Julian Assange und sein „Freiheitsentzug“

[Inhaltshinweis: Rape Culture]

Es ist nicht auszuhalten. Wie tagesschau.de berichtet, haben „UN-Rechtsexperten“ die „jahrelange Botschaftszuflucht des Wikileaks-Gründers“ in der Botschaft Ecuadors in London als „unrechtmäßig eingestuft.“ Assange müsse sich frei bewegen können, so die „Arbeitsgruppe über willkürliche Verhaftungen,“ und Assange könne Schadensersatz für seinen „Freiheitsentzug“ fordern.

Darf ich kurz fragen: Wir vergessen dabei einfach, dass Julian Assange in die ecuadorianische Botschaft „floh,“ um einer erneuten Befragung zu den Vergewaltigungsanzeigen gegen ihn in Schweden zu entkommen? Julian Assange ist also nun das eigentliche Opfer, obwohl er derjenige war, der Hals über Kopf Schweden verließ, um nicht noch einmal persönlich von der Polizei zu den Vorwürfen sexualisierter Gewalt gegen mindestens zwei Frauen befragt zu werden?

Vor über drei Jahren schrieb ich in einem Blogpost: „Es wurde noch nicht einmal Anklage gegen Assange erhoben bisher. Es geht darum, dass die Polizei ihn auffordert, sich noch einmal befragen zu lassen, woraufhin er eiligst Schweden verließ und nun seine Anwält_innen und Anhänger_innen ein sexistisches „Die CIA hat mich verführt“-Narrativ spinnen lässt in einer Situation, in der es darum geht, dass er zwei Frauen vergewaltigt haben soll. Assange soll gesagt haben, dass Schweden „das Saudi-Arabien des Feminismus“ sei und er das eigentliche Opfer.“

Man kann hier auch anmerken, dass Assange nie die Erzählungen der Frauen, die ihn anklagten, direkt verneinte. Ein Anwalt behauptete, es handele sich bei seiner Verhaltensweise zwar um „Respektlosigkeit“, aber nicht um sexualisierte Gewalt. Offenbar geht Assange (und Fans) davon aus, dass, wenn man einmal „Ja“ zu Sex mit ihm sagt, dieses Einverständnis für immer und für alles gilt, ob man dabei bewusstlos ist oder nicht, ob man dabei körperlich überwältigt wird oder nicht.

Dabei wird Wikileaks benutzt als Quasi-Absolution für seine Handlungen, statt zu erkennen, dass es hier nicht um sein politisches Projekt, sondern um die Person Assange geht; um seine persönlichen Entscheidungen, für die er verantwortlich ist. Weil eine Auslieferung in die USA drohe, dürfe man Assange also nicht für seine persönlichen Entscheidungen haftbar machen – es gehe um das große Ganze. Eine dieser Entscheidungen könnte allerdings gewesen sein, zwei Frauen zu vergewaltigen und dann aus Schweden zu fliehen, bevor er dafür – was, wie wir wissen, sowieso selten geschieht – rechtlich belangt hätte werden können. Eine weitere persönliche Entscheidung Assanges war, sich dann als das „Opfer“ eines „radikalen Feminismus“ zu stilisieren und so zu tun, als sei er ein politischer Geflüchteter aus Australien, der von dem rechtlosen Staat Schweden gejagt würde.

Das ist besonders widerlich im Kontext der Erfahrungen von Geflüchteten. Es ist besonders widerlich, da  im Kontext der Begründung Ecuadors, Assange Asyl zu gewähren, Vergleiche zu „Kriegsflüchtlingen“ gezogen wurden. Es ist besonders widerlich, wenn man an Chelsea Manning denkt, die sonst in Vergessenheit gerät.

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Weitere Texte bei der Mädchenmannschaft, die sich mit Assange und Rape Culture auseinandersetzen, findet ihr hier.

 

In was für einer Welt leben wir eigentlich, wenn Assange nicht als Vergewaltiger gilt?

(Für den folgenden Beitrag gilt eine Triggerwarnung: Thematisierung von Vergewaltigungsverharmlosungen und Schilderung vom Tathergang im zweiten Absatz.)

