Sehr geehrte Frau Schwarzer,
lange habe ich überlegt, ob ich Ihnen überhaupt schreiben soll. Doch es gibt einfach ein paar Dinge, über die ich mit Ihnen gerne mal reden würde und Fragen, die ich stellen möchte.
Als Tochter einer Mitte der 50er geborenen westdeutschen Feministin bin ich quasi mit Ihnen aufgewachsen. Noch vor ein paar Jahren hätte ich kein Problem damit gehabt, diesen Brief mit einem lockeren „Du, Alice, wir müssen mal reden“ zu beginnen. Doch diese Vertraulichkeit scheint mir nicht mehr angebracht. Eines der Zeichen dafür, wie sich mein Verhältnis zu Ihnen verändert hat.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de
Wann Sie in mein Leben traten, weiß ich nicht mehr. Genauso wenig, wie ich weiß, wann ich Feministin wurde. Ich war es einfach irgendwie schon immer. Und so, wie ich schon immer Feministin war, waren auch Sie immer da. Lange wusste ich nicht viel über Sie, wohl aber, dass Sie irgendwie zu den Guten gehörten. Dass Sie viel für die Frauen getan hatten. Meine Mutter schaffte es immer wieder anschaulich, mir zu erzählen, wie die Zeiten so waren, als sie jünger war. Es ging dabei natürlich oft um die großen Probleme wie Abtreibung oder Vergewaltigung in der Ehe, aber auch um den kleinen Alltagssexismus (man suche z.B. nur bei youtube nach alten „Der 7. Sinn“ – Folgen). Alles Themen, die mir teilweise kalte Schauer über den Rücken jagen.
Ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeit, als mir klar wurde, wie viele meiner Freundinnen nichts von solchen Dingen wussten. Wie vielen nicht klar war, was Sie, Frau Schwarzer, und ihre Mitstreiterinnen für uns erreicht und getan hatten. Sie waren unbequem, „eine Nervensäge“. Für uns! Ich bin bis heute voller Unverständnis für die Frauen (und Männer) meiner Generation, die das nicht anerkennen.
So war das also. Ich war Feministin, aber fühlte mich damit recht alleine auf weiter Flur, zumindest was Frauen in meinem Alter anging. Ich freute mich, als Charlotte Roche und Judith Holofernes in der Emma auftauchten und wunderte mich, dass das auf einmal nicht mehr passierte. Doch dann wurde das Internet immer populärer und ich fand dort schließlich auch Frauen meiner Generation, die so dachten und empfanden wie ich. Was für eine Erleichterung! Und dann, ja, dann schwappte die so genannte Dritte Welle endgültig zu uns.
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Ich selber treibe allerdings ein wenig zwischen den einzelnen Wogen, um in der Metapher zu bleiben. Es gibt viele Themen, denen gegenüber meine Meinung recht feministisch-konservativ ist. Als Beispiel sei hier mal meine Haltung zu Pornos genannt, die keineswegs so locker flockig ist, wie es das „junge Feministin-Klischee“ erwarten würde. Man kann sagen, was Pornos betrifft, schwimme ich wohl mehr in der zweiten Welle.
Doch dann schaue ich z.B. in Ihr Buch „Alice im Männerland“ hinein und paddele so schnell ich kann wieder rüber zur dritten Welle. Denn dort lese ich zum Beispiel in einem Auszug aus „Der kleine Unterschied“, dass die „Sexualpraktik Penetration“ Frauen grundsätzlich unterdrücken würde.
Ich weiß, warum Sie das damals schrieben und es war wichtig, unglaublich wichtig, dass Sie diese Dinge aussprachen, dass Sie die vielen Ehen anprangerten, in denen es so lief. Doch genau weil Sie diese Dinge damals ansprachen, haben sie sich auch geändert! Ich gehe ja sogar mit Ihnen konform, dass es diese Beziehungen immer noch geben mag. Trotzdem empört und verwundert es mich gleichermaßen, dass Sie diese Aussagen immer noch recht uneingeschränkt aufrecht erhalten. Auch als Feministin finde ich so ein wenig Penetration hin und wieder durchaus ansprechend. Ich empfinde es als übergriffig und anmaßend, dass sich irgendjemand heraus nimmt, den Grad meiner Emanzipation und der Gleichberechtigung in meiner Beziehung daran festzumachen, was mir im Bett gefällt! Wenn Männer so etwas machen werden sie – zu Recht – als Sexisten gebrandmarkt.
Es gibt Feministinnen meines Alters die sagen, sie erkennen an, was Alice Schwarzer für die Frauen getan hat, aber die heutige Schwarzer sei ihnen recht egal. Das gelingt mir nicht und das will ich eigentlich auch gar nicht. Immer wieder wird mir bewusst, wie wichtig mir offenbar ein „okay“ von Ihnen zu sein scheint und wie enttäuscht, traurig und sauer ich bin, dass ich dieses okay nicht bekomme.
Gleichzeitig frage ich mich, ob Sie dem Feminismus nicht mehr schaden als nutzen, wenn Sie so zwanghaft irgendwelche Gräben zwischen jungen und alten Feministinnen buddeln. Innerhalb der „Mädchenmannschaft“ zum Beispiel wird man keine zwei Frauen finden, die immer zu jeder Frage die gleiche Meinung haben. Trotzdem oder gerade deswegen arbeiten wir wunderbar zusammen, diskutieren uns die Köpfe heiß, entwickeln uns weiter und schaffen es so, unseren Meinungen mehr Profil und Schärfe zu verleihen. Wir haben auch gar nicht den Anspruch an uns, immer die gleichen Einstellungen zu allem zu haben. Wieso denn auch? Wichtig ist uns die Sache an sich, das Streben nach einer gleichberechtigten, feministischen Gesellschaft. Hier sind wir uns einig, das ist unser gemeinsamer Nenner. Mehr braucht es erstmal nicht.
