Einträge von Susanne


Stolz und Vorurteil

4. März 2011 von Susanne

Für Anfang Mai hat sich ein Kind angekündigt, also brauchen der Mann und ich Babysachen. In einen Laden mussten wir dafür noch nicht, denn erstaunlicherweise kommen die Sachen zu uns: Freundinnen und Freunde, Schwestern und Kollegen schicken, schenken und leihen uns, was das Kind benötigt, um sich fröhlich und ausgiebig vollspucken zu können.

Nur ein einziges Mal geben wir etwas Geld aus: für einen Kinderwagen. Eine Bekannte des Mannes überlässt ihn uns für ein lächerliches Drittel des Neupreises – deswegen kommen wir nicht einmal ansatzweise auf die 1400 Euro, die Eltern heutzutage im Schnitt für die Erstausstattung ihres Kindes ausgeben. Ich bin dankbar dafür, denn meine Vorstellung vom Kinderhaben hat wenig mit Selbstverwirklichung durch Babyausstattungskonsum zu tun.

Als wir den Kinderwagen abholen, sitzen wir Tee trinkend in der Küche der Bekannten und sie gibt zu, wie schwer sie sich von ihm trennen kann, er sei für sie mehr als nur ein Kinderwagen. Die Bekannte ist alleinerziehend, „mein Mann und ich haben uns noch in der Schwangerschaft getrennt“, sagt sie. „Ich zog in eine neue Stadt und fing einen neuen Job an. Für den ich ständig reisen musste, was ich dann meistens mit meiner Mini-Tochter, Koffer und Kinderwagen unterm Arm tat. Der Wagen ist so leicht, praktisch, einfach auseinanderzunehmen und so fröhlich-orange – in dieser Zeit war ich sowieso immer den Tränen nahe, da war ich froh, wenigstens nicht wegen irgendwelcher Treppen heulen zu müssen.“ Sie lacht über sich selbst und sagt dann: „Mit dem Kinderwagen war alles leichter, ich hatte manchmal das Gefühl, der Bugaboo ist mein Lebensretter.“

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Steak für den Kerl, Salat für die Dame

11. Februar 2011 von Susanne

Du bist voll das Klischee“, sagt Freundin P. und drückt mir ein Magazin in die Hand, dessen Titelstory Vegetarismus zum neuen großen Ding erklärt. „Da steht drin, dass 70 Prozent der Vegetarier Frauen sind.“

„Schön für die Frauen“, sage ich und überlege, ob ich es schlimm finden soll, einem Rollenklischee zu entsprechen. Als ich mich vor sechzehn Jahren am Familienmittagstisch das erste Mal geweigert habe, Fleisch zu essen, hatte ich keine Ahnung von übereinandergestapelten Schweinen oder dem Massenmord an männlichen Küken. Entscheidend war, schlicht und egoistisch: Mir schmeckte Fleisch nicht. Und da ich bisher noch nichts davon gehört habe, dass Geschmacksknospen genetisch und geschlechtlich festgelegt werden, bin ich sicher: Auch als 16-jähriger Junge hätte ich das Fleisch verweigert.

„Essen ist klassisches Doing Gender“, sage ich zu P. „Bitte was?“, fragt sie, und ich halte ihr einen kleinen Vortrag: dass wenig so von unserer Vorstellung von einer „richtigen“ Frau und einem „richtigen“ Mann geprägt ist wie unser Essverhalten.

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Feuerrote Fingernägel

7. Januar 2011 von Susanne

Es ist einer dieser faulen Tage nach Weihnachten. Ich liege auf dem Sofa herum und lackiere mir die Fingernägel rot. Mein dreijähriger Neffe setzt sich neben mich und beobachtet mich interessiert. Er steckt in einer Feuerwehruniform, die er zu Weihnachten geschenkt bekommen und seitdem nur noch zum Schlafen ausgezogen hat.

Plötzlich streckt er seine Finger aus und fordert: „Ich auch.“
„Welchen soll ich dir denn anmalen?“, frage ich ihn.
„Alle“, antwortet er.