In was für einer Welt leben wir eigentlich, wenn das, was Julian Assange zwei Frauen angetan hat, nicht als Vergewaltigung gewertet wird? Achja, in einer Rape Culture. In einer Kultur, die uns lehrt, dass ein „Nein“ auch mal ein „Ja“ ist, dass Schweigen „Ja“ impliziert, dass ein einmal gegebenes „Ja“ ein „immer-Ja“ ist, dass es sowas wie „überraschenden Sex“ („sex by surprise“) gibt und dass all das, so schreibt es euch doch bitte hinter die Ohren, keine Gewalt ist. In einer Kultur, in der Kläger*innen, sobald es um sexualisierte Gewalt geht, erstmal unter Generalverdacht stehen, und in der eine*n viel zu oft das Gefühl überkommt, dass es Verbündete nur für Täter*innen gibt.

Assange ist ein Vergewaltiger. Um sich darüber klar zu werden, genügt es, sich die Aussagen seines Verteidigers zu Gemüte zu führen. Im ersten Fall hat Assange eine Frau penetriert, während sie schlief – also ohne ihr Einverständnis. Da sie am Vortag konsensualen Sex gehabt hatten, fühlte Assange sich im Recht, sich weiterhin an ihrem Körper zu bedienen. Im zweiten Fall hatte Assange zunächst konsensualen Sex mit einer Frau, die sich jedoch wehrte, als sie feststellte, dass Assange versuchte sie ohne Kondom zu penetrieren. Als Reaktion hierauf drückte Assange sie nieder, setzte sich also explizit und gewaltvoll über ihren Willen hinweg. Auch hier fühlte er sich nach wie vor im Recht. Doch die Abwesenheit von Konsens ist sexualisierte Gewalt. Julian Assange ist ein Vergewaltiger.

Obwohl diese Fakten lange bekannt sind (wir berichteten schon vor knapp zwei Jahren darüber), spricht ein Großteil der Welt nach wie vor von einem Komplott. Erst kürzlich gewährte Ecuador Assange „diplomatisches Asyl“ und ließ dabei völlig außen vor, dass Assange nicht aufgrund seiner Tätigkeiten für Wikileaks nach Schweden ausgeliefert werden soll. Assange wäre in Schweden kein politischer Gefangener, sondern ein wegen sexualisierter Gewalt angeklagter Mann. Aber anscheinend macht die Tatsache, dass er als der Kopf von Wikileaks gilt, Assange in den Augen der meisten vor Vergewaltigungsvorwürfen immun. Weiterlesen „In was für einer Welt leben wir eigentlich, wenn Assange nicht als Vergewaltiger gilt?“

Was schreib ich nur über Julian Assange

Seit fast zwei Wochen ist die Debatte um die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Julian Assange nun am Laufen. Genau so lange wollte ich darüber schon schreiben, aber was sollte frau dazu sagen? Widersprüchliche Medienberichte, keine Auskünfte über die Vorwürfe und wilde Verschwörungstheorien ergaben die bitteren Ingredienzien eines schier unverdaubaren Brei.

Inzwischen ist vieles klarer. So zirkulierte zunächst das Gerücht, in Schweden sei selbst einvernehmlicher Sex strafbar, wenn kein Kondom benutzt wurde. Schwedische Bloggerinnen stuften den angeblichen „Sex by surprise“ jedoch gleich als das ein, was es auch in Schweden ist – ein Euphemismus für sexuelle Nötigung und Vergewaltigung. Geprägt hatte diesen Ausdruck AOL News, die sich dabei auf Aussagen des Anwalts von Assange bezogen. Eine englische Fassung des schwedischen Gesetzes hat inzwischen Jessica Valenti online gestellt.

