Einträge mit dem Tag ‘Liebe’


Barrierearmer Aktivismus, rechte Propaganda zu sexualisierter Gewalt und ein African Feminist Internet – kurz verlinkt

16. Februar 2017 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 340 von 340 der Serie Kurz notiert

deutschsprachige Links

Noch bis Sonntag läuft mit der Berlinale eines der weltweit größten Filmfestivals. Der Tagesspiegel hat zu diesem Anlass unterschiedlichste Zahlen zu Geschlecht in der Filmwelt zusammengetragen und ausgewertet: Wie viele Frauen studieren Regie? Wessen Fime bekommen wieviel Förderung? Werden mehr Filme von Männern oder Frauen in Zeitungen besprochen? Wie werden Neben- und Hintergrundsrollen besetzt? (Wie diese Beispielfragen bereits deutlich machen, bleiben die Zahlen (und auch die Analysen) aber klar in der Zweigeschlechtlichkeit verankert und weitere Differenzkategorien bleiben unbeachtet.)

Der Fall Gina-Lisa ist abgeschlossen – aber Fragen bleiben„, schreibt Sylvia Margret Steinitz beim Stern.

In der Silvesternacht soll in Frankfurt ein „Sex-Mob“ agiert haben – doch diese medial weit verbreitete Geschichte ist nur eines: eine Lüge. AfD Wahrheiten schreibt über die und Verbreitung des Gerüchts/ der Propaganda. der Notwendigkeit von Faktenchecks und Geduld bei Medien-Konsument_innen.

Erinnerung: Noch bis zum 1. März 2017 können Anträge mit Ideen und Pläne für Projekte bei filia.die frauenstiftung eingereicht werden. Die Projekte sollen dazu beitragen, dass Mädchen und junge Fauen frei von Gewalt leben und dass sie in der Gesellschaft mitentscheiden können. Unterstützt werden Projekte mit bis zu 5.000€. Die eingegangenen Anträge werden von den Mädchen und jungen Frauen des Mädchenbeirats gelesen und diskutiert.

pro familia Berlin sucht zum 01. Mai 2017 (die Stelle ist bis zum 30.04.2019 befristet) eine Fachliche Koordinator_in für 20 Wochenstunden für das neue Projekt „Fachinformations- und
Vernetzungsstellen für die qualifizierte Hilfe und Unterstützung von schwangeren, geflüchteten Frauen“.

englischsprachige Links

Romantic Love is Killing Us: Who Takes Care of Us When We Are Single?„, fragt Caleb Luna.

Sechs behinderte Aktivist_innen sprechen bei Autostraddle über die Themen, die sie gerade bewegen, aktivistische Erfahrungen und der Umgang mit Barrieren beim Aktivismus. Außerdem findet sich unter dem Artikel eine Accessible Resistance Resource List.

Irene Kagoya präsentiert bei GenderIT ihre Vorstellungen von einem African Feminist Internet.

„You have a right to exist safely in digital spaces.“, heißt es im DIY guide to feminist cybersecurity, wo es ausführliche Anleitungen und Erklärungen rund um technische Schutzoptionen geht.

Termine in Berlin, Bern, Köln, Stuttgart, Wien

17. Februar in Berlin: Fachgespräch: „Wer hat Angst vor Geschlechterforschung? Strategien für ein Forschungsfeld unter Druck„. Anmeldung bis zum 14.02. über die Webseite.

21. bis 25. Februar in Stuttgart: meccanica feminale findet statt mit einer ganzen Reihe von Kursen, einige gehen einen Tage, andere eine halbe Woche.

4. März in Köln: Ab jetzt ist eine Anmeldung möglich: #body*talk. Rollenbilder, Schönheitsdiktate und Empowerment im Netz.

4. März in Wien: Podiumsdiskussion – Zum Stand feministischer Kämpfe mit Mädchenmannschaftsbeteiligung. (FB-Link)

9. bis 11. März in Bern: CKSTER-Festival zum Thema Gender Hacking.

