Einträge mit dem Tag ‘Olumide Popoola’


Servicewüste Feminismus Ep. 2: Aktion gegen Vergewaltiger, mit Rechten reden, Fa(t)shionista sein

23. Oktober 2017 von Charlott

Servicewüste Feminismus? Einmal im Monat – quasi auf dem Silbertablett präsentiert – sprechen Mädchenmannschafts-Redakteur_innen über aktuelle Themen, Ideen für feministische Interventionen und Dinge, die wir gerade super finden. Ihr könnt den RSS-Feed oder direkt bei iTunes den Podcast abonnieren.

In der zweiten Folge diskutieren Magda und Charlott, welche Interventionen gegen Täter_innen sexualisierter Gewalt sinnvoll sind und wann das Mantra „Nicht mit Rechten reden“ angemessen und wann fehlgeleitet ist. Außerdem spricht Magda über ihr bald erscheinendes Buch „Fa(t)shionista. Rund und glücklich durchs Leben“, den Schreibprozess und Zielgruppen. Anschließend empfehlen Charlott und Magda ein paar weitere Bücher, die sie in diesem Jahr mit Freude gelesen haben. (Aufnahme: 17.10./ Download)

Feministische Intervention: Demos vorm Haus und Plakataktion gegen Vergewaltiger (0O:00-11:02)

Thema 1: Mit Rechten reden? (11:03-28:26)


Thema 2: Fa(t)shionista (28:27-42:16)

Lieblingsdinge: Buchempfehlungen (42:17-52:31)


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Ein Buch nach dem anderen: Übersetzte Literatur von Frauen

29. August 2017 von Charlott
Dieser Text ist Teil 132 von 131 der Serie Die Feministische Bibliothek

Kurzrezensionen

In einigen Ecken des Internets (und auch außerhalb) wird August als „Women in Translation/ übersetzte Frauen“-Monat begangen. Auf Twitter und Instagram teilen Nutzer_innenunter dem Hashtag #witmonth und #womenintranslation Hinweise zu Büchern von Autorinnen, die übersetzt wurden, geteilt. Wie die Hashtags schon erahnen lassen, geht es dabei überwiegend um Literatur aus allen möglichen Sprachen, die ins Englische übersetzt wurden. Leser_innen, die viele Bücher auf Deutsch lesen, sind es ziemlich gewohnt Übersetzungen aus dem Englischen übersetzte Werke zu lesen, aber bei anderen Sprachen sieht es gleich viel rarer aus. Übrigens nur 30% der Literatur die ins Englische übersetzt wird ist von Frauen. (Habt ihr ähnliche Statistiken für Übersetzungen ins Deutsche?) Übersetzerinnen in Deutschland verdienen in etwa 15% als ihre Kollegen. Heute teile ich drum zwei Bücher von Autorinnen, die von Übersetzerinnen übersetzt wurden. Teilt doch in den Kommentaren Bücher, die ihr in Übersetzung gelesen habt (ganz gleich was Ausgangs- und Zielsprache sind).

Swallowing Mercury (Portobello Books, 2017) von Wioletta Greg (Übersetzung aus dem Polnischen: Eliza Marciniak) ist eine wundervolle Novelle, die in einem polnischen Dorf in den 1980ern spielt. Das Buch erzählt in kurzen Episoden vom Erwachsenwerden von Wiola, einem Mädchen, die mit ihrem Großvater, ihrem Vater, einem Deserteur und Taxidermist, und ihrer Mutter, die glaubt, dass das Töten von Spinnen einen Sturm heraufbeschwört, aufwächst. Wiola navigiert ihr Leben zwischen Katholizismus und Sozialismus, Malen, Sammeln von Streichholzschachtel-Etiketten, und ersten sexuellen Erfahrungen. Das Buch lebt von der Atmosphäre, gleichzeitig passiert einiges, aber auch wiederum sehr wenig. Greg fängt eine spezfische Zeit der Umbrüche in wundervollen kleinen Geschichten ein. Meines Erachtens wurde leider noch nichts von Greg ins Deutsche übersetzt.

