Ich wusste viel über Christinas bewegtes Leben. Sie hatte einiges an Erfahrungen gesammelt und ich dachte, wirklich schocken könnte mich nichts mehr. Da wusste ich noch nicht, dass sie eine vierte Frau war.
Laut dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) hat jede vierte Frau zwischen 16 und 85 Jahren, die in einer Partnerschaft gelebt hat, körperliche oder sexuelle Gewalt durch den Partner erlebt. Ein- oder mehrmals.
„Er hat mich liegen lassen. Hinterher habe ich erfahren, dass er dachte, ich seit tot.“ Ich sage nichts. Christina sieht mich herausfordernd an, fast ein wenig trotzig. Ich schweige noch einen Moment. „Und dann?“ – „Die anderen haben mich irgendwann gefunden und sich um mich gekümmert.“

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de
Wir sitzen an diesem Abend noch lange zusammen. Christina erzählt, ich höre zu. Sie spricht mit klarer, fester Stimme. Ab und an muss sie etwas tiefer Luft holen. Sonst fehlt jede Emotion. Sie erzählt, wie es war, sich nicht lösen zu können. Verprügelt zu werden. Zu glauben, dass es nie wieder passieren würde. Und wieder geschlagen zu werden.
Frauen, die zum Opfer häuslicher Gewalt werden, schämen sich. Sie schämen sich vor sich selbst, die schämen sich vor den Nachbarn, ihren Arbeitskollegen. Oft geben sie sich selbst die Schuld. Je nach dem wie tief die Abhängigkeit vom Partner ist, versuchen sie Entschuldigungen oder Erklärungen für sein Verhalten zu finden: „dieser Mann ist kein Schläger“, „eigentlich lieben wir uns, führen eine liebevolle Beziehung“, „er hatte einen schweren Tag“, „ ich habe ihn gereizt“. Sie glauben ihm, dass er es nie wieder tun wird. Weil sie es glauben wollen.
In den Tagen danach wirbelten viele Fragen durch meinen Kopf. Ich fragte mich, warum Frauen geschlagen werden. Warum sie bei Männern bleiben, die sie schlagen. Immer wieder.
Gibt es die „klassischen Opfer“? Frauen, die einfach ihr Leben lang Opfer sein werden? Opfer der prügelnden Mutter, Opfer des schlagenden Freundes, Opfer ihrer selbst?
Frauen, die Opfer körperlicher und/oder sexueller Gewalt in einer Partnerschaft werden, weisen meist folgende Risikofaktoren auf:
Gewalterfahrungen in der Kindheit und Jugend. Trennung oder Trennungsabsicht. Laut BMFSFJ sind Bildung, Einkommen oder Schichtzugehörigkeit „nicht entscheidend für die Ausübung bzw. Betroffenheit von Gewalt in Paarbeziehungen“.
Ungefähr ein Jahr später. Ich bin zu Besuch bei Daniela, wir kochen und reden. Während ich versuche, meine Zucchini-Stifte möglichst gleichmäßig zu schneiden, erkundige ich mich nach Danielas Schwester. Ich habe über eine gemeinsame Freundin mitbekommen, dass die beiden wohl großen Streit hatten.
Daniela schweigt.
