Einträge mit dem Tag ‘Leistungsgesellschaft’


Was Hillary Clintons Gesundheitszustand mit deinen Krankentagen zu tun hat

13. September 2016 von Charlott

Sonntag. Es ist warm in New York. Hillary Clinton befindet sich auf einer Gedenkveranstaltung zum 11. September. Sie verlässt diese frühzeitig. Wenige Zeit später ist überall ein Video zu sehen, wie Clinton kurz vorm Einsteigen in ein Auto zusammen sackt und gestützt wird. Eien Frage, die unverholen in den Raum geworfen wird: Kann Clinton überhaupt Präsidentin werden, wenn sie doch so offensichtlich (gesundheitliche) Schwäche zeigt?

Hillary Clintons Gesundheitszustand ist nicht erst seit Samstag Thema, bereits seit längerem brodelt die Gerüchteküche ihrer politischen Gegner_innen und Diagnose nach Diagnose wird in den Topf geworfen. Die Episode am Wochenende aber ließ diese Debatten erneut aufflammen – nicht nur auf rechten Nischen-Blogs oder einer neuen Trump-Rede, sondern unter einem weit verbreiteten Hashtag und in den landesweiten Tagesmedien. Auch deutschsprachige Medien halten nicht zurück, berichten von einem „Malheur“ und finden die Spekulationen verständlich, da es in New York warm aber doch nicht „tropisch heiß“ gewesen wäre.

Eine Frage, die nicht gestellt wird: Warum ist der Gesundheitszustand überhaupt so ein Politikum? Die Antwort auf diese Frage nämlich betrifft bei weitem nicht nur eine Hillary Clinton oder andere Politiker_innen, die sich auf Machtpositionen bewerben, sondern rüttelt an grundsätzlichen Vorstellungen. Eine Antwort auf diese Frage könnte auch den Blick dafür öffnen, dass während viele Menschen voller Verve darüber diskutieren, wie krank der Körper von Politiker_innen sein darf, bei anderen Menschen an der Seitenlinie sich die Bauchschmerzen verstärken (oder auch Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, das Schwindelgefühl).

Präsident_innen sollen ein Land führen und gleichzeitig repräsentieren – nach innen und nach außen. Eigenschaften, die dafür als positiv besetzt gelten: durchsetzungsstark, viril, kraftvoll, leistungsfähig, jederzeit einsatzbereit. Das alles ist schon besonders schwer zu verkörpern für Frauen, ein gesunder Körper aber (und was genau gesund ist, wäre einen weiteren Artikel wert) ist in jedem Fall dafür Voraussetzung. Gesund sein wird gleichgesetzt mit Leistungsfähigkeit; Leistungsfähigkeit (zu dem noch oft gleichgesetzt mit Leistungswillen) ist eine Grundqualifikation. Und das gilt eben bei weitem nicht nur für Präsidentschaftskandidat_innen, sondern zum Beispiel auch für Arbeitnehmer_innen, die nicht zu viele Krankentage nehmen wollen oder Menschen mit Kinderwunsch und körperlichen Einschränkungen, denen nahe gelegt wird keine Kinder zu bekommen, da sie als „zu schwach“, „zu anfällig“ wahrgenommen werden. Ohne gesunden Körper lässt sich so ein Wettlauf in unserer Leistungsgesellschaft kaum (langfristig) gewinnen.

Diese Prämissen sind so fest etabliert, dass eben die Frage danach, ob der Gesundheitsstatus einer Präsidentschaftskandidatin genutzt werden sollte, um über ihre Fähigkeit das Amt auszuüben zu diskutieren, gar nicht erst gestellt wird und weiterreichende Fragen, wie jene danach, was überhaupt wünschenswerte Eigenschaften sind und wodran Leistung fest gemacht wird, noch viel weniger. (Und auch Clintons Kampagne wirft diese Fragen nicht wirklich auf, sondern Clinton zeigt sich stattdessen schnellstmöglichst wieder fröhlich in der Öffentlichkeit und macht deutlich, dass es ihr blendend geht.)

Die Debatte macht wieder einmal deutlich, gesunde Körper sind die anzustrebende Norm (was um so absurder scheint, um so länger eine_r darüber nachdenkt, könnte doch jede Person jederzeit erkranken, egal was healthy lifestyle Gurus uns versuchen weiszumachen). Gesunde Körper sind nicht nur gesund, sondern gelten als fähig und gut. Die neoliberale Leistungsgesellschaft hingegen muss sich mal wieder keine unbequemen Fragen stellen lassen.