„It comes down to a single maxim: Not one day without a woman“, heißt es in der Einleitung von Anne Garrétas Not One Day (Deep Vellum Publishing, 2017, Übersetzung aus dem Französischen: Emma Ramadan und Anne Garréta). Zu Beginn des Buchs erklärt Garréta ihr Vorhaben, einen Monat lang will sie sich täglich hinsetzen und fünf Stunden über eine Frau schreiben, die sie begehrt hat oder von der sie begehrt wurde. Kein Lektorieren, kein Nachschlagen von Daten oder Kontextinformationen. Einfach nur Schreiben. Die geschrieben Episoden sollen nicht chronologisch, sondern alphabetisch nach dem Anfangsbuchstaben der Frauen sortiert werden. Not One Day ist das Ergebnis dieses Experiements und lässt sich nur schwer zusammenfassen, ohne wichtige Punkte vorwegzunehmen. Es ist ein Sinnieren über Begehren, aber auch Schreiben und Binaritäten wie Fiktion/Nicht-Fiktion oder Erinnerung/ Einbildung. Poetisch, manchmal zart. Ich werde auf jeden Fall zu dem Buch zurückkehren.
Anne Garrétas Roman Sphinx wurde von Alexandra Baisch ins Deutsche (edition fünf, 2016) übersetzt.

Buchnews und -debatten

Ihr könnt ein paar Euro entbehren? Hier könnten sie gut gebraucht werden: Derzeitig stellt Mika Murstein das Buch I’m a queerfeminist cyborg, that’s okay. Gedankensammlung zu Anti/Ableismus fertig, welches bei edition assemblage erscheinen wird. Das Buch soll möglichst barrierearm produziert werden (größere Schrift, E-Book-Version etc.) und sowas kostet leider alles immer Geld. Darum gibt es zur Zeit ein Crowdfunding!

In den nächsten Tagen gibt es eine Reihe spannender Buchveranstaltungen. Hier eine kleine Auswahl: In Berlin wird morgen u.a. das Buch Recht auf Trauer. Bestattungen aus machtkritischer Perspektive vorgestellt und zu queeren_machtkritischen Perspektiven auf Bestattungen diskutiert (FB-Link). Am Samstag wird in Frankfurt a.M. das Buch Alltäglicher Ausnahmezustand. Institutioneller Rassismus in deutschen Strafverfolgungsbehörden präsentiert und in Berlin ist die Schriftstellerin Olumide Popoola zu Gast, wird aus ihren Büchern lesen und mit Elnathan John ins Gespräch kommen (FB-Links). Außerdem wird der AvivA-Verlag im September 20 Jahre alt und feiert dies anständig mit einer Jubiläumstour – vielleicht ja auch in eurer Stadt!

Die Lektorin Judith Jones ist verstorben. Die Wahshington Post erinnert an die Frau, die unter anderem dafür sorgte, dass Anne Franks Tagebuch verlegt wird und an Julia Childs Kochbuch-Vision von Beginn an glaubte und diese untersützte.

AFREADA veröffentlichte Yovanka Paquete Perdigaos kurzen Text „Letter to Margarida“ online.

Magda hat auf der Facebookseite der Literarischen Agentur Simon drei Bücher vorgestellt, die sie zuletzt gelesen hat.

Bei Book Riot gibt eine Übersicht über die diesjährigen Hugo-Award-Gewinner_innen. Dieses Jahr gewannen unter anderem The Obelisk Gate von N. K. Jemisin, Every Heart a Doorway von Seanan McGuire und Monstress, Volume 1: Awakening von Marjorie Liu und Sana Takeda.

Anna Siedel bespricht beim Missy Magazine die aktuelle Ausgabe der Comic-Anthologie „SPRING“.

Ein Thema, was an Aktualität kaum verliert: Sohra schreibt auf ihrem Blog TofuFamily über Rassismus, Sexismus und Stereotype in Kinderliteratur, darüber, was sie ihren Kindern nicht vorliest, aber auch Bücher, die sie empfehlen kann. (Hinweis: In dem Artikel sind Fotos von Kinderbuchtextstellen, in denen das N-Wort ausgeschrieben ist.)

A Native American Poet Excavates the Language of Occupation„. Natalie Diaz bespricht Layli Long Soldiers Gedichteband Whereas bei der New York Times.


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Ein Buch nach dem anderen: Mädchengeschichten, das Phänomen Köln und Umgang mit Trauer