Mir ist klar, dass man es komisch finden kann, wenn ein Dreijähriger mit zehn rot lackierten Fingernägeln herumläuft. Also verhandle ich mit ihm: „So kleine Kinder wie du kriegen nur zwei Nägel lackiert.“ Er bleibt dabei, dass es alle sein müssen. Ich bleibe dabei, ihm nur die Daumen zu lackieren. Als sie rot sind, sage ich: „Jetzt musst du pusten!“ und schraube die Nagellackflasche wieder zu.
„Nächstes Weihnachten will ich so was auch bekommen, dann male ich alle an“, sagt der dreijährige Neffe.

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Kleine Pfützen Selbsthass

14. Dezember 2010 von Susanne

Ich stehe in der Küche, Schweiß auf der Stirn, Allzweckreiniger in den gummibehandschuhten Händen. Ich putze. Wie eine Wahnsinnige. Es hat sich Besuch angekündigt.

Ich hasse Putzen, und was ich noch mehr hasse: wenn ich nur deshalb putze, weil andere Menschen Gutes von mir denken sollen.

Dabei habe ich es vor einigen Jahren als großen Triumph gesehen, Putzen nicht mehr befriedigend zu finden. So war es nämlich immer gewesen: Glänzte die Küche, hatte ich das Gefühl, mein Leben im Griff zu haben. Ich hatte damals, als Kind und Jugendliche, wie vermutlich so gut wie jedes andere Mädchen gelernt, Sauberkeit und Ordnung seien oberste Bürgerinnenpflicht.

Bis mir die Idiotie daran auffiel, und: dass ich nur meine Zeit verschwende, wenn ich dem stetig nachwachsenden Dreck zwanghaft Herrin zu werden versuche.

Nur wenn Besuch kommt, falle ich in alte Putzmuster zurück. Und bin enttäuscht von mir, die ich doch glaube, emanzipiert zu sein.

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Groß sein ist einfach geil

12. November 2010 von Susanne

Der eine Werber so: “Voll lustig mein Spot! Alle Frauen haben nur Schuhe im Kopf”, und alle anderen Werber so: “Hey, das ist mein Witz!” Das twitterte neulich @katjaberlin sehr treffend. Frauen und Schuhe, das ist genetisch, haha, genau. Auch ich habe mir gerade ein paar neue Schuhe gekauft. Meine ersten Absatzschuhe. Es sind nur fünf Zentimeter, aber die haben es in sich, wenn man wie ich bisher nur in flachen Schuhen herumlief.

Damit war für mich keinerlei politisches Statement verknüpft, sondern vor allem der Wunsch, es bequem haben zu wollen. Meine sechs Paar Schuhe – ja, nur sechs! Ich bin genetisch degeneriert, irgendwas an meinem XX-Chromosomenpaar ist kaputt – sind aus Leder, geben allen zehn Zehen reichlich Platz und haben sogar ein Fußbett.

Und dann kaufte ich mir vor ein paar Tagen diese Absatzschuhe. Ich sah sie – schwarz, knöchelhoch und mit einem fünf Zentimeter hohen Absatz – und sagte mir: Ach, ich probiere sie einfach mal an, aus Witz.

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Beeilt euch, sonst gibt es Krawall

15. Oktober 2010 von Susanne

Freundin P. spricht am Telefon wirr: „Ich habe heute mein Kind in einer Krippe angemeldet.“
Freundin P. ist kinderlos.
„Welches Kind denn?“, frage ich sie.
„Das Kind, das ich nächstes Jahr bekomme.“
Hat mir meine beste Freundin gerade mitgeteilt, dass sie schwanger ist? Und wenn sie jetzt schon einen Krippenplatz hat, in welchem Monat ist sie dann? Im vierten? Wo ist der Bauch?
„Herzlichen Glückwunsch?“, sage ich. „Freust du dich?“

„Total“, sagt Freundin P. und schaltet dann trotzdem in den Fluch-Modus: „Aber die Arschgeigen in der Politik gehen mir jetzt erst recht auf den Zeiger. Ich meine, ich melde mein Kind jetzt an, damit es in anderthalb Jahren eventuell einen Krippenplatz kriegt. Haben die noch alle Tassen im Schrank?“

Ich überlege, ob ich Freundin P. sagen soll, dass unsere Familienministerin Kristina Schröder erst neulich wieder in einem Interview gesagt hat, sie sei sehr zuversichtlich, wenn es ab 2013 erst einmal für jedes dritte Kleinkind einen Krippenplatz gäbe, sei die Welt in Ordnung, weil: der Bedarf gedeckt. Nein. Ich behalte diese Information mal lieber für mich. Ich will nicht, dass P.s Kind jetzt schon zu viel vorgeburtlichem Stress ausgesetzt wird. Es wird es im Leben mit seiner politisch-radikalen Mutter eh mal schwer genug haben.

