Einträge mit dem Tag ‘Bilder’


Die Bilder toter Menschen

3. September 2015 von Charlott

Eine kann kaum noch die Seite eines sozialen Netzwerks aufrufen, ohne mit Bildern toter Menschen konfrontiert zu werden. Ob auf Twitter tausendfach geteilt oder bei Facebook bereits mit viele Likes versehen – es gibt kein Entkommen. Gestern war es vor allem das Bild des dreijährigen Aylan Kurdi.

Das Zentrum für Politische Schönheit (als neuer Teil einer Reihe von hoch gefeierten aber hoch problematischen Aktionen/ Äußerungen ) verkündete auf ihrer Facebookseite heute:

In Großbritannien liegt Aylan Kurdi (3) heute auf allen Titelseiten des Landes tot am Strand vor der Europäischen Union. In Deutschland kann noch eine Generation sagen: „Wir haben es nicht gewusst!“

Und in den Kommentaren geht es mit dieser Argumentationslinie weiter: Die Bilder seien wichtig. Die Bilder zeigten eben was passiert. Die Bilder rütteln auf. Die Bilder seien bedeutend für Empathie. Dabei ist die Perspektive eine ganz eindeutige: Was benötigen die mehrheitlich weißen, christlich-säkularen Europäer_innen?

Benötigen wozu eigentlich? Zu erkennen, dass tausende von Menschen an den europäischen Grenzen sterben? Dieses Sterben als etwas Schlimmes zu kategorisieren? (Auch ein Grund, warum gerade das Bild eines toten Kindes so gut funktioniert, wird ihm doch per se eine ‚Unschuld‘ zugeschrieben, denn von der Einteilung in ‚gute‘ und ’schlechte‘ Geflüchtete mag sich kaum eine_r verabschieden.) Oftmals heißt es, dass die Bilder zeigten, dass Geflüchtete wirklich Menschen seien.

Doch statt zur Vermenschlichung der Zahlen („wieder 600 Tote im Mittelmeer“) tragen diese Fotografien zur Dehumanisierung bei. Die toten Körper werden zu einem Symbol stilisiert, ohne Gedanken an die Angehörigen oder die Würde der Verstorbenen. Oftmals werden in einem Bild gleich eine Reihe von Menschen gezeigt, Namen werden nur selten zugeordnet. Wurde beim Flugunglück in Frankreich penibel darauf hingewiesen, dass keine Fotos von Toten veröffentlicht werden, so sehen viele Menschen kein Problem damit die Bilder toter Schwarzer Menschen und POC zu verbreiten. Für die Sache.

Empathie und Mitgefühl sind keine Empfindungen, die in einem machtleeren, hierarchiefreien Raum entstehen. Wenn diese Strukturen nicht ständig mithinterfragt werden, wird es kaum grundlegende gesellschaftliche Veränderungen geben und statt Einsatz für die Abschaffung von Grenzbestimmungen, Kapitalismus und rassistischer Gesellschaftsstrukturen steht ausschließlich eine Mitfühl-Performance, die wiederum das eigene, (weiße), europäische Ich in den Mittelpunkt stellt. Selbst wenn die Bilder den Zweck erreichten, der ihnen zugesprochen wird, was ist der Preis?

Lesetipp


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Mein „drittes Auge“

21. Januar 2015 von Hannah C.

Sich ein Bild von der Welt zu machen, kann bedeuten zu einer inneren Haltung, einer Meinung zu kommen. „Wie stehe ich eigentlich zu…?“, „Was halte ich eigentlich von…?“
Um sich selbst verorten zu können, brauchen manche Menschen mehr, manche weniger ganz aktive Besinnung darauf, worum es ihnen im Leben geht.

Ich wusste sehr lange nicht, ob ich überhaupt leben kann.
Weiterleben nach über 20 Jahren Gewalt – “Wozu denn? Vielleicht habe ich schon alles gesehen, gefühlt, gemacht, wozu ich überhaupt geboren wurde.”, habe ich gedacht.
Ich hatte keine eigenen Bilder vor Augen, die diese Gewalterfahrungen ausgeblendet haben. Damals habe ich das Haus nur verlassen, um zum Supermarkt oder zur Therapie zu gehen.

