Wilde Mädchen 2008

von Verena

Kat von D. – Unternehmerin

Die Tattoos sind überall. Auf Armen und Beinen, den Handgelenken und Fingern, dem Bauch, am Hals und im Gesicht. Ein paar kleine Sterne zieren sogar die Schläfe. Katherine von Drachenberg, kurz Kat von D., ist Tätowiererin und der einzige Grund, das strunzige Männer-TV DMAX einzuschalten. In ihrer Sendung LA Ink zeigt die Amerikanerin nicht nur, wie sie Rockstars und Normalos den Körper veredelt, sondern auch, was es heißt, sich als Jungunternehmerin zu beweisen.
Sie hat ihren eigenen Tattooshop in Los Angeles, organisiert Tattoo-Conventions und kümmert sich um Freunde und Familie. Gegen letztere musste sie ihren Plan, Tätowiererin zu werden, lange Zeit verteidigen. Dass sie nun damit in ihrem eigenen Laden Geld verdient, zeigt mal wieder, wie sich die Verfolgung der eigenen Wünsche über Hindernisse hinweg auszahlt.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Andrea Ypsilanti – Ausdauer-Spezialistin

Wortbruch – das steht auf Andrea Ypsilantis politischem Grabstein ganz oben. Dabei hatte eigentlich niemand damit gerechnet, dass die SPD-Lady auch nur einen Fingernagelbreit an der Vormachtstellung Roland Kochs in Hessen kratzen könnte. Doch dann machte der ein paar saudumme Bermerkungen über Ausländer und plötzlich schien eine Ministerpräsidentin Ypsilanti gar nicht mehr so unwahrscheinlich. Naja, hätte es dann nicht das Problem der Regierungsbildung unter Duldung der Linken gegeben und jede Menge Häme für eine Politikerin, die eben nicht klein beigibt, wenn der Gegenwind auffrischt.

In der Presse soll die Frage gestellt worden sein, ob Frau Ypsilanti vielleicht so uneinsichtig sei, weil sie eine Frau ist. Eine tolle Überlegung von Deutschlands auiflagenstärkster Tageszeitung. Zum kotzen!

Ok, Andrea Ypsilanti hat sich verkalkuliert und angenommen der Wortbruch ließe sie nur kräftig gegen die Wand laufen, bevor sich dann doch die richtige Tür öffnet. Leider hat ihr die Wand letztlich das Genick gebrochen. Aber sie hat es versucht und sich nicht kleinreden lassen von schlechter Presse, mangelndem Rückhalt in der eigenen Partei und vermutlich auch ihren eigenen Zweifeln.

Haruko –Do-It-Yourself Mut

MySpace ist eine Möglichkeit, sich als Musiker und Künstler zu präsentieren. Nachwuchsbandwettbewerbe eine andere. Auch ohne Bohlen und Co. gibt es in Deutschland zahllose Bandcontests, in denen eine Jury den musikalischen Nachwuchs bewertet. Egal ob von Staat oder Wirtschaft subventioniert, hier hat jeder die Chance, sich vor einem größeren Publikum und Fachleuten zu präsentieren. Schade nur, dass es meistens Jungs sind, die die Gelegenheit zu so einem Wettbewerb wahrnehmen.
Anders Susanne Stanglow alias Haruko. Beim niedersächsischen „Rock in der Region“-Contest schafften es nämlich auch die elfenhaften Gitarrenmelodien der Solistin ins Finale. Dort spielte die Sängerin ganz allein mit ihrer Gitarre zerbrechlich-schön gegen die lautstarken Krachmacher der Konkurrenzbands an. Zwar reichte das nur für den vorletzten Platz, aber sich einfach mal mit den eigenen Songs und der eigenen Idee auf die Bühne zu stellen, die an diesem Abend für ein ganz anderes musikalisches Feld – nämlich Rock – reserviert war, verdient den Wildes-Mädchen-2008-Button!

Lady Bitch Ray – Pussy-Poserin

Nicht nur Charlotte Roche wollte uns in diesem Jahr vom verklemmten Muschikorsett befreien. Auch Lady Bitch Ray betonte auf ihre ganz eigene Weise die Notwendigkeit weiblicher Emanzipation. „Frauen müssen lernen, offen zu ihrer Fotze zu stehen“, tönte die Rapperin bei Schmidt und Pocher und verschreckte damit nicht zum ersten Mal das ARD-Publikum. Bereits bei „Menschen bei Maischberger“ bereicherte sie die Talkrunde verbal um „Titten“ und „Fotzen“. Dass so viel Provokation es überhaupt ins Abendprogramm der Öffentlich-Rechtlichen geschafft hat, könnte an Lady Bitch Rays intellektuellem Hintergrund liegen. Als Reyhan Sahin promoviert die junge Türkin an der Bremer Universität mit einem Stipendium der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Das ermöglicht ihr die Erläuterung des „bilateralen Zeichenmodells“ nach Ferdinand de Saussure genauso wie des von ihr propagierten Vagina Styles.

