Ich greife hier gern einen ausführlichen Kommentar unseres Lesers jj auf, der die aktuelle Titelgeschichte des Spiegels zusammenfasst und kommentiert:
- Der Titel hat nur sehr wenig mit dem Inhalt zu tun.
- Auf die Erkenntnis “Wenn sich die weibliche Rolle ändert, ändert sich notwendigerweise auch die männliche” folgt leider keine Diskussion.
- Und schon gar keine Ideen, was Männlichkeit heute ausmachen könnte, mit Ausnahme von “neuer Vaterschaft” und Franz Münteferings Entscheidung, als SPD-Vorsitzender zurückzutreten, um seine Frau zu pflegen.
- Die klassische neue Rolle von Jungs als Bildungsverlierer wird weitergestrickt, ohne neue Erkenntnisse.
- Es wird gezeigt, daß Männer sich durchaus für Lebensentwürfe jenseits der Karriere interessieren, aber
Paarungsverhalten und Inkongruenzen zwischen individuellem weiblichen Wahlverhalten (dating up/statusbezogenheit) und gesellschaftlichen Forderungen werden nur in einem Halbsatz angeschnitten, aber nicht in die Diskussion integriert. - Ebenso die These, dass Männer als “Täter” akzeptiert seien, nicht aber als “Opfer” – ohne die Frage zu stellen, ob/warum das so ist (z. B. wegen der o.a. Inkongruenz weiblichen Wahlverhaltens?). “Psychologisch ist der Mann das schwache Geschlecht.”
- Beim “zweizeiligen Teenagerinterview” wird die These aufgestellt: “Wo Rollen abgeschafft werden, ist Aussehen alles.”
“Die Frage was bleibt vom Mann” ist aus meiner Sicht extrem relevant, aber der Spiegel schafft es, auf zehn Seiten das Thema nur anzureißen und sieht sich genötigt, immer wieder Statistiken einzubauen, die die Zustimmung der Deutschen zu “Gleichberechtigung” belegen sollen – ganz so, als ob Angst davor besteht, eine wirkliche Beschäftigung mit Männlichkeit und ihren aktuellen Problemen würde uns wieder in die Fünfziger zurück katapultieren.
Meine Sichtweise des Problems habe ich schon an verschiedenen Stellen dargestellt, daher nur kurz:
Aus anthropoloischer Sicht scheint die Sache klar: die männliche Rolle in Bezug auf Fortpflanzung ist minimal und aufgrund der Tatsache, dass Menschen auch ausschließlich von Pflanzen leben können, war die Rolle als Jäger für das Überleben einer Gemeinschaft ohne externe Bedrohung – als “verzichtbares” Geschlecht ist die Verteidigung v. a. gegen andere Männer ihre Domäne – nie so relevant wie die von Frauen. Diese kleinere Rolle scheint in scheinbar allen (indigenen) Kulturen eine Art Kompensationsmechanismus auszulösen. Überall gibt es künstlich geschaffene Rollen und Rituale, die ausschließlich von Männern ausgeübt werden können, um ihnen so eine gesellschaftliche Rolle zukommen zu lassen, die der von Frauen gleichkommt – in indigenen Gesellschaften drückt sich das zumeist in “magischen” Ritualen aus, die das Universum in Balance halten. Die einzige wirkliche Funktion, die diese Rituale für das Fortbestehen der Art haben, ist, dass sie Männer in die Gemeinschaft einbinden.
Wir haben die Welt entzaubert und niemand glaubt mehr, dass Männer das Didgeridoo blasen müssen, damit das Universum bestehen bleibt und es zusammenbricht, wenn eine Frau das Instrument anfasst. Und damit haben wir ein Problem, insbesondere in einer Welt, in der auch die körperlichen Eigenschaften des Mannes keine wirtschaftlichen Vorteile mehr bieten.
Da liegt das wahre Problem: Männer haben, im Gegensatz zu Frauen, nichts mehr, das nur sie für die Gesellschaft leisten können.
Und nun?

Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.