11. März in Berlin: 7. Barcamp Frauen. Infos findet Ihr hier.

Zur Mitte der Woche versammeln wir hier regelmäßig Links zu wichtigen Analysen, Berichten und interessanten Veranstaltungen. Was habt ihr in der letzten Woche gelesen/ geschrieben? Welcher Text hätte mehr Aufmerksamkeit verdient? Und was für feministische Workshops, Lesungen oder Vorträge stehen in den nächsten Wochen an?


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Vom Trauern und Liebe(n)

19. November 2015 von Sharon

Ich liebe eine Frau, eine Schwester, die nicht mehr am Leben ist.
Sie ist plötzlich und unerwarteterweise im Sommer 2014 verstorben. Es ist immer noch unglaublich. Das ist die Art von Frau; würdest du sie kennen, könntest du es dir auch nicht vorstellen, dass sie nicht mehr lebend unter uns ist.

Ich liebe sie noch, denn die Vorstellung, dass ich diesen Satz im Präteritum formulieren soll, kommt mir immer noch nicht über die Fingerspitzen. Mein Alltag verkrafte ich nur, weil ich ihr Schweigen mir so zurechtgebastelt habe: Sie ist noch da, sie hat nur schon wieder ihre Handy (wie eine andere sehr enge Freundin von ihr das nennt) „zwangsverschenkt“.

Sehr sehr oft seit letztem Sommer hätte ich gern ihren Rat gehabt, ihre tatkräftige Unterstützung oder einfach zusammen mit ihr gelacht. Sie fehlt mir wirklich sehr. Ich glaube, sie hätte mir einiges an Schmerz sparen können. Ich glaube, sie versteht mich wirklich sehr gut – besser eventuell, als ich mich selber besser verstehe.

Nun sehe ich mich mit dem Thema Tod noch einmal konfrontiert. Ja. Wegen der Anschläge. Ja, die in Paris. Ja, ich weiß…

Ich habe alle schlauen Artikel zum Thema gelesen (oder vielleicht nur die meisten). Ich habe selbst kritische Gedanken meinem Sohn gegenüber formuliert, weil er einen französische-Fahne-Filter über sein Profilbild veröffentlicht hat. Die Argumente dagegen leuchten mir wirklich alle ein. Dennoch: ich habe Angst. Er hat Angst. Und wir wissen beide wie es ist, eine Person zu verlieren, die wir lieben. Eine Person, die gegangen ist, ohne dass wir uns von ihr verabschieden konnten.

„Es gibt Leute, die sowas blöd finden. Ich erzähle dir das, weil du sonst immer so kritisch bist,“ sagte ich ihm, als wir zwei Tagen nach den Anschlägen wegen seines Profilbilds telefoniert haben.
„Jetzt ist nicht die Zeit kritisch zu sein, mum“ sagte er. Wir telefonieren weiter. Seine Freunde treffen sich sehr oft. Feiern Parties. Sind ständig unterwegs. Haben neulich einen aus ihrem Freundeskreis in noch ungeklärten Umständen verloren. Sie haben alle Angst. Ein Bombenangriff könnte natürlich auch in Berlin passieren. Sie könnten die nächsten sein. Er will sich solidarisch zeigen. Es geht gerade nicht um Politik und Hashtags, sondern um Trauer und Liebe.

Ja, und ich habe auch Angst. Ständig.

Denn, jedes Mal wenn ich mich von meinen Kindern verabschiede, könnte es das letzte Mal gewesen sein. Und es geht mir nicht erst seit Freitag so. Paris ist aber besonders. Eigentlich nicht, weil Paris näher dran ist. Und nicht, weil es sich um weiße, westliche Opfern geht (was natürlich sowieso nicht ausschließlich der Fall ist), sondern weil die Ereignisse in Paris, die Verhältnisse für uns Schwarze Menschen und People of Color in Deutschland – wieder mal – sehr deutlich machen.

