Einträge mit dem Tag ‘Teilhabe’


es ist #nichtmeingesetz – und deins ganz sicher auch nicht

13. Mai 2016 von Hannah C.

Mit #nichtmeinGesetz grummelt ein Geist durch Deutschlands sozialaktivistische Szene.
Kaum war der Entwurf des neuen Teilhabegesetzes veröffentlicht, erhob sich der Protest und entwickelte sich langsam zu einer lauten Aktion. Einige sich selbstvertretende behinderte Menschen, ketteten sich im Zuge dessen symbolisch nahe der Grundgesetztafeln am Bundestag.

Aufsehen erregendes Agieren von behinderten Menschen – geil.

Der vorgestellte Gesetzesentwurf hat so viele Mängel und kurz gegriffene Lösungen, dass man getrost davon sprechen kann, dass sich unsere Bundesregierung nun jahrelang Zeit genommen hat, um behinderte Menschen auf noch komplizierteren Wegen als bisher, strukturell von sozialer und kultureller Teilhabe auszuschließen und sie mit Selbstbestimmung und ihrem eigenen Einkommen bezahlen zu lassen.

Eine Hand voll Mängel des Entwurfes wurden von den Menschen hinter dem Hashtag “Nicht mein Gesetz” bereits auf ihrer Webseite dargelegt.
Ausführlicher bezieht das deutsche Institut für Menschenrechte Stellung und schreibt: “An zahlreichen Punkten bleibt der Entwurf allerdings verhalten und hinter den Anforderungen zurück.”.

Was jetzt?
Der Entwurf wurde angenommen und soll noch in dieser Legislaturperiode umgesetzt werden.

Lauter Protest von nicht behinderten Menschen? – bisher doch reichlich verhalten.

Und das, obwohl die Lebensrealität behinderter Menschen, die Lebensrealität aller Menschen der Gesellschaft ist.
Die überwiegende Mehrheit aller behinderten Menschen ist nicht von Geburt an behindert. Ein Großteil bestehender Behinderungen liegen nicht in dem spezifischen Funktionieren von Körpern oder den spezifischen Fähigkeiten von Menschen begründet, sondern im direkten Lebensumfeld und den Strukturen, die diese produzieren.

Sich mit dem Thema “Leben mit Behinderung” und auch den Fragestellungen um die Möglichkeiten des Zugangs um soziale und kulturelle Teilhabe zu befassen ist manchmal schwierig. Gerade, wenn man selbst nie darüber nachdenken musste, ob und wie genau man selbst eigentlich Teilhabe genießen kann. Den wenigsten ist bewusst, was ihr Kinobesuch mit kultureller Teilhabe und ihre freie Wahl bezüglich der Wohnform, in der sie leben, mit Selbstbestimmung zu tun hat. Den wenigsten ist klar, wie tief die Privatwirtschaft in die Gestaltung des Lebensumfeldes aller Menschen hineingreift, ohne gleichermaßen umfassend die Verantwortung für die Partizipationsoptionen aller Menschen gleich übernehmen zu müssen.

Macht es euch bewusst. Macht euch bewusst, wie es wäre, würdet ihr morgen von einem Laster erwischt, von einem Laser geblendet, mit einer Hand in eine Maschine gerutscht oder mit einer chronischen Krankheit diagnostiziert, die euch für den Rest eures langen Lebens diverse Unterstützungen und Hilfen brauchen lässt, um es zu leben, wie ihr es euch für euch selbst wünscht.

Das Leben mit, trotz und ohne Behinderungen wird weder gewählt, noch erarbeitet oder sich verdient – es wird gelebt und zwar von allen Menschen gleich!

Unterstützt behinderte Menschen und ihren Protest gegen die Umsetzung des vorliegenden Gesetzesentwurfes.
Es geht um mehr als den Wunsch arbeitender Menschen mit Behinderungen ihr Einkommen für sich zu behalten.

Es geht um Menschenrechte.
Für die sind alle Menschen mitverantwortlich.


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Für ein gutes Teilhabegesetz

30. Juni 2015 von Hannah C.

… gibt es eine weitere Petition, die von Constantin Grosch initiiert wurde und die hier unterzeichnet werden kann.