Die Angehörigen stehen Gewaltbeziehungen meist hilflos gegenüber. Oft sind es die, manchmal schon erwachsenen, Kinder, die immer wieder mit ansehen, wie ihre Mutter verprügelt wird: „Einmal haben wir im Keller übernachtet, meine Mutter hatte da schon ein Bett aufgestellt. Und einmal, da sind wir mitten in der Nacht zu meiner Tante. Ich habe das damals natürlich nicht verstanden, ich kann mich nur an die unglaubliche Angst in den Augen meiner Mutter erinnern.“
Daniela nimmt einen Schluck Wein: „Ihr Freund schlägt sie.“ -„Bitte?“ „Ja. Ich war von ihm ja nie so begeistert, aber wenn sie glücklich mit ihm ist… Sie hat mir bestimmt nicht alles erzählt, was ich aber mitbekommen habe, ist, dass sie Streit hatten. Er ist wutentbrannt ab gerauscht und sie hinterher. Auf irgendeinem Acker hatte sie ihn dann eingeholt. Sie haben sich kurz angebrüllt, dann…“ Danielas Glas zittert „…dann hat er sie in den Bauch geboxt. Sie ist zusammengeklappt und er ist gegangen.“ „Er hat sie liegen lassen?“ „Ja, mitten im Winter auf einem gefrorenen Kartoffelacker hat er meine Schwester liegen lassen.“
Der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe fasst den Gewaltbegriff etwas weiter als das Ministerium in seiner Studie: Es werden Drohungen, soziale Isolation und Erniedrigungen miteinbezogen. „Obwohl er mich nie geschlagen hatte, hatte ich Angst, er bringt mich und das Kind um, wenn ich ihn verlasse“, berichtet eine Frau in einem Internetforum.
Danielas Schwester war also auch eine vierte Frau. Wir redeten noch lange an diesem Abend. Daniela wusste nicht, ob ihre Schwester damals das erste mal geschlagen wurde, und ob es bei diesem ersten Mal geblieben war. Sie war wütend und gleichzeitig voller Sorge um ihre Schwester. Denn sie vermutete, dass diese nicht die Stärke haben würde, sich von diesem Mann zu trennen, sollte er sie weiter verprügeln.
Psychologen sprechen von einer „Stabilisierung der Gewaltbeziehung“:
Frauen bagatellisieren und/oder verstecken die ihnen zugefügte Gewalt nicht nur aus Scham, sondern auch aus Angst, er Partner könne noch mehr gereizt werden. Wenn der Partner nach einer Phase der Gewalt verspricht, es nie wieder tun zu wollen, vielleicht sogar besonders liebevoll ist, schieben die Frauen alle Zweifel beiseite. Sie hoffen, dass es ein einmaliger „Ausrutscher“ war. Wenn der Partner dann erneut zuschlägt, verharren sie in Schockstarre, schämen sich vor sich selbst. Häusliche Gewalt ist oftmals kein singulärer Akt, sondern Beziehungsalltag/ -realität.
Christina hat es geschafft, sich aus ihrer Gewaltbeziehung zu befreien. Nicht von heute auf morgen. Aber, und das ist es was zählt: Sie hat es geschafft! Sie war irgendwann kein Opfer mehr. Ich werde nie ermessen können, wie viel Stärke und Willenskraft sie das gekostet hat.
Was aus Danielas Schwester wurde, weiß ich nicht. Wir haben inzwischen keinerlei Kontakt mehr.
Männergewalt gegen Frauen und Mädchen kostet die Solidargemeinschaft jährlich 14,8 Milliarden Euro, Kosten für Justiz, Polizei, ärztliche Behandlung und Arbeitsausfälle. In 95 Prozent der Fälle Häuslicher Gewalt sind Frauen die Opfer und Männer die Täter. Jährlich fliehen rund 40 000 Frauen mit ihren Kindern in Frauenhäuser.
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Zum weiter lesen, informieren und helfen:
Hier eine allgemeine Infoseite des Ministeriums mit weiter führenden links, Broschüren, etc.
Hier geht es zum „Aktionsplan II der Bundesregierung zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen“.
Hier zur Berliner Initiative „BIG-Hotline – Hilfe bei häuslicher Gewalt gegen Frauen“, die Informationen und Beratung für Opfer und Angehörige in verschiedenen Sprachen anbietet.
Die Zahlen und Zitate in den kursiv gesetzten Textteilen stammen aus Studien zum Thema, dem ersten Aktionsplan der Bundesregierung und Fraueninternetforen. Wer Interesse an den vollständigen Studien hat, schreibt eine Mail an anna(at)maedchenmannschaft.net

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