Syrien wird augenblicklich zerbombt. Diese Tatsache ist anscheinend so selbstverständlich, es gibt nicht mal in unseren Medien eine Debatte darüber. Nicht-Christliche Menschen auf der Flucht lassen sich wohl am besten taufen. Menschen, die Hijabs tragen, sollten besser auf U-Bahn Gleisen mit dem Rücken zur Wand stehen. Schwarze Menschen und People of Color – besonders die, die Muslim_innen sind, oder als solche durchgehen könnten, sind gerade in der Klemme, wie ich das sehe. Auf der einen Seite könnten sie genau so Opfer von irgendwelche Terroristen-Attacken in Größstädten werden, wie weiße Menschen auch (so viel ich weiß, gab es letzten Freitag wirklich keine WhatsApp Nachricht von ISIS an in Paris lebende Muslim_innen, die deutlich gemacht hat, sie sollten lieber zu Hause bleiben) und auf der anderen Seite werden wir von AfD- und PEGIDA-Sympantisanten u.a. noch bedrohlicher gemacht, als wir es ohnehin schon vorher gemacht wurden.

Darum denke ich im Stillen darüber nach, was könnte helfen?

Was braucht es, damit Menschen, die aus Syrien flüchten, nicht erst einmal beweisen müssen, dass sie keine Terrorist_innen sind, bevor wir, die in relativer Sicherheit leben, sie mit Empathie und Solidarität begegnen?

Was braucht es, damit Menschen, die schon seit Jahren hier in Lagern leben, oder gegen Residenzpflicht und Abschiebungen kämpfen, auch ein wenig von unserer #Willkommenskultur-Aufmerksamkeit geschenkt bekommen?

Was braucht es, damit ich nicht einfach weghöre, wenn ich antimuslimische Aussagen oder Beleidigungen mitkriege?

Was braucht es, damit wir alle gegenseitig weniger Angst voreinander haben, aber vor allem: weniger Angst vor unserer eigenen Verletzlichkeit, ja unserer eigenen Sterblichkeit, haben?

Ich schließe die Augen und denke an meine Freundin.

Es ist fast einundhalb Jahre her, seitdem ich nur noch mit ihr in Träumen kommuniziere.  Der Schmerz ist noch genauso groß. Ich gehe stark davon aus, dass alle – egal in welcher Stadt sie wohnen – alle, denen eine solche Person fehlen, auch erstmal mit Schmerz beschäftigt sind. Ich weiß, was dieser Schmerz mit mir gemacht hat.

In diesen letzten Monaten hatte ich selbst sehr mit Wut zu tun. Ich bin unsensibel gewesen. Ich habe selbst anderen für mich wichtigen Menschen unrecht getan und weh getan. Und das mehrmals. Es ist schmerzhaft diese Seite von mir zu sehen, zu erkennen und zu akzeptieren. Aber es ist enorm wichtig. Ich weiß, warum ich (gerade) so bin wie ich bin. Und ich weiß, dass es Zeit braucht, damit ich wieder so etwas wie eine Balance finde. Ich schätze es sehr, dass mir diese Zeit geschenkt wird. Ich weiß, dass ich geliebt werde.

Allmählich wird es ein wenig ruhiger um mich herum und in meinem Körper. Ich stelle Verbindungen zu den Ereignissen und den widersprüchlichen Emotionen her. Sie gehören ja alle dazu. Sie sind alle ich.

Ich habe noch immer keine klare Antworten auf meine vielen Fragen. Aber im Ansatz schlage ich vorsichtig vor…vielleicht müssen wir einfach erstmal still sein. Und vielleicht brauchen wir einfach Zeit zum Trauern. Und einander, und uns selber, bedingungslos zu lieben.