Begründet wird die Petition damit, dass die bestehenden Regelungen zur Finanzierung einer Assistenz für Menschen mit Behinderungen nicht unterscheidet, ob ein behinderter Mensch ein Einkommen hat oder nicht.

Auf der Webseite zur Petition heißt es:

  • Sie dürfen nicht mehr als 798 € verdienen. Alles was darüber hinaus geht, wird mit mindestens 40% vom Sozialamt eingefordert. Es ist also höchst unattraktiv für diese Gruppe von behinderten Menschen einer geregelten Arbeit nachzugehen, sie würden aber gerne arbeiten.
  • Sie dürfen maximal nicht mehr als 2.600 € ansparen, dürfen keinen Bausparvertrag und keine Lebensversicherung besitzen und das Erbe wird auch einkassiert. Alles was darüber hinaus geht, wird mit mindestens 40% vom Sozialamt eingefordert.
  • Sogar deren Beziehungspartner/in, sollte man mal mit ihm/ihr zusammenleben, würde mit seinem/ihrem Einkommen und Vermögen ebenfalls herangezogen werden.

Im Sinne der Inklusion von Menschen mit Behinderungen, auch was die finanzielle Absicherung und Zukunftsplanung angeht, ist dieser Punkt also wichtig für ein gutes Teilhabegesetz.


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Das Jahr 2014 – Ein Feministisches Lexikon

19. Dezember 2014 von Charlott

Welche Themen standen auf unserer feministischen Agenda 2014? Welche Ereignisse haben das Jahr geprägt? Welche Personen und ihren Aktivismus haben wir bewundert? Zum Abschluss des Jahres gibt es dieses Mal ein Lexikon. Zu jedem Buchstaben könnte es natürlich noch zig weitere Einträge geben – ergänzt doch eure in den Kommentaren!

A wie Aktivismus, Ausschlüsse und Ablasshandel
Ein Thema, welches sich eigentlich durch jedes Jahr zieht/ ziehen sollte: Wie wollen wir unseren Aktivismus gestalten? Wie können dabei unterschiedliche Positionen bedacht und genutzt werden? Welche Taktiken und Praxen haben sich bewährt? Nadine machte sich darum einmal Gedanken darüber, wer wann auf Podien sitzt, wo Absagen vielleicht Sinn machen und wo nicht (und was das mit unterschiedlichen sozialen Positionierungen zu tun hat) und über Geldspenden als Art der ökonomischen Umverteilung.

B wie #BlackLivesMatter und #BringBackOurGirls
Am 09. August dieses Jahres wurde der Schwarze Jugendliche Michael Brown von dem weißen Polizisten Darren Wilson in Ferguson, Missouri, erschossen. Gegen den Polizisten wurde nicht mal ein Verfahren eingeleitet. Es handelt sich dabei natürlich nicht um einen Einzelfall, sondern es ist ein Beispiel für die anhaltende rassistische Polizeigewalt – die keinerlei Konsequenzen hat. In ihrem Text „Wenn Schwarzer Menschen nicht lächeln…“ verlinkt Sharon eine ganze Reihe von weiteren Beispiel aus den USA und Deutschland. Von Ferguson ausgehend und durch weitere publik werdende Taten (die ebenfalls kaum Konsequenzen nach sich zogen) entwickelte sich in diesem Jahr eine Protestbewegung, die im Internet unter anderem unter dem Hashtag #BlackLivesMatter und auf den Straßen vieler Städte anzufinden war. In Berlin versammelten sich am 29. November Aktivist_innen am Brandenburger Tor, um den Opfern zu Gedenken und darauf zu verweisen, dass es stimmt: #FergusonIsEverywhere, Ferguson (d.h. rassistische Strukturen, die Gewalt legitimieren) sind kein rein us-amerikanisches Phänomen. So wird sich am 07. Januar zum bereits zehnten Mal der Tod von Oury Jalloh jähren. Derzeitig sammelt die Initiative im Gedenken an Oury Jalloh Geld um ein weiteres Gutachten zur Brand- und Todesursache anfertigen zu können.

Außerdem sollten nicht die 200 Mädchen, die am 14. April in Nigeria entführt wurden, vergessen werden.