25. Juli 2017 von Charlott
Dieser Text ist Teil 130 von 131 der Serie Die Feministische Bibliothek

Kurzrezensionen

Die (sexualisierten) Übergriffe/ Gewalttaten auf der Kölner Domplatte in der Silvesternacht 2015/16 rückten auf einmal Debatten um sexualisierte Gewalt in den Mittelpunkt – geführt vor allem von Leuten, die bisher nicht aufgefallen waren als Verfechter körperlicher Selbstbestimmung und feministisch-informierter Anti-Gewalt-Arbeit. Als Feministin, die unterschiedliche Gewaltformen und deren Verschränkungen offen legen und angehen möchte, hatte man häufig das Gefühl, sich in jede Richtung abgrenzen zu müssen oder Grundlegendes (wieder) zu erklären. Sabine Hark und Paula-Irene Villa wenden sich in Unterscheiden und herrschen: Ein Essay zu den ambivalenten Verflechtungen von Rassismus, Sexismus und Feminismus in der Gegenwart (transcript, 2017) der Frage zu, wie „Köln“ zu so einem Objekt werden konnte, wie über die Geschehnisse gesprochen wurde bzw. wie sie medial dargestellt wurden, welche Positionen eingenommen wurden (und an welche zuvor bereits bestehenden Diskurse diese anknüpften). Herausgekommen ist ein Buch, was zum einen weniger ist als ein Buch über Köln – denn die konkreten Ereignisse und vor allem auch die Erfahrungen der Betroffenen sind hier hintenangestellt – und weit mehr als ein Buch über Köln – denn über die Silvesternacht hinausweisend bietet der Essay Unmengen an Stoff um darüber nachzudenken, wie konkret feministische Analysen und feministischer Aktivismus Hetero_Cis_Sexismus, Rassismus, Ableismus etc. fokussierend aussehen könnte. Der Text ist dabei sehr dicht, es lohnt sich aber inne zuhalten und über einzelne Gedanken selbst zu reflektieren, auch mal einen Abschnitt zweimal zu lesen. Besonders gut gefallen hat mir das letzte Kapitel vor dem Epilog. In diesem in Gesprächsform gehaltenen Textteil tauschen sich Villa und Hark über den Essay, Problemfelder, Unsicherheiten, Schreibentscheidungen aus. Diese angehangene (und doch elementare) Reflexion des eigenen Geschriebenes weist auf den achtsam analysierenden, sich selbst immer hinterfragenden Feminismus, den sie im Rest des Buchs bereits vortragen und spontan würde ich mir solche Kapitel auch in einer ganzen Reihe anderer Bücher wünschen.

Im Juni hatte ich das Glück bei der Buchveröffentlichungsfeier von Wir sind Heldinnen! Unsere Geschichten (w_orten & meer, 2017) dabei sein zu können und so auch einigen des Herausgeberinnenkollektivs SVK – Selbstverteidigungskurs mit Worten, ein Zusammenschluss von Berliner Mädchen zwischen 6 und 16 – beim Vorlesen ihrer Geschichten zuzuhören. Das Buch versammelt zehn Geschichte, mal gemalt, mal fotografiert, mal geschrieben von zehn Autorinnen, die – so die Verlagsbeschreibung – „die Erfahrung teilen, durch Fremdzuschreibungen geandert zu werden“. Es gibt einige Themen, die in vielen den Geschichten auftauchen vor allem Freund_innenschaft aber auch Mobbing, doch so unterschiedlich die Formen der Präsentation sind, so verschieden sind auch die erzählten Stoffe, die zwischen Realismus und magischen/ fantastischen Elementen wechseln, in denen es um verstecke Türen, Rassismuserfahrungen, den Horror zu kurzer Umziehzeiten für den Sportunterricht, unheimliche Träume, seltene Vögel, Kinder-Erwachsenen-Beziehungen oder Flucht geht. Das Buch bietet Geschichten zum Nachdenken, Lachen und voller Spannung. Es wäre schön, wenn es einen festen Platz in Schulbibliotheken findet – aber natürlich auch in den Bücherregalen und auf den Nachttischen Menschen jeglicher Altersgruppen.


„Girls with fire in their bellies will be forced to drink from a well of correction till the flames die out.“

Lesley Nneka Arimahs Kurzgeschichtenband What It Means When a Man Falls from the Sky (Riverhead, 2017) ist ein großartiges Debut und ich bin jetzt schon gespannt, was sie als nächstes schreiben wird. Ihre Geschichten, die alle ein präziser, wundervoller Schreibstil eint, varieren von sehr realistischen Darstellungen, über magischen Realismus und Allegorien hin zu SciFi. Bereits die erste Geschichte („The Future Looks Good“) lässt das Leser_innen-Herz kurz stocken und auch der Rest des Buchs bleibt emotional ohne aber effektheischend zu sein. In „Wild“ treffen zwei Cousinen aufeinander, wenn die eine aus den USA als Strafe für ihr Verhalten zur Familie der anderen in Lagos geschickt wird. Da ist die junge Frau in „Second Chances“, deren verstorbene Mutter plötzlich wieder den Alltag mitgestaltet. In der für den Caine Preis nominierten Geschichte „Who Will Greet You At Home“ kreieren Frauen ihre Babys, in dem sie sie aus Materialien, die ihnen zugänglich sind bauen und sie (im besten Fall) von ihren Müttern segnen lassen. Doch die Protagonistin der Geschichte, die ein zerrüttetes Verhältnis zu ihrer Mutter hat, scheitert immer wieder. Und in „What It Means When a Man Falls From the Sky“ gibt es Mathematiker_innen, die Schmerz/Verlust/Trauer von Menschen wegnehmen können, doch die Kosten dieser Rechnung erfahren die Protagonistin und ihre (Ex)Freundin nach und nach.
Kurzgeschichtenbände lese ich sonst häufig über einen längeren Zeitraum verteilt, immer mal wieder ein oder zwei Geschichten, Arimahs Band hingegen konnte ich kaum aus den Händen legen. Ein abwechslungsreiches Buch, welches Leser_innen mit unterschiedlichen sonstigen Lesegewohnheiten ansprechen könnte.