Danach wurde langsam klar, weshalb Assange gesucht wird: “rape, sexual molestation and unlawful coercion”, zu Deutsch Vergewaltigung, sexuelle Belästigung und ungesetzliche Nötigung. Was genau damit gemeint ist, steht inzwischen beim Guardian. Assange wird vorgeworfen, mit einer der Betroffenen Sex ohne Kondom gehabt zu haben – gegen ihren ausdrücklichen Willen – und sie dann noch festgehalten zu haben. Eine andere Frau wachte nachts auf und stellte fest, dass Assange gerade mit ihr Sex hatte. Wieder ohne Kondom und ohne ihre Einwilligung. Weiterlesen „Was schreib ich nur über Julian Assange“

Jahresrückblick: Von Köln zu Gina-Lisa Lohfink und von AfD zur US-Wahl

Das Jahr 2016 war furchtbar. So furchtbar, dass ich anfing hier Beispiele aufzuzählen, aber mir immer mehr und mehr einfiel, so dass jede Aufzählung jeden Rahmen sprengen müsste. Stattdessen gibt es hier nun zur Vorbereitung auf ein angemessen widerständiges 2017 noch einmal eine Reihe von Texten aus diesem Jahr.

Glücklicherweise sind auch ein paar gute Dinge passiert: Am 03. Juli gewann Sharon Dodua Otoo den Ingeborg-Bachmann-Preis
  • In der letzten Silvesternacht kam es zu einer Reihe (sexualisierter) Übergriffe/ Gewalttaten auf der Kölner Domplatte. Was passierte danach? Die Belange der Opfer rückten schnell in den Hintergrund und wichen rassistischen Verallgemeinerungen und Forderungen. Dieser Verdrehung und Instrumentalisierung wandte sich Hannah in ihrem Text „zu Gewalt legitimierender Gewalt“ zu und zählte zu dem Missstände hinsichtlich sexualisierter Gewalt auf. Nadia schrieb über „Arabisch und nordafrikanisch aussehende Menschen™„, die nach Silvester auf einmal alle direkt erkennen wollten. Als Antwort auf diese Ereignisse und Debatten gründete sich die Initiative ausnahmslos, die sich gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus einsetzt. Nadia stellte ausgehend von dem ersten ausnahmslos-Positionspapier einige Fragen zu Möglichkeiten und Grenzen aktivistischer, emanzipatorischer Arbeit. Wie feministische Forderungen dann für rassistische Gesetzgebungen instrumentalisiert werden können, zeigte sich konkret im Juli, wo die Bundesregierung die Maxime „Nein heißt Nein“ in das Sexualstrafrechts einfließen ließ, gleichzeitig aber auch die Möglichkeit für Abschiebungen vereinfachte.
  • Erst vor ein paar Tagen hat sich mal wieder Assange zu Wort gemeldet und lobte den russischen Staat. Anfang dieses Jahres analysierte accalmie, warum es perfide ist im Zusammenhang mit Assenges Unterschlupf in der ecuadorianischen Botschaft über Freiheitsentzug zu sprechen.
  • Im Februar legte Heiko Kunert in einem Gastbeitrag „Eine Liste des Versagens“ zu deutscher Behindertenpolitik vor. Dass in diesem Artikel erwähnte Teilhabegesetz wurde später im Jahr vorgelegt – und heftig dagegen protestiert, denn es reihte sich nahtlos in die Versagensliste ein. Hannah schrieb über #nichtmeingesetz und den sichtbaren Protest behinderter Menschen (und darüber, dass sich viele Menschen ohne Behinderungen wenig mit dem Thema „Teilhabe“ auseinandersetzen).
  • Die AfD hat in diesem Jahr in einigen Landtagswahlen und Kommunalwahlen sehr hohe Ergebnisse eingefahren. Andere Parteien versuchten der AfD die Wähler_innen streitig zu machen, in die sie einfach ähnlich rechts agi(ti)erten. Schuldig für die Wahlergebnisse wurden (wie so häufig) die Nicht-Wähler_innen gemacht – manchmal noch dann, wenn die Zahlen zeigten, dass viele ehemalige Nicht-Wähler_innen an der Urne ihre Stimme für die AfD abgaben. Anna-Sarah schrieb zu den Landtagswahlen „Wählen gehen gegen rechts? – Wahlbeteiligung, Demokratie und AfD-Erfolg“ und Accalmie betonte in ihrem Text „Bitte nicht lächeln: Zur AfD„: „Die AfD ist eine extrem rechte Partei. Sie wird nicht aus „Unwissenheit“ gewählt.“.
