Einträge mit dem Tag ‘Uni’


Privilegiertes Unbehagen

27. November 2013 von accalmie

Es wird ungemütlich. Das Flut­licht geht an. Alle Gesichter schauen auf einmal in die gleiche Richtung. Es wird plötzlich so warm hier. Der abrupt neue Fokus wird deutlich, eine Mar­kierung sicht­bar. Ende der Sekt­stimmung. „Generalverdacht“. Das Un­wohl­sein, dass sich durch Rassis­mus­kri­tik bei manchen Menschen aus­breitet, ist nicht weiter überraschend; es könnte – punktuell, wie diese Erfahrung für viele ist – ausgehalten, gar produktiv genutzt werden für persönliche Reflektion. Zu the­ma­ti­sieren, dass Rassis­mus nicht allein das „Problem“ von People of Color ist, sondern eine Struk­tur, die Ge­sell­schaf­ten syste­ma­tisch durch­zieht und von der Nicht-Margi­nali­sier­te systema­tisch profi­tieren (und dass es im Regel­fall People of Color sind, die markiert, beobachtet und unter General­verdacht gestellt werden), kann kein ent­spannen­der Pro­zess sein – eben­so­wenig wie die Aus­einan­der­setzung mit anderen dis­krimi­nieren­den Struk­turen. Bemerkens­wert ist, wie aus Unbehagen schnell Ab­wehr­re­flex und schließlich Aggression wird: Vorwürfe der Un­freundl­ichkeit, der Wut, Arroganz und Gemein­heit, des (unfairen) Angriffs, der Überempfindlichkeit, der vermeintlichen Verharmlosung von „eigentlichem“ Rassismus (also dem der extremen Rechten, mit dem man ja nichts zu tun habe als Die Mitte / Die Linke), der Kontra­produk­tivi­tät und des Neben­wider­spruchs werden laut, wenn struk­tu­reller Rassis­mus be­nannt wird. Oft fällt der Be­griff des „um­gekehr­ten Rassis­mus“ (reverse racism), der Macht­ver­hält­nisse zu eigenen Gunsten au­sblendet.

buildingWas für antirassistische Aktivist_innen Alltag ist, ist auch Alltag in bestimmten Institutionen; auch jenen, die sich Anti­rassis­mus verpflichtet fühlen und dies bei­spiels­wei­se mit Gleich­stellungs- oder Diversity-Be­auf­trag­ten um­zu­setzen ver­suchen. Ge­ra­de das Hoch­schul­wesen hat Frauen- und Gleich­stellungs­be­auf­trag­te, deren Arbeit in eta­blier­ten Macht­struk­tu­ren und rein theo­re­tischen Be­kennt­nissen zu ab­strak­ter Gleich­heit unter­geht. Dass Gleich­stellungs­be­auf­tragte aber auch selbst dis­krimi­nier­end agieren kön­nen, hat zuletzt die Allgemeines-Gleichstellungsgesetz (AGG)-Beauftragte der Humboldt-Universität zu Berlin illustriert, die gewählten Student_innen­ver­tre­ter_innen des LGBTI-Referats unter anderem die Nutzung uni­versi­tärer Räu­me für deren Ver­anstal­tungen ver­wei­gerte.

Auch am Minneapolis Community and Technical College in Minnesota, USA, ereignete sich vor kurzem ein nun öffentlich gewordener Fall strukturellen Rassismus und Sexismus, der für Entsetzen in der akademischen und nicht-akademischen community antirassistischer und antisexistischer Aktivist_innen sorgte: die Professorin Shannon Gibney wurde – auf Initiative von zwei weißen Studenten – von der Universität formal dafür gerügt, in ihrem Seminar strukturellen Rassismus so thematisiert zu haben, dass jene Studenten sich angegriffen fühlten.

Chaun Webster, Twin Cities-Aktivist (in Minneapolis und Saint Paul), Autor und Gründer der Free Poet’s Press, hat beim Blogger_innenkollektiv Opine Season einen Artikel zu dem Vorfall verfasst, in dem er Prof. Shannon Gibneys Erfahrungen kontextualisiert und Forderungen für eine Umstrukturierung von Bildungsinstitutionen formuliert. Mit seiner freundlichen Genehmigung durften wir den Artikel übersetzen und erneut publizieren.

Ein paar Dinge, die wir aus der MCTC-Attacke auf Prof. Shannon Gibney lernen sollten.

Wie vielen in diesem Netzwerk hier bewusst ist und anderen nicht, wurde Shannon Gibney, Professorin für Anglistik und African Diaspora Studies des Minneapolis Community and Technical College (MCTC) kürzlich von der Institution formal gerügt.