Thandi wurde in den USA geboren und wuchs dort auf, ihre Mutter Südafrikanerin, ihr Vater US-Amerikaner. Als ihre Mutter an Krebs stirbt, fühlt sie sich so verloren, dahintreibend wie nie zu vor. Zinzi Clemmons hat mit What We Lose (Viking, 2017) einen leisen, tiefgreifenden ersten Roman über Verlust und Trauer, Zugehörigkeit(sgefühle) und Liebe vorgelegt. Die Geschichte um Thandis Aushandlungsprozesse ist in kurzen Vignetten erzählt, die verflochten sind mit Blogbeiträgen zu südafrikanischer Politik, Fotographie, Emails und Statistiken. Die in einer Aufzählung erst einmal disperat wirkenden Fragmente fügen sich in diesem Roman zu einem größeren Ganzen, einem breiteren Verständnis zusammen, geben Thandi und ihrer konkreten Positionierung und Erfahrung Tiefe. Im Kern aber bleiben Fragen danach, wie wir mit dem Verlust einer geliebten Person umgehen (und teils versuchen/ daran scheitern die Leere zu füllen), wie Familien, ein Zuhause und Zugehörigkeitsgefühl in komplexen Verhältnissen aufgebaut werden können.

Buchnews und -debatten

Olumide Popoolas neuer Roman When We Speak of Nothing ist bei Cassava Republic erschienen. In einem Gastbeitrag auf The Writes of Woman erklärt Olumide, warum sie in ihren Roman über LGBT Lebensrealitäten in Nigeria und UK schreibt. Am 02. September wird Popoola in Berlin lesen und sprechen, da gibt es nämlich die zweite Auflage von Elnathan Johns Literaturveranstaltung Elnathan’s BOAT (FB-Link).

Beim Merkur gibt es ein mittlerweile fünf-teiliges Dossier zu Sexismus an Schreibschulen im deutschsprachigen Raum. Es schreiben u.a. Absolvent_innen und Student_innen aus Hildesheim, Leipzig und Wien über ihre Erfahrungen.

Deutschlandfunk Kultur berichtet über das britische Dichterinnenkollektiv Octavia, welches sich gegen Sexismus und Rassismus im Literaturbetrieb um die Autorin Rachel Long formiert.

Das Leben unter Trump? Auf The Nib zeichnen Schwarze Comic-Macher_innen ihre Erfahrungen nieder.

Ich kann es kaum ewarten: HBO wird aus Nnedi Okorafors Roman Who Fears Death eine Serie machen! Wer mehr über die Okorafor und ihr Werk erfahren möchte, kann beispielsweise meinen analyse&kritik Artikel aus dem letzten Jahr lesen.

What nobody tells you about being a trans woman of colour author“ – Kai Cheng Thom schreibt auf Xtra über ihre Erfahrungen.

Wenn mal über Literatur von Native Americans gesprochen wird, dann leider nur über sehr wenige Autor_innen (um genau zu sein häufig ausschließlich über Sherman Alexie). Erika T. Wurth schreibt in ihrem Essay „The Rest of Us Have Always Been Here“ auf ROAR über die Unsichtbarmachung der vielfältigen Literatur(en) von Native Americans.

Katelan Dunn für das LSE US Centre Sarah Turnbulls Buch Parole in Canada: Gender and Diversity in the Federal System.

Im April berichtet der Guardian, dass in neu aufgetauchten Briefen von Sylvia Plath diese physische und psychische Gewalt durch ihren Mann den Dichter Ted Hughes beschreibt. Emily Van Duyne stellt bei Lithub fest, dass diese Briefe nur überraschend/ schockierend sind, wenn man bisher nichts von dem, was Plath geschrieben/ gesagt hat, ernstgenommen hat und fragt: „Why are we so unwilling to take Sylvia Plath by her word?


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