C wie Chancengleichheit
Chancengleichheit, Chancengerechtigkeit, Teilhabe, Akzeptanz, > Toleranz, Inklusion – ein Wörtersalat, der häufig eher das „gut gemeint“ als das „gut gemacht“ abdeckt, wenn es um die Rechte von Menschen mit Behinderung geht. Hannah hat sich im November die Anhörung des Ausschusses “Arbeit und Soziales” zur Teilhabe von Menschen mit Behinderungen angehört und aufgezeigt, welche Diskussionen rund um das Bundesteilhabegesetz (nicht) geführt werden. Außerdem erklärte sie in einem weiteren Text, was der Begriff Inklusion eigentlich umfassen sollte und wie er häufig stattdessen ausgehöhlt wird.

D wie Diskurspolizei
Sprachdebatten zwischen „Darf man denn hier gar nichts mehr sagen!“ und „Diese Gender-Leute drängen ja immer einen Sprachgebrauch auf!“ begleiteten auch das Jahr 2014. Am prominentesten ist sicher die medial breit geführte „Debatte“ um Lann Hornscheidts Sprachinterventionen. Auf einen öffentlichen Brief von WissenschaftlerInnen antwortete hier Jayrôme mit „Es ist Zeit, Realität als real zu betrachten„. Im Juli hatte außerdem accalmie die Verwendung diskriminierender Begriffe, die Verteidung dieser Praxis und das Umwerten als die echte Diskriminierung (TM) von Begriffen, die sonst unmarkierte Normen benennen, seziert.

E wie Elliot Rodger
Am 23. Mai tötete Elliot Rodger in Isla Vita, Kalifornien, sechs Menschen. Zuvor hatte er in Videos und einer über hundert Seiten langen „Autobiographie“ seine Misogynie verbreitet. In vielen deutschsprachigen Medien wurde die Tat dekontextualisiert und individualisiert. Ich schrieb über die Hintergründe der Tat, wie sie vielleicht verhindert hätte werden können. (mehr …)


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„Inklusion“ ist kein Tu- Wort

11. Dezember 2014 von Hannah C.

Hannah C. Rosenblatt bloggt auf “Ein Blog von Vielen” über Gewalt, ihre Formen und Folgen, Inklusion und ihr Leben mit dissoziativer Identitätsstruktur. Sie ist auch bei Twitter aktiv. Zuletzt schrieb sie bei der Mädchenmannschaft zu „Behinderungsmerkmal: Mehrfachdiskriminiert„.

Er legt seine Brille mit dickem schwarzen Rand auf den Tisch und reibt sich die Augen “Inklusion ist ja so ein sperriger Begriff.”, sagt er und blinzelt auf sein IPhone. “Das sagt doch gar nichts – man sollte besser irgendwas mit Teilhabe sagen.”. Zum Glück habe ich den Mund voll und kann mich beherrschen. Ich sollte solche Bemerkungen aber noch öfter hören auf dem Zukunftskongress “Inklusion 2025”. Gerne von Menschen, die entweder mit Menschen mit Behinderungen arbeiten, oder über sie, wie der Mensch, der da vor mir sitzt und mit einem Stofftuch seine RayBan-Nerdstylebrille putzt.

Inklusion ist ihm also zu sperrig. Er kann damit nichts anfangen und deshalb sollte es anders heißen. Ich denke darüber nach, ob ich mir ein Bullshitbingo anlege, eine Diskussion über Arbeitsbegriffe innerhalb bestimmter Bezugsgruppen anfange oder kommentarlos weiter esse.

Letztlich habe ich weitergegessen und mir gewünscht, dass sich irgendwann jemand findet, der die Kraft hat, in diesem Kopf etwas gerade zu biegen. Ich bin verbrannt für Bystander- und Verbündeten– Aufklärung, die als Belehrung oder Missionierung gelesen werden will.

Meine Behinderung ist sozial konstruiert, wie mein Geschlecht, meine ‚Rasse‘, meine Klasse etc. und unterliegt immer wieder Be-Wertungen, die nichts mit mir und meinen Ansichten auf mich zu tun haben. Persönlich erlebe ich den Begriff der “Behinderung” sehr oft als Synonym für “kann nicht” und in bestimmten Kontexten auch: “konnte noch nie”. Inklusion wird in der Folge oft als “Wir machen, dass alle können” verstanden und das ist ziemlich gemütlich. Das bedeutet nämlich, dass man einfach nur machen muss, dass alle das Gleiche können und das kann man dann folgerichtig auch einfach “Teilhabe ermöglichen” nennen.