  • Wenn ein „Hör auf“ nichts mehr wert ist„, schrieb Nadia über Gina-Lisa Lohfink, die sich nach erlebter sexualisierter Gewalt auf einmal auf der Angeklagten-Seite wiederfand. Unter dem Hashtag #TeamGinaLisa sammelte sich Protest gegen das Verfahren, Vergewaltigungskultur in Deutschland und Unterstützung für Lohfink. Magda berichtete im Juni von einer Protestaktion vorm Amtsgericht Tiergarten. Doch dann wurde Lohfink wegen falscher Verdächtigung zu einer Geldstrafe von 80 Tagessätzen à 250€. Ich beantworte daraufhin in einem Text die Frage nach wie Vergewaltigungskultur aussehe mit „Genau so„.
  • Wenn über sexualisierte Gewalt und Gewalt in Beziehungen gesprochen wird, dann liegt der Fokus häufig auf cis-männlichen Tätern und cis-weiblichen Opfern. Doch wie (wenig) über Gewalt in queeren Beziehungen gesprochen wird, darüber schrieb Nadine.
  • Was bleibt, ist Protest.„, stellte Magda fest nachdem die Ergebnisse der US-Wahl eingetrudelt waren und Donald Trump zum Gewinner der Wahl erkoren war.
  • Wisst ihr, was auch keine Verheißung ist? Feministische Männer. Nadia erklärt warum: „Wann immer es in meiner feministischen Laufbahn um feministische Cis-Männer ging, sie mir begegneten, ich mit ihnen sprach oder mir zum Feminismus konvertierte Mannsbilder via Telefon, Mail, Blog-Kommentarspalte oder Sprachnachricht mitteilten, sie hätten es jetzt begriffen und würden sich ab sofort »für die Sache« einsetzen, kam es zu gespenstischen Szenen und Erlebnissen, von denen ich die meisten gerne vergessen würde.“
  • Ein Blick in die Aktivismus-und-Bewegungs-Geschichte(n) ist so wichtig: Zu sehen und lernen, welche Debatten es bereits gab, welche Erkenntnisse weitergeführt werden könnten, aber auch um die Arbeit und den Einsatz jener anzuerkennen, die vor uns kamen. Tanja Abou schrieb in ihrem Gastbeitrag „Prololesben und Arbeiter*innentöchter“ über Interventionen in den feministischen Mainstream der 1980er und 1990er Jahre und deren Bedeutungen in heutigen Auseinandersetzungen und Magda blickte zurück auf die Gruppe „Fat Underground„, die sich in den 1970er Jahren gegen Dickenhass einsetzte.
  • Wie in jedem Jahr haben wir auch dieses Mal wieder die „Feministische Bibliothek“ weiter gefüllt mit einigen Buchtipps. Magda besprach beispielsweise „Und was sagen die Kinder dazu? Zehn Jahre später! Neue Gespräche mit Töchtern und Söhnen lesbischer, schwuler und trans* Eltern“ und „Alles Inklusive. Aus dem Leben mit meiner behinderten Tochter„, ich las „Rechtsextreme Frauen: Analysen und Handlungsempfehlungen für Soziale Arbeit und Pädagogik“ und empfahl „10 Bücher für die Freibad-Tasche“ und in einem Gastbeitrag blickte SchwarzRund auf das literarische Jahr 2016 deutschsprachig aus Schwarzer Perspektive zurück.

Was ist dein liebster Woody Allen Film?

[Inhaltshinweis: Thematisierung sexualisierter Gewalt, in Links zum Teil ausführlichere Beschreibungen dieser]

„Was ist dein liebster Woody Allen Film?“, fragt Dylan Farrow in ihrem offenen Brief, der am Samstag in der New York Times erschien, um dann detailliert darzulegen, wie Woody Allen, ihr Adoptiv-Vater, ihr sexualisierte Gewalt antat und immer wieder übergriffig wurde.

