Es ist zwar Sonntag, doch ich komme irgendwie nicht umhin, jetzt nochmal auf die Schnelle meine Impressionen von meinem Ladyfest-Mainz-Abstecher runter zu tippen – sowie meine Ergänzungen zum Thema „Feminismus & Critical Whiteness“, da gestern natürlich nicht die Zeit ausreichte, das alles nochmal en Detail auf die Kette zu kriegen. Impuls dafür ist übrigens das anregende Gespräch, dass ich gestern im Anschluss an unser Podium noch mit einer Zuschauerin hatte – leider viel zu kurz, da der Zug rief.
Heißt: Dieser Blogpost ist vielleicht nicht für jede_n interessant (wie mensch oben sieht falle ich ja ein bisschen mit der Tür ins Haus), hat aber vielleicht dennoch die ein oder andere diskussionswürdige Sache intus, und überhaupt, wer mag liest einfach weiter.
Gestern nachmittag also Podium mit Antje Schrupp, Imme Goldstein, Margot Müller, Laylah Naimi und mir. Geladen waren wir als Vertreterinnen verschiedener feministischer Strömungen, was irgendwie natürlich ganz viel Sinn machte – allein, um nochmal zu verdeutlichen wie viele unterschiedliche Strömungen es gibt, da die Pluralität des Feminismus vielleicht nicht immer für jede_n klar auf der Hand liegt. Von daher war diese Ausgangslage auf jeden Fall für die am Ende sehr fruchtbare Diskussion auch auf jeden Fall ganz zielführend, wobei natürlich auch Folgendes aufkam: Riesenfässer und weites Feld – aber so ist das wohl bei den meisten Podien.
Auf jeden Fall, ich war als Vertreterin des „Critical Whiteness Feminismus“ eingeladen, und das nahm ich ohne mit der Wimper zu zucken an, da ich in der Vergangenheit schon mal hier, mal da, im groben Kontext dazu geschrieben hatte (zum Beispiel hier zum Amina-Hoax oder hier zu KONY 2012) – und außerdem fand ich zusätzlich interessant, in der Runde dann mal die Frage aufwerfen zu können, warum jemand wie beispielsweise ich schnell mit diesem Label in Verbindung gebracht und irgendwie als Mit-Vertreterin des Ganzen betrachtet wird – auch, wenn es vielleicht andere Bereiche gibt, zu denen ich schon produktiver war. Und, ich machte mir im Vorfeld natürlich mal wieder meine Gedanken, wieso-weshalb-warum so ein Mechanismus greift – nicht das erste Mal, aber das erste Mal in Bezug auf „Critical Whiteness“ und meiner persönlichen Verortung zu dem Ganzen.
Dazu: Vor allem die oben verlinkten Texte haben in der Vergangenheit ab und zu dazu geführt, dass ich als Critical Whiteness-Fachfrau angesprochen wurde. Ich denke, in beiden Artikeln kommt meine Sympathie für diese Denkrichtung zum Ausdruck, aber mir fällt im nachhinein auf, dass ich mich anscheinend doch nicht so sehr in dem Paradigma zuhause fühle. Sichtbar ist es zum Beispiel, wenn es um die Verwendung des Begriffs „PoC“ („People of Color“) geht – in beiden Texten nutze ich sie nicht, und das nicht nur, weil sich die Notwendigkeit nicht ergab. Ich nutze „PoC“ (bisher) nicht als Selbstbezeichnung, verwende es aber in Diskussionen, in denen der akademisierte Diskurs sich darauf verständigt hat, von „PoCs“ zu sprechen. Unwohlsein aber bleibt – vor allem, w-e-i-l ich es ja dann als Fremdbezeichnung nutze.
„Woman of Color“ habe ich glaube ich gestern zum ersten Mal laut ausgesprochen – und zwar, als ich die Situation wiedergab, in der mir das erste Mal erklärt wurde, ich sei eine. Mit diesem Unbehagen laufe ich seit langem rum – genauso, wie ich damals mit Unbehagen das erste Mal das Wort „Migrationshintergrund“ hörte, von dem mir (ebenfalls im akademischen Kontext) erzählt wurde, das es das neue „word to be“ ist, da es als rein analytische (höhö!) Kategorie funktioniert, und dazu beiträgt, reale Phänomene, die Folge einer Sozialkonstruktion sind, zu beleuchten (die Studie, an der ich damals mitwirkte, beschäftigte sich mit „Viktimisierungserfahrungen von Menschen mit Migrationshintergrund“. Das war vor zehn Jahren, und dort erlebte ich das erste Mal meine subjektiven Dilemmata mit Begriffskonstruktionen zum Thema „anders als deutsch“.).
