„Mama für WG gesucht“

von Katrin

Alleinerziehende Mütter sind keine Seltenheit. Sie leben in vielfältigen Situationen und mit sehr unterschiedlichen Problemen – doch die meisten sind im Vergleich zu Vater-Mutter-Kind-Familien einer doppelten Belastung ausgesetzt. Eine Lösung für manche: Mama-WGs. In Berlin werden auf Flugblättern, in Zeitungsinseraten, oder über Mund-zu-Mund-Propaganda immer häufiger alleinerziehende Frauen für diese Art des solidarischen Zusammenlebens gesucht. Und nicht nur in Berlin: Auch in anderen Städten und zunehmend auch auf dem Land suchen Mamas nach Mamas, um einander zu unterstützen. Selbsthilfegruppen für Alleinerziehende sind dabei oft ein erster Schritt.

Ob nun der Mann schon bei der Zeugung nicht als Vater in Frage kam, oder sich kurz nach der Geburt aus dem Staub machte, oder ob eine Trennung erst weit nach der Geburt eines Kindes oder mehrerer Kinder stattfand: Immer noch stehen vor allem die Mütter hinterher mehr oder weniger allein da. Sie werden – mal mehr, mal weniger – vom biologischen Vater der Kinder zeitlich oder finanziell unterstützt. Nicht selten liegt hinter diesen Müttern ein Dauerkampf, oder sie tragen diesen immer noch aus: Ein Kampf um Unterstützung, ein Kampf um Geld, ein Kampf mit sich selbst. In einer Mama-WG wird dieses Leid geteilt. Man Unterstützt sich vor allem durch gegenseitige Betreuung der Kinder. Das schafft Raum für eigene Bedürfnisse und für eine eigene Arbeit – wenngleich häufig nur in Form eines Nebenverdienstes.

Unterstützung ist nach eigenen Angaben für viele Väter eine Selbstverständlichkeit – auch wenn die Partnerschaft zu Bruch gehen sollte, sie wollen für ihre Kinder da sein. Doch die Zahl derjenigen, die sich selbstverständlich bereit erklären, ihre Kinder zu betreuen ist eine höhere, als die Zahl derer, die tatsächlich die Hälfte der Zeit für die Kinder da sind. Diese Differenz wird meistens totgeschwiegen. Viele alleinerziehende Frauen erklären, dass die Väter sich gerne die angenehmen Seiten der Elternschaft herauspicken: Sie betreuen die Kinder am Wochenende und unternehmen (bestenfalls) schöne Dinge mit ihnen, wie in den Zoo gehen oder auf einen Bauernhof fahren. Nach zwei Tagen wird das Kind wieder bei der Mutter abgegeben, die den Alltagsstress unter der Woche alleine wuppen muss.
Wenn es um das Geld geht wird die Sache oft noch kritischer. Über Geld spricht man(n) nicht. Doch in vielen Fällen reicht das Geld von Vater und Staat für eine Alleinerziehende und ihr(e) Kinder nicht zum Leben. Schätzungen zufolge zahlt nur ein Drittel der Väter regelmäßig den Unterhalt, der den Kindern und der Mutter (bis zum vollendeten dritten Lebensjahr des Kindes) zusteht. Ein weiteres Drittel zahlt nur unregelmäßig, das restliche Drittel gar nicht. Alleinerziehende müssen sich deswegen überdurchschnittlich oft mit Hartz IV begnügen, denn die Kinderbetreuung ist in Deutschland nach wie vor so Lückenhaft, dass arbeiten und Kind in den meisten Regionen – vor allem auf dem Land – nicht machbar ist. Einzige Ausnahme bilden Familien, in denen die Großeltern einspringen können.

