Orthodoxe Geschäfte

von Silviu

Nach den letzten skandalösen Entwicklungen im Schauprozess gegen Pussy Riot, ist es an der Zeit, nicht nur das scheinrechtsstaatliche System Putin und seinen inhärenten Machismo zu kritisieren, wie es viele zu Recht gemacht haben, sondern auch einen Blick auf die andere für diesen Fall genauso wichtige Institution zu werfen: Die Orthodoxe Kirche. Über die konkrete, besonders abstoßende Rolle, die der Patriarch Kirill und sein scheinheiliges Establishment bei der Verurteilung der Punk-Feministinnen spielten, habe ich hier berichtet. Weniger thematisiert in den deutschsprachigen Medien ist hingegen die Tatsache, dass die tiefe Korruption dieser zu 90 Prozent staatlich finanzierten NGO für konservative Propaganda strukturelle Ursachen hat und, über Russland hinaus, in der ganzen Region systematisch ist.

Zuerst aber ein paar Fakten: Die Orthodoxe Kirche ist traditionell die „Mehrheitsreligion“ in weiten Teilen Osteuropas, von Griechenland und Serbien über Rumänien bis Russland. Dogmatisch unterscheidet sich die orthodoxe Theologie an einigen Stellen von der katholischen, doch im Grunde genommen bleibt sie – wenn auch mit mehreren regionalen Patriarchen anstatt eines einzigen Papstes – den alten christlichen Motiven und Normen mindestens genauso treu. Die Orthodoxie war im Osten Jahrhunderte lang Staatsreligion, genau wie der Katholizismus im Westen. Heute noch erhebt sie ab und an diesen absurden Anspruch.

Doch mitverantwortlich für die unvollendete Säkularisierung ist vor allem der Staat selbst. Überall in der Region wird die Kirche zu 90 Prozent aus Steuergeldern finanziert. Anders als in Deutschland geschieht das direkt aus dem großen Steuertopf, ohne dass die Bürger_innen befragt werden. Die Möglichkeit eines Kirchenaustritts oder einer individuellen Ablehnung des Beitrags besteht nicht. Griechenland ist heute noch rein formell eine Theokratie: Die Regierung wird in einer skurrilen Zeremonie vom Athener Erzbischoff vereidigt. Nach den letzten Präsidentschaftswahlen im Mai ließ sich ein bis zur Verzweiflung gelangweilter Putin extra von der Kirche segnen, obwohl die Geste laut russischer Verfassung unnötig bis problematisch ist.

Aus einer machtpolitischen Perspektive gestaltet sich die halboffizielle Symbiose zwischen Staat und Kirche für beide profitabel. Die säkularen Diener des Ersteren gewinnen dadurch Popularität, Volksnähe und einen wichtigen kulturellen und sozialen Kontrollmechanismus: Dorfpriester werben für Wahlkandidat_innen bei Bevölkerungsgruppen, die mit anderen Mitteln nur schwierig erreicht werden können. Im Gegenzug setzen die lebenslang staatsfinanzierten Diener der letzteren ihre Ansprüche und ihre Agenda durch.

Dabei können die Stellungnahmen der Orthodoxen Kirche zu den wichtigen, gesellschaftlichen Fragen von heute ohne Übertreibung als erzkonservativ betrachtet werden. Erst vor Kurzem verurteilte der bulgarische Bischof Nikolaj von Plowdiw die Leihmutterschaft – und verglich sie mit der Prostitution. Frauenfeindlichkeit und Homophobie gehören zum Stammrepertoire der gebärdeten Eminenzen. Ein interessanter Begriff von Moral, denn in den Ländern des ehemaligen Ostblocks spielte die Orthodoxie, anders als der Katholizismus in Polen oder die Evangelische Kirche in der DDR, in der Regel keine nennenswerte Rolle als Kritikerin eines freiheitsfeindlichen und menschenverachtenden Regimes. Im Gegenteil: Viele Bischöfe arbeiteten gleichzeitig für die staatssozialistischen Geheimpolizeikräften.




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Eintrag geschrieben: Mittwoch, 29. August 2012 um 13:00 Uhr unter Religion. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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Ein Kommentar

  1. Ananas213 sagt:

    Ich kann mir vorstellen, dass es sehr berechtigte Kritk gibt, die man an der Orthodoxen Kirche üben kann und sollte, aber dieser Rundumschlag ist mir echt zu pauschal. Hier wird nirgends differenziert – alles ist gleich verdammungswürdig, und schlimm, und skurril. Spätestens im Mittelteil bei den „Fakten“, wo über Staatsreligion und unvollendete Säkularisierung und total schrille Ansprüche gegeifert wird, greift man sich beim Lesen einfach bloß an den Kopf. Wenn man über eine theologische Institution schreibt – deren Politik hin oder her – sollte man sich auch ein bisschen darüber schlau machen, wie die theologischen Rechtfertigungen grundlegender Verortungen aussehen und ob die tatsächlich so absurd sind (oder nicht doch vielleicht einfach eine andere Meinung mit anderer Logik dahintersteckt). Bei aller Sympathie für die grundsätzliche Position, soviel Respekt vor dem Kritisierten wünscht man sich dann doch. Für den Anfang empfehle ich die Lektüre von Naomi Goldenberg, speziell zum Thema Säkularisierung und Staatlichkeit der Kirche. In den letzten Jahren hat sie spannendes Zeug genau zu solchen Themen geschrieben.