Was der „Stern“ mit einer vollen Kirche zu tun hat

von Anna

Eigentlich ist es mir wirklich zu doof, mich noch über Stern Titelbilder aufzuregen. Weswegen ich zwar am Kiosk doch immer wieder den Kopf darüber schüttele, wie mal wieder egal-welches-Thema mit nackten Brüsten (meistens weiblich), Popos (männlich und weiblich), Bäuchen (ich glaube, eher weiblich) … verknüpft wird, das aber meistens bis ich daheim bin dann auch schon wieder vergessen habe.

So ging es mir auch beim aktuellen Titel, der so aussieht:

alternativer text

Aktuelles Titelblatt des Stern (Bild über stern.de)

Dann las ich aber eben dieses Interview mit Andreas Petzold und Thomas Osterkorn (den beiden Chefredakteuren) in der taz. Da geht es eigentlich um andere Themen, aber auch kurz um besagtes Titelbild und wie das mit dem Selbstverständnis des Stern zusammen geht:

Petzold: […] der Stern ist ein wöchentlich erscheinendes, aktuelles Magazin, das relevante Themen aufgreift. Man kann auch gern sagen: Illustrierte – ich hab überhaupt nichts gegen dieses Wort. Aber die Inhalte von Stern und Bunte sind grundverschieden. Wir konkurrieren mit Focus und Spiegel – auch mit solchen Enthüllungsgeschichten.

Gut, dass Sie selbst auf die aktuelle Ausgabe zu sprechen kommen: Wie passt das Bild einer nackten Frau bei der Selbstbefriedigung, der ein Stethoskop über die Brüste baumelt, zu dem eben formulierten Anspruch?

Petzold: Henri Nannen hat immer gesagt: „Man muss die Kirche erst voll machen und dann predigen.“ Und genau das machen wir. Wenn Sie sich die Inhalte der aktuellen Ausgabe anschauen, ist dem nichts hinzuzufügen. Die fängt an mit einer aktuellen Reportage aus Griechenland, die das bekannte Problem mit einer guten Recherche, einer exzellent geschriebenen Geschichte aufgreift…

… die sich aber nur mit einem kleinen Textankündiger auf dem Titel wiederfindet.

Petzold: Wo ist das Problem? Es geht doch um die Inhalte im Heft.

Aber es muss doch wohl die Frage erlaubt sein, wie Sie diese vorne präsentieren.

Osterkorn: Wir versuchen mit einem durchaus erotischen Bild, das wollen wir gar nicht in Abrede stellen, Interesse zu wecken für ein schwieriges Thema: Vorsorgeuntersuchungen und Früherkennungsdiagnostik. Was bitte will man da sonst zeigen? Eine Darmspiegelung? Ein Titelbild ist ja immer auch ein Werbeplakat für uns.

Und deswegen zeigen Sie so häufig Nackte?

Petzold: Im ganzen Jahr 2009 finden Sie bei 53 Ausgaben nur eine einzige Barbusige auf dem Titel.

Osterkorn: Da sind Sie Opfer Ihres Vorurteils, aber das kennen wir schon. Ich räume ein: In den 80ern war jeder zweite Titel so freizügig. Heute machen wir das höchstens zweimal im Jahr, und es bleibt trotzdem in den Köpfen hängen.

Ich seh die Redaktion des Stern richtig vor mir, wie sie sich seit Stunden die Köpfe heiß reden:

„Leute, der Titel über Früherkennung, also wir haben nur exakt zwei Möglichkeiten, das zu illustrieren: Nackte Frau oder Darmspiegelung. Eine andere Alterntive gibt es nicht. Wir stimmen jetzt einfach ab: Wer ist für die nackte Frau? …“

Lieber Stern, unter diesen Umständen verstehe ich das natürlich, dass Ihr Euch für die Nackte entschieden habt. Ihr hattet wirklich keine andere Wahl!




