„Wer weiß, wie sich Diskriminierung anfühlt, diskriminiert nicht.“ – Diese Idee von Gerechtigkeit dürften viele kennen. Es ist schwer sich vorzustellen, dass Menschen einander Dinge antun, die sie selbst als schmerzhaft oder als falsch erlebt haben. Dass Menschen die Marginalisierung erfahren, auch selbst diskriminieren, darauf hat zuletzt z.B. Judith Butler beim diesjährigen CSD Berlin öffentlich Aufmerksam gemacht.
Diskriminierung muss nicht immer Absicht sein, das wird bei der Diskussion darüber häufig vergessen. Vermutlich sind die meisten Fälle von Diskriminierung schlicht fehlender Aufmerksamkeit geschuldet. Das macht es jedoch nicht besser: Es hat etwas von „Oh, ich hatte vergessen, dass es für Kinder gefährlich ist, auf der Autobahn zu spielen.“ – Totschlag ist es trotzdem. Somit ist Aufmerksamkeit für (Mehrfach-)Diskriminierung eines der „Heilmittel“ zu einer netteren Welt.
Das Minderheiten und marginalisierte Gruppen meist in nur wenigen Merkmalen Gemeinsamkeiten haben, ist theoretisch offensichtlich. Dass Aufmerksamkeit für Unterschiedlichkeit, Diskriminierung vorbeugen kann, ist zumindest in der Diskussion um Mehrfachdiskriminierung bekannt. Wie schwierig sich dies jedoch in der Praxis leben lässt, hat mir beispielhaft die Frauenvollversammlung der Studentinnen der Uni Mainz im Sommersemester 2010 gezeigt:
Auf der Tagesordnung stand unter anderem eine Namensänderung für das Frauenreferat. Im Vorfeld war bereits bekannt geworden, das es vor allem darum gehen würde „Lesben“ im Namen des Frauenreferats sichtbar zu machen, da viele Menschen und Organisationen nicht wahrnehmen, dass das Frauenreferat auch für Lesben zuständig ist.
Obwohl ich Judith Butlers Plädoyer gegen Mehrfachdiskriminierung nur zustimmen konnte, dies mit Freundinnen und im Internet diskutiert habe und wirklich überzeugt war, dass mir zumindest grobe Patzer bei diesem Thema nicht passieren könnten, bin ich bei diesem Tagesordnungspunkt nicht stutzig geworden – auch andere nicht. Mein weißes Umfeld und ich sahen kein großes Problem darin, Lesben wieder ausdrücklich als Zielgruppe zu benennen – allerhöchstens die Bi-Frauen machten uns Sorgen.
Doch auf der Frauenvollversammlung meldete sich eine Kommilitonin und sagte in etwa Folgendes: „Was ist denn mit mir als schwarzer und alleinerziehender Frau? Ich habe mich bisher auch nicht vom Frauenreferat angesprochen gefühlt.“
Offensichtlich bin zumindest ich zu weiß, kinderlos, sic cis (nicht-trans), physisch voll funktionsfähig und lesbisch, um ohne Hilfe auf den Gedanken zu kommen, dass die Aufnahme von Lesben im Namen des Frauenreferats nur ein kleines Problem löst, nebenbei aber andere Gruppen noch stärker unsichtbar macht und damit diskriminiert.
Der Frauenvollversammlung wurde wohl auch ziemlich schnell klar, dass es unmöglich ist alle „Frauentypen“ in den Namen aufnehmen kann. Trotzdem wollten wir anscheinend gerne dem Problem der Sichtbarkeit der Unterschiedlichkeit von Frauen und dem Thema Mehrfachdiskriminierung im Namen des Frauenreferats Präsenz geben. Nach fast 2-stündiger Diskussion entschied die Frauenvollversammlung, dass sich alle Frauen vom Frauenreferat angesprochen fühlen sollen. Die Namenslösung erscheint sowohl trivial als auch doppelt gemoppelt, denn der neue Name ist: AlleFrauenreferat.
Auch wenn der Name an sich nichts augenscheinlich sichtbarer macht, ist gerade das Doppelt Gemoppelte für Alle die Chance, sich Gedanken darüber zu machen, warum dieser Name gewählt wurde – und bei Interesse die Diskussion zu suchen.

Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.