Geteilte Last ist halbe Last – was für Partnerschaften und Ehen gilt ist auch ohne Liebe und Sex wahr und umzusetzen: Mütter in Mama-WGs können sich abwechseln, die Kinder in die Kita zu bringen; sie können sich  – wenn es keine Kitas gibt, wie auf dem Land – in der täglichen Betreuung unterstützen, um Raum für Arbeit, Bildung und eigene Interessen zu schaffen. Sie müssen nicht mehr auf die Verlässlichkeit des Vaters hoffen oder darauf, dass der Staat die verlorenen 30 Jahre, die Deutschland in Sachen Kinderbetreuung aufzuholen hat, in Nullkommanichts wett machen wird. Und Frauen (und auch Männer) suchen sich in Eigeninitiative mehr und mehr solche Solidaritäts- und Lebensmodelle. Was jetzt noch fehlt ist ein Gesetz, das diese Modelle institutionalisiert und anerkennt: Neben der Ehe, ohne Benachteiligung.

(Dieser Artikel setzt sich nur mit Mama-WGs auseinander, da WGs alleinerziehender Väter (leider noch) eine große Seltenheit sind, was vor allem auch damit zusammenhängt, dass bis heute das Sorgerecht in den meisten Fällen an die Mütter übertragen wird. Hier geschehen viele Ungerechtigkeiten die mit althergebrachten Rollenvorstellungen zu tun haben und ungerechten Vorurteilen gegenüber der elterlichen Kompetenz von Vätern – das alles ist mir bewusst, aber auch bewusst nicht Thema dieses Artikels).




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Eintrag geschrieben: Samstag, 7. Februar 2009 um 13:10 Uhr unter Familien_politik. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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9 Kommentare

  1. Ryan sagt:

    Gute Idee, das Ganze.
    Besonders lobenswert finde ich Eure Ergänzung in Klammern (Benachteiligung von Vätern).

    Gutt!

  2. Erna sagt:

    meine schwester und ich sind selbst in einer mama-(und papa)-wg aufgewachsen… nur durch eine solche lösung konnte meine mutter ihr abitur nachholen und studieren. obwohl unsere väter beide da waren und versucht haben meine mutter zu unterstützen (sowohl finanziell als auch betreuungstechnisch) war das die einzige möglichkeit für sie selbst arbeiten zu gehen, mal krank sein zu dürfen (weil auch andere menschen kinder zum kindergarten, schule, etc fahren konnten oder kochen) und ein leben neben dem mama-sein führen zu können.

    damals gings dabei allerdings nicht um institutionalisierung… ich versteh auch nicht ganz was du mit dem gesetz meinst?
    ich denke sowas funktioniert einfach nur auf der basis von eigeninitiative, oder?

  3. Katrin sagt:

    hallo Erna: Ich dachte an so etwas wie den Zivilpakt in Frankreich oder die Vorstellung eines Solidaritätspaktes.

  4. Quengelware sagt:

    Bin ähnlich aufgewachsen. Nur gab es getrennte Wohnungen, die aber alle innerhalb von drei Minuten zu erreichen waren. Unsere Mütter haben sich ein Auto geteilt, die Kinder in die gleiche Kita gesteckt, oft zusammen gegessen und manchmal haben wir auch zusammen Weihnachten gefeiert. Ich glaube das war für alle eine gute Lösung, für uns Kinder war es eh toll.

  5. miss p. sagt:

