(Dieser Text erschien am Mittwoch, 7. Mai, in der Süddeutschen Zeitung, als Antwort auf Alice Schwarzers Rede zur Verleihung des Ludwig-Börne-Preises am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche.)
Am Sonntag erhielt Alice Schwarzer den Ludwig-Börne-Preis für kritischen Journalismus. In ihrer deutschlandweit beachteten Dankesrede bezeichnete sie die gerade entstehende junge feministische Szene als „Propagandistinnen eines Wellness-Feminismus“. Diese blickten nur auf ihre eigenen Belange, Karriere und Männer – eine erbärmliche „Geschichtslosigkeit“ und „Kaltherzigkeit, für die sie sich nicht einmal schämen.“ Diese „Post-Girlies“ wolle Schwarzer nicht vertreten, und auch nicht „Führerin der Frauenbewegung“ sein. Sie spreche für sich selbst und nicht als Stellvertreterin des Feminismus – deshalb sei an ihr kein Vorbeikommen: „Ich bin, mit Verlaub, liebe späte Mädchen, auch nicht abzusetzen.“
Vorneweg: Niemand will Alice Schwarzer absetzen. Mit ihr fühlt sich wohl jede Feministin in Deutschland in gewisser Weise verbunden. Doch es muss möglich sein, dass junge Frauen wie wir feministische Ideen für unser Leben und unsere Bedürfnisse weiter entwickeln und in Teilen auch anders praktizieren, als das unsere Vorgängerinnen getan haben. Dabei setzen wir uns natürlich auch mit Alice Schwarzer auseinander – manchmal kritisch, manchmal bewundernd. Wer hier von Absetzungsversuchen spricht, hat etwas falsch verstanden. Es geht darum, ein großes, wichtiges, schönes Projekt durch das nächste Jahrhundert zu bringen.
Wenn „Wellness-Feminismus“ bedeuten soll, dass wir uns eine Gesellschaft wünschen, in der wir uns wohlfühlen, dann trifft diese Bezeichnung durchaus zu. Ja, unsere Generation geht nicht auf die Straße, um für Frauenrechte zu kämpfen, wie es Alice Schwarzer und Hunderte anderer Frauen ihrer Generation taten. Aber dass wir unsere Unzufriedenheit nicht mit Plakaten demonstrieren, bedeutet nicht, dass es keinen Anlass zur Unzufriedenheit gibt. Denn eben weil wir uns nicht immer wohlfühlen in dieser Gesellschaft, brauchen wir den Feminismus. Er ist nach wie vor notwendig, genau wie jede andere Form sozialer Kritik und gesellschaftlichen Engagements. Um effektiv – und ja: populär – zu sein, muss sich eine politische Denkrichtung aber weiterentwickeln, eine Sprache sprechen, die die junge Generation kennt und Handlungsformen finden, die der aktuellen Situation entsprechen.
Die sieht so aus: In unserer Generation gilt es als gesetzt, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Findet sich eine Frau plötzlich trotzdem in einer Rolle wieder, die sie sich so nie gewünscht hatte, dann ist sie eben selbst schuld, hat sich nicht genügend angestrengt. Wer meckert, gibt sich als Versagerin zu erkennen in einer Gesellschaft, in der doch angeblich alles möglich ist. Wir haben uns entschlossen, Frauen das generationenübergreifende Gefühl des Scheiterns zu nehmen – indem wir wieder und überall darüber sprechen, dass es noch immer Ungerechtigkeiten gibt in dieser Gesellschaft; Strukturen, die Frauen das Leben ein bisschen schwerer machen als Männern. Indem wir daran erinnern, dass Gleichberechtigung etwas ist, was man nicht einfach von den Eltern erbt, sondern für das man immer und immer wieder kämpfen muss.
