Lasst mich zu Wort kommen!

von Naekubi
Dieser Text ist Teil 3 von 7 der Serie Die Emanzipation der Banane

Naekubi bloggt bei Danger! Bananas über das Leben von Asiat_innen in Deutschland, Kultur und Alltag, Rassismus und Feminismus, Selbstbewusstsein und Selbstverständnis. Wir freuen uns sehr, dass sie nun auch eine Kolumne bei der Mädchenmannschaft schreibt.

November ist im Internet nicht nur der Monat der Schnurrbärte (Stichwort Movember), sondern auch der Zeitraum, in dem der sogenannte NaNoWriMo stattfindet. NaNoWriMo steht für „National Novel Writing Month“. Ziel ist es, innerhalb des Monats November 50.000 Wörter auf Papier zu bringen und so einen Rohentwurf eines Romans fertigzustellen. Was vor 15 Jahren in den USA begann, wird auch in Deutschland immer beliebter: Über 2.700 SchreiberInnen beteiligen sich dieses Jahr daran, ich gehöre dieses Jahr zum ersten Mal dazu. Warum ich mir das antue? Zwei Gründe: Selbstverwirklichung und Selbstermächtigung.

Schreiben und lesen waren von klein auf meine Leidenschaften. Ich verlor mich in Geschichten, ich lebte in Büchern, ich verbrachte ganze Sommer in der Stadtbibliothek. Ich identifizierte mich mit den HeldInnen aus den Büchern, die anders waren als ich: Sie erlebten Abenteuer, leisteten Außergewöhnliches. Eines hatten sie gemeinsam: Sie waren so gut wie alle weiß. Sie sprachen zu Hause keine andere Sprache mit ihren Eltern, sie wussten, wer sie waren und woher sie kamen. Und niemand stellte das infrage. Nicht-weiße waren allenfalls Randnotizen, Sidekicks, niemals im Fokus. Der Konflikt von Identität, die Diskrepanz zwischen Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung, die mich prägten, fanden sich nicht zwischen Buchdeckeln. Ich selbst dachte lange nicht darüber nach, weil das ohnehin niemand tat, schon gar nicht in literarischer Form. Warum sollte ausgerechnet ich plötzlich den Blick darauf richten und das problematisieren? Schlafende Hunde soll man nicht wecken.

Mit 17 hatte ich das erste Mal den Gedanken, einen Roman schreiben zu wollen. Irgendeinen. Doch ich hatte keine Ahnung, wie man das machte, und ich traute es mir nicht zu. Wer sollte schon das Zeug von einem vietnamesisch-deutschen Mädchen lesen? Wer würde sich mit einer Outsiderin dieser Gesellschaft identifizieren können? Kunst sollte doch etwas Allgemeingültiges über die Conditio Humana sagen können, dafür empfand ich meine Sichtweise nicht allgemeingültig genug. Ich war nicht normal, Punkt. Vorbilder oder Ermutigung in meiner unmittelbaren Umgebung hatte ich keine. Zu sagen, dass ich damals Hemmungen hatte, wäre eine Untertreibung. Man muss sich vor Augen führen, wer Bücher veröffentlicht und was gelesen wird, wer die Geschichten schreibt, die das Land bewegen: Der Buchmarkt wird wie die Gesellschaft von denen geprägt, die ohnehin die Deutungshoheit haben: Weiße, oftmals männliche Menschen aus der sogenannten Mittelschicht, inzwischen gibt es auch einige Frauen, aber auch sie sind zu einem überwältigenden Prozentsatz weiß. Sie werden gedruckt und gelesen, sie melden sich am häufigsten zu Wort und haben das Selbstbewusstsein, sich mittels des geschriebenen Wortes in die Köpfe anderer Menschen zu verpflanzen. Dadurch prägen sie die kulturelle Landschaft und das kollektive Bewusstsein. Die vorhandene Kultur in der Mitte verstärkt sich durch die AkteurInnen an den Schalthebeln selbst und klopft sich auf die eigene Schulter. Aber nirgendwo fand ich die Geschichten, die mich als Deutsche mit vietnamesischen Wurzeln umtrieben und beschäftigten.