Als ich den Text las, war ich nicht vollkommen von seinem Inhalt überrascht. Bereits seit den 1990ern ist der Fall bekannt. Was mich überraschte, war meine abgeklärte Reaktion: Ja, ich habe den Text geteilt. Und dann für mich ad acta gelegt. Noch nicht einmal einen winzigen Gedanken habe ich daran gehabt, dass Farrows Schilderung irgendwie einen großen Einfluss auf die Art und Weise, wie Allen gesehen und gefeiert wird, haben wird.

Und bisher verläuft die Debatte so, wie sie zu erwarten war: Der Betroffenenbericht wird angezweifelt. Menschen wollen „beide Seiten“ sehen. Es wird angeführt, dass Allen sich ja nie zu diesen Vorwürfen bekannt hätte (Ja, eine ganz tolle „Beweisführung“). Viele Menschen verwenden sehr viel Energie darauf Woody Allen zu verteidigen oder direkt Dylan Farrow (und anderen Familienangehörige) anzugreifen.

Wenigstens auf Twitter regte sich mit dem Hashtag #IBelieveDylanFarrow Gegenwehr. Denn der Mechanismus ist kein neuer, sondern ein eindeutiger Pfeiler von rape culture. Aussagen von Betroffenen von sexualisierter Gewalt werden fast immer unter den Generalverdacht der Falschaussage gestellt. Das ist in diesem Fall nicht nur furchtbar für Farrow, sondern eben auch für andere Betroffene, die dieses öffentliche Infragestellen verfolgen und sich vielleicht noch einmal mehr überlegen, ob sie selbst eine Anzeige erstatten oder überhaupt jemanden von der Tat erzählen.

Woody Allen scheint von allen dem unberührt. Er ist halt Woody Allen. Ein wenig verschroben. Aber das macht ja auch seine Filme aus. Er ignoriert den Brief einfach. Und er kann dies auch tun. Denn voraussichtlich wird ihn niemand zur Rechenschaft ziehen. Die „Geschichte“ ist in den 90ern verflogen, warum sollte sie dies nicht auch jetzt tun? Stattdessen wird er weiter einen Film pro Jahr schreiben und drehen, und Schauspieler_innen werden sich freuen über die Ehre mit ihm zusammenzuarbeiten. Vielleicht haben einige kurz Zweifel, doch letzten Endes wird höchstens Kunst vom Künstler getrennt. Aber niemals alles boykottiert.

Beim Schreiben dieses Blogeintrags, habe ichTexte gelesen, die ich hier aus Gründen nicht verlinke, wo Menschen (in erster Linie Männer) zwar Dylan Farrow eine „schlimme Erfahrung“ zugestehen wollten, aber nicht anders konnten als mehrfach zu betonen, dass nun ja aber niemand wissen könne, was wirklich damals geschehen ist. Oder andere Männer, die ihrer Ikone nachtrauern, und das als Grund nennen, warum sie keine Wut zum Ausdruck bringen. Nicht mehr Allen-Filme ohne schlechtes Gewissen gucken zu können, ist ja fast so schlimm wie Berichte über sexualisierte Gewalt. Da ist der Fokus eindeutig richtig gesetzt.

Ich habe zu mindestens dadurch meine Wut wiederfinden und meine anfängliche Apathie ablegen können. Ich denke allein an die letzten Jahren. An Kachelmann und das „Opfer-Abo“. An Strauß-Kahn. An Assange. Und wenn wir bei Regisseuren bleiben wollen: an Polanski. Ich bin wütend, dass es wahrscheinlich keine Konsequenzen für Allen geben wird – aber ich werde sicher nicht müde diese einzufordern.

Warum deutsche Journalisten Edward Snowden lieben

Anmerkung der Redaktion:

Hier hatten wir vorhin einen ursprünglich bei den Fuckermothers erschienen Gastbeitrag gepostet. Der Text stellt wichtige Fragen:

Wer wird von der Männermannschaft in den großen Zeitungen eigentlich zum Helden geschlagen? Was sind die Kriterien, und wer bestimmt, was als „politische Handlung“ definiert und wahrgenommen wird, und was nicht?