Was sind unsere Themen? Es sind vor allem Rollenklischees und Rollenerwartungen, die junge Frauen nicht das Leben führen lassen, das sie sich ausmalen. Sie starten mit tollen Schul- und Berufsabschlüssen, haben von ihren Eltern gehört, dass ihnen die Welt offen steht. Und dann begegnen sie dem sexistischen Chef, dem überforderten Ehemann, den ehrgeizigen Freundinnen, den traditionsbewussten Bekannten. Sie erwarten von einer jungen Frau etwas anderes als diese eigentlich tun wollte. Die junge Frau solle doch lieber wieder die zurückhaltende Nette sein, im Berufsleben einen Schritt zurück treten, solle sich für die Familie aufopfern, bitte nicht zu laut sein oder zu viel verlangen. Es sind subtile Hindernisse, die sich uns in den Weg stellen, kein großes, böses Patriarchat an sich. Aber auch für die Rechte von unterdrückten Frauen zu kämpfen, Gewalt gegen Frauen anzuprangern – sich mit den klassischen, „historischen“ Themen des Feminismus auseinanderzusetzen, ist für uns selbstverständlich. Schließlich bleibt Feminismus per Definition der Glaube an die soziale, ökonomische und politische Gleichheit der Geschlechter. Und wenn uns heute eher die Strukturen als die Gesetze unfrei machen, dann müssen wir gegen diese Strukturen kämpfen. Was nicht heißt, dass jene Probleme, gegen die Feministinnen gestern kämpften, vergessen werden sollten oder dass die Errungenschaften der Vergangenheit nichts mehr wert sind. Es heißt nur, dass der Feminismus und seine Strategien sich ändern, so wie sich Zeiten und Menschen ändern.
Feministische Ideen müssen in die kulturelle und gesellschaftliche Mitte, raus aus dem Nischen-Dasein der Gender Studies oder Frauenorganisationen. Er sollte offen für verschiedene Ansätze sein, für Gleichberechtigung zu kämpfen. Es wird wohl nie wieder die eine Frauenbewegung geben. Was es aber geben wird: ein Netzwerk von Frauen, die das gleiche Ziel verfolgen, sich aber unterschiedlicher Mittel bedienen. Denn nur so kann der Feminismus schlagkräftig bleiben. Schauen wir uns um, was derzeit alles passiert: Junge Feministinnen wollen mit dem neuen Magazin „Missy“ das Thema Popkultur für Frauen aufbereiten, Charlotte Roche hat mit ihrem Roman „Feuchtgebiete“ einen neuen Ton in puncto weiblicher Sexualität angeschlagen, Lady Bitch Ray mischt die Männerdomäne Hiphop mit ihren Raps auf, im Internet wird in feministischen Weblogs die Zukunft der Frauen diskutiert. Wenn Feminismus als soziale Bewegung breite Akzeptanz in der Gesellschaft finden will, muss er sich auch um die Probleme der breiten Masse kümmern und ihre Sprache sprechen. Und um herauszufinden, welche Probleme heute viele Menschen beschäftigen, brauchen wir einen öffentlichen feministischen Diskurs.
Wir wollen eine Debatte darüber, wie die Gleichstellung der Geschlechter in den heutigen gesellschaftlichen Umständen erreicht werden kann und welche Ungerechtigkeiten noch beseitigt werden müssen. Denn nur das Diskutieren und Verhandeln erhält eine soziale Bewegung wie den Feminismus am Leben. Zu dieser Auseinandersetzung gehört auch das Gespräch zwischen den Generationen. Das kann heute, in einer Mediengesellschaft, etwas beschwerlicher sein, weil ein inszenierter „Generationenkrieg“ spannender sein kann als ein Austausch über Inhalte.
Doch es ist einfach nicht länger zu verleugnen, dass es eine weitere Generation von Feministinnen gibt. Auch sie machen Kunst, Musik, Magazine, schreiben Bücher oder betreiben Weblogs. Und auch sie engagieren sich mit Leidenschaft. Die Freude, die all das mitunter bereitet, gilt ein bisschen auch als Entlohnung. Denn als Feministin in die Öffentlichkeit zu treten, ist immer anstrengend. Niemand weiß das besser als Alice Schwarzer. Aber sogar wir, die wir erst seit einigen Monaten als Feministinnen wahrgenommen werden, wurden schon zigmal anonym beleidigt und beschimpft, mit Häme und Spott überzogen oder als Frauen einfach nicht ernst genommen. Und trotzdem und deswegen sind wir Feministinnen. Weil wir wissen, wofür wir kämpfen und dass es sich lohnt, auch wenn es mal anstrengend wird und nicht immer der persönlichen Wellness dient.
MEREDITH HAAF, SUSANNE KLINGNER, BARBARA STREIDL

Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.