Welche Belästigungen aufzeigt, ist die Böse. Klar.

von Charlott

Belästigungen auf der Straße bzw. im öffentlichen Raum und was (in erster Linie ) Frauen tun, um dagegen vorzugehen, ist bei uns immer wieder Thema. Zu letzt schrieben wir über den Dokumentarfilm “Femme de la rue”, der seine Wellen schlug und in verschiedensten Mainstream-Medien diskutiert wurde.

Ebenfalls einen Film drehten jordanische Studentinnen, die alle Teilnehmerinnen eines Seminars zu feministischer Theorie waren. In dem Video werden Frauen gezeigt, die Schilder in die Kamera halten, auf denen Sprüche stehen, die ihnen auf und um den Uni-Campus hinterhergerufen wurden. Seit Juni ist das Video bei Youtube online (auch mit englischen Untertiteln):

Und auch dieses Video schlug Wellen. Es führte schließlich im September zur Entlassung der betreuenden Professorin Rula Quawas, die auch die Dekanin für die Fremdsprachen-Fakultät der Universität Jordaniens gewesen war. Sie hatte das Video und ihre Studentinnen gegenüber der Unileitung verteidigt. Diese behauptet hingegen, dass das Video würde der Reputation der Uni schaden. (Klar. Das Aufzeigen der Belästigungen. Nicht die Belästigungen selbst.)

Doch auch gegen die Entlassung von Rula Quawas formiert(e) sich Widerstand. So wurde beispielsweise der Blog “Supporting Rula Quawas & Academic Freedom” eingerichtet, auf dem Unterstützer_innenbriefe, Stimmen aus den sozialen Medien und Beiträge zu dem Thema gesammelt werden. Dort veröffentlichte auch die Feministin Natalie Yegenian vor fünf Tagen eine Analyse der Geschehnisse. Sie endet den Text an die Unileitung und vorwiegend männlichen Kritiker gerichtet (Orginal Englisch, Übersetzung von mir):

Es ist ironisch wie Leute, die dieses Video verurteilen, nicht aushalten können es anzusehen und es als anstößig bezeichnen aufgrund der Worte, die im Video genutzt werden. Die gute Nachricht: Diese Leute können kontrollieren, wie oft sie dieses Video ansehen. Aber Frauen in Jordanien und auf dem Campus der Universität Jordaniens müssen das ihr Leben lang hören. Wenn du dieses Video nicht ein Mal aushalten kannst, dann solltest du dankbar sein, dass du keine Frau bist, denn offensichtlich wärst du nicht fähig mit dieser anstößigen Sprache jeden Tag umzugehen.

Die Debatte ist mit Sicherheit noch nicht beendet. Erst seit Ende Oktober nimmt sie Fahrt auf und wo im Oktober auf dem Unterstützer_innen-Blog 18 Beiträge veröffentlicht wurden, sind es im November bereits 72!

Danke für den Hinweis auf das Video und die darauf folgende Entlassung an Janina.




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Eintrag geschrieben: Montag, 12. November 2012 um 16:47 Uhr unter Gewalt, Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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2 Kommentare

  1. Janina sagt:

    So schnell werden Wünsche wahr! :-) Toll, dass gleich ein eigener Artikel daraus wurde, vielen Dank fürs Recherchieren! Besonders “toll” ist ja, dass die Uni danach sagte, die Entlassung habe mit ihrem Einsatz nicht das Geringste zu tun. (Beleg verschlampt, muss ich erst wieder finden.) Das ist ja super glaubwürdig…
    Ich werde das jedenfalls mal im Auge behalten, von dieser Frau (und vielleicht ein paar ihrer Studentinnen?) hören wir vielleicht irgendwann noch mal.

  2. [...] Jordanien: Mit einem Video versuchten Studentinnen eines Feminismusseminars an einer Universität in Jordanien auf das enorme Maß an sexuellen Belästigungen in ihrem Alltag aufmerksam zu machen. Die Unileitung fürchtete um den Ruf der Hochschule und entließ die betreuuende Professorin Rula Quawas. Weil die Unileitung nicht die Täter, sondern die Opfer verantwortlichmacht, hagelt es Kritik. [...]