Die Rüge erfolgte aufgrund des Unbehagens zweier weißer, männlicher Studenten, die sagten sie seien persönlich angegriffen worden, während Prof. Gibney in ihrem Politikwissenschafts- und Kommunikations-Seminar eine Diskussion über strukturellen Rassismus führte. Diese Studenten unterbrachen Prof. Gibney während der Diskussion und sagten, dass allein schon die Thematisierung verletzend für sie sei. Das MCTC ging so weit, Prof. Gibneys Verhalten während des Seminars als einen Verstoß gegen die Anti-Diskriminierungs-Politik zu bewerten, und sie wurde zu zwei Treffen mit dem Diversity-Beauftragten verpflichtet, um zu lernen, wie sie Menschen aller Herkunft besser willkommen heißen könne.

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Blumen, Brüste, Bullshit – die Blogschau

18. Mai 2013 von Anna-Sarah
Dieser Text ist Teil 205 von 295 der Serie Die Blogschau

Vergangenen Sonntag war Muttertag. Katharina von Sich mit Worten bevorraten will nicht nur zu diesem Anlass mehr als Blumen.  Auch Melanie ist kein Fan dieses Begängnisses, reflektiert aber zu diesem Anlass ihre Sicht auf Dankbarkeit für  Mütter.

Gleich ein bunter Strauß an Berichten darüber, wie wenig mensch sich selbst in vermeintlich alternativen,  emanzipatorischen Umfeldern auf Pausen vom *istischen Alltag verlassen kann:

Kotzwürg-Sexismus galore beim BarCamp Graz.  Und mehr als genug Kackscheiße auch beim Workers Youth Festival in Dortmund.  Das erfolgreiche Modelabel American Apparel geriert sich als hipper Awareness-Laden, kommt aber seit jeher nicht ohne Sexismus aus.  An der Heidelberger Uni lacht man über NSU-Verharmlosung in Tateinheit mit Plumpsexismus von vorvorgestern. An der Düsseldorfer Uni soll ein antifeministisch dominiertes  Männerreferat gegründet werden. Und angesichts der von großem Pressetamtam begleiteten Proteste gegen die „Barbie Dreamhouse Experience“ konnte mensch sich auch nur noch an den Kopf packen.

Edward von Twidgeridoo! berichtet unter dem bitter sarkatischen Titel „Meine erste Internierung“ über erfahrene(n) Rassismus und Polizeigewalt. Mehr (Grundlagenarbeit für) rassistische Kackscheiße ist zu erwarten bei der Innenminister*innenkonferenz (IMK), die vom 22.-24. Mai in Hannover stattfindet und wo auch Asyl- und Migrationspolitik auf dem Programm steht – Protest wird bereits organisiert.

Die ständige Erwartung, verfügbar zu sein – für Diskussionen, Erklärungen oder den Wohlfühlfaktor: Frau Dingens hat genug davon. A propos Erwartungshaltung: Seitdem ich auf meinem Profilbild Tatyana Fazlalizadehs Anti-Street-Harrassment-Shirt trage, wird immer wieder gefragt, wo es dieses großartige Shirt den gebe – und auch High on Clichés kennt den Ärger über die ständige Aufforderung „Lächel doch mal!“.

Die Brust-OP von Angelina Jolie ist nicht nur ein Knaller für die Boulevardmedien, sondern auch ein Politikum. Mel gibt Kontext und findet:  „Well done, Angelina Jolie“.  Merle Stöver möchte Jolie für ihre Entscheidung respektiert sehen – gerade von Feministinnen. Und weil (gerade auch Frauen*-)Gesundheit immer ein politisches Thema ist, berichtet my myself & child über ihren „Gebärmutterschnupfen“ und lädt zur Vernetzung ein.

Und wo wir schon bei Körper und Selbstbestimmung sind: Grrrlghost hat anlässlich der Debatte um die „Pille danach“ noch ein Video beizusteuern.

Shopping ist nicht für alle ein Vergnügen – die Suche nach passenden BHs auch nicht, wie Ryuu berichtet. Außerdem ist Ryuu aus Berlin – nach wie vor Sehnsuchtsort für viele – weggezogen und erzählt, warum. Und dass auch in anderen Städten mit B am Anfang ordentlich was los sein kann, lässt sich Helgas umfangreicher Terminliste für Braunschweig entnehmen.

Außerdem hat Helga ein Buch über Pionierinnen der Archäologie gelesen und rezensiert.

Ninia LaGrande interviewt Jasmin Mittag,  Initiatorin der Kampagne „Wer braucht Feminismus?“ in Deutschland.

Nele Tabler schaut die  TV-Serie Call the Midwife (Ruf die Hebamme) und findet schwangere Heldinnen.