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Lesbisch_queere Bücherwelten: aktivistisch altern, lesbisch lieben – und einen Entführungsfall lösen

2. September 2015 von Julia
Dieser Text ist Teil 107 von 125 der Serie Die Feministische Bibliothek

Reichhaltig. Wenn ich nur einen Begriff hätte, um Anne Bax’ Roman HerzKammerSpiel, zu beschreiben, wäre es dieser. Er ist Liebesgeschichte und Krimi in einem und mehr als das; er ist spannend, lustig und ernst zugleich.

DAnne-Bax-HerzKammerSpiela ist einmal die Liebesgeschichte zwischen Charlotte und Irene, ganz neu und doch schon auf dem Wege, sich zu verkomplizieren. Charlottes Ex spielt dabei eine Rolle, ein Unbekannter, der sich Schlager hörend in fremden Häusern herumtreibt, und vor allem der Mangel an Mitteilungsfreudigkeit auf beiden Seiten, der zu Missverständnissen und Misstrauen führt.

Dann ist da der „harte Kern“, so nennt sich ein Freundinnenkreis im Rentenalter, an dem auch Charlottes Mutter, Luise, beteiligt ist. Die internetaffine Gruppe mischt Gemeindeveranstaltungen auf, treibt sich in sozialen Netzwerken im Internet herum, plant eine kollektives Wohnprojekt, gibt Tipps in Liebesdingen – und löst einen Entführungsfall. Im Alleingang versteht sich. Und dann wäre da noch eine zweite Liebesgeschichte: jene zwischen Rose-Lotte, die zum harte Kern gehört, und Edda. Die beiden lernen sich auf dem Friedhof kennen, wo Eddas verstorbene Partnerin begraben liegt.

Die Geschichte um den „harten Kern“ ist wunderbar komisch, etwa, wenn die eingeschworene Gruppe sich aufmacht, einem homofeindlichen Hassprediger die Show zu stehlen. Klischees zum Thema Alter tauchen auf – um gebrochen zu werden: etwa, wenn die beliebten Kaffekränzchen zum Austausch von Kuchenrezepten, aber eben auch zum körperlichen Training für politische Aktionen, zur Koordinierung in Sachen Verbrechensbekämpfung oder zur Planung des gemeinsamen Wohnprojektes genutzt werden. Der Krimi wird im Laufe der Geschichte zum spannenden Thriller. Originellerweise mutiert dabei das Hetero-Kleinfamilien-Ideal zur Horrorshow (mehr kann nicht verraten werden). Die beiden lesbischen Liebesgeschichten sind berührend, mit Dialogen, die realistisch sind und ungestelzt.

Mit der Frauengruppe im Rentenalter schuf die Autorin zudem eine schöne Vision des Alterns: ein Freundinnenkreis, der zusammenhält und Unterstützung bietet; gemeinsames Wohnen; politische Aktivitäten; und selbstverständliches lesbisches L(i)eben. Bei allem Witz werden dabei auch schwere Themen berührt. Beeindruckt hat mich, wie das Thema Tod und Trauern – in Zusammenhang mit Eddas verstorbener Partnerin – Eingang in die Erzählung gefunden hat: mit einer angenehmen Selbstverständlichkeit, ernsthaft und würdevoll, und doch auch mit Humor.


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Biologistische Spiri-Szenen, besorgte Eltern, brechende Herzen – die Blogschau

13. Juni 2015 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 280 von 295 der Serie Die Blogschau

Über den Ausschluss von trans Personen und nervige Biologismen in spirituellen Frauen-Szenen schreibt Wurzelfrau.

Was für reaktionärer Quark dabei rauskommen kann, wenn jegliche Kritik unter „Hetze“ und Hate Speech verbucht wird, beschreibt A++ Ranting am Beispiel der Autorin Ronja von Rönne.

alsmenschverkleidet legt dar, um wen und was sich „besorgte Eltern“ wirklich sorgen und wen sogenannten Lebensschützer gar nicht schützen.

Afrogermanrebel erklärt, wie deutsch sein und Schwarz sein (nicht) mit einander in Verbindung gebracht werden und wie Rassetheorien dafür die Basis bilden.