Aber so einfach ist das einfach nicht.
Inklusion ist kein rein praktisch erreichbares Ziel. Natürlich zählen alle Gesten, die Menschen berechtigen und darüber an-teilhaben lassen. Doch ein Recht zu haben, bedeutet in Deutschland leider bis heute nicht auch Recht zu bekommen. Menschen mit Rechten auszustatten, heißt nicht, sie auch zu ermächtigen, dass sie einfordern und bestimmen können entsprechend dieses Rechtes behandelt zu werden. Genauso wenig bilden Verbote einen Schutzschild vor Menschen oder dem Lauf der Dinge, die sie brechen (wollen). Rechte, Ge- und Verbote– alle unsere Gesetze machen vor allem Eines: sie ordnen und definieren unsere Gesellschaft™. Nicht mehr und nicht weniger.

Vor dem Gesetz sollen alle gleich sein, aber vor der Gesellschaft™ sind wir es nicht.
Die Inklusionsdebatte wiederholt für mein Empfinden viele Punkte, die auf Exklusion aufbauen, weil sie sich an einer derzeit exkludierenden Gesellschaft orientiert. So findet immer wieder stellvertretendes Sprechen statt, werden Barrieren und Lösungsvorschläge innerhalb bestimmter gesetzlicher Normierungen diskutiert und Radikalität vermieden.

Es kommt mir oft vor, als wolle man “die Anderen” oder “die Gesellschaft ™” nicht verschrecken, nicht überfordern, von seinen Vorzügen überzeugen und vermitteln: “Du musst gar nicht viel tun…”. In solchen Kontexten ist Radikalität natürlich schnell erreicht. Zum Beispiel, wenn man wie die plötzlich verstorbene Aktivistin Stella Young sagt: “Ich bin nicht zu deiner Inspiration da.” oder, wenn ich sage: “Ich wurde durch Gewalt einzelner Personen zu einer Behinderten gemacht und werde nun durch die Gewalt des Gesellschaftssystems behindert gehalten”.

Was Menschen, wie der, dem der Begriff Inklusion zu sperrig erscheint, machen wollen, ist ein Plakat hochhalten auf dem steht: “Du kannst alles schaffen, was du willst” und mit einem bunten Werbeplakettchen auf der gesponserten Rampe daran erinnern, wem diese unsere “Inklusion” zu verdanken ist.
Was solche Menschen nicht wollen ist, dass diese Teilhabe in eine Position bringt, in der wir sagen können: “Danke dir ab jetzt komme ich auch ohne dich klar.“ Deshalb definieren sie den Begriff “Inklusion” einfach um und machen etwas daraus, was vor allem für sie dienlich und erstrebenswert ist.

Und deshalb wird diese Debatte auch oft so apolitisch geführt. Sobald man sie politisiert, landen wir inmitten der vielen emanzipatorischen Strömungen und an einem Punkt an dem klar wird: “Fuck – eine Rampe, ein zwei neue Gesetze werden nicht reichen. Hier ist mehr gefragt, als eine neue Art zu systematisieren und zu definieren.”.

Doch von der Erkenntnis, dass Stellvertreterei am Ende das Letzte ist, was als Ziel dieser Bewegung anerkannt wird, sind manche Menschen offensichtlich noch weit entfernt.

Der Begriff der Inklusion beschreibt ein Gesellschaftskonzept ohne definierte Normalität. Es gibt die bedingungslose Teilhabe, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung aller Personen mit jedwedem individuellem Merkmal.

Was sie begreifen müssen ist, dass “Inklusion” ein Ziel ist.
Und kein optionaler Weg, der sich ihnen wie so viele andere optionale Wege, die letztlich einzig dem Selbstherhalt einer exkludierenden Ordnung dienen, nun eröffnet.

Inklusion ist nichts, was man machen kann.
Inklusion wird gelebt.


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