Anne Roth sammelt Beispiele von Fällen, bei denen feministischen Medien, Blogs, Zeitschriften, Fernseh- oder Radiosendungen von Zensur betroffen waren (oder sind).

Für eine bessere Vernetzung der feministischen Blogosphäre listen wir jede Woche auf, was unsere Kolleg_innen über die Woche so melden und tun. Haben wir etwas vergessen oder übersehen? Kennen wir dein brilliantes Blog etwa noch gar nicht? Dann sag uns bitte Bescheid!


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Sexismus hacken an der Uni: „UNICUM vom Campus kicken!“

7. Dezember 2012 von Gastautor_in

Wir haben neulich schon kurz über das UNICUM-Tüten-Ärgernis berichtet.  Laura*, Studentin und studentische Hilfskraft an der Uni Marburg, hat dankenswerterweise nochmal aufgeschrieben, was das Problem ist – und was mensch dagegen tun kann und sollte.

Eine Tüte Sexismus bitte

Der Hörsaal sieht aus, als hätte hier ein Müllsturm getobt. Oder ein Kindergeburtstag bei McDonalds stattgefunden. Die Studis sickern in die Flure ab und auf den Klappstuhl- und Tischreihen bleiben Berge ausgepackter Papiertüten, zerknüllter Werbezettel und leerer 15g-Chipstüten zurück. Verwirrt und kopfschüttelnd packe ich meine Sachen zusammen und starre immer wieder auf die „Wundertüten“, die überall herumliegen: Eine halbnackte Frau, die gerade ihren Gürtel öffnet, blickt mich lasziv an und fordert mich auf „Mach deine Idee zu Geld!“. Worum es bei dieser Aufforderung gehen soll, kann ich anscheinend zwischen ihren Beinen erfahren: Die Facebook-Adresse zu einem Wettbewerb ist unten klein aufgedruckt. Er endet auf „moneybox“, direkt in ihrem Schritt.

Von der Vorlesung habe ich nicht viel mitbekommen; die hundertfache Kopie dieses anonymen, austauschbaren weiblichen ‚Norm‘körpers, der sich als Sexualobjekt anpreist und die umfassende Akzeptanz dieser Darstellung um mich herum … Wie soll ich da den Ausführungen zu „Klassen und Objekten“ folgen? Dass in der Programmierung eigentlich alles ein Objekt sein kann, demonstriert der Professor an dem Textstring „anna“. „anna“ ist ein Objekt. Ich schaue auf die Tüten. In welchem Film bin ich denn hier gelandet.

Was ist passiert?

Dienstagnachmittag, 20. November, Uni Marburg: Im Foyer werden zu Hunderten sogenannte Wundertüten von UNICUM verteilt. Die Wundertüten sind mit rosa und blauen Streifen markiert und werden dementsprechend an ‚Männer‘ und ‚Frauen‘ verteilt. Mit Grausen erinnere ich mich daran, dass sich Freund_innen von mir schon im letzten Semester darüber geärgert haben: In den Männertüten waren Rasierer und Energydrinks, in den Frauentüten Nagellack und: zuckerfreie Energydrinks.

Wir haben an unserer Uni ein Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung; Seminare, in denen es um Konstruktion von Geschlecht geht; Professorinnen, die zu feministischen Themen publizieren; Vorlesungen zur Kritik der Geschlechterverhältnisse… In geschlossenen Seminaren reden wir über Sexismus, über Reproduktion von Geschlechterverhältnissen. Und im offenen Foyer werden Materialien verteilt, die all diese Auseinandersetzungen nichtig scheinen lassen? Wozu über Selbstbestimmung, über Geschlechtergerechtigkeit reden – wenn doch eine Wundertüte besser weiß, in welche Kategorie ich gehöre (rosa), wie meine Bedürfnisse sind (Nagellack), wie ich zu sein habe (zuckerfrei) und wo meine gesellschaftlichen Möglichkeiten sind (der weibliche Körper als sexualisiertes Objekt) …?

Wer sich bisher nicht vorstellen konnte, was Ökonomisierung bzw. Kommerzialisierung von Bildung(sräumen) heißt: Genau das heißt es – den eigenen Raum Werbeträgern zur Verfügung stellen, welche sich nicht um ethische Grundsätze scheren. Bildung als gesellschaftskritisches Moment, als Möglichkeit zur Selbstbestimmung und als gemeinsame Auseinandersetzung mit Konflikten und Perspektiven? Davon bleibt wenig übrig, wenn Werbung Einzug in Bildungseinrichtungen hat. Denn ‚Sex sells‘, das ist bekannt, und in unmittelbarer Konsequenz eben ‚Sexism sells‘.