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Eintrag geschrieben: Dienstag, 9. März 2010 um 14:00 Uhr unter Medienkritik. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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18 Kommentare

  1. Judith sagt:

    Oh je, das Titelbild ist ja echt mal in erster Linie albern.
    Was in aller Welt macht denn die Frau da mit dem Stethoskop während der Selbstbefriedigung? Ist das eine Art Sexspielzeug? Findet sie es irgendwie erregend ihre Lungenfunktion oder ihren Herzschlag zu überprüfen?
    Ist das was die Frau da macht jetzt eine Illustration einer „sinnvollen Untersuchung“ oder einre „überflüssigen“?
    Ist die Message irgendwie „Hey Ladies, ihr dachtet Vorsorgeuntersuchungen sind zeitraubend, verunsichernd und überflüssig. Papperlapapp, das macht fast so viel Spaß wie Sex!“?

    Außerdem scheint mir das Bild auch etwas seltsam gefotoshopped. Der Kopf und die Haare sind irgendwie riesig verglichen mit der Taille. *Das* sieht so nicht ganz gesund aus. Vielleicht wäre da ja tatsächlich eine Vorsorgeuntersuchung fällig.

    Mich würde interessieren, ob wirklich mehr Ausgaben verkauft werden, wenn eine nackte Frau vorne drauf ist. Die Sache mit dem erhofften „Sex Sells“ klappt ja häufig nicht so zuverlässig, wie erwartet.

  2. Ariane sagt:

    Früher kauften ja Männer Schmuddelhefte um so etwas zu sehen, jetzt geht es ganz offiziell, mit dem Wochenmagazin:-)
    Ja, sogar Nippel sichtbar, wäre in den USA nicht möglich (ist hier wohl erlaubt, wenn 50% der Brustwarze verdeckt sind).
    Der Witz ist ja: es geht auf dem Bild gar nicht um eine Vorsorgeuntersuchung, sind eher männliche Krankenschwesterphantasien. Hm, die Frau befriedigit sich selbst? Dann hat sie aber lange Arme:-)
    Ich finde es nur primitiv, so ein Bild zu machen, das rein gar nichts mit dem Thema zu tun hat. Aber blöd sind die nicht, wahrscheinlich verkauft es sich wirklich gut.

    @ Judith
    Man müsste eben die Probe aufs Exempel machen, die Hälfte der Exemplare mit einem Mammographen aufs Titelbild, die andere Hälfte in der Form, südlich des Waldes wird das eine, nördlich das andere Exemplar verkauft und mit den Verkaufszahlen des Sterns der Vorwochen vergleichen.

  3. steve, the pirate sagt:

    Also ich hätte das Bild von der Darmspiegelung genommen:
    Entblößte Damen gibt es doch auf jedem zweiten Magazin. Da hätte sich die Darmspiegelung abgehoben und so hätten sie natürlich deutlich mehr Magazine verkauft. :)

    Was ich nicht verstehe: Geht es um Brustkrebsvorsorgeuntersuchung oder allgemein um Vorsorgeruntersuchung?
    (Bitte sagt das es um Brustkrebsvorsorgeuntersuchung. Dann hätte das Bild wenigstens ein bisschen was mit dem Thema zu tun)

    @Judith: Du hast recht: Die Proportionen stimmen nicht so ganz. Da wurde wohl zuviel gephotoshopt.

  4. Judith sagt:

    Brustkrebsvorsorge? Lustig, auf die Idee wäre ich bei dem Bild als allerletzes gekommen? Mit dem Stethoskop?
    Wenn der Arzt sich mit Hilfe eines Stethoskop auf die Suche nach Karzinomen macht – sofort den Gynäkologen wechseln. Eindeutig Kategorie „überflüssige“ Untersuchung.

  5. steve, the pirate sagt:

    @Judith: Wegen entblößter Brust + Vorsorge = Brustkrebsvorsorge
    Das Stethoskop habe ich als Accessoire gesehen :)

  6. elektrosmog sagt:

    Vielleicht liegt sie leicht verdreht und daher kommen die Proportionen… der Bauchnabel ist nicht in der Mitte sondern ein Stück rechts…

  7. E*phi sagt:

    Ich hab grad wirklich gut gelacht (auch wenn’s natürlich traurig und ein Armutszeugnis ist). Ich muss sagen: Mehr Aufmerksamkeit hätte ihnen bestimmt die Darmspiegelung gebracht :D

  8. Bettina sagt:

    Frau bei der Selbstbefriedigung? da hat der taz-Mensch aber keine Ahnung. Albern isses natürlich trotzdem, das Bild. Stern ist aber auch unteres Nivo. Kauf ich schon lange nicht mehr. Langweilig.