Bei und mit Schwarzrund gibt es ein Video-Interview zu diversen bipolaren Perspektiven auf Kinderbücher.

Diaspora Reflektionen schreibt über Konflikte innerhalb (aktivistischer) Communities und die schmerzhafte Art, wie diese manchmal ausgetragen werden.

Salma schrieb auf Multidoze ein Gedicht über Risse, Scherben und Heilung.

Habt ihr diese Woche etwas geschrieben, gezeichnet oder aufgenommen, das hier nicht verlinkt wurde? Kennen wir eure tolle Webseite/tollen Blog etwa noch gar nicht? Dann ab damit in die Kommentare. Regelmäßig verlinken wir Text_Wissens_Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum.


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Blau ist eine warme Farbe

23. April 2014 von Magda
Dieser Text ist Teil 78 von 125 der Serie Die Feministische Bibliothek

Eine Begegnung, ein Lächeln – um die Schülerin Clementine ist es geschehen. Doch wer eine kitschige Liebes­geschichte mit flatternden rosa Herzen erwartet, wird von „Blau ist eine warme Farbe“ auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

blau ist eine warme farbe

Die Graphic Novel der französischen Zeichnerin Julie Maroh ist düster und beklemmend. Nur ab und zu sticht das Blau durch die sonst farblich gedeckten Zeichnungen – die blauen Haare von Emma, das blaue Tage­buch von Clementine. Die Kunst­studentin Emma wird zu Clementines großer, einziger Liebe; die Tage­buch­einträge führen durch ihre Geschichte, die rück­blickend erzählt wird. Als Emma am Anfang der Erzählung Clementines Tage­buch in der Hand hält, sind bereits viele Jahre seit der ersten Begegnung ver­gangen und Clementine bereits gestorben.

Das Original „Le Bleu est une couleur chaude“ wurde 2010 ver­öffentlicht und seitdem in elf Sprachen übersetzt. Es ist eine einfühlsame, ehrliche Erzählung über zwei junge Frauen, die ohne beschönigende Schnörkel auskommt: Unsicher­heiten, Verzweiflung, kurze Momente des Glücks, Verletzungen, Erwachsen­werden und Homofeindlichkeit. Im Mittelpunkt steht der Alltag junger Menschen, die jenseits von hetero begehren, inklusive der harten Realität des Verstoßen­werdens von den eigenen Eltern, Mobbing in der Schule. Aber da sind auch die wichtigen Momente des Zusammen­halts, der Freund­schaft.

Ich habe die englisch­sprachige Version des Buches in wenigen Stunden verschlungen. Es ist ein bedrückendes Buch, weil der Tod und der Schmerz so dominieren. Aber es berührt, gerade weil Zuneigung in diesem Buch so komplex, so ehrlich beschrieben wird.

Die Graphic Novel unterscheidet sich im übrigen sehr vom gleich­namigen Film, der im letzten Jahr in Cannes die goldene Palme gewann. Julie Maroh, die in ihrem knapp 160-seitigem Werk nur auf wenigen Seiten explizite sexuelle Handlungen darstellt, kritisiert auf ihrem Blog die heteronormative Ästhetik der wohl an ein hetero-Publikum gerichteten langen und ausgiebigen lesbischen Sex­szenen im Film.


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Ein Hoch auf die Introvertierten – „Liebe mich, weil“

9. April 2014 von Jayrôme

Jayrôme C. Robinet ist freier Autor und Spoken Word-Künstler. Gender fluid mit Variationshintergrund, weiß, wird in Deutschland meistens als Person of Color gelesen, Akademiker aus einer bildungsbürgertumsfernen Familie und besitzt die französische Staatsbürgerschaft. Im Mai leitet er eine Workshopreihe für queere LSBT*I* zu Spoken Word bei xartsplitta. Für mehr Infos: contact@xartsplitta.net. Auf Jayrômes Blog veröffentlicht er Gedichte, Analysen und Gedanken in schriftlicher und audio_visueller Form in französischer, deutscher und englischer Sprache. Darunter auch nachfolgendes Gedicht, das wir mit seiner Genehmigung hier zweitveröffentlichen und mit ihm gemeinsam zusätzlich ins Deutsche übersetzt haben.