 Wir halten es jedoch  für problematisch und auch widersprüchlich, in einer solchen Analyse  nicht auf die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Julian Assange und deren  zutiefst sexistische mediale Rezeption zu verweisen. Wenn Assange sich als Whistleblower betätigt, wird das als politisch wahrgenommen und er zum Helden erklärt – auch in besagtem Blogbeitrag. Wenn er sexualisierte Gewalt  ausübt, wird dem ganzen seine politische Dimension aberkannt und das Helden-Narrativ bleibt unangetastet.  In diesem Zusammenhang kann es auch nicht unerwähnt bleiben, dass der Heldinnenstatus hier wenn dann viel eher der im Text gänzlich entwähnten Chelsea Manning zukäme, die die fraglichen Daten gesammelt und Wikileaks/Julian Assange zur Verfügung gestellt hat. Chelsea Manning wurde gerade zu 35 Jahren Gefängnis verurteilt und wird während ihrer Haft umso mehr Gewalt und Übergriffen ausgesetzt sein, während Julian Assange, der  Mannings  Materialien lediglich veröffentlicht hat, glorifiziert und protegiert wird (u.a. erhält er Schutz in Botschaften), auf seine Staatsbürgerrechte pochen kann und sich offenbar relativ unangefochten und sicher zu fühlen scheint.  Diese Zusammenhänge in einer Analyse darüber, wer warum medial zum Helden erklärt wird und auf wessen Kosten, zu entnennen, finden wir  unverständlich und problematisch. Daher haben wir uns dafür entschieden, den Text hier von der Seite zu nehmen.

Mitten drin im Mainstreamdiskurs – Medienberichte zu Falschanschuldigungen

[Inhalt: Im Text geht es um sexualisierte Gewalt und deren Verharmlosung durch Medien. V*rg*w*lt*g*ng wird wiederholt ausgeschrieben.]

Unsere Gastautorin Sarah Lempp ist Redakteurin bei „ak – analyse & kritik“.

„Vorgetäuschte Vergewaltigung“ – schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate prangte eine solche Schlagzeile auf der Süddeutschen Zeitung vom 22. Mai und warb damit für eine Reportage auf der prominenten Seite 3. Unter dem Titel „Geschichten aus dem Odenwald“ ging es dort um eine Lehrerin, die behauptete, von einem Kollegen vergewaltigt worden zu sein. Der Mann wurde verurteilt und saß seine Strafe ab, doch dann wurde das Verfahren nochmals aufgerollt und der Lehrer freigesprochen, weil ernsthafte Zweifel an der Geschichte der Frau aufkamen. Eine besondere Tragik bekam der Fall noch dadurch, dass der Beschuldigte ein Jahr nach dem Freispruch an einem Herzinfarkt starb – na, wenn das mal keine interessante Story ist!

Mir verdarb der Artikel allerdings schon beim Frühstück die Lust auf die Zeitungslektüre – zeichnete er doch mal wieder das klassische Bild der bösartigen Frau, die ihren männlichen Kollegen/Freunden/Verwandten schaden will, indem sie „einen auf Vergewaltigungsopfer macht“. Okay, die SZ ist kein ausgesprochen kritisches Blatt, aber doch eine der wenigen verbliebenen seriöseren Zeitungen in Deutschland, von denen ich mir einen anderen Umgang mit dem Thema erhoffen würde. Denn es mag solche Fälle immer mal wieder geben, aber sie sind eine verschwindend geringe Minderheit im Vergleich zu den tatsächlich stattgefundenen Vergewaltigungen. Indem die SZ Berichten über behauptete Vergewaltigungen so prominente Plätze einräumt, stimmt sie in den Mainstreamdiskurs ein, demzufolge Männer an jeder Ecke damit rechnen müssten, fälschlich als Vergewaltiger beschuldigt zu werden. Damit tritt sie gleichzeitig die vielen realen Betroffenen von Vergewaltigung mit Füßen – von denen sich sowieso nur eine Minderheit „traut“, die Tat anzuzeigen.

