Arabisch und nordafrikanisch aussehende Menschen™ (Teil II)

von Nadia

Zunächst einmal: Frohes neues Jahr! Und dann aber nochmal zurück in die Vergangenheit:

Silvester 2016 in Köln, Deutschland. Wer filzt meine Brüder bei Nacht und Wind? Es sind Polizisten die Spezialisten im Racial Profiling sind! Das ZDF, das wundert sich – wussten denn die arabisch und (nord)afrikanisch aussehenden Menschen™ von der inoffiziellen Ausgangssperre für Nicht-Herkunftsdeutsche nichts?!

Selfies kann man auch zuhause machen! (Plan B für Ausgangssperren.)

„Die Bundespolizei war überrascht, dass trotz klarer Aussagen in den Medien wieder große Gruppen Nordafrikaner in der Silvesternacht nach Köln kamen“, vermeldete das ZDF heute. So ein Satz, gepaart mit dem Sachverhalt dass selbst ein paar Schmierblätter und -sender am heutigen Tag besorgt waren angesichts des Rassismus, den die gestrige Kontrollpraxis in Köln zeigt, weist darauf hin, wo wir ein Jahr nach der „ersten“ Köln-Silvester-Debatte immer noch stecken: In einer Zeit, in der es seit Jahren und Jahrzehnten normal ist, dass Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe und Herkunft in „gut“ und „schlecht“ eingeteilt werden. Nur ist es halt heute und seit ein paar Jahren noch rechtspopulistischer als sonst, so dass man sich an mancher Stelle in Deutschland für nix mehr zu peinlich ist, sondern plumpen Rassismus noch als Super-Duper-Erfolg und Fortschritt der Menschheit feiert.

Was ebenfalls nicht neu ist, aber trotzdem immer wieder negativ überrascht: Mit welcher Tiefenentspanntheit die Polizei rassistische Sprache beziehungsweise Hashtags benutzt. Wie völlig geschmeidig vor einem Festplatz ankommende Gäste im ganz großen Stil nach Hautfarbe und Herkunft sortiert und kontrolliert werden. Was richtig ekelhaft ist: Dass ein öffentlich-rechtlicher Sender auf seiner Facebook-Präsenz Sätze vom Stapel fallen lässt, die klar in Richtung Ausgangssperre  für „Nicht-Deutsche“ argumentieren – und das mit so einer hirnverbrannten Selbstverständlichkeit, dass einem schon ein bisschen die Spucke wegbleibt.

Ich habe schon im letzten Jahr betont, dass Empörung über sexualisierte Gewalt absolut berechtigt und notwendig ist. Die Praktiken in Köln der letzten Nacht haben aber (natürlich) mal wieder gezeigt, dass es tatsächlich nicht darum geht, frauenfeindliche, gewalttätige und heterosexistische Strukturen zu problematisieren. Das Ziel ist ganz einfach, Rassismus zu reproduzieren, und hier geben sich Rassismus und Sexismus mal wieder tatsächlich die Hand:

„Das Täterprofil dabei großflächig auf „ausländische Männer“ auszulagern ist dabei auch wichtiger Teil einer Schutzkultur – so wird erreicht, dass sexuelle Gewalt auf das „Fremde“, auf das „Draußen“ reduziert wird, und nicht als etwas identifiziert wird, was in vielen Fällen beispielsweise auch im sozialen Nahfeld geschieht, etwa im Falle von weit verbreiteter Beziehungsgewalt. Unsere sexistischen und gewaltvollen Strukturen werden verschleiert und Missstände ethnisiert – etwa dann, wenn davon ausgegangen wird dass eine Meute betrunkener Männer nur dann bedrohlich sein kann wenn diese „arabisch oder nordafrikanisch“ (oder einfach: irgendwie ausländisch) aussehen. Es wird verschleiert, wo in unserer Gesellschaft überall Gewalt gegenFrauen ausgeübt, institutionalisiert, legitimiert und bagatellisiert wird. Es wird verschleiert, wie eine patriarchatskritische, antisexistische, emanzipatorische Arbeit aussehen kann und ebensolches Engagement verschiedener Initiativen und Vereine, die sich seit Jahren mit diesen Themen beschäftigen, gar nicht erst sichtbar gemacht. Es werden Feminitätsperformances diskutiert und mit Optimierungsvorschlägen ausgestattet anstatt zu überlegen, wie eine kritische Jungen- und Männerarbeit aussehen muss, die zukünftig gewaltpräventiv sein kann.“

Was kann man tun, wenn man an Silvester mit einer Ausgangssperre belegt wurde? Vielleicht Kerzen anzünden? Vielleicht Glückskekse knacken und in die Zukunft schauen?

Was kann man sonst noch tun, wenn man an Silvester mit einer Ausgangssperre für Nicht-Herkunftsdoitsche belegt wurde? Vielleicht Kerzen anzünden? Vielleicht Glückskekse knacken und in die Zukunft schauen?

Wäre das Mittel der Kölner Polizei mit dem „Deutsche/Ausländer“-Zwei-Türen-System ein probates Mittel gegen sexistische Gesellschaftsstrukturen, dann müsste jede Durchschnittsdiskothek mit rassistischer Tür-Praxis seit Jahren und Jahrzehnten Preise für Emanzipation und Aktivismus erhalten. (Wobei, schon bin ich einige Sekunden lang unsicher ob das nicht ein Preis wäre, den Alice Schwarzer mit Freude regelmäßig vergeben würde. Ha!)

[Dieser Text ist ein Crosspost.]




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Eintrag geschrieben: Montag, 2. Januar 2017 um 9:48 Uhr unter Medienkritik, Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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