Als Übung sollte ich mal versuchen meine Wege zu erfassen. Was sehe ich eigentlich, wenn ich das Haus verlasse? Was gibt es zu sehen, zu hören, zu fühlen?
Diese Übung war für mich schwieriger als erwartet, weil ich nach dem Ablaufen, nie greifen konnte, was ich gesehen hatte. Ich spürte, dass ich mich auf diese Dinge konzentriert hatte, aber Worte oder Beschreibungen dafür waren so sehr weg, dass ich keine Erinnerungen daran konstruieren konnte, die ich hätte teilen können.

So fing ich an pro Weg 3 Fotos zu machen. Einfach nur „Kamera hoch“ und „klick“.
Ich hielt mich an der Herausforderung fest, mitzuteilen, was mir auf dem Weg lag und stellte sie neben meine Angst.
Beim Betrachten der ersten 3 Fotos hatte ich den Eindruck, dass irgendwas nicht stimmte. Mein Bild von der Szene war nicht so, wie sie die Kamera für mich machte. Ich sah Schrift, wo ich keine vor meinem inneren Auge hatte.

Meine Augenärztin teilte mir mit, dass mein linkes Auge mal verletzt gewesen sein muss.
Es ist blind.

Kurze Zeit später las ich einen Artikel, der sagte, dass Menschen, die mit Depressionen leben (eine der häufigsten Folgen von Gewalterfahrungen), meist einen Grauschleier auf Szenen wahrnehmen. Ich rutschte in eine Phase, in der ich dachte: “Ich werde mir dieses neue Leben und die Welt, wie sie heute ist, niemals ‚richtig‘ in den Kopf bringen können. Ich bin kaputt.”.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAUnd dann kam NakNak*.
Meine quirlige, weiche, flinke, neugierige, wache, liebevolle Hütehündin, die Spaziergänge bei jedem Wetter super findet und sich auf meinen Fuß setzt, wenn ich Angst bekomme. Sie hat meine Welt erweitert und ist Teil des Welt-Bildes geworden, das ich mir zu erschaffen versuchte.
Ich begann sie zu fotografieren.

Makroaufnahmen ihrer Pfoten, ihrer Krallen, ihrer Zunge, den kleinen Fisselhaaren um ihre Ohren herum, entstanden.
Ich machte Aufnahmen der Fellwollmäuse, die nun über das Laminat meiner Wohnung glitten und machte Photoshopkunst aus dem Muster, das ihre Sabberflecken auf den Ärmeln meiner Jacke hinterließen. Ihr Futter, ihr Spielzeug, meine Schuhe mit Schlammpanzer um die Sohle.

Die Kamera wurde mein drittes Auge.
Sie ist nie ein Ersatz für mein blindes Auge geworden, oder die Steigerung meines anderen. Sie war und ist für mich nur das Auge, das auf eine Art sehen kann, wie es meine nicht (mehr) können.

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Auf wessen Kosten geht der Witz? – Eine „linke“ Band und ihr rassistisches Albumcover

21. November 2013 von Gastautor_in

Wir freuen uns über einen Gastbeitrag von Atif Hussein. Atif ist Regisseur, Szenograph, Autor aus Berlin. Er ist u.a. bei der Initiative Bühnenwatch aktiv und bloggt unter atifhussein.wordpress.com.

Die sich als links-alternativ verstehende Rockband Knorkator hat sich für ihr neues Album ein stereotyp rassistisches Artwork ausgesucht. Der folgende Brief ist eine Antwort an den Musikchef von rbb – Radioeins, Peter Radszuhn, nachdem dieser als Medienpartner für die Bewerbung des Albums auf ein erstes Anschreiben mit vertrauten Abwehrfloskeln reagiert hatte:

Bei Knorkator handelt es sich um eine aus dem alternativen, linken Szeneumfeld stammende, satirische Berliner Rockband. Entdeckt und gefördert wurden Knorkator u.a. von Rio Reiser und Rod Gonzales („Die Ärzte“). Die band stand und steht nie im Veracht, reaktionär oder rassistisch zu sein oder zu handeln.

Das neue Album basiert auf dem Kinderbuchklassiker „Der Struwelpeter“ von Heinrich Hoffmann. Das Artwork lehnt sich an die Illustrationen der Original – Ausgabe an. Mit Rassismus hat das aus unserer Sicht nichts zu tun.

Content Note: Der Autor hat in diesem Fall bewusst darauf verzichtet, gewaltvolle Begriffe unkenntlich zu machen, um dem Adressaten seinen Punkt klarzumachen.