a tribute to introverts – „love me because“

sometimes I’m afraid
someone could
like me
I’m afraid someone could like me
because
just because
they’d see me as exotic
a curiosity
an exciting novelty

this girl, telling her homies she’s dating a transperson
maybe in order to make her life sound more interesting?

this girl, thinking of herself as “open-minded“
yes, “so open-minded she can even date me“
is actually not a compliment

this girl, outing me as trans’ to the world
because she’s sooo queer she does NOT want to be seen as straight
I understand… but which space is left for me?

this girl so fucking loving the fact I’m trans – in public
in fact in private she’s bothered
bothered because I’m not behaving the way she expects or wants me to
bothered because I’m too masculine and not masculine enough
bothered because I grew up believing there’s something wrong with me
therefore I would need time
I’d need time
sometimes I’m afraid someone could
dislike me
just because
I am

sometimes I’m afraid someone could like me
because
just because
I’m french

so „charming“
so „cute“

this guy, smiling at my mispronunciation
„so cute“

those people, charmed whenever I create my own idioms:
– well, in my opinion european immigration politic and death sentence are as like as two drops of water –
„so cute!“

this woman, delighted when she gets to know:
“you’re from France? oh my god, that’s fantastic!!”
as if I had just given her the formulation of a cancer vaccine
please learn this:
France is a mosquito
France is a mosquito that thinks it is an ant
France is a mosquito-ant sucking blood, oil and gold 40 times its own weight
a bug confusing its bugs colony and colonialism
a stupid bug that some day may die of colon cancer
and I don’t have the formulation against it

sometimes I’m afraid someone could love me
just because
I’m sexy
it may sound like a joke
or a luxury problem
and in fact I guess it is
but I do not want to be dated for the way I look, period
I’m on the fence between finally feeling good
longing to dress up and work out to balance my mood and
wishing to hide so nobody can get attracted to me because of my appearance

sometimes I’m afraid someone loves me and it has nothing to do with ME

sometimes I’m afraid when someone loves me
sometimes I’m afraid someone loves me
sometimes I’m afraid
you
wouldn’t love me
I’m afraid you wouldn’t love me
if you’d meet up deep inside the inner me

therefore
if one day you feel like wanting to love me
please know that sometimes I cross the street in order to avoid making small talk
even if three years ago I attended a small talk class at an adult evening center
because I thought there was something wrong with my social skills
please know that most of the time when I arrive at a party the first thing I want to do is
leave
would you mind going over to my place and being quiet together?
let’s lay down on my bed and play Scrabble all night
or I could read my fav book while you’re playing video games?
ooh… can I watch you play video games, please?

if one day you feel like wanting to love me
please know that I need time to trust
please know that it takes quite long for me to make decisions
please know that sometimes I can even be an extrovert
plus, that I’m prone to sadness and anxiety
believe me, I’m funnier online

if anytimes you feel like wanting to love me
first I have to confess
that the first time you called me
I was home
but I couldn’t pick up the phone
my phone was ringing in my hand and I was starring at your name on the display and I was overwhelmed with happiness oh my god I couldn’t believe that YOU were calling ME and Jesus I was so NOT prepared to chat with you

I would like you to know that sometimes I feel peace a whole week just because I’ve received a single email of you
it happened three times that after reading your message I felt so blessed that I cried
so deep inside I decided to redefine the meaning of tears
see, every time I see you I want to write you

if you feel like one day you want to love me
please know that I will never kiss you
I will never kiss you
first
I will never kiss you
the first time
without asking
and perhaps the second time neither
I want you to know that I know we’re both shy and afraid
and that’s ok

if anytimes you want to feel like loving me
I would love you to know what a mess I can be
how moody and stupid I can get
how hard I am sometimes to handle
and I would love you to love me for those reasons
I would love you to love me
just for those reasons