    gegen die idee ist nichts einzuwenden, aber die umsetzung scheitert doch auch hier und da. denn: mama ist ja nicht gleich mama. die ein kocht bio und ist ein glühender haufen liebe, der nächste ist die nahrungskette egal und will dafür dass ihr kind „bitte“ und „danke“ sagt. es gibt vermutlich so viele erziehungsvarianten wie es eltern gibt. ergo sind nicht alle mütter dafür gemacht zusammen zu wohnen. man kann seine kinder eben nicht wie geschwister groß ziehen, wenn man nicht einer meinung ist. jaja, das ist man in den standard-familien auch nicht immer, aber da ist die basis ja auch anders. nennt man dann „liebe“ (hab ich gehört).
    klar, ist toll wenn das einzelkind einen dauerspielkameraden hat, aber was bringt es, wenn der eine das darf, der andere aber nicht? und nein: auch wenn man erwachsen ist und mutter – man kann darüber nicht reden. über erziehung lässt sich einfach nicht diskutieren. kinder groß ziehen, heißt das zu tun was man für richtig hält. da kann keiner aus seiner haut. und kinder erziehen kann man nur, wenn man selbst zufrieden/glücklich/etc ist. das problem vieler alleinerziehender ist aber doch das schlechte gewissen gegenüber dem kind, weil es ohne den papa aufwächst/zu lange im kindergarten ist/ständig zur oma muss/der babysitter dauernd wechselt/mama kein geld für neue spielsachen hat/ usw. und dieses schlechte gewissen wird dann halt gerne mal auf das kind projeziert, in dem man versucht dass dann alles mit nachsicht in der erziehung wieder wett zu machen.
    ich sage gar nicht, dass das bei allen so ist, aber doch bei einigen. wgs unter alleinerziehenden mamas ist für mich eine schöne theorie der frauensolidarität, die in der praxis nicht unbedingt bestand hat.
    aber man kann ja auch mit kindern in eine normale wg ziehen, wo andere wg leute wohnen – wer sagt, dass sie ein problem damit haben aufzupassen, wenn mama selbst weg muss. oder ist da wieder das schlechte gewissen: wenn die aufpassen, dann muss ich das wieder ausgleichen?
    karma, mädels, karma.

  6. Ich habe 2 Jahre in einer solchen WG gewohnt. Mein Sohn war ein halbes Jahr alt, als ich mit einer Frau mit Tochter (auch ein halbes Jahr alt) zusammenzog. Es ging im ersten Jahr super, im zweiten haben wir uns öfters gestritten, weil wir unterschiedliche Wertvorstellungen hatten (ich musste mich auf einen Einstellungstest vorbereiten während sie erwartete, dass ich auf ihre Tochter aufpasste, damit sie sich mit dem Mann treffen konnte, in den sie sich verliebt hatte z.B. – und die üblichen WG-Themen wie Putzen, Ordnung.) Ende des zweiten Jahres krachte es dann und sie zog aus – ich blieb auf der teuren Miete alleine sitzen, die ich zahlen musste, bis ich einen neuen Mieter gefunden hatte. Deshalb bin ich ihr aber nicht böse (wir haben uns wieder vertragen …) denn ich denke, wir waren damals beide total überfordert mit unserer je einzelnen Lebenssituation. Beide waren wir unzufrieden.

    Ich würde mir heute statt dessen einen Mann suchen und eine richtige Familie gründen. Wenn die Kids noch so klein ist, ist die Chance riesig groß, den Fehler oder das Pech wieder gutzumachen.

  7. Andreas sagt:

    ..entschuldigt, Leute, wenn ich euch auf einen Punkt aufmerksam machen muss, aber: warum wird nach wie vor, und die Gesetzgebung geht inzwischen sogar soweit, dies ins Extrem zu fuehren, der BIOLOGISCHE Vater als der ’natuerliche‘, ’naheliegende‘ und ‚eigentliche‘ Vater betrachtet, ich muss an dieser Stelle natuerlich unterstellen, dass diese Debatte typisch deutsch ist, seit Ernst Haeckel sind es im schoenen D. die alleinerziehenden, vom biologischen Vater verlassenen Frauen, die nicht im geringsten auf die Idee kommen, ihre ja doch offenbar vorhandenen (oder etwa nicht) momentanen maennlichen Beziehungen fuer die Kindererziehung in die Pflicht zu nehmen, noch immer gelten ‚Gentests‘ als Manifestationen von ‚Wahrheit‘, aber sind menschliche Gesellschaften nach biologischen kriterien zu ordnen, geht es darum, dass Vaeter, ganz wie Voegel oder Elefanten, nur Interesse an der Aufzucht ihres ‚genetischen Erbes‘ haben duerfen/sollen/muessen, wie archaisch sind also die offensichtlichen Leerstellen dieses Diskurses? Es liegt auf der Hand, dass eine auch nur rudimentaer vorhandene staatliche Kinderbetreuung, auch in den ersten Jahren und simplerweise das Ausblenden der immergleichen biologisch-stupiden Schemen das ganze Herumgeheule von der alleinstehenden Mutter pulverisieren wuerde, warum kommt darauf niemand, warum ist es unmoeglich festzustellen, dass hier, wie an unendlich vielen anderen Stellen, allein der Archaismus, der Biologismus und das Denken in biologischen, nicht sozialen Determinismen einem ‚guten Leben‘ zuwiderlaeuft?