Bestimmt gehen jüngere Frauen oft idealistischer oder aus Ihrer Sicht vielleicht auch naiver an manche Dinge heran. Auch ich schüttele manchmal den Kopf, wenn eine Feministin meines Alters sagt, es würde sich nun bestimmt alles ändern, schließlich würden alle ihre Freunde auch keine alte Rollenteilung mehr wollen. Ich denke dann an meine Mutter, die all diese Beteuerungen „schon damals“ gehört (und geglaubt) hat und lerne daraus, dass es mit Lippenbekenntnissen nicht getan ist, so lange die Taten dazu fehlen.
Aber sei’s drum, dann sind „wir“ eben ein wenig naiver. Doch sind nicht genau diese Naivität, der Idealismus und die Begeisterung, mit der wir unverdorben an viele Dinge heran gehen, auch eine große Chance? Viele Feministinnen der 70er sind – verständlicherweise – müde. Müde der immer gleichen Diskussionen, der immer gleichen Vorurteile und der immer gleichen dummen Sprüche. Nicht jede hat Ihren langen Atem. Warum sich also nicht freuen, dass es ein paar unverbrauchte Kämpferinnen gibt?
Als ich mit meiner Mutter über all das sprach, über Emma-Artikel, die mich empört hatten, über die Bild-Werbung und darüber, wie Sie nicht müde werden zu beteuern, wie egal Ihnen die jungen Frauen seien und sich aber gleichzeitig auf eine Art und Weise bedroht zu fühlen scheinen, die mich schon wieder lachen lässt, da sagte meine Mutter: „An und für sich sehe ich diese Dinge genauso wie du. Ich habe aber noch eine andere Zeit erlebt und egal, was Alice Schwarzer heute tut und egal, wie oft auch ich mich inzwischen selber über die Emma ärgere, meine Dankbarkeit und Bewunderung für Schwarzer werden wahrscheinlich immer größer sein als all das. Ich kann jedoch den Ärger deiner Generation absolut nachvollziehen und wäre ich so alt wie du, würde es mir wohl auch so gehen.“
Verehrte Frau Schwarzer, Sie sagen, Sie seien „nicht abzusetzen“. Ich muss gestehen, das ist eine der Äußerungen, über die ich am allermeisten gestolpert bin und die wie keine andere etwas über Ihre Selbstwahrnehmung aussagt. Ist der Feminismus ein Verein, dessen Vorsitzende Sie sind? Bin ich da irgendeiner ominösen Sekte bei getreten und weiß nichts davon? Frau Schwarzer, wie selbstherrlich kann man eigentlich sein, dass man sich eine Strömung wie „den Feminismus“ einfach mal komplett unter den Nagel reißt und so tut, als gehöre diese nur einer Person? Und selbst wenn wir den Gedanken mal zu Ende spielen und so tun, als sei „der Feminismus“ von mir aus eine große Firma: Wie patriarchalisch sind denn die Strukturen dieser Firma dann bitte? Wie viel unbegründete Angst scheint die Chefin dieser Firma vor den nachwachsenden Kräften zu haben? Und ganz ehrlich: Wie sehr würden Sie den jungen Frauen dieser Firma raten, entweder gegen die etablierte Führungsriege zu rebellieren oder aber das Weite zu suchen und selber eine kleine Firma aufzumachen?!
Aber all diese Gedanken sind nichts weiter als Spielereien, denn: Der Feminismus ist weder ein Verein, noch eine Firma. Frau Schwarzer, keine Angst, niemand will Sie absetzen! Absetzen kann man Chefs, Staatsoberhäupter, Königinnen, Leute dieser Art. Bei aller Bewunderung: Sie sind nichts davon. Dieser Thron, von dem gestoßen zu werden Sie anscheinend so sehr befürchten, der interessiert die jungen Feministinnen, die zumindest ich kenne doch gar nicht.
Frau Schwarzer, ich werde Ihnen für viele Dinge immer sehr dankbar sein. Sie haben eine Standfestigkeit bewiesen, die mir, die uns jungen Feministinnen nur Vorbild sein kann. Und lange, lange war mir Ihr Segen wichtig. Ich wollte, dass Sie sagen, dass Sie sich freuen, dass junge Frauen sich wieder Feministinnen nennen. Ich nahm wie selbstverständlich an, Sie würden sich für diese jungen Frauen interessieren. Ich habe nie erwartet, dass Sie alles gut heißen würden. Aber in meinem Idealismus habe ich tatsächlich gedacht, Sie würden es begrüßen, dass es wieder Frauen gibt, die „Feministin“ nicht als Schimpfwort begreifen.
Inzwischen habe ich es verstanden. Vor lauter Furcht, Ihr Denkmal könnte bröckeln, trauen Sie sich anscheinend nicht, sich auch nur ein Stückchen zu bewegen. Okay, sei’s drum. Dann machen wir eben unser Ding alleine. Ganz bestimmt nicht gegen Sie. Aber leider auch nicht mit Ihnen.
Herzliche Grüße
Ihre
Anna Berg

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