Trotzdem, irgendwie scheint Lady Bitch Ray nicht als echte Feminstin durch zu gehen. Zu figurbetont die offenherzigen Outfits, zu künstlich die roten Fingernägel. Und dann auch noch ihre Vagina Gesetze, in denen Make-Up und High Heels als mindestens so wichtig aufgezählt werden wie eine fordende Muschi. Und da ist es dann wieder das Vorurteil, Tussen könnten keine Feminstinnen sein.

Leider, leider, leider – denn die Lady will das Wort „bitch“ positiv prägen. Eine „bitch“ sei eine Frau, die weiß, was sie will und sich nimmt, was sie will. Das ist doch ein astreiner feministischer Ansatz. Was den Rest betrifft, nun, wir können nun mal nicht alls gleich aussehen, gleich auftreten und die selben Schwerpunkte setzen. Wenn die eine sich den Arsch unterm Minirock abfrieren will und die andere jeglicher Form von Mode abschwört, so können doch beide einen feministischen Anspruch vefolgen. Mit Lady Bitch Rays „Fotzenpower“ sollen Frauen in ihrer Weiblichkeit bestärkt werden. Sie sollen selbstbewußter werden und Gleichberechtigung einfordern. Vom feministischen Ansatz her zwar ein körperlich stark konzentriertes Feld, aber irgendwo muss man ja nun mal anfangen.

Juno – Coole Teengöre

Schwanger mit 16 – in den meisten Fällen ein Teenager Albtraum. Juno hat uns in diesem Kinojahr gezeigt, wie man trotz dicken Babybauchs die Coole in der Highshool bleibt. Und noch wichtiger: Wie man eigenständig Entscheidungen trifft. Erst Abtreibung, dann nicht, dafür Adoption. Und weil die Adoptiveltern doch nicht so perfekt sind, wie es auf den ersten Blick scheint, entscheidet Juno hier einfach auch noch mal schnell ein paar Grundsätzlichkeiten. Und behält obendrein bei allem eine kesse Lippe.

Auch nicht schlecht die Geschichte der Drehbuchautorin Diablo Cody: Von der Stripperin und Blogerin zur Drehbuchautorin und Oscargewinnerin. Bei der diesjährigen Oscarverleihung wurde „Juno“ nämlich als bestes Drehbuch prämiert.

Johanna Jahnke –Rugbyspielerin

Johanna Jahnke ist Studentin, Mutter, Veganerin und – Rugbyspielerin. Wow! Die Hamburgerin war jahrelang Kapitänin beim Frauenrugbyteam des FC St. Pauli und spielt im Nationalteam. Mit elf Jahren begann sie mit dem Sport, der für Laien mehr nach Raufen als nach Strategie aussieht. Die Rugby-Frauen des FC St. Pauli sind sogar Rekordsieger in der Bundesliga. Zwischen 1995 und 2008 wurde die Mannschaft acht Mal Deutscher Meister.

Beim Rugby kommt es neben Mut auch auf Taktik an. Statt Brutalität ist zwar Härte gefragt, aber eben auch Teamgeist. Und welcher Sport ist nicht vom Wettbewerb geprägt? Und blaue Flecken gibt es beim Ballett auch. In einem Artikel der Hamburger Obdachlosenzeitung „Hinz und Kunzt“ wird beschrieben, wie Rugby früher zur Männlichkeit erziehen sollte. „Doch da Mut, Kraft und ein trainierter Körper schon lange keine rein männlichen Attribute mehr sind, läuft dieses Vorurteil ins Leere“ heißt es dort. Na schön wäre es.

Was dem weiblichen Rugby-Sport noch fehlt ist die Anerkennung abseits des Feldes. Als Sponsoringpartner werden die Frauen kaum beachtet. Wer an Regina Halmich oder die Nationalfußballerinnen denkt, weiß, wie lange es dauert, bis die Öffentlichkeit eine als männlich konotierte Sportart auch mit Frauen verbindet. Die „Deutsche Rugby Frauen Vereinigung“ (DRF) kümmert sich speziell um die Rugbyspielerinnen in Deutschland.




Tags: ,

Eintrag geschrieben: Mittwoch, 31. Dezember 2008 um 9:58 Uhr unter Inspiration. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



Anzeige



2 Kommentare

  1. Sven sagt:

    Kleiner Fehler: Das Stipendium hat Lady Bitch Ray wahrscheinlich von der Rosa-Luxemburg-Stiftung…

  2. Anna sagt:

    @Sven (in Vertretung für Verena): Danke für den Hinweis! Ist verbessert.