Einträge mit dem Tag ‘Doris Lessing’


Diese Woche in den Blogs

24. Oktober 2009 von Magda
Dieser Text ist Teil 2 von 158 der Serie Genderissimi: Die Blogschau

Zuerst einmal: Happy Birthday, liebe Missy!

Ein stolzes Jahr wurde sie gestern – auf das nächste Jahr (und die vielen darauf folgenden!)
Titelbild des Missy-Magazines auf einem Tisch

Gebloggt wurde diese Woche zu folgenden Themen:

Auf queernews macht man sich Gedanken wie eine neue gay online community aussehen könnte. Dazu gibt es hier eine Umfrage.

Außerdem gibt es zwei erfreuliche Nachrichten zur Stärkung der Rechte Homosexueller bzw. gleichgeschlechtlicher Partnerschaften aus Deutschland und den USA zu berichten:
Ebenfalls auf queernews wird der gerade veröffentlichte Beschluß des Bundesverfassungsgerichts freudig kommentiert. Danach muss die Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL) hinterbliebenen LebenspartnerInnen dieselbe Hinterbliebenenrente gewähren wie hinterbliebenen EhegattInnen. Wie diestandard.at schrieb, weitete der US-Kongress diese Woche das Anti-Diskriminierungsgesetz auf Homosexuelle aus – neben Hautfarbe, Staatsangehörigkeit oder der religiösen Zugehörigkeit können nun homophob motivierte Übergriffe als so genannte Hassverbrechen (hate crimes) systematisch verfolgt und bestraft werden.

Wie der mädchenblog berichtete, zieht sich die türkischstämmige Autorin und Rechtsanwältin Seyran Ateş nach wiederholten Morddrohungen komplett aus der Öffentlichkeit zurück.

Auf zwischengeschlecht.info fordert man die GesetzgeberInnen auf,

Massnahmen zur sofortigen Beendigung aller Zwangseingriffe an Zwittern, Aufhebung/Verlängerung der Verjährungsfristen und Bestrafung aller TäterInnen

durchzuführen, um die Grundrechte von Zwittern auf körperliche Unversehrtheit zu sichern.

Antje Schrupp widmet sich in dieser Woche dem Thema Bedürftigkeit und konstatiert:

Nur wenn wir Bedürftigkeit und Fürsorge als „normalen“ menschlichen Zustand begreifen, werden wir auch das Rechts- und Sozialsystem so einrichten, dass niemand dabei auf der Strecke bleibt.

Dafür hat sie Michaela Moser, Vizepräsidentin des Europäischen Armutsnetzwerks, interviewt:

Vorzeige-Feministin der Woche ist Nicole Kidman: diestandard.at berichtete, dass sich die Schauspielerin und Sonderbotschafterin des UNO-Entwicklungsfonds für Frauen (UNIFEM) im US-Kongress für die weltweite Achtung der Frauenrechte eintrat und sagte:

Die Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist vielleicht eine der am weitesten verbreiteten Menschenrechtsverletzungen weltweit.

Doris Lessing

And last but not least:

Die FemBio kürte Doris Lessing zu einer der Frauen der Woche, da die Schriftstellerin (u.a. “Das Goldene Notizbuch” und “Die Kluft”) und Nobelpreisträgerin (2007) am 22. Oktober 90 Jahre wurde.

Herzlichen Glückwunsch!

Für eine bessere Vernetzung der (weiblichen) Websphäre listen wir jede Woche auf, was unsere deutschspachigen Kolleginnen und Kollegen über die Woche so melden und tun. Wenn du selbst ein Blog zu Gender- und Feminismusthemen hast, sag unter mannschaftspost(at)web.de Bescheid.


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Doris Lessings Notizbuch

25. Juni 2009 von Verschiedenen
Dieser Text ist Teil 30 von 60 der Serie Die Feministische Bibliothek

Dies ist ein Gastbeitrag von Antje Schrupp.

Doris Lessing, Notizbuch Doris Lessings Roman „Das goldene Notizbuch“ – erschienen 1962 und eng bedruckte 800 Seiten dick – gilt als feministischer Klassiker. Das ist auch kein Wunder: Beeindruckend und geradezu schonungslos schildert sie die ambivalenten Gefühle und Auseinandersetzungen, in die Frauen verwickelt werden, die sich nicht in die klassischen Rollenmuster fügen. Doris Lessing hat sich jedoch immer über diese Rubrizierung geärgert. Und das kann ich ebenso gut verstehen. Denn dabei wurde leicht übersehen, dass sie sich mit der ganzen Welt beschäftigt und keineswegs nur mit der speziellen Situation der Frauen darin.