UNICUM vom Campus kicken!“

Wie ging es weiter in Marburg? Ein offener Brief an das Präsidium der Uni, Forderung einer öffentlichen Stellungnahme, Kopien an die Frauenbeauftragten, Aufrufe an Freundinnen und Mailverteiler, Veröffentlichung des Briefs im Internet (nachzulesen hier).

Das Präsidium lässt für die Gestaltung der Tüten entschuldigen und gelobt Besserung – keine öffentliche Stellungnahme, nur eine Antwort an die Absender_innen der Beschwerdemails. Dezentral Diskussionen in Gremien und Univeranstaltungen. Solidaritätsbekundungen der Frauenbeauftragten. Unbekannte Frauen, die sich per Mail für die Beschwerde bedanken, weil sie auch längst die Nase voll haben.

Das Free Education Movement Marburg (freedumm) ruft eine Aktion ins Leben: „UNICUM vom Campus kicken!“. Die UNICUM-Magazine finden sich an zahlreichen (Fach-) Hochschulen und glänzen nicht nur bei ihren Werbegeschenken mit sexistischen Inszenierungen, Darstellungen von klischeehaften Mann-Frau-Beziehungen und allgemeinem Wettbewerbsgebrösel.

Was tun?

Hier findet ihr eine Petition (und lesenswerte Begründung), die sich gegen die weitere Verteilung von UNICUM-Produkten an (Fach-) Hochschulen wendet.

Ich kann vielleicht nicht jedes sexistische Plakat in der Stadt abhängen, nicht jeder frauenverachtenden Werbung Einhalt gebieten. Aber Sexismus ist ein System, das eben gestützt oder gestürzt wird. Sexistische Übergriffe, gesellschaftliche Hürden qua Geschlecht und herabwürdigende Darstellungen von Frauen hängen systematisch zusammen und müssen dementsprechend auf allen Ebenen angegangen werden. Einen Hersteller von sexistischer Propaganda bin ich nicht zu dulden bereit – nicht an einem Ort, auf den ich Einfluss nehmen kann. Wenn ihr auch nicht bereit dazu seid, dann setzt die Verantwortlichen eurer Uni unter Druck, UNICUM von eurem Campus zu verbannen. Als ersten Ansatz, gegen Kommerzialisierung und gegen Sexismus in euren eigenen Räumen vorzugehen.


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Wie NEON sexualisierte Gewalt an Unis verharmlost

23. Juli 2012 von Gastautor_in

Carina Sohalt ist Studentin eines MINT-Faches, ein wenig älter als ihre Kommiliton_innen, immer mal wieder mit dem Feminismus in Berührung gekommen und daran interessiert, aber nach eigenen Angaben zu uninformiert, um sich guten Gewissens als Feministin bezeichnen zu können. Eigentlich sieht sie sich eher als Leserin statt Textproduzentin, doch ein Artikel in der aktuellen Ausgabe der NEON macht sie derartig wütend, dass sie es darauf ankommen lässt und es mit dem Schreiben versucht.

Die NEON ist eine Zeitschrift, die sich nach eigenen Angaben an „Männer und Frauen zwischen 20 und 35“ richtet und unter dem Leitsatz „eigentlich sollten wir erwachsen werden“ „über gesellschaftliche und politische Themen, Modetrends, Beziehungen, Karriere, Reisethemen und Popkultur [berichtet].“ Im ersten Quartal 2012 wurden laut IVW 228.071 Exemplare der NEON verkauft. Im Vergleich dazu hat zum Beispiel das Missy-Magazine eine Auflage von 20.000 Heften. Damit erreicht die NEON meines Erachtens eine ganze Menge Leser_innen. Darüber hinaus hat die NEON meiner Wahrnehmung nach durchaus den Anspruch, sich kritisch mit ihren Themen auseinanderzusetzen, genau das ist aber in diesem Fall nicht passiert.

Unter der Überschrift „Die dunkle Seite der Uni“ berichtet die NEON in ihrer gedruckten Ausgabe über eine Studentin, die im Vorfeld ihrer Abschlussprüfung von zwei verschiedenen Professoren sexuell belästigt wurde. In beiden Fällen machten die Professoren wiederholt mehr oder weniger unterschwellige sexuelle Angebote, einer von beiden drohte nach ihrer Ablehnung sogar direkt damit, dass er sie auch durch die Prüfung fallen lassen könne.

Hierzu werden die Gedanken und Gefühle der Betroffenen geschildert und Ausschnitte aus Emails zitiert. Gut, dass die NEON dieses wichtige Thema aufgreift, schlecht nur, dass zwischen den Zeilen nicht zu knapp sexistische Strukturen reproduziert werden. Beispiele?

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