Warum investieren, wenn es Kredite gibt?

von Helga

Unsere Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Ursula von der Leyen hat heute in Berlin das Memorandum „Zeit für Familie“ vorgestellt. Da sie Eltern und Kindern mehr gemeinsame Zeit ermöglichen möchte, soll das Memorandum „neue Impulse für eine nachhaltige Familienpolitik“ setzen. In der Pressemitteilung gibt es zunächst ein wenig Selbstbeweihräucherung, was man bereits alles für die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf getan habe. Doch „Zeit für Familie“ verfolgt noch einen anderen Ansatz:

Das Memorandum „Zeit für Familie“ wurde vom Kompetenzzentrum für Familienbezogene Leistungen beim Bundesfamilienministerium erarbeitet und macht konkrete Vorschläge, wie Eltern und Kindern auch in Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten mehr gemeinsame Zeit ermöglicht werden kann. Denn ob Familien zufrieden sind, hängt – so das Memorandum – vor allem davon ab, ob genügend Zeit für Zuwendung und gemeinsame Aktivitäten zur Verfügung steht.

Bei den Empfehlungen wird zunächst eine Erweiterung der Partnermonate vorgeschlagen. Leider heißt es dazu nur, dass immer mehr Leute das Elterngeld toll fänden. Wie die Erweiterung aussehen soll, wird nicht konkretisiert. Außerdem wird ein „Teilelterngeld“ propagiert. Entgegen des Namens werden die Eltern allerdings nicht geteilt, sondern sollen länger weniger Elterngeld beziehen, wenn sie nebenbei noch Teilzeit arbeiten. Die Idee klingt zwar nett, aber wie bisher werden wohl auch in Zukunft viele Mütter schlechter verdienen als ihr Partner und die Familie nicht auf das höhere Einkommen verzichten können.

Die letzte Idee ist der Familienzeitkredit:

Ein solcher Zeitkredit ist ein zinsgünstiges Darlehen, mit dem vor allem Erwerbstätige vorübergehend aus dem Beruf aussteigen oder die Arbeitszeit verringern können, wenn die familiäre Situation dies erfordert. Vorbild wäre der bereits existierende Bildungskredit.

Wie in der Bildungspolitik wird nun also die Belastung an die weitergegeben, die bereits mit wenig Geld auskommen müssen. In Zeiten einer Finanzkrise, die u.a. durch platzende Hypotheken und Kreditschulden ausgelöst wurde, wirkt es geradezu höhnisch, den Menschen vorzuschlagen, sich für ein erfülltes Leben doch einfach Geld zu borgen. Statt die Investitionen in Betreuungseinrichtungen zu erhöhen, sollen die Mütter (und einige Väter) nun doch zu Haus bleiben. Statt den Druck auf die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber zu erhöhen, familienfreundliche Arbeitsbedingungen zu schaffen, werden die Familien mit Krediten belastet. Am Ende wird das Grundproblem ein weiteres Mal verschärft. Wer aus seinem Job für einige Zeit aussteigt verliert weiter den Anschluss, hat dann im schlimmsten Fall aber noch Schulden bis an sein Lebensende.




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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 3. Juni 2009 um 23:27 Uhr unter Ökonomie. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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6 Kommentare

  1. The Reader sagt:

    Einmal mehr beweißt UvdL, was sie unter lupenreiner Politik versteht. Einfach unfassbar.

  2. hasimausi sagt:

    Naja, Schröder hat halt den innersten Wunsch artikuliert: Doch endlich mal zeigen dürfen, was Klasse ist. Woanders gehts doch auch?

    So ein schöner Euphemismus, „mehr Zeit für die Familie“.

  3. LG sagt:

    Hm, ich hatte einen Bildungskredit. Und da ich weiß, dass Kredite immer dann hervorragend sind, wenn man sie nicht für Luxus ausgibt, sondern in die eigene Zukunft investiert – Kredite sind ja Investitionen, deswegen verstehe ich die Überschrift schon nicht – kann ich dieses Schuldengelaber nicht verstehen. Schulden sind nur dann schlecht, wenn ich sie nicht zurückzahlen kann. Das kommt aber darauf an, was ich damit mache. Vielleicht sollten Mädchen, die eine Mannschaft bilden, auch mal welche die nicht Sozial- Literatur- oder Ernährungswissenschaften studiert haben, sondern von Wirtschaft und Technik was verstehen.

  4. Neeva sagt:

    Ein Bildungskredit ist dafür gedacht, die Vorraussetzungen für die spätere Rückzahlung zu schaffen, indem mit seiner Hilfe ein Studium/eine Ausbildung absolviert und somit ein besser bezahlter Beruf erreicht wird.

    Der Familienzeitkredit wäre lediglich Geld zur Überbrückung der Zeit, die ein Elternteil aus dem Beruf aussteigt. Das bewirkt keine anschließend verbesserten beruflichen Aussichten, eher schlechtere.

    Sieht dein wirtschaftlicher Sachverstand den Unterschied?

  5. Helga sagt:

    @LG: Vielleicht liest Du mal, was die Mädchen, die diese Mannschaft bilden tatsächlich studiert habenl bevor Du was behauptest.

    Außerdem gab es die Debatte, warum welche Studiengänge was an Verdienst bringen, inwieweit das gerechtfertigt ist etc schon diverse Male. Hier ist das Off-Topic.

  6. Marcel sagt:

    „In Zeiten einer Finanzkrise, die u.a. durch platzende Hypotheken und Kreditschulden ausgelöst wurde, wirkt es geradezu höhnisch, den Menschen vorzuschlagen, sich für ein erfülltes Leben doch einfach Geld zu borgen.“

    Das System revidiert sich selbst- ohne sich zu verändern, das ist der Clou an der Sache! Und diese Familienkredite werden dann- analog zu den US-amerikanischen Studentendarlehen- verbrieft, zu CDO’s verarbeitet, aus denen dann nochmals neue Dach-CDO’s werden usw.- und wenn alle Schiss kriegen, dass das Kreditsystem zusammenkracht, emittieren die Finanzmarktteilnehmer halt eben flugs Kreditausfallversicherungen, die sich dann zu einem von den CDO’s völlig unabhängigen Markt entwickeln- das wäre dann die Stunde der CDS. Und zum Schluss, aber ganz zum Schluss steht dann plötzlich irgendeine x-beliebeige Bank- oder ein „Investor“ vor der Haustüre derjenigen, die sich ihr Leben mit billigen Familienkredeiten aufgepeppt haben- und fordert das ganze Geld innert 10 Tagen zurück. So geschehen in den USA bei vielen Häuslebauern… die ursprünglich Kreditgebende Bank war gar nicht mehr auszumachen- nur noch der Käufer des Kredit- und Nervenbündels (CDO)… irgendjemand halt eben.

    Abgesehen von der sozialen Rethorik wird sich insegsamt nichts- und wenn, dann nur die Kosmetik- ändern, darauf würde ich schon fast wetten!

    Die Frage ist nur, ob wir das auch bemerken- und uns entsprechend dagegen auflehnen (wollen)…