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Frauenfeindlichkeit im Internet? Gibt es nicht!

16. September 2010 von Susanne

Ich bin eine durchtriebene, miese Fotze!
In unserer Welt sind Frauen Löcher und sonst gar nix.
Ich bin natürlich ein Mensch, mit gleichen Rechten wie ein Mann ausgestattet. Aber aufgrund meiner physischen Eigenschaften sollte ich ein anderes Leben führen als ein Mann.
Wenn ich Karriere mache, wie viele Kinder bekomme ich dann noch? Zwei, wenns hochkommt. Dann sterben wir aus! Es spricht nichts dagegen, dass ich mich selbst verwirkliche, aber das muss doch nicht in einem kinderfeindlichen Gebiet wie der Arbeit sein!

Ich sollte beginnen, es wieder schätzen zu lernen, vom Mann versorgt zu werden, auch wenn dieses finanzielle Abhängigkeit bedeutet.

Brauner Hintergrund mit 2 Bäumen und 3 Pilzen. Ein Wolf liegt blutend auf dem Boden. Im Vordergrund steht ein Mädchen mit lila Käppchen und einem blutigen Messer in der Hand. Es sagt: I don't need to be saved. I can do that myself.

(c) Frl. Zucker

Ich muss mir einen Mann suchen, damit ich nicht so viel vorm Computer sitze.
Vielleicht sollte ich demnächst mal wieder etwas für meine Figur tun, mich entsprechend kleiden, dann klappt es auch mit den Männern. Denn natürlich bin ich, wenn ich nicht den Mann habe, den ich mir wünsche, von der Männerwelt enttäuscht.

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Nein, ich knete keine Vulva

18. August 2010 von Susanne

Es gibt ein paar Dinge, die ich nicht wissen muss. Zum Beispiel, wie man einen Uterus strickt.

Das entscheide ich, als ich in einem Blog das Bild einer faustgroßen rosa-plüschigen Gebärmutter sehe. Mit zwei Eileitern als Armen sieht sie ganz witzig aus, aber irritiert mich sehr.

Nun könnte man sagen: Schau dir halt solche Blogs nicht an.

Aber ich bin gern dort, wo sich Feminismus und Do it yourself treffen. Feministisches Selbermachen hat nämlich einen vermeintlichen Widerspruch gelöst: Ich bin Feministin. Und ich nähe, stricke, koche, gärtnere gern. „Trotzdem“ habe ich immer gesagt, wenn das Gespräch darauf kam. „Ich bin trotzdem Feministin.“ Oder andersherum: „Ich backe trotzdem gern.“ Ich schämte mich ein bisschen für meine Hobbys. Ich fand, ich erfüllte damit ein altmodisches Frauenbild. Und jeden Schwiegermuttertraum – von einer haushaltlich begabten Schwiegertochter. Das Einzige, worauf ich mich immer herausreden konnte: dass ich nicht nur die Nähmaschine bedienen kann, sondern auch einen Schlagbohrhammer – dass ich einfach gern mit meinen Händen arbeite.

Brauner Hintergrund mit 2 Bäumen und 3 Pilzen. Ein Wolf liegt blutend auf dem Boden. Im Vordergrund steht ein Mädchen mit lila Käppchen und einem blutigen Messer in der Hand. Es sagt: I don't need to be saved. I can do that myself.