I would love you to love me
because of the way I speak
to you
because of that very specific tone of my voice
when I speak to you

but please know that I may open your kitchen cupboard and won’t be able to find the granulated sugar box even if it’s right up in front of my eyes

therefore
if anytimes you feel like wanting to love me
if anytimes you want to feel like loving me
I’d love to give you what you deserve
making you happy in ways you didn’t expect nor ask for
and it’s ok if you don’t know how to respond
if you love me
please do
please do so because you want to see me grow
please do so because you want to see us grow
but first
please
let me worship you
exactly the way you are

if one day you feel like wanting to love me
if one day you feel like loving me
please do
for the purpose of nurturing our spiritual growth
yours and mine
mine and yours
but first
please
first
let’s keep loving each other
exactly the way we are

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Hat jemand „Knutschverbot“ gesagt?! – Critical Hetness 101

8. April 2013 von Anna-Sarah

Im folgenden Text wird viel von Hetero-Pärchen die Rede sein. Paar heißt in diesem Fall: zwei Menschen, die in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten mit einander austauschen.  Es geht um Menschen, die in der Regel jeweils als weiblich und männlich gelesen werden und sich selbst auch so verorten, und von denen widerum vor allem um jene, die keine Sanktionen und kein Othering erfahren, wenn sie sich außerhalb des eigenen Privatbereichs als Paar zeigen. Dass diese Menschen individuelle Geschichten haben können, in denen (nicht nur gegendertes, sondern z.B auch rassifiziertes) Gelesenwerden, Passing und Selbstverortung keine unhinterfragten Selbstverständlichkeiten darstellen, bleibt bei einer solchen Einordnung schwierigerweise außen vor. Der Widerspruch, dass für individuelle Personen angesichts eigener biografischer Erfahrungen das öffentliche Paar-Sein ein Akt des widerständigen Empowerments sein kann, nach außen aber trotzdem auch oder vor allem als normbestätigend wirkt, lässt sich wohl unter den gegebenen Bedingungen nicht auflösen.

Die Perspektive, mit der ich selbst mich auskenne und von der aus dieser Text geschrieben ist, ist allerdings die einer Person, die es zeitlebens ganz überwiegend als selbstverständlich erlebt hat, ihr Begehren auch in die Öffentlichkeit tragen zu können, ohne dass darauf  über den üblichen Sexismus hinaus merkbar reagiert würde – weder mit spezieller Neugier, die sich in distanzlos-übergriffigem „Interesse“ äußert, noch mit Kommentaren (seien sie abwertend oder vermeintlich anerkennend), noch mit verbalen oder körperlichen Angriffen. Dieses default setting gilt hierzulande für viele Menschen. An diese, an euch, richtet sich dieser Text.

Nachdem ich begonnen hatte ihn zu schreiben, stieß ich auf diesen Blogeintrag und musste feststellen, dass der Titel, den ich für meinen Text spontan ersonnen hatte, quasi 1:1 schonmal da war und der  Begriff  „Critical Hetness“, eine augenzwinkernde Anspielung an Critical Whiteness, offensichtlich nicht erst in einer informellen Konversation zwischen Mädchenmannschafstsautorinnen das Licht der Welt erblickt hat. Ich lass das jetzt aber so, weil ich die Begrifflichkeiten einfach passend finde, und danke Sanczny für die uns beiden unbewusste Inspiration :)

Die eigene Praxis zu reflektieren und gar zu ändern ist immer schwieriger als abstrakt „gegen Sexismus“ oder „gegen Homophobie“ zu sein – geschenkt. Wie schwer es auch innerhalb von Zusammenhängen ist, die sich selbst als progressiv, „links“, als explizit anti*istisch verorten, wurde kürzlich wieder anhand der neu entflammten Online-Debatte um fiktive „Knutschverbote“ deutlich. (Ob und wie in anderen Zusammenhängen darüber gesprochen wird, ist mir erstmal egal, da diese Kontexte für mich keinen Bezugsrahmen darstellen.)

