In der Serie „Der Kommentar“ veröffentlichen wir eure Gedanken zu einem Thema eurer Wahl. Heute schreibt Hanna über die aktuelle FHM-Liste der 100 unsexiest Frauen.
Das Jahr 2009 hat gerade erst begonnen, doch das Männermagazin FHM weiß schon ganz genau, welche Frauen gar nicht sexy sind. Die alljährlich neu erstellte Liste der „Unsexiest Frauen“ sei, so FHM letztes Jahr, „die bei den weiblichen Stars am meisten gefürchtete Liste“. Auf Platz eins – wie bereits berichtet – Charlotte Roche. Die Begründung: „Wer in seinem Roman kein noch so ekliges Detail über sämtliche Körperöffnungen und Körperflüssigkeiten auslässt, wird eben alles andere als sexy empfunden. Charlotte Roche hat uns Männern etwas zu ausführlich geschildert, was wir ohnehin nie wissen wollten.“- „Feuchtgebiete“ als die zum Buch gewordene vagina dentata.
Wer jetzt denkt „Na und? Von denen lass ich meine Meinung über Frauen sicher nicht beeinflussen!“, und dass das Ranking sicher auch weitaus weniger gefürchtet wird als gewünscht, übersieht etwas. Denn was klingt wie ein infantiler Grundschülerstreich, ist nicht nur primitives „Entertainment“ – das zudem sehr gerne von anderen Medien übernommen und weiterverbreitet wird (N-TV, zum Beispiel, hat gleich eine entsprechende Fotostrecke online gestellt.) FHM bedient ein Stereotyp, das schon 1970 sehr treffend von der australischen Feministin Germaine Greer beschrieben wurde:
The stereotype is the Eternal Feminine. She is the Sexual Object sought by all men, and by all women. She is of neither sex, for she has herself no sex at all. Her value is solely attested by the demand she excites in others. All she must contribute is her existence. She need achieve nothing, for she is the reward of achievement.
Die Frau sei deshalb, so Greer, ein Eunuch. Kastriert. Genitalfrei wie Barbie. Wie die Namen von Politikerinnen, Autorinnen, Sängerinnen, Journalistinnen, Sportlerinnen, auf der FHM-Liste und die Begründungen für ihre Positionen Greers Theorie bestätigen, zeigen folgende Beispiele:
Die ideale Frau muss nichts können, sie ist eine Trophäe
Die Expertenmeinung von Regina Halmich und Birgit Prinz will man weder beim „Kirmes-Kampf“ noch bei Bundesliegaspielen hören: „Unsere User fanden die Prügeleien im Ring zu Regina Halmichs Zeiten schon nicht so sexy. Aber dass sie jetzt auch noch bei jedem Kirmes-Kampf als Expertin antritt, ist einfach zuviel. Die Bundesliga wollen unsere User schließlich auch nicht von Birgit Prinz kommentiert haben.“
Wie Greer schreibt: „Sie muss nichts erreichen, denn sie ist die Belohnung für Erfolg.“
Die ideale Frau möchte unbedingt als sexy wahrgenommen werden
Die Liste wird als von Frauen gefürchtet bezeichnet, und obwohl das zu bezweifeln ist, gilt dennoch die Bestätigung des Stereotyps.
Wie Greer schreibt: „Sie ist das Sexuelle Objekt, das von allen Männern und von allen Frauen ersehnt wird.“
Die ideale Frau hat nur einen sexuellen Wert
Die Wähler bewerteten die Personen auf der Liste nach ihrer Attraktivität.
Wie Greer schreibt: „Ihr Wert wird allein durch das Verlangen bestätigt, das sie in anderen hervorruft.“
Die ideale Frau hat kein Geschlecht, keine „ekligen Körperöffnungen“
Auf Platz eins ist Charlotte Roche, die es gewagt hat „sämtliche Körperöffnungen und Körperflüssigkeiten“ zu thematisieren.
Wie Greer schreibt: „Sie gehört keinem Geschlecht an, denn sie hat überhaupt kein Geschlecht.“
Menschen in ein Stereotyp zu pressen, ist eine Einschränkung der Freiheit. In diesem Fall eine Freiheit, die Germaine Greer beschrieb als „Freedom from being the thing looked at rather than the person looking back.“ Mit diesem Ranking wird nicht nur ein Stereotyp für die Frau unterstützt, sondern auch eines für den Mann. Auf der Liste tauchen nämlich auch Männer wie Bill Kaulitz und Bushido auf. Nicht nur das Label „Frau“, oder „effeminiert“ (die Beschimpfungen „Du Mädchen“, „Du Homo“, usw. hat man(n) ja schon zu Genüge gehört), sondern auch die Bezeichnung „unattraktive Frau“ fungiert also als Erniedrigung für den Mann. Als Entmannung, sozusagen. Er ist kastriert wie der „weibliche Eunuch“, aber schneidet in dieser Kategorie auch noch schlecht ab.
Auch wenn viele der Plätze auf Grund von gewissem Verhalten oder Denken vergeben wurden (Sahra Wagenknecht etwa wird dafür kritisiert, dass sie „[s]ich selbst als Rosa Luxemburg der Postmoderne“ stilisiert habe), so erhält FHM mit dieser Liste ein fragwürdiges körperliches Ideal aufrecht. Über Britney Spears schreibt das Heft: „Mit weniger Skandalen und Speck beim Hüftschwung ist es diesmal schon Platz 8 und nicht mehr 1 (2007) und 2 (2008)“. Und über Hillary Clinton: „Sogar ihr eigener Mann entschuldigte sich dafür, sie nicht jünger machen zu können.“ Germaine Greer hält gegen solche körperlichen Stereotype:
Every human body has its optimum weight and contour, which only health and efficiency can establish. Whenever we treat women’s bodies as aesthetic objects without function we deform them and their owners. Whether the curves imposed are the ebullient arabesques of the titqueen or the attenuated coils of art-nouveau they are deformations of the possibilities of being female.
Was FHM außerdem versucht aufrecht zu erhalten, ist eine Hoheitsgewalt. Oberflächlich ist es „nur“ die Gewalt darüber, entscheiden zu können, ob ein Mensch sexuell erregend ist oder nicht. Weil aber das Ranking die stereotype Frau als das Ideal zu unterstützen scheint, und der Wert dieser, wie Germaine Greer attestierte, „[…] allein durch das Verlangen bestätigt [wird], das sie in anderen hervorruft“, könnte man in dieser Liste aber auch den Versuch sehen, die Entscheidungsgewalt über den absoluten Wert einer Frau zu beanspruchen.
Auch wenn FHM mit seinen Listen nur ein winziges Glied in einer Jahrtausende alten Kette ist, deren Schwachstellen – wie hier in Ansätzen am Beispiel von Greers berühmten „Female Eunuch“ gezeigt – schon lange analysiert sind, so wurde diese Kette noch immer nicht zerbrochen. Deshalb ist das FHM-Ranking als singuläres Geschehen zwar tatsächlich völlig irrelevant, als Teil der ganzen rostigen Frauenunterdrückungskette aber eben ein Beispiel dafür, dass Frauen noch nicht frei (und wenn es nur Freiheit vom Stereotyp ist) und gleich sind.
HANNA
Literatur: Germaine Greer: „The Female Eunuch“. London: Harper Perennial, 2006. Erstauflage 1970.

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