(c) Frl. Zucker

Dann entdeckte ich US-amerikanische Feministinnen, die Handarbeit ein neues Image verpassten, sie aus der bürgerlichen Umklammerung befreiten und stattdessen gegen Konsum und Kapitalismus anstrickten. Ich entdeckte auch: „revolutionäre Strickzirkel“ und „bad-ass“-Nähkränzchen und abonniere enthusiastisch all die Do it yourself-Blogs, die mir nicht marthastewartesk auf die Nerven gehen mit Vorschlägen wie, ich müsse mal wieder für meine Sofakissen neue Bezüge nähen, weil es doch da jetzt diese wunderschönen Rosenprints gibt. (mehr …)


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Nippelfreie Zone

23. Juli 2010 von Susanne

In den letzten Tagen wurde es immer unvorstellbarer, das Wochenende ohne Besuch am See überleben zu können. Ich brauchte dringend einen neuen Bikini, mein alter ist zehn Jahre alt. Also versuchte ich, einen zu kaufen. Bei dem Versuch blieb es allerdings. Dabei habe ich keinen ausgefallenen Geschmack und auch keine überzogenen Preisvorstellungen. Ich habe nur nicht den Wunsch, meinem Busen eine Rundumabdichtung zu verpassen – gepolstert und abgeschirmt gegen Gefahren jeder Art, die am See auf mich warten.

Aber das Designvorhaben der Bekleidungsindustrie scheint zu sein: meine Brüste zu beschützen. Warum sonst gibt es nur noch dick gepolsterte Bikinioberteile? Oder Büstenhalter. Auch hier das gleiche Bild, zum Beispiel im Prospekt, der mir aus der Zeitung entgegenflattert. Vermutlich wurden durch den frustrierenden Shoppingversuch meine Sensoren geschärft, normalerweise schmeiße ich Prospekte einfach ungesehen weg. Aber diesmal starren wir uns gegenseitig an: die gepolsterten Brüste mich und ich sie. Stramm stehen sie da, durch die unveränderliche Form der Schalen, wie eine Armee. Und neben den Dekolletés der Models steht die Erklärung für die Erfindung gepolsterter Unterwäsche: Es geht nicht um Schutz, sondern darum, etwas „unsichtbar“ zu machen. Wer sich die Worte „T-Shirt-BH“ und „Pulli-BH“ ausgedacht hat, sollte mit ebensolchen geknebelt werden, der Erfinder von „unsichtbar“ für seine Doofheit gleich mit. Ein unsichtbarer BH wäre: kein BH.

Brauner Hintergrund mit 2 Bäumen und 3 Pilzen. Ein Wolf liegt blutend auf dem Boden. Im Vordergrund steht ein Mädchen mit lila Käppchen und einem blutigen Messer in der Hand. Es sagt: I don't need to be saved. I can do that myself.

(c) Frl. Zucker

Deswegen kann diese Erfindung nur heißen: Irgendjemand hat ein Problem mit Brüsten, wie die Natur sie wachsen lässt. Weibliche Nippel sollen unsichtbar werden. Und in wattierte Förmchen eingepackt, wird die weibliche Brust normiert. Kleine, große, spitze, hängende, runde, schiefe, lustige oder flache Brüste sieht man immer weniger. Mit Pulli- und T-Shirt-BH sieht jede Brust, die einem auf der Straße entgegenkommt, gleich aus: fest, rund und mittelgroß. So wird Frauen eingeredet, das, was sie schon haben, sei nicht ganz so super wie das, was sie haben können. Und ihnen wird auch eingeredet, auf keinen Fall dürfe man unter dem T-Shirt oder Pulli „etwas“ sehen. Ein Pulli-BH muss her, denn egal ob normaler BH oder kein BH, solange keine Watteschicht eingebaut ist und auch nur ein kleiner Wind weht, sieht man bei Brüsten Nippel. Bei Frauen wie bei Männern. (mehr …)


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Arschlecken!

24. Juni 2010 von Susanne

Zurzeit öffne ich meinen Briefkasten sehr vorsichtig. Ich linse erst mal hinein. Sehe ich nur Werbeprospekte und Rechnungen, greife ich erleichtert zu. Klemmt aber zwischen den weiß-nüchternen Umschlägen von Banken und Behörden wieder einmal ein großes Kuvert aus Büttenpapier, atme ich tief ein und noch tiefer aus. Aber es hilft ja nichts, ich nehme den feinen Umschlag heraus. Also, wer zur Hölle stellt sich als nächstes in den sommerlichen nie enden wollenden Reigen der Heiratswilligen?