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Feminist Fun Friday: Die „Reiche Leute sind auch arm dran!“-Edition

16. Januar 2015 von der Mädchenmannschaft
Dieser Text ist Teil 10 von 14 der Serie Feminist Fun Friday

Manche Dinge kann Geld nicht kaufen. Was Mastercard schon lange weiss, beklagt nun auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) in einem gestrigen Artikel, der uns „Robert Neunkirch“ (ein Pseudonym) vorstellt, einen „Spitzenverdiener,“ der es doch nie aus dem „guten Vorort von Frankfurt“ rein in die Millionenvillen des Taunus schaffen wird. Ab wann ist man reich?, fragt die FAZ, und sie und Neunkirch resümieren gleich, dass 10.000 Euro brutto im Monat schon nicht schlecht sind, da aber noch viel Luft nach oben bleibt, schließlich trifft uns dieser Kapitalismus letztlich ja alle. Neunkirch ist kein Bootsbesitzer und geht auch nicht jedes Jahr Skifahren, aber Steuern müssen er und andere trotzdem zahlen – es ist wie ein Fluch, der sich über Besserverdiener_innen gelegt hat.

Dass 60 Prozent des Vermögens in Deutschland auf zehn Prozent der Bevölkerung versammelt ist, bleibt bei solchen Qualen natürlich Nebensache. Der Artikel entlarvt den „Durch harte Arbeit zum_zur Millionär_in werden kann jede_r!“-Mythos einer vermeintlichen „Leistungsgesellschaft“, und doch wird Neunkirch, stellvertretend für gutverdienende (aber nicht tatsächlich speerspitzenverdienende, menno…) Menschen, als ein hart getroffenes Opfer des Systems und als eigentlich wohlmeinender Sündenbock für missgünstige, da ärmere Menschen dargestellt, als das schwer gegängelte Fundament der Gesellschaft. Kapitalismuskritik? Fehlanzeige. Wenn, dann ein Hauch von „schaffendem“ gegen „raffendes“ Kapital, dem latent antisemitischen Argumentationsmuster derjenigen, die Kapitalismus dann kritisch sehen, wenn sie selbst zu wenig erben; wenn sie dann doch nicht bei dem einen Prozent, dem wiederum fast ein Viertel des Gesamtvermögens gehört, dabei sind.

Die Einkommensschere, Hartz-4-Reformen und Ausbreitung des Niedriglohnsektors, Mindestlohn-Ausnahmen, Gender Pay Gap, Quotendiskussionen, besondere Armutsrisiken für Alleinerziehende und der Fakt, dass Asylbewerber_innen bis vor zwei Jahren 225 Euro pro Monat zum Leben zur Verfügung stand, müssen fast gänzlich unerwähnt bleiben in dieser Selbstmitleidsinszenierung einer weißen, deutschen Oberschicht, die keine Yacht besitzt. Natürlich ganz zu schweigen davon, dass man nicht umsonst zum Beispiel zwischen absoluter und relativer Armut unterscheidet und das wiederum Beschwerden über mäßigen bis großen (aber eben tragischerweise nicht größten) Reichtum in Relation setzt.

Trotz der harten Verhältnisse „gönnt“ sich Neunkirch aber auch mal was, sagt er – das beruhigt uns. Wir gönnen es ihm. Und uns gönnen wir eine bebilderte Kommentierung der schönsten Blüten dieses Artikels. Immerhin.

[Übrigens: Falls der Feminist Fun Friday bei euch GIF-Alarm auslöst, findet ihr hier eine Anleitung, um diese zu deaktivieren.]

„Seit Robert  Neunkirch weiß, dass er reich ist, schläft er schlecht. Nachts hört er  es manchmal knacksen im Haus, als stiege ein Einbrecher durchs Fenster  ein. Er streitet sich fast täglich mit seiner Frau, weil sie eine Sauna  im Keller will, er das aber für Geldverschwendung hält. Früher, sagt  Robert Neunkirch, war er eigentlich ganz entspannt. Dann kam vor drei  Jahren mit der neuen Stelle eine Gehaltserhöhung, und seitdem ist  Neunkirch reich, zumindest auf dem Papier.“

     

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