So werden in Deutschland laut einer repräsentativen Studie aus dem Jahr 2004 jedes Jahr zwischen 7.000 und 8.000 Vergewaltigungen polizeilich angezeigt, wobei davon ausgegangen wird, dass nur ca. fünf Prozent aller vergewaltigten Frauen dies auch anzeigen. Von den gemeldeten Vergewaltigungen werden nur ca. 13 Prozent gerichtlich verurteilt. Und auch jenseits solcher Statistiken gibt es zahllose Belege dafür, dass sexualisierte Gewalt in Deutschland viel weiter verbreitet ist als allgemein angenommen und dass Betroffene es sehr schwer haben, Gehör zu finden. Leser_innen der Mädchenmannschaft wird mensch dies kaum erklären müssen, aber das ist gemeint, wenn feministische Aktivist_innen von einer „rape culture“ sprechen – einer tief verankerten gesellschaftlichen Kultur, in der Vergewaltigungen und sexualisierte Gewalt verharmlost werden, in der ein „Nein“ auch mal ein „Ja“ sein kann und in der den Tätern mehr Glauben geschenkt wird als den Betroffenen.

Die bekanntesten Beispiele aus dem letzten Jahr sind die Fälle Kachelmann, Strauss-Kahn und Assange, die von den Medien schnell zu Opfern geltungs- und rachsüchtiger Frauen stilisiert wurden. Mit ähnlich wenig Solidarität können Betroffene auch in weniger prominenten Fällen rechnen, wie es etwa die Kampagne „Ich hab’ nicht angezeigt“ im vergangenen Jahr deutlich machte. Diese sammelte Aussagen von Betroffenen sexualisierter Gewalt darüber, warum sie die Straftaten nicht angezeigt haben.

Solchen Personen Raum auf Seite 3 zu geben, wäre so viel angemessener, als der gängigen Behauptung Munition zu liefern, Falschbeschuldigungen seien „ein Massenphänomen geworden“ (Kachelmann). Vielleicht helfen ja Leser_innen-Briefe der SZ-Redaktion ein wenig auf die Sprünge: forum@sueddeutsche.de.

Diese Sache, die immer nur woanders passiert.

Triggerwarnung: Gewalt gegen Frauen*, rape culture, sexualisierte Gewalt.

Wir leben in einem Land, in dem wir dafür zur Kasse gebeten werden, Männern bei ihren Grenzüberschreitungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zuzusehen. In dem Tätern die Chance eingeräumt wird, vor einer breiten Masse mit Wörtern wie „Opferabo“ aufzuwarten und ganze Bücher über „ihre Sicht der Dinge“ im Handel erscheinen. Wir leben in einem Land, in dem Täter gute Chancen auf einen Freispruch haben, auch wenn die Tat nachgewiesen werden kann. Und zwar selbst dann noch, wenn die Betroffene zum Tatzeitpunkt minderjährig gewesen ist. Wir leben in einem Land, in dem all das für viel zu viele Frauen* Alltag ist. Und in dem zumindest die Angst davor für vermutlich jede Frau* etwas Altbekanntes ist. Wir leben in einem Land, in dem sich kaum irgendwer ernsthaft dagegen empört. Zumindest nicht, so lange es vor – oder gar hinter – der eigenen Haustür geschieht.

In Delhi, Indien, ist eine junge Frau in einem Bus von mehreren Männern so brutal vergewaltigt worden, dass sie an den Folgen des Übergriffs gestorben ist. Das ist schrecklich, furchtbar, ja in gewisser Weise unvorstellbar. Diese Tat ist etwas, was mir die Worte im Halse stecken lässt, weil alle mir bekannten zu harmlos erscheinen, angesichts des Ausmaßes dieser grausamen Tat. Als der Vorfall öffentlich geworden ist, sind in Indien zehntausende Menschen auf die Straße gegangen, um ihrer Wut über das Versagen von Staat, Justiz und Polizei Luft zu machen. Und um ein Zeichen zu setzen, gegen eine rape culture (Vergewaltigungskultur), die Taten wie diese überhaupt erst möglich macht.