Die Hauptfigur, Anna Wulf, ist eine Schriftstellerin, die vor Jahren einen erfolgreichen Roman veröffentlicht hat und noch immer von den Tantiemen lebt. Sie ist Anfang vierzig (wie Doris Lessing selbst, als sie das Buch schrieb) und eine „ungebundene“ Frau mit einer 12-jährigen Tochter – heute würde man sagen, alleinerziehend. Der Roman erzählt Annas Geschichte parallel aus fünf verschiedenen Perspektiven: Einmal tatsächlich als Roman (über sie und ihre Freundin Molly), und dann in Form ihrer vier Notizbücher: „Ein schwarzes Notizbuch, das von Anna Wulf, der Schriftstellerin handelt; ein rotes Notizbuch, das Politik betrifft; ein gelbes Notizbuch, in dem ich aus dem, was ich erlebt habe, Geschichten mache; und ein blaues Notizbuch, das den Versuch eines Tagebuchs vorstellt.“

Im schwarzen Notizbuch ist die rassistische Kolonialgeschichte verarbeitet: Anna Wulfs Bestseller handelt von einer verbotenen Liebesaffäre zwischen einem weißen britischen Soldaten und einer schwarzen Frau. Im Notizbuch erinnert sie sich an ihre Zeit als junge Frau in Afrika, aus der sie das Material dafür schöpfte. Das rote Notizbuch ist eine klarsichtige Auseinandersetzung (und Abrechnung) mit der politischen Kultur der fünfziger Jahre, vor allem in der kommunistischen Partei in England. Das gelbe Notizbuch enthält verschiedene Romanfragmente, und das blaue schildert auf sehr intime Weise die Gefühle, die Anna Wulf in ihren Liebesbeziehungen zu Männern bewegen. Dabei kommen Themen wie Menstruation oder Orgasmus auf direkte, aber verblüffend undramatische Weise zur Sprache.

Ihre Verwicklung in eine destruktive Liebesbeziehung treibt Anna schließlich in einen psychischen Zusammenbruch, aus dem das letzte, das „goldene“ Notizbuch hervorgeht. Darin vermischen sich die vorher so fein säuberlich getrennten Bereiche aus Annas Leben.

Aus heutiger Sicht sind ein paar Dinge irritierend. Zum Beispiel, dass die Protagonistin die „Vereinbarkeitsfrage“ quasi wie nebenbei löst und das für sie offenbar kein Problem darstellt. Oder wie wenig Wert sie auf materiellen Erfolg und eine gesellschaftliche „Position“ legt (zum Beispiel schlägt sie alle Angebote aus, ihr Buch als Drehbuch für einen Film zu vermarkten). Andersherum könnte man aber auch fragen, ob wir heute manchmal zu kleinkariert oder zu streberisch sind und das Große und Ganze – die Revolution, um es pathetisch zu sagen – aus den Augen verlieren.

Jedenfalls ist Doris Lessing viel radikaler, als das, was später in das Projekt „Gleichstellung“ mündete. In ihrem Vorwort zur Neuauflage aus dem Jahr 1971 schreibt sie, sie glaube nicht, dass „die Frauenbewegung viel verändern wird – nicht, weil etwas mit ihren Zielen nicht stimmt, sondern weil es jetzt schon klar ist, dass die ganze Welt durch die Umwälzung, die wir jetzt erleben, in eine neues Muster geschüttelt wird: Möglicherweise werden die Ziele der Frauenbewegung zu dem Zeitpunkt, an dem wir ‚durch’ sind, falls wir überhaupt durchkommen, sehr geringfügig und altmodisch aussehen.“

Lessing selbst wollte dieses „neue Muster“ der Welt verstehen. Sie schrieb „über das Thema ‚Zusammenbruch – dass es manchmal, wenn Leute ‚zusammenklappen’, ein Weg der Selbstheilung ist, ein Weg des innersten Selbst, falsche Dichotomien und Einteilungen abzustoßen“. Anna Wulfs Zusammenbruch ist also keine individuelle Geschichte oder gar ein spezielles „Frauenthema“, sondern er steht für den Zusammenbruch einer alten Ordnung, die unweigerlich vorbei ist, wobei aber noch nicht klar ist, was an ihre Stelle tritt.

Vielleicht ist heute, wo wir es ja ständig mit „Zusammenbrüchen“ aller Art zu tun haben – der Börse, des Friedens, des Klimas – ein guter Zeitpunkt, das Buch zu lesen.

Doris Lessing: Das goldene Notizbuch. Roman. Fischer Taschenbuch-Verlag, 2007. 799 Seiten, 9 Euro 95.

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