Brauner Hintergrund mit 2 Bäumen und 3 Pilzen. Ein Wolf liegt blutend auf dem Boden. Im Vordergrund steht ein Mädchen mit lila Käppchen und einem blutigen Messer in der Hand. Es sagt: I don't need to be saved. I can do that myself.

(c) Frl. Zucker

Nie hätte ich gedacht, schon mit Anfang 30 erste Alterserscheinungen zu bekommen, aber dass ich sommers meine Wochenenden auf Hochzeiten verbringe, ist genau eine solche altersbedingte Erscheinung. Und fast so lästig wie Akne in der Pubertät.

Anfangs dachte ich noch, mein einziges Problem mit Hochzeiten sei das Ding Ehe an sich – so ganz von dieser Einrichtung überzeugt bin ich immer noch nicht. Die Ehe als staatlich legitimierte und finanziell geförderte Form des Zusammenlebens: Was bitte ist daran romantisch? Und die Eheschließung als Moment, bei dem die Frau sich vom Vater an den Zukünftigen übergeben lässt und seinen Namen annimmt – weibliche Selbstbestimmung sieht anders aus. Aber je öfter ich den Wandel der Braut zwischen Einladung und Ja-Wort mitbekomme, desto mehr sehe ich noch ein anderes Problem: dass Hochzeiten für Frauen zur konsumfixierten Leistungsschau geworden sind.

Und zwar jetzt gar nicht einfach so: Wer hat die geilere Location, das bessere Geschirr, das schönere Kleid vom bekannteren Designer. Nein, viel subtiler, denn natürlich orientiert sich niemand an anderen Menschen, Stichwort Individualität und so. Der Wettbewerb läuft eher unter dem Motto: Wer schafft es, seinem Traum einer perfekten Hochzeit so nahe wie möglich zu kommen? Egal ob dieser Traum im Landhaus-, Mittelalter-, Romantik- oder irgendeinem anderen Stil gehalten ist. Die Hochzeitsindustrie ist auf jeden Geschmack vorbereitet und setzt mit der Realisierung dieser Träume jedes Jahr fast zwei Milliarden Euro um.

Früher zahlte der Vater der Braut die Hochzeit, wobei „früher“ relativ ist, auch auf so einer Hochzeit war ich im letzten Jahr. Heute jedenfalls zahlen viele Brautleute selbst, und da auch Frauen ganz selbstverständlich Geld verdienen, darf es gern etwas teurer werden. Dann leistet man sich bestickte Platzkärtchen, weiße Tauben und eine mehrstöckige Torte mit Marzipanrosen als absolute Basics für „den schönsten Tag im Leben“, „den man schließlich nur einmal feiert.“ Also gleich noch den spitzenumrangten Torbogen für die Freiluft-Hochzeit gemietet und das – heute wieder zwingend weiße – Kleid doch maßanfertigen lassen.

Freundin P. jedenfalls, die in diesem Sommer ebenfalls heiratet, beschwerte sich bereits, dass es allein schon ziemliche Überwindung koste, eine einfache, handgeschriebene Einladungskarte zu verschicken. „Sogar meine Mutter redete mir ein, ich solle ins Grafikstudio gehen. Meine Mutter, die barfuß auf einem Acker geheiratet hat! Im Studio bekomme man auch das allertollste Papier, sogar parfümiertes“, erzählte sie augenverdrehend. „Arschlecken!“ schloss sie auf ihre von mir sehr geschätzte direkte Art, „ich klopp doch nicht mein sauer verdientes Geld für so einen reaktionären Scheiß raus.“

Ihre Parole Arschlecken! will ich seit unserem Gespräch jeder Braut zurufen, deren Einladung mich erreicht. Leider bin ich nicht abgebrüht genug, diejenige zu sein, die ihnen „den schönsten Tag im Leben“ versaut. Also gehe ich am Wochenende auf die nächste Hochzeit. Der schöne Sommer.

(Dieser Text erschien ursprünglich als Kolumne in der Taz)


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