  8. Andreas sagt:

    ..um das noch einmal zu praezisieren: mich wundert (und stoesst ab), dass das ‚Biologische‘ nach wie eine Kategorie ist, nach der Menschen ihr gesamtes Leben planen/ausrichten/umstossen, dass sie diese Kategorie uebrhaupt ernstnehmen/in Betracht ziehen, Menschen haben in modernen Gesellschaften Sex, sie haben Sex mit Menschen die sie lieben und sie haben, mitunter ‚gleichzeitig‘ (na und?) Sex mit Menschen die sie nicht lieben, warum aber, gesetzt den Fall, jemand zeugt ein Kind innerhalb eines gaenzlich anonymen ‚One-night-stands‘, warum gilt dieser zeugende (Mann) dann als ‚Vater‘, waehrend der u.U. langjaehrige ‚Begleiter‘ sich vom Staat nach etwaigen Gentests etc. sagen lassen muss, er haette keinerlei Rechte, keinen Vaterstatus etc., warum werden heute selbst Ehen annulierbar auf der ‚wissenschaftlichen‘ Grundlage von Gentests. Jenem gesamten Komplex von Biologismus und Pseudo-Rationalitaet liegt ein so grundsaetzliches und regressives Missverstehen von ‚Wissenschaft‘ und gesellschaftlicher Realitaet zugrunde, dass man hier noch seitenlange Kommentare anfuegen muesste, um den Punkt auch nur im Ansatz auszuleuchten. Selbst die ‚katholische‘, also ‚traditionelle‘ Ehe ’schuetzte‘ Jahrhunderte lang zumindest das ‚Soziale‘, es gab ein Primat des Soziualen gegenueber dem ‚Biologischen‘, einen gewissen Schutz, weil der ‚verheiratete‘ Vater stets als ‚Vater‘ galt und es keinen ‚Beweis‘ fuer das ’nicht-sein‘ seiner Vaterschaft gab. Heute gibt es diesen ‚Beweis‘ und Frauen meinen, ihr Leben lang eine, wie auch immer geartetete, womoeglich noch staatlich erzwungene, Beziehung zu dem zufaelligen biologischen Erzeuger eines Kindes, unter oftmals grotesker Aufgabe oder Belastung ihrer eigentlichen sozialen Beziehungen fuehren zu muessen. Die Abwertung sozialer Beziehungen zugunsten biologischer Determinismen, das ist ein politisch rechtes, biologistisches Konzept, das in Deutschland heute wieder aufgenomnen wird und DIREKT auf die NS-Zeit und ihre Wegbereiter konvergiert, und nur auf diesem Hintergrund ist jenen Frage nach der Schaffung von ‚Bio‘-Frauen-WGs ueberhaupt denkbar, anstatt selbstbewusst jegliche Maenner in die Pflicht zu nehmen, gruendet man verheulte Frauen-WGs, furchtbar regressiv.

  9. […] a comment » Vor ein paar Tagen las man im emanzipativen Maedchenmannschaft-blog von der Beschreibung einiger der progressivsten Arten, wie Frauen in dieser Gesellschaft existieren […]