Das Muttiblog hat eine neue Autorin: Hannah. Hier schreibt sie über den Mythos der Mutterliebe.
Nichts gegen Mutterliebe. Mutterliebe ist großartig. Die Mutterliebe wird fast immer erwidert – zumindest bis zum Eintritt der Geliebten in die Pubertät.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de
Redet man über Mutterliebe, ist die Sicht der Mutter selten Untersuchungsgegenstand. Es gibt nur die Sicht aller anderen. Seit Jahrzehnten beschäftigen sich Studien mit der Mutterliebe. Sie finden fast ausnahmslos heraus, wie notwendig sie für Gedeih und Verderb der Kinder, der späteren Erwachsenen und der Gesellschaft als Ganzer ist. Das dient dann meist konservativen Daherrednern, die Herdprämien, Halbtagsschulen und Freiheit zum Hausfrauensein fordern.
Mutterliebe als Naturgesetz?
Gerade ist im Freitag ein Artikel zum Thema erschienen, die SZ berichtete darüber im Sommer. Die inhaltliche Essenz lässt sich zusammenfassen: Kindern, die genug Mutterliebe erfahren, geht es später besser. Die aktuelle Studie dazu hat herausgefunden, dass Kinder, deren Mütter ihnen vor 30 Jahren die Wünsche von den Lippen lesen konnten („das Ausmaß der Sensitivität der Mutter, die Signale und Bedürfnisse des Babys zu verstehen“), heute emotional stabiler sind: weniger Angst, weniger aggressiv, stärker belastbar.

Foto: Socar Myles, über: Flickr
Artikel über Mutterliebe reichern das ganze an mit weiteren Studien an, wie Studien über Rattenmütter, so auch der Artikel im Freitag. Sie sagen, dass man bessere Freunde findet, wenn die Mutter einen richtig geliebt hat. Interessant fand ich im Freitag-Artikel von Hans-Peter Waldrich einzig die These, dass Embryos in Schweden „geschockt“ waren, als Olof Palme ermordet wurde: Danach wogen Neugeborene weniger. Mit Ausnahme der Olof-Palme-Studie haben die Studien eins gemeinsam: Sie basieren auf weichen Fakten: kulturell gewachsenen Vorstellungen oder sogar subjektiven Beobachtungen. Sicherlich hatte die Versuchsleiterin einen langen Kriterienkatalog, nach dem sie beurteilt hat, ob eine Mutter sensibel auf ihr Kind reagiert oder nicht. Sicherlich gibt es exakte Parameter, nach denen man Bindungen zu Freunden und Partnern bemessen kann.
Mutterliebe als kulturelles Konstrukt
Aber auch der längste Katalog basiert auf unseren kulturellen Vorstellungen. Die sind, was die Mutterliebe anbelangt, nicht besonders alt. Es waren Reformation und Aufklärung, namentlich Martin Luther und Jean-Jacques Rousseau, die unsere heutige Vorstellung von Mutterliebe geprägt haben. Die Lehre der katholischen Kirche stellte damals noch die Nächstenliebe weit über die Mutterliebe und sah in letzterer auch den Egoismus, die eigenen Kinder zu bevorzugen. Anders die Aufklärer, die genau umgekehrt die Liebe zwischen der leiblichen Mutter und ihrem Kind glorifizierten und jegliche andere Bezugspersonen, z.B. Ammen ablehnten. Auch zogen sie erstmals ganz im Sinne der heutigen Studien eine direkte Verbindung von der frühkindlichen Erfahrung von Mutterliebe zum späteren „richtigen“ Verhalten im Erwachsenenleben: „Wenn sich jedoch die Mütter dazu verstünden, ihre Kinder selber zu nähren, so werden sich die Sitten von selbst erneuern…“ (Rosseau in Emile oder Über die Erziehung)
Heute hat sich der politisch-korrekte Diskurs etwas verschoben, und so erwähnt der Artikel von Hans-Peter Waldrich im Freitag, dass die Rolle der Mutter auch von anderen Bezugspersonen übernommen werden kann. Der Gedanke taucht nach diesem Satz jedoch nicht mehr auf, weil nämlich genau das in der Studie nicht untersucht wurde. Immerhin bekommen auch die Väter einen kleinen Absatz: Die stünden nicht Abseits und seien von großer Bedeutung. Aha! Beide Behauptungen bleiben unerklärt, erstere wage ich auch zu bezweifeln bei all dem Muttergesülze. Waldrich ist ein kritischer Pädagoge. Er beschäftigt sich ansonsten mit Schlankheitswahn, Selektionsmechanismen in der Schule, dem Verfalls der Moral in der Kommerzgesellschaft oder den Neurosen der SPD. Warum ist ihm nicht aufgefallen, dass mit der Studie über Mutterliebe etwas nicht stimmt?
