„A wie Abstillen“ – das kleine ABC der Fortpflanzung und Elternschaft in der Zeitschrift Missy begann recht radikal (siehe Missy Magazine #1.08). Christiane Rösinger geht ziemlich unbarmherzig mit der überall wieder recht in Mode gekommenen Sitte des Stillens kleiner Babys ins Gericht. Sie schreibt: „Wer sich also vorgenommen hat, das Elternsein von Beginn an partnerschaftlich 50/50 zu teilen, der sollte das Stillen am besten gleich sein lassen.“

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de
Als stillende Mutter bewegt mich das zu der Frage: Kann frau überhaupt feministisch stillen?
Betrachten wir es ganz nüchtern: Diese Frage setzt zwei Klärungen voraus: Was versteht frau unter dem adverb „feministisch“ ? Diese Frage soll zuletzt geklärt werden, denn ist unter Umständen etwas komplizierter. Zunächst einmal muss aber geklärt werden, was stillen bedeutet. Rösinger schreibt: „Stillen macht die Mutter unflexibel, bindet den Säugling an sie und die beiden meistens zusammen ans Haus.“ Das ist teilweise ziemlich wahr. Leider. Unflexibel wird eine Mutter aufgrund der Tatsache, dass alle Aktivitäten um das Stillen herum geplant werden müssen. Erst aus dem Haus gehen können, wenn das Kind wirklich satt ist zum Beispiel. Mal eben schnell mitkommen mit der spontan reingeschneiten Freundin? Nee, Pustekuchen, das Kindlein muss erst gestillt werden. Mit manchen Kindern geht das sogar sehr gut. Andere Babys aber sind so: Sie wachen auf, wollen gestillt werden. Dann gibt man ihnen die eine Brust (Dauer: halbe Stunde), wickelt sie (Dauer: 15 Minuten), gibt ihnen die andere Brust (Dauer: halbe Stunde). Bei einem Stillrhythmus von alle zwei Stunden bleibt eine dreiviertel Stunde bis zum nächsten Mal übrig. Solche Babys sind alles andere als eine Seltenheit. Manche Mütter können die dreiviertel Stunde nicht einmal sinnvoll nutzen, da das Baby, sobald sie es aus ihrem Arm legen, sofort anfängt zu brüllen. Solche Frauen sind tatsächlich ans Haus gekettet – durch ihr Baby und durch das Stillen. Eine Flasche würde das Kleine vielleicht länger ruhig stellen.
Nun ist aber alle Welt vom Stillen sehr überzeugt. Auch ich glaube, dass es das Beste für das Baby ist und bin sehr froh, dass es geklappt hat (denn nicht immer ist der Stillstart komplikationsfrei – entzündete Brustwarzen sind immer inklusive, es gibt aber noch schlimmere Begleiterscheinungen, schlimmstenfalls Fieber und Schmerzen, die auch nach Wochen immer noch nicht weggehen und so schlimm sind, dass man bei jedem Anlegen weinen muss und sich vor dem Stillen regelrecht fürchtet). Aber: Ich bin auch mit der Flasche groß gezogen worden und bin gesund und klug geworden. Deswegen gehöre ich definitiv zu den pragmatischen Stillerinnen: Ich mache das, weil es gut klappt, weil es dem Kind gut tut (das sieht man einfach) und weil sowieso ein Elternteil für die ersten paar Monate zu Hause bleibt, also warum nicht ich – und wenn ich das schon mache, dann hab ich auch die Zeit und die Ruhe, zu stillen. Es hat ja auch was Faszinierendes und die Glückshormone, die dabei ausgeschüttet werden, sind auch nicht schlecht. Aber ich könnte mich nie in Diskussionen wie auf netmoms oder eltern.de stürzen, wo nicht-stillende Mütter regelrecht fertig gemacht werden. Auch die Stillpropaganda mancher Organisationen, wie der La Leche Liga, oder von Einzelpersonen wie Eva Herman, finde ich eher übertrieben. Und mal ganz ehrlich: Soll ja jede machen, was sie für richtig hält, aber stillen bis ins Kindergartenalter halte ich für ein wenig absurd.
Ich schweife ab. Halten wir also fest: Stillen hat Vor- und Nachteile und die Nachteile gehen zu 100% zu Lasten der stillenden Frau. Gleichberechtigung ist in dieser Sache nicht zu erwarten. Ist das dann mit einer feministischen Einstellung zu vereinbaren?
Die Mütter des Müttermanifests und auch andere Mütterfeministinnen – die es sowohl in der ersten, als auch in der zweiten Welle des Feminismus jeweils gab, fanden es feministisch, sich für die „natürliche Bestimmung“ der Frau stark machten: Brutpflege. Und dazu gehörte eben auch das Stillen. Aber sind uns Frauen, die sich über ihre Mutterrolle definieren, heute nicht eher suspekt? Gerade beim Thema Feminismus? Geht es denn heute nicht vielmehr um die politische, ökonomische und soziale Gleichstellung der Geschlechter? Wie soll soziale Gleichstellung verwirklicht werden, wenn Frauen weiterhin ihr Still-Monopol aufrechterhalten? Männer können dann nunmal nicht gleichwertig für die Versorgung des Kindes zuständig sein. Und einer muss ja schließlich auch arbeiten…
Arbeiten und Stillen – ja: das ist theoretisch auch machbar. Eine ehemalige Kollegin von mir hat sich ihr Baby vom Mann zu den Stillzeiten ins Büro bringen lassen. Klar. Man kann seine Gleichberechtigung auch um das Stillen herum organisieren. Ob das dann feministisch ist? Wäre es nicht schlauer und unkomplizierter, der Mann gäbe zuhause dem Kinde die Flasche und erspare sich und Kind den Stress?
Für mich spielt im Grunde diese Frage keine wirkliche Rolle. Ganz ehrlich: Ich habe mich fürs Stillen entschieden und zwar aus dem Bauch heraus. Irgendwie gehört es für mich genauso zum Kinderkriegen dazu, wie der dicke Bauch. Auch wenn das manchmal alles nervig ist. Und es ist für mich daher auch in Ordnung, wenn ich die Zeit des Stillens nicht arbeite, wenn ich viel zu Hause verbringe. Wenn ich die Hauptzuständige fürs Baby bin. Es ist ja für eine begrenzte Zeit. Das Ende ist in Sicht und danach geht es wieder „feministisch“ weiter – wenn man so will. Denn eines ist und bleibt oberstes feministisches Gebot der ersten und letzten Stunde: Die Selbstbestimmung der Frau!
In diesem Sinn – bis in einem Monat.

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