Salut,
seit zwei Jahren gehöre ich im Europaparlament zu den Abgeordneten, die tagtäglich versuchen, ihr Familienleben mit kleinen Kindern und den stressigen Alltag als Europaabgeordnete unter einen Hut zu bringen.
Das Parlament verfügt zwar über eine eigene Kinderbetreuung, die täglich von 7.00 bis 19.00 Uhr geöffnet hat. Allerdings habe ich mehrmals pro Woche Termine, die nach 18.30 Uhr beginnen und nicht selten bis 20.00 oder gar 21.00 Uhr dauern. Ich stehe dann immer vor der schwierigen Entscheidung, die Sitzung zu verpassen und somit politischen Einfluss zu verlieren oder mein Kind nicht zu sehen. Daher habe ich nun mit einigen anderen Abgeordneten, denen es ähnlich geht, eine Initiative zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Abgeordnetenalltag gestartet.
Wir haben einen Brief (PDF) an den Vorsitzenden der Konferenz der Ausschussvorsitzenden geschickt, der für die Planung der Ausschusssitzungen zuständig ist. Darin fordern wir, dass keine Ausschuss- und ähnlichen Sitzungen nach 18.30 Uhr angesetzt werden. Das ist nämlich nicht notwendig, hat sich aber halt so eingebürgert.
Sicher denkt jetzt die eine oder andere von euch, dass es ihr genauso geht. Morgens das Kind in die Kita bringen und am Abend wieder abholen, zwischendurch volle Leistung bei der Arbeit erbringen und dann noch sogenannte „quality time“ mit der Familie verbringen. Das erfordert ein hohes Maß an Koordination, starke Nerven und Stressresistenz. Leider lässt sich nicht immer jeder Termin auf die Minute planen, mal steht man im Stau oder der Fahrstuhl kommt ewig nicht. Und schon verschiebt sich alles.
Ich wünsche mir schon seit Langem, dass wir zu einer neuen Arbeitskultur finden, die es uns Müttern aber auch den Vätern erleichtert, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. In der man sich nicht dafür entschuldigen muss, dass man Kinder hat oder dass man schon wenige Wochen nach der Geburt wieder arbeitet, damit man keinen „Karriereknick“ erleidet. Warum muss man 50 oder mehr Stunden pro Woche arbeiten, um die Karriereleiter zu erklimmen? Kann man nicht auch mit reduzierter Arbeitszeit eine erfolgreiche Führungskraft sein? Warum müssen sich Karriere und Kinder gegenseitig behindern? Und warum ist die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf eigentlich noch immer eine rein weibliche?
Diese und ähnliche Fragen stellt sich auch Barbara Streidl, die Mitgründerin der Mädchenmannschaft in ihrem neuen Buch „Kann ich gleich zurückrufen?“, das am 8. Juni erschienen ist und das ich euch ans Herz lege (PDF).
Ich würde mich über eine offene Diskussion mit euch freuen!
Viele Grüße aus Brüssel,
eure Franziska

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