Ich kann ihre Wut absolut nachvollziehen, ich teile sie, und ja, es sollte mehr von solchen Demonstrationen geben. Mehr Wut, mehr Öffentlichkeit, mehr Solidarität. Mehr Stellung beziehen. Mehr Verbündete. Ich würde mir wünschen, dass Täter gesellschaftsunfähig gemacht werden würden. Dass die Grundlage, auf der tagtäglich, in jeder verdammten Sekunde, Menschen ähnliches durchmachen müssen, Stück für Stück zerschlagen werden würde. Aber nicht nur in Indien, sondern auch hier. In Deutschland. In Europa. Überall. Weiterlesen „Diese Sache, die immer nur woanders passiert.“

Feste, Filme, Fails und Forschung – kurz notiert

Dieser Text ist Teil 183 von 395 der Serie Kurz notiert

Das Missy Magazine hat letztens ein fulminantes Fest gefeiert. Die Musik dazu kam von Jolly Goods und Peaches. Hier ein paar Impressionen.

Ebenfalls zum Gucken und Hören: Im Film Familie trans*formieren erzählen mehrere Trans*leute davon, wie sie Elternschaft (er)leben.

Viel zu lesen haben wir mal wieder in der österreichischen diestandard gefunden:

So betrachtet sie den medialen Umgang mit den Musikstars Rihanna und Chris Brown und sieht Rihanna in der Kritik wegen ihrer Weigerung, das „perfekte Opfer“ zu geben  (Hinweis: Beschreibung körperlicher Gewalt).

Welche_r noch auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken ist, wird von diestandard  mit  Buchtipps versorgt.

Einer Studie nach sind in Deutschland Frauen vom Pflegerisiko und der damit zusammenhängenden Altersarmut deutlich stärker betroffen als Männer.

„Die Kriminalisierung von Aufenthaltsehen ist für die Fremdenpolizei ein mächtiges Mittel, um binationale Ehen und deren Lebensumfeld zu kontrollieren“, sagt die Politkwissenschaftlerin Irene Messinger.

Die Einführung der „anonymen Entbindung“ in Österreich war offenbar eine sinnvolle Maßnahme: Kindestötungen in Österreich nach der Geburt im letzten Jahrzehnt um die Hälfte gesunken, Babyklappen werden viel seltener in Anspruch genommen.

Mehr aus Österreich: Mitte Oktober wurde im brut Wien das Stück „Assassinate Assange“ aufgeführt, das Julian Assange als Opfer einer Verschwörung darstellt. Agate S. kommt in der Malmoe zu einem klaren Urteil:  „Die Aufregung um Angela Richters Assange-Stück förderte abermals die üblichen Abwehrmechanismen und Verharmlosungsstrategien [bezüglich sexualisierter Gewalt] zu Tage und soll hier als Beispiel für die Widerwärtigkeit des gesamtgesellschaftlichen Verharmlosungsdiskurses dienen.“

Spektakuläre Aktion *gegen* rape culture: Facebook-User_innen kaperten die Social Media-Auftritte der bekannten  Unterwäschefirma Victoria’s Secret, um für das Konsenskonzept zu werben und damit Vergewaltigungen entgegen zu treten.  Quintessenz der Aktion:  „While we can’t expect a message that is empowering for women to come from a brand like Victoria’s Secret, we can make it come from their hashtag. This campaign has only begun.“

Jutta Hartmann erklärt am Beispiel Schule, wie Heteronormativität wirkt_hergestellt wird.

Stellenausschreibung: Das FrauenComputerZentrumBerlin e.V. (FCZB) sucht eine Systemadminstratorin!

Termine:

Am kommenden Samstag in Berlin: Lookism & fat Empowerment Tagesworkshop (flt* only). Los geht es um 12 Uhr im Projektraum H48,  Hermannstr.48 Berlin Neukölln, 2.Hinterhof 2.Stock (barrierefrei). Anmelden könnt ihr euch unter sabberglibberflutsch@googlemail.com. Hier der Link zum Facebook-Event.

Damit es nicht still wird um die inhaftierten russischen Aktivistinnen: Am 12.12. soll eine weltweite Lesung für Pussy Riot stattfinden.

Buchpremiere von „Frauenkörper neu gesehen“ am 14.12. um 19.30 Uhr in der Urania, Berlin: Laura Méritt und Autorinnen reden und diskutieren über Weiblichkeit, Geschlechtervielfalt, Körpernormierungen und mehr.

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