Dass Deutschland gerade den Verlust politischer Integrität in bisher unbekannten Ausmaß erlebt, ist ja bereits an genügend Stellen hinlänglich diskutiert worden. Warum ich die Causa Guttenberg hier im Muttiblog nochmal aufgreife? Weil der Lügenbaron seinen absichtlichen Betrug u.a. damit rechtfertigt, dass er als junger Familienvater mit dem korrekten Ausarbeiten seiner Doktorarbeit überfordert gewesen sei. Mein Mitleid hält sich allerdings stark in Grenzen. Diesem Typen ist wirklich nichts zu billig. Aber es ist bestimmt der Feminismus schuld, dass ein Bundestagsabgeordneter, der gleichzeitig auch noch Vater ist, einfach keine Ruhe mehr hat, seine Doktorarbeit sorgfältig aufzuschreiben und sich an die Regeln zu halten. Stattdessen steht er als moderner Vater unter dem Druck, auch für die Familie anwesend zu sein. Wie soll man da bitte noch den Überblick behalten?
(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de
Ich stelle mir gerade eine alleinerziehende Mutter vor, die zwischen ihrem Job am Tag, Kinder versorgen und dem Putzjob am Abend, damit es finanziell überhaupt irgendwie geht, ganz aus Versehen nach sorgfältiger Auswahl der Lebensmittel im Supermarkt vergisst, das ein oder andere Teil aufs Band zu legen. Kann ja mal passieren, mit den Gedanken noch bei der Arbeit, die Kinder quengeln, da kann man doch mal was vergessen, wer will denn da so kleinlich sein?
Ich kenne einige Mütter und Väter, die neben ihrem Vollzeitjob noch ihre Doktorarbeit schreiben. Müssen die es jetzt auch nicht mehr so genau nehmen? Oder all die Mütter und Väter, die neben dem Beruf studieren, eineN MeisterIn, TechnikerIn, oder sonstige Fortbildungen machen? Können diese Menschen sich in Zukunft, wenn sie beim Abschreiben erwischt werden, darauf berufen, dass Job, Familie und Weiterbildung einfach zuviel waren? Sollten wir Karl Theodor zu Guttenberg dankbar sein, dass er klar gemacht hat, welch extremer Druck auf dreifachbelasteten Vätern lastet? Oder sollten wir Beifall klatschen, weil dem vielbeschäftigten Herrn Minister seine Familie wichtiger zu sein scheint, als jegliche Integrität?
Ich finde es einfach billig, dass ein Mann seine dreisten Betrügereien damit entschuldigt, dass die Familie ihn so sehr gefordert habe. Wieviele Frauen (und auch Männer) in Deutschland leisten täglich Übermenschliches, um den ganz normalen Wahnsinn zwischen Job und Familie zu meistern und kommen dabei nicht auf die Idee, geltende Regeln zu vergessen?
Und schlussendlich frage ich mich, ob wir diese Art von modernen Vätern brauchen. Die ihren Kindern im großen Stile vermitteln, dass man sich, wenn die Beweise für ein Fehlverhalten erdrückend werden, nur so tun muss, als handele es sich um eine Lapalie, für die man sich ein kleines bisschen entschuldigen muss – dann hat das Fehlverhalten keine einschneidenden Konsequenzen.


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