Was ich an Critical Whiteness sehr schätze: Die Wendung, im Bereich der Rassismusforschung den Blick auf deren Strukturen und ausführende Subjekte zu legen. Die Beleuchtung der rassifizierenden Prozesse. Die Untersuchung von gesellschaftlich gebildeten Normen. Das Bewusstsein für Interdependenz. Das Untersuchen von „Normalisierung“. Das kommt, wenn ich meine eigenen Prozesse der Wissensbildung und meinen Background diesbezüglich betrachte, mit Sicherheit auch daher, dass ich im Bereich der Critical Whiteness vieles wiederfinde, das ich wichtig finde. Und dass es Parallelen zu Denkschulen gibt, die ich sehr schätze (Strukturalismus, Machttheorien, Konstruktivismus).
Ich bin dennoch zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht alles zum Thema „Critical Whiteness“ unterschreibe. Gestern warf ich schon ein, dass mein Hauptproblem ist, dass auch Critical Whiteness von der Dichotomie lebt: Das Weißsein benötigt immer auch das Nicht-Weißsein. Das ist ein Dilemma, da auch hier wieder mit Distinktionen gearbeitet wird. Will nicht sagen, dass es jetzt darum gehen soll, diese Begriffe irgendwie abzuschaffen. Was mir nur (oft negativ) auffällt, ist, dass viele „Weiße“ – gerade auch aus den Peers, in denen ich mich inhaltlich oft bewege-, nicht selten geradezu schmerzbefreit das Wort „PoC“ benutzen, um damit die Menschen zu bezeichnen, die sie als „anders“ empfinden bzw. als fremdwahgenommen „anders“ bezeichnen wollen, whatever, und manchmal auch: Um für sie zu sprechen, um auf ihre Probleme aufmerksam zu machen, um… um… um…Und das gefällt mir nicht. Also, dieser Freifahrtsschein. Weil ich irgendwann gedacht habe: „Naja, okay, wenn ich jetzt also PoC bin, dann möchte ich aber nicht, dass irgendwer Nicht-PoC anfängt, sich als mein Interessensvertreter aufzuspielen.“ Against Bauchrednertum sozusagen. Und ich muss sagen, wenn ich schon in diese Dichotomie gewzungen werde, dann werde ich ich Zukunft verstärkt darauf achten, Nicht-PoCs eher auf die Finger zu klopfen, wenn ich mit etwas nicht einverstanden bin. Ist zwar nicht total ideal, aber so what. Fertig. Das fängt halt alles auch bei der Dosierung an, und ich denke jede_r sollte sich immer wieder kritisch fragen, wie er selbst zu der Taxonomie steht. Sich klar machen, dass das Potenzial des Ansatzes im Perspektivwechsel liegt – diesen jedoch nicht unkritisch hinnehmen.
In der radikaleren Kritik an Critical Whiteness wird der Sachverhalt der benötigten Schwarz-Weiß-Dichotomie auch als „Funktionalisierung und erneute Kolonialisierung“ bezeichnet. Etwas, an das ich mich intuitiv anschließen könnte, da ich eher Dekonstruktion vorziehe (zum Beispiel: So). Zudem, und das ist ein Zusatzfaktor, finde ich den homogenisierenden Anteil im Feld der Critical Whiteness problematisch. Wenn ich mir nämlich unsere insgesamte „Germaness“ angucke, dann würde ich nicht nur den Rassismus der Mehrheitsgesellschaft kritisieren, sondern dazu auch die Entsolidarisierungstendenzen der Mittelschichten und die Schwächen der Eliten (und zwar weiß-übergreifend). Heißt, eher noch als von weißer Überlegenheit würde ich zusätzlich von Hegemonie sprechen – auch wenn die Interdependenzen natürlich in der Critical Whiteness berücksichtigt werden.
Das waren also die Punkte die ich gestern eingangs schon mal kurz angerissen hatte beim Ladyfest – also bei weitem nicht so ausführlich wie hier. Bei Gelegenheit werde ich vielleicht nochmal weiter drauf gucken, weil mir immer mehr Sachen auffallen, die ich gern thematisieren würde – zum Beispiel was den Bereich des Transfer der Critical Whiteness auf den deutschen Bereich betrifft, oder die verschiedenen Entstehungsgeschichten des Rassismus in den USA und in Europa. Ich wünsche mir mehr Fokus auf tatsächliche Praktiken der Ausgrenzung, auf Sozialpraktiken, auf wirkliches Beleuchten sozialstruktureller, kultureller, individueller Dispositionen – und diesen Fokus habe/sehe ich nicht, wenn es allein dabei bleibt, wenn mein und der an anderen aufgeklebte ethnische Aufkleber jetzt einfach mal einen besseren Namen hat. Just my subjective two cents, da ich jede_n verstehen kann, der sich komplett dort wiederfindet.
Soweit. Und ansonsten: Nochmal liebe Grüße an alle Ladyfestler_innen und danke für eine gute Diskussion. Und wer zu diesem Thema (oder auch anderen) weiter debattieren mag: Wie immer gern auch hier. Greetz.

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