Was war los? In verschiedenen Blogposts und Twitterkommentaren hatten vor allem Menschen, die nicht hetero begehren und_oder leben  – nein, keine Knutschverbote verhängt. Wie könnten sie das auch tun, wie sollten sie ein solches Verbot gar durchsetzen [CW: rassistische Begriffe ausgeschrieben]? Nein, um Verbote ging es nie, und etwas nicht toll zu finden ist nicht das gleiche wie etwas zu verbieten: Sie haben sich darüber geäußert, dass das Unterlassen von Hetero-Pärchenperformances ein solidarischer Akt sein kann.  Zur Paar-Performance gehören jene Handlungen, die – auch unbewusst, ganz unbeabsichtigt und nebenbei – dafür sorgen, dass bei anderen der Eindruck „Aha, ein Pärchen“ entsteht, also Küssen, Händchenhalten u.ä., egal wie gut die Beteiligten einander kennen oder ob und wie sie eine Beziehung zwischen sich definieren.

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Nice Guy. Oder wie das Patriarchat unsere Beziehungs- und Begehrensformen einschränkt

12. Januar 2012 von Nadine
Dieser Text ist Teil 40 von 59 der Serie Meine Meinung

Was mich an Nice Guy, Friendzone und Pick-Up extrem nervt (neben der patriarchalen Anspruchshaltung, eine Frau* habe irgendwie die Bedürfnisse eines Typen zu befriedigen – wie auch immer sich diese Bedürfnisse artikulieren), ist der heterosexistische und androzentrische Gehalt an der Sache.

Offenbar kommt es vielen Typen nicht in den Sinn, dass es Menschen gibt, die einfach wenig mit Typen anfangen können, sie nicht begehren, sexuell attraktiv finden oder sonst wie mit ihnen sozial interagieren wollen. Das mag verschiedene Gründe haben (Gewalterfahrungen, Formulierung eigener autonomer Sexualität – Bisexualität, Asexualität, Homosexualität, Unlust, lieber Masturbation statt Körperlichkeit mit einem Typen) und diese werden einfach negiert. Stattdessen liegt der Fokus auf dem armen Mann, der keine Frau abbekommt.

Die meisten Menschen kennen das Gefühl, einen anderen Menschen zu begehren (muss ja nicht immer sexuell sein) und dieses Begehren nicht erwidert zu bekommen. Ich habe in meiner Jugendzeit ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich habe mich schlecht und ungeliebt gefühlt, ich wurde depressiv (mag sicherlich auch mit anderen Faktoren zusammengehangen haben), zog mich zurück, ich entwickelte Hass und Wut (manchmal sogar Aggressionen) gegen die Person, die mich nicht wollte und stattdessen lieber mit diesem Vollpfosten durch die Gegend zog, der sie zudem schlecht behandelte. Ich wurde sogar von diesen Vollpfosten verspottet. Ich kenne also die Gedanken- und Gefühlswelt eines „Nice Guys“, obwohl ich eine Frau bin. Für viele der Macker, Sexisten und Machos unter den sogenannten Nice Guys mag das vielleicht nicht vorstellbar sein. Dass es außer ihrer egozentrischen und selbstverliebten Perspektive noch andere Erfahrungswelten gibt.

Ich denke, dass wir durch diese Erfahrungen lernen (können), wie sich partnerschaftliche, romantische Beziehungen, Liebe und Sex, Freund_innenschaften artikulieren können und dass zu einer erfüllten Beziehung zu einem oder mehreren Menschen (egal wie diese aussiehen) noch mehr gehört als Befriedigung eigener Bedürfnisse. Diese Erfahrungen sind kostbar, denn sie machen uns zu sozialen Wesen (selbst, wenn wir uns selbst als „beziehungsunfähig“, „asozial“ oder „inkompetent“ labeln).

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