Mangelhafte Studien
Warum haben die Wissenschaftler weder Väter noch Umfeld untersucht? Es könnte doch sein, dass bei den heute weniger aggressiven Erwachsenen nicht nur die Mutter, sondern auch die Väter besonders liebevoll waren. Es könnte auch sein, dass es eine Korrelation zwischen liebevoller Mutter und sonstigem Umfeld gibt. Das legt zumindest ein Kommentator des Artikels in der Süddeutschen Zeitung nahe. „Muehlhausen“ hat sich die Daten genauer angesehen und schreibt: „Zudem ist die Interpretation der Daten durch die Autoren einseitig und wohl von verzerrter Sichtweise geprägt. So sind in der Gruppe der jungen Erwachsenen, die als Baby ein normales oder besonders hohes Ausmaß an Wärme erfuhren mehr Männer, mehr europäischer Abstammung und die Eltern kommen aus höheren Sozialschichten.“
Da tut sich also ein sehr viel wahrscheinlicherer Zusammenhang als die Mutterliebe auf: Kinder aus weißen Mittelschichtfamilien sind weniger aggressiv und stärker belastbar. Auch das ist nicht neu. Dafür gibt es viele handfeste Gründe: Sie gehen auf bessere Schulen, haben es leichter im Leben und nicht zuletzt lebt man ihnen andere Konfliktlösungsstrategien vor. Dass sich zudem eine Korrelation mit der Mutterliebe ergibt, könnte daran liegen, dass „Mütter in problematischer sozialer Lage es schwerer haben, ihren Kindern das seelische Grundkapital weiterzugeben“, wie Waldrich am Ende seines Artikel schreibt (basierend auf einer anderen Studie). Das heißt aber nicht, dass die fehlende Mutterliebe ursächlich für das spätere aggressive Verhalten ist. Es heißt nur, dass fehlendes Geld, fehlende Aufstiegschancen, mangelnde Belastbarkeit, Aggressivität und fehlende Mutterliebe häufig bei einem Menschen zusammentreffen. Ergebnis der Studie hätte also auch sein können, dass viel Mutterliebe zu einem dickeren Bankkonto führt und zu einer größeren Schuhgröße.
Immerhin hat der Freitag das Problem erkannt und stellt in den großen Artikel von Waldrich einen kleinen Kasten mit Erkenntnissen von Jessica Shephard: Darin steht z.B. dass Klassenzugehörigkeit entscheidender ist als Mutterliebe. Dito.
In der Korrelationswissenschaft ist es immer fragwürdig, Ursache und Wirkung klar zu benennen. Laborbedingungen gibt es nicht. Auch die Ursächlichkeit von Klassenzugehörigkeit für Sozialverhalten lässt sich nicht abschließend beweisen. Ich persönlich glaube, dass materielle Bedingungen eher Ursache für Verhalten sind als ideelle. Bei den meisten Themen sehen das die Freitag-Redaktion und Hans-Peter Waldrich wohl genauso. Nur eben nicht bei der Mutterliebe.

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