte ich keine. Zu sagen, dass ich damals Hemmungen hatte, wäre eine Untertreibung. Man muss sich vor Augen führen, wer Bücher veröffentlicht und was gelesen wird, wer die Geschichten schreibt, die das Land bewegen: Der Buchmarkt wird wie die Gesellschaft von denen geprägt, die ohnehin die Deutungshoheit haben: Weiße, oftmals männliche Menschen aus der sogenannten Mittelschicht, inzwischen gibt es auch einige Frauen, aber auch sie sind zu einem überwältigenden Prozentsatz weiß. Sie werden gedruckt und gelesen, sie melden sich am häufigsten zu Wort und haben das Selbstbewusstsein, sich mittels des geschriebenen Wortes in die Köpfe anderer Menschen zu verpflanzen. Dadurch prägen sie die kulturelle Landschaft und das kollektive Bewusstsein. Die vorhandene Kultur in der Mitte verstärkt sich durch die AkteurInnen an den Schalthebeln selbst und klopft sich auf die eigene Schulter. Aber nirgendwo fand ich die Geschichten, die mich als Deutsche mit vietnamesischen Wurzeln umtrieben und beschäftigten.
Einer der perfidesten Schritte, wie man Menschen ihre Macht über sich selbst nehmen kann, ist sie zum Schweigen zu bringen und sie schlicht zu ignorieren. Nicht nur, dass gerade sie unter offener oder verdeckter Diskriminierung zu leiden haben, sondern man nimmt ihnen auch noch die Möglichkeit, sich selbst zu positionieren und zu definieren. Wer immer das Feedback bekommt, keine Rolle zu spielen und ein vernachlässigbares Detail zu sein, wird sich früher oder später so wahrnehmen. Und er/sie wird sich nicht hinsetzen und seine/ihre Geschichte zu Papier bringen. Es erfordert Energie, dagegen etwas unternehmen zu wollen. Wenn ich mich also hinsetze und unter viel Aufwand und mit viel Herzblut 50.000 Wörter aus Hirn und Herz presse, dann ist das nicht ausschließlich Privatvergnügen oder eine persönliche „Challenge“ (das ist es natürlich auch), sondern vor allem ein Zeichen der Selbstermächtigung (self-empowerment). Ich hole mir etwas zurück: Meinen Platz in dieser Welt. Wer ich bin und wie ich mich und die Welt sehe, bestimme ich alleine. Meine Perspektive bedeutet etwas und hat Gewicht. Wenn sich noch andere in meiner Geschichte wiederfinden, umso besser. Aber zuvorderst geht es darum, dass ich mich meiner selbst ermächtige. Auch wenn mein Romanentwurf Fiktion sein mag – es stecken subjektive Wahrheiten darin, die ein Tatsachenbericht nicht transportieren könnte. Das Märchen von der stummen asiatischen Lotosblume soll einen schnellen Tod sterben – sie war schon immer eine Lüge und hatte nie eine Berechtigung. Dieser Lüge setze ich meine 50.000 Wörter entgegen.
NaNoWriMo ist Hilfestellung für mich, um meine Hemmungen beiseite zu schieben und dieses Projekt ernsthaft anzugehen. Das klar definierte Ziel der 50.000 Wörter hilft – Hauptsache durchkommen. Mit meinen Selbstzweifeln und der Kritik von außen beschäftigen ich mich später.
Übrigens stelle ich fest, dass der Name dieser Kolumne, „Die Emanzipation der Banane“, eigentlich auch ein guter Titel für den Roman wäre.

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