  9. audiofille sagt:

    na also wenns nur darum geht die „kirche voll zu machen“, warum eigentlich nicht mal nen penis auf dem titelbild zeigen?
    schließlich haben männer eine statistisch geringere lebenserwartung u.a. deswegen, weil sie seltener zum arzt gehen, wie wir spätestens seit dem männerkongress wissen. gerade prostata krebs ist im anfangstadion nahezu symptomlos und eine der häufigsten krebserkrankungen unter männern. – da wäre dann auch wieder der bezug zum inhalt, der ja schließlich zählt. *ironie off*

    hab mir beim lesen des interviews heute morgen auch an den kopf fassen müssen. soviel zum thema moral, worum es ja im artikel eigentlich ging.
    mal ganz davon abgesehen, dass ich die dame für ihre prallen brüste und ihre vollen haare bei dem sonst doch recht mageren körperbau beneide.

  10. palü sagt:

    danke für den lacher!
    der ultimative reißer wäre dann wohl eine nacksche frau bei der darmspiegelung gewesen. ich wette, sowas kann man auch erotisch verpacken, und sehr viel absurder kann es eigentlich nicht werden!

  11. palü sagt:

    hm, das foto ist eine neuinterpretation der redewendung „auf sein herz hören“. romantisch und doch zutiefst realistisch. da gibts nichts dran auszusetzen, das ist journalismus auf höchstem niveau.

  12. Suj sagt:

    Es ist verwunderlich, dass es den Stern überhaupt noch gibt.

  13. Pia sagt:

    Die Stern-Titel mit nackten Frauen verkaufen sich besser. So rechtfertigte sich jedenfalls Verwandschaft von mir, die beim Stern am Titel mitarbeitet. Die Verkaufszahlen sind, ist jemand nacktes aufm Titel deutlich höher…

  14. Großartig! So eine Vorsorge scheint ein wunderschönes und intimes Erlebnis zu sein. Warum hat meine Kankenkasse mir noch kein derartig gestaltetes Infomaterial geschickt?

  15. Jules sagt:

    Selbstbefriedigung also? Scheinbar wusste ich also trotz aller Aufgeklärtheit nicht, wie das aussieht. Danke für diese Info.

  16. Kantorka sagt:

    Oh Mann! Offensichtlich gibt es den Frauenkörper im erotikfreien Zusammenhang beim Stern einfach nicht! Es geht nur von innen, oder nackig und sexy (natürlich weiblich)?

  17. Lisa sagt:

    Wenn man sich die Stern Titelbilder der letzten Monate anschaut ( http://www.zeitschriften-cover.de/stern-cover-archiv.html, hoffe das verlinken klappt ;-) ), sticht dieses schon ziemlich hervor. Bis auf eine nackte Schulter und einmal Bauch fast keine Haut auf den Covern.
    Hätte da mit deutlich mehr gerechnet. Da kann man mal sehen wie sich sowas im Gedächtnis (die genannten 80er Titelbilder) festsetzt.

  18. gender-queen sagt:

    Dieses Titelbild würde wohl nie mit Vorsorgeuntersuchungen assoziiert werden, aber die Kritik ist taz-üblich polemisch: Bei nackten Brüsten und genießerischem Gesichtsausdruck von der Darstellung von Selbstbefriedigung auszugehen ist Unsinn (die Hand befindet sich nichtmal im Schritt, aber das weiß der Tazleser -pardon Leserin, Leser soll es ja nicht mehr geben- natürlich nicht). Das Stetoskop baumelt nicht herum sondern wird in Position des Herzens gehalten. Für ihre Klientel verfährt die taz mit den selben Maßstäben: Übertreibung und Unsachlichkeit. IN den Artikeln.