Zu zögerlich, zu wenig – die Empfehlungen des Ethikrats zu Intersexualität

von Helga

Für den Umgang mit intersexuellen Kindern hat der Deutsche Ethikrat heute seine Empfehlungen (PDF) veröffentlicht. Darunter sind einige gute Ansätze, die die tagesschau auflistet:

Für die künftige Behandlung empfiehlt das Gremium Kompetenzzentren, Betreuungsstellen sowie Aus- und Weiterbildung für medizinisches Personal. Um Entschädigungsansprüche durchzusetzen wird eine Ombudsperson empfohlen. Zudem sollten die Verjährungsfristen für straf- oder zivilrechtliche Ansprüche ausgedehnt werden. Nach Operationen, die die sexuelle Selbstbestimmung verletzt haben, sollten die Fristen bis zum 18. beziehungsweise dem 21. Lebensjahr ausgesetzt werden.

Auch die Überarbeitung der Geschlechtseinträge in Pass und Personalausweis wird angeregt und die Einführung einer dritten Kategorie neben Mann und Frau vorgeschlagen – sollte sich dies durchsetzen, müssten sich die Betroffenen allerdings mit eingetragenen Lebenspartnerschaften zufrieden geben. Damit beginnen auch die Probleme des Berichts. Intersexualität wird weiter pauschal als Krankheit eingestuft, die es bereits bei Babies zu behandeln gilt, so die Zeit.

Geht es nach dem Ethikrat, wird sich an dieser Definitionshoheit von Medizinern und Erziehungsberechtigten jedoch nichts ändern. Zwar heißt es in der Stellungnahme, über solche Eingriffe sollten die Betroffenen grundsätzlich selbst bestimmen. Operationen beispielsweise an Babys hält das Gremium jedoch für vertretbar, wenn sie „aufgrund unabweisbarer Gründe“ für das Kindeswohl „erforderlich“ seien. Welche Gründe das – neben Gefahren für Leib und Leben – sind, bleibt offen.

Weitestgehend unbeachtet bleiben damit die Forderungen von Betroffenenverbänden. Nicht ganz verwunderlich, denn bereits das Aufgreifen des Themas erfolgte mehr als zögerlich, wie zwischengeschlecht.info moniert:

Auch dass der Deutsche Ethikrat nun heute eine Stellungnahme präsentiert, geschah letztlich erst, nachdem sich Betroffene an das UN-Komitee CEDAW wandten und dieses 2009 die Bundesregierung zum Handeln aufforderte. Eine Kritik, die erst letztes Jahr das UN-Komitee gegen Folter erneut bekräftigte. Auch der UN-Menschenrechtsrat wird sich dieses Jahr zum ersten Mal mit diesem Thema befassen. Laut BMBF-finanzierten Studien werden heute noch 90% aller Betroffenen im Kindesalter oft mehrfach irreversibel kosmetisch genitaloperiert.

Trotz der Ansätze, Zweigeschlechtlichkeit in Frage zu stellen, wird die Praxis der „geschlechtszuweisenden“ Operationen faktisch zementiert. Das werde Aktivist_innen empören, befürchtet die Zeit. Zu Recht, wie bereits die Presse­erklärung (PDF) der Internationalen Vereinigung Intersexueller Menschen zeigt.




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 23. Februar 2012 um 19:13 Uhr unter Gewalt, Sex_ualität. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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5 Kommentare

  1. […] “Mann” oder “Frau” in der Geburtsurkunde stehen haben zu müssen. Dazu bloggte Helga bei der Mädchenmannschaft. Die Frage ist im Ergebnis doch die: Welches Interesse besteht […]

  2. Angelika sagt:

    „Damit beginnen auch die Probleme des Berichts. Intersexualität wird weiter pauschal als Krankheit eingestuft“
    ja leider. auch wenn ich keine sog. intersex-aktivistin bin so empört mich auch dies.
    #FAIL@ethikbeirat

    zK/btw, aus aktuellem anlass hat wohl/auch 3sat-nano gestern berichtet. bemerkenswert finde ich den video-beitrag „Inge“ (leider wg. depublizierg. nur noch 6 tage dort) :
    http://www.3sat.de/page/?source=/nano/gesellschaft/160749/index.html

    und gestern bei 3sat-kulturzeit :
    „Die Kinder werden designed, damit sie in diese Gesellschaft passen“, so Lucie Veith. „Ich frage mich, ob diese Gesellschaft das Recht dazu hat.“
    http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/themen/160768/index.html

  3. […] An dieser Stelle wird nicht nur von mir, sondern auch von vielen anderen, die sich mit Gleichberechtigung beschäftigen, auf ‘gefühlte’ und ‘faktische’ Diskriminierung verwiesen. Es ist wirklich schön, wenn es da draußen ganz viele Frauen gibt, die sich gleichberechtigt und nicht-diskriminiert fühlen. Ich wünsche das niemandem und hoffe, dass kein Mensch egal ob männlich, weiblich oder keins von beidem sich jemals so fühlt! Ich als Mitzwanziger-Studierende fühle mich auch nicht jede Sekunde und Minute eines jeden Tages mit jeder Faser meines Körpers benachteiligt. Aber egal wie ich mich fühle, es ist irrelevant, wenn mensch sich die FAKTEN anschaut. Z.B. dass Frauen in Deutschland im Schnitt 23 % weniger verdienen, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Frauen sehr viel öfter von (sexueller) Gewalt betroffen sind, weibliche Olympiateilnehmerinnen anders behandelt werden als männlich oder von Frauen gesellschaftlich erwartet wird, dass sie die Kinder erziehen und/oder den Haushalt schmeißen, ganz zu schweigen von den negativen Reaktion, die immer noch folgen,wenn sich jemand offensichtlich keinem der beiden Geschlechter zu ordnen will/kann. […]