Alice und ich
26. Mai 2009 von AnnaSehr geehrte Frau Schwarzer,
lange habe ich überlegt, ob ich Ihnen überhaupt schreiben soll. Doch es gibt einfach ein paar Dinge, über die ich mit Ihnen gerne mal reden würde und Fragen, die ich stellen möchte.
Als Tochter einer Mitte der 50er geborenen westdeutschen Feministin bin ich quasi mit Ihnen aufgewachsen. Noch vor ein paar Jahren hätte ich kein Problem damit gehabt, diesen Brief mit einem lockeren „Du, Alice, wir müssen mal reden“ zu beginnen. Doch diese Vertraulichkeit scheint mir nicht mehr angebracht. Eines der Zeichen dafür, wie sich mein Verhältnis zu Ihnen verändert hat.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de
Wann Sie in mein Leben traten, weiß ich nicht mehr. Genauso wenig, wie ich weiß, wann ich Feministin wurde. Ich war es einfach irgendwie schon immer. Und so, wie ich schon immer Feministin war, waren auch Sie immer da. Lange wusste ich nicht viel über Sie, wohl aber, dass Sie irgendwie zu den Guten gehörten. Dass Sie viel für die Frauen getan hatten. Meine Mutter schaffte es immer wieder anschaulich, mir zu erzählen, wie die Zeiten so waren, als sie jünger war. Es ging dabei natürlich oft um die großen Probleme wie Abtreibung oder Vergewaltigung in der Ehe, aber auch um den kleinen Alltagssexismus (man suche z.B. nur bei youtube nach alten „Der 7. Sinn“ – Folgen). Alles Themen, die mir teilweise kalte Schauer über den Rücken jagen.
Ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeit, als mir klar wurde, wie viele meiner Freundinnen nichts von solchen Dingen wussten. Wie vielen nicht klar war, was Sie, Frau Schwarzer, und ihre Mitstreiterinnen für uns erreicht und getan hatten. Sie waren unbequem, „eine Nervensäge“. Für uns! Ich bin bis heute voller Unverständnis für die Frauen (und Männer) meiner Generation, die das nicht anerkennen.
So war das also. Ich war Feministin, aber fühlte mich damit recht alleine auf weiter Flur, zumindest was Frauen in meinem Alter anging. Ich freute mich, als Charlotte Roche und Judith Holofernes in der Emma auftauchten und wunderte mich, dass das auf einmal nicht mehr passierte. Doch dann wurde das Internet immer populärer und ich fand dort schließlich auch Frauen meiner Generation, die so dachten und empfanden wie ich. Was für eine Erleichterung! Und dann, ja, dann schwappte die so genannte Dritte Welle endgültig zu uns.
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