Einer der perfidesten Schritte, wie man Menschen ihre Macht über sich selbst nehmen kann, ist sie zum Schweigen zu bringen und sie schlicht zu ignorieren. Nicht nur, dass gerade sie unter offener oder verdeckter Diskriminierung zu leiden haben, sondern man nimmt ihnen auch noch die Möglichkeit, sich selbst zu positionieren und zu definieren. Wer immer das Feedback bekommt, keine Rolle zu spielen und ein vernachlässigbares Detail zu sein, wird sich früher oder später so wahrnehmen. Und er/sie wird sich nicht hinsetzen und seine/ihre Geschichte zu Papier bringen. Es erfordert Energie, dagegen etwas unternehmen zu wollen. Wenn ich mich also hinsetze und unter viel Aufwand und mit viel Herzblut 50.000 Wörter aus Hirn und Herz presse, dann ist das nicht ausschließlich Privatvergnügen oder eine persönliche „Challenge“ (das ist es natürlich auch), sondern vor allem ein Zeichen der Selbstermächtigung (self-empowerment). Ich hole mir etwas zurück: Meinen Platz in dieser Welt. Wer ich bin und wie ich mich und die Welt sehe, bestimme ich alleine. Meine Perspektive bedeutet etwas und hat Gewicht. Wenn sich noch andere in meiner Geschichte wiederfinden, umso besser. Aber zuvorderst geht es darum, dass ich mich meiner selbst ermächtige. Auch wenn mein Romanentwurf Fiktion sein mag – es stecken subjektive Wahrheiten darin, die ein Tatsachenbericht nicht transportieren könnte. Das Märchen von der stummen asiatischen Lotosblume soll einen schnellen Tod sterben – sie war schon immer eine Lüge und hatte nie eine Berechtigung. Dieser Lüge setze ich meine 50.000 Wörter entgegen.

NaNoWriMo ist Hilfestellung für mich, um meine Hemmungen beiseite zu schieben und dieses Projekt ernsthaft anzugehen. Das klar definierte Ziel der 50.000 Wörter hilft – Hauptsache durchkommen. Mit meinen Selbstzweifeln und der Kritik von außen beschäftigen ich mich später.

Übrigens stelle ich fest, dass der Name dieser Kolumne, „Die Emanzipation der Banane“, eigentlich auch ein guter Titel für den Roman wäre.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 28. November 2014 um 9:00 Uhr unter Aktivismus, Inspiration, Kultur. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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5 Kommentare

  1. inga pirate sagt:

    Liebe Unbekannte,
    du hast mir aus der seele geschrieben und das finde ich so schön, dass ich heute zum ersten mal die kommentier-funktion benutze.Ich danke dir für deinen wunderbaren weil so ehrlichen Beitrag (oder blog, wie sagt man das ?) und wünsche dir Glück und viel aufmerksame Leserinnen und Leser!
    Solidarische Grüße von einer, die das Hindernissrennen, das sich Leben nennt, kennt und liebt.

    Inga pirate

  2. accalmie sagt:

    Ich schließe mich an – vielen Dank für den tollen Text, Naekubi! Ich freu‘ mich auf den Roman :).

  3. C. sagt:

    Zu diesem Thema fällt mir ein Artikel über Bücher/Filme ein, den ich kürzlich gelesen habe:

    „Whenever Hollywood does get an opportunity to talk about race in one of these movies, it minimizes the subject. Characters of color like Beetee, Cinna (Lenny Kravitz), who mentored Katniss, or Christina, Tris’s best friend in Divergent (played by Kravitz’s daughter Zoe), certainly play major roles in these stories, but their race is never at issue. You might say that this is an example of admirably „colorblind“ filmmaking—were it not for the fact that the audience’s perspective is always that of a white protagonist.“

    http://www.theatlantic.com/entertainment/archive/2014/11/the-topics-dystopian-films-wont-touch/382509/

  4. Viel Erfolg bei Deinem Buchprojekt!
    Vor ein paar Jahren habe ich von Neil Gaiman „Anansi Boys“ gelesen, und es wahnsinnig genossen, dass alle wichtigen Charaktere PoC sind – bis auf einen. Dieser eine ist allerdings auch der Einzige, der explizit als „weiß“ eingeführt wird – für alle anderen wird vorausgesetzt, dass die Karibische Herkunft der Figuren ihr schwarz-sein als gesetzt und daher nicht besonders erwähnenswert („normal“) voraussetzt.
    Warum ich das so toll fand? Weil so normalerweise nur weiße Charaktere behandelt werden (und alle nicht-weißen werden explizit als asiatisch, schwarz, poc whatever eingeführt.)

  5. Naekubi sagt:

    Liebe Kommentierenden,

    vielen Dank für euren Zuspruch, das tut wirklich gut! Ich werde mich in den nächsten Wochen um die Vollendung des Romans bemühen :)

    @Inga Pirate: Das freut mich sehr, vielen Dank!

    @accalmie: Auch an dich vielen Dank, auch fürs Korrekturlesen der Kolumne :)

    @C.: Genau das möchte ich eben verhindern. Meine Protagonistin und Ich-Erzählerin ist weiblich und „of Colour“, und sie hat einige spezifische Ansichten und Probleme, von denen ich denke, dass sie nicht nur für selbst betroffene von Interesse sind. Mir ist es wichtig, dass diese abgebildet werden, weil mir das selbst als Teenagerin gut getan hätte.

    @Bleistifterin: Dankeschön! Mein Buch wird wohl anders sein als das von Neil Gaiman, weil meine Figuren in einer mehrheitlich weißen, deutschen Umgebung interagieren, was ein anderes Spannungsfeld erzeugt. Es wird für mich noch sehr interessant, diese Gemengelage in Worte zu kleiden.