Sehr geehrter Herr Radszuhn,

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Schlampen und Schützinnen – die Blogschau

21. August 2011 von Anna-Sarah

Letzten Samstag wurde deutschlandweit geslutwalkt (siehe auch unser aktuelles Dossier), was auf ein großes Medienecho stieß.  Auch die heutige Blogschau widmet sich vornehmlich der Nachlese des wohl wichtigsten feministischen Großereignisses, das hierzulande in den letzten Wochen stattfand.

Impressionen vom Slutwalk in Berlin berichten die Ruhrbarone und Kweens.

Einen Demo-Bericht gibt es auch in der taz, wo der Slutwalk als explizit feministische Aktion eingeordnet wird. Neben Hintergründen und Ausblicken werden auch den hier bereits thematisierten negativen Aspekten der grundsätzlich ja durchaus angestrebten Öffentlichkeitswirksamkeit der Slutwalks  Raum gegeben.

Paula ärgert sich über das Auseinanderklaffen von Realität und medial vermitteltem Eindruck der Slutwalks und veranschaulicht diese Diskrepanz, indem sie selbst aufgenommene Fotos vom Slutwalk Berlin  dem jeweils ersten Satz aus Online-Artikeln gängiger Massenmedien entgegensetzt. Gute Idee!

Zum nochmal selber nachgucken: Viele schöne, lustige oder auch ärgerliche Bilder und Eindrücke vom Slutwalk Berlin bieten – neben den diversen Slutwalk-Seiten im Netz und auf Facebook – der entsprechende youtube-Channel sowie der  Fotopool auf flickr, der mit selbst geschossenen Fotos befüllt werden kann. Slutwalk-Bilder gibt es auch von Barbara Muerdter und dem Kotzenden Einhorn.

Spreemieze schenkt uns einen persönlichen Blick auf die Slutwalkbewegung vor dem Hintergrund eigener Gewalterfahrungen und erinnert an machtvolle Vergewaltigungsmythen.

Noch  Schwung vom Slutwalk und Power, weiterzumachen?  Das Mädchenblog stellt noch einmal die Hollaback!-Bewegung vor, die inzwischen auch in Berlin und Dortmund vertreten ist und sich zum Ziel gesetzt hat, weltweit vernetzt „Erfahrungen mit sexualisierten Übergriffen öffentlich zu machen, zurück zu pöbeln (das bedeutet Hollaback! übersetzt) und den alltäglichen Sexismus zur Sprache zu bringen“. Außerdem wird erläutert, wie mitgemacht werden kann.

Ein „weiblicher Ninja“ in der Tasche, der bei Pöbeleien gegen lesbische Mädchen eingreift: Eirika (18) aus Reykjavik hat diese Idee in ihrem Kurzfilm ‚Doppelaxt‘, einem von drei Kurzfilmen, die bei einem Workshop des Dortmunder Medienprojekts queerblick e.V. während eines Sommercamps vom Jugendnetzwerk Lambda entstanden sind, umgesetzt. Insgesamt „20 schwule, lesbische und transidente Jugendliche aus Island, Frankreich, Israel, Finnland und Deutschland“ haben laut queerblick e.V. ihre eigenen Kurzfilme produziert. Zu sehen sind die Filme im einer Spezialausgabe des Magazins ‚queerblick‘, die von den Workshopteilnehmer_innen selbst moderiert wurde.

Nadine hat hier bereits über Störerabwehr per Wasserbomben berichtet, wie sie die Frankfurter Slutwalker_innen vorgemacht haben. Ein Zurückschießen ganz anderer Art:  Der Schützenverein Schwitten im Sauerland hat im dritten Anlauf eine Satzungsänderung beschlossen, nach der nun auch Frauen in den Verein aufgenommen werden dürfen. Angeblich folgt er damit einem Trend.

Last not least ein Terminhinweis für alle (Wahl-)Berliner_innen und/oder Reisefreudigen: Ab 25. August soll in Berlin an jedem letzten letzten Donnerstag im Monat um 19 Uhr im Sonntagsclub ein Stammtisch für alle Bisexuellen stattfinden. Laut Eigeninfo will der Bi-Stammtisch Berlin allen Bisexuellen, Unentschlossenen und Neugierigen die Möglichkeit geben, in fröhlicher Runde  zwanglos miteinander ins Gespräch zu kommen.


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