Ganz bewusst und aktivistisch shoppen gehen?

30. Juli 2014 von Charlott
Dieser Text ist Teil 14 von 14 der Serie Ökonomie_Kritik

Jeden Tag treffen die meisten von uns – mal mehr mal weniger bewusst, mal mehr mal weniger frei – Konsumentscheidungen. Der Kaffee zum Frühstück: Bio? Fairtrade? Oder lieber ein günstigerer, der den Weg in die roten Zahlen nicht auch noch beschleunigt? Und sonst auf den Teller: Vegane Kost oder doch ein bißchen Hackfleisch? Im Kleiderschrank: Textilien von Primark oder Zara? Und wo bekomm ich eigentlich Kleidung in meiner Größe her?

In der letzten Woche erschienen ein paar Texte, die sich kritisch mit Konsumkritik auseinandersetzen und auch fragen, an wen diese Kritik denn häufig gerichtet wird. So heißt es bei RiotMango unter dem Titel “pseudo konsumkritik, my fat ass!“: “und ja, ich finde eine kapitalismus- und konsumkritische perspektive auch wichtig. aber ich finde es auch auffällig, dass… 1.) konsumkritik vor allen dingen an menschen gerichtet wird, die im kapitalismus häufig nicht mal mitgedacht werden #klassismus #fatshaming 2.) und konsumkritik sich fast nie auf zigaretten, alkohol oder drogen bezieht (würde wohl auch das linke selbstverständnis zerstören)”. Puzzlestücke fokussiert sich in ihrem Beitrag auf das beliebte Argument, dass Menschen mit weniger ökonomischen Ressourcen eben Second Hand Kleidung kaufen sollten anstatt bei billigen Bekleidungsketten wie Primark. Sie macht deutlich, dass nicht alle Menschen überhaupt Zugang zu solchen Läden haben, dort passende Kleidung finden und gleichermaßen anerkannt werden für ihren Second Hand Style.

Gerügt für ihre Konsumentscheidungen werden meistens jene, die eh schon beschränktere Auswahlmöglichkeiten haben. Menschen, deren dicke_fette Körper von der Bekleidungsindustrie selten mitgedacht werden. Die aber gerade deswegen durch gut sitzende, bequeme, schöne Mode auch Empowerment erfahren. Oder_und Personen, die aufgrund ihrer Ressourcen (ökonomischen, zeitlichen etc.) ebenfalls nicht aus dem vollen Angebot des glitzernden Kapitalismus schöpfen können. Neben empowernden Momenten, die Mode auch mit sich bringen kann (siehe auch dieses Interview zu Kleidung für Menschen, die sich außerhalb der dominanten Geschlechterbinarität bewegen), wird in solchen Diskussionen gern übersehen, dass es für Menschen (über)lebenswichtig sein kann, die “richtige” Kleidung zu tragen, das “Styling” zu perfektionieren.

Neben Kleidung wird “guter” vs. “schlechter” Konsum oft am Beispiel von Ernährung ausgetragen – vegan, bio, Fairtrade, lokal (nicht unbedingt in der Kombination, gern auch als einzelne Themen). Die Problematiken, die dabei häufig außer Acht gelassen werden, sind auch hier mannigfaltig:  Unverträglichkeiten und andere körperliche Voraussetzungen, die bestimmte Ernährungsweisen bestimmen_ausschließen. (Ökonomischer und sonstiger) Zugang zu Nahrungsmitteln (Stichwort beispielsweise: Essensmarken für asylsuchende Menschen in Deutschland). Anbauauswirkungen und -umstände bestimmter (Trend-)Ernährungsmittel. Dass nicht immer alles gleichzeitig im Blick ist, liegt auch daran, dass diese Fragen komplex sind, aber nur allzuhäufig wird trotzdem “guter Konsum” als einfache Antwort angeboten.

Eine ähnlich “einfache” Antwort scheint mir ein starker Fokus auf Kritik an Werbung. Natürlich prägen große Plakate und Werbespots im TV und Kino unsere Umwelt. Sie re_produzieren und normalisieren Gewalt und_oder *Ismen am laufenden Band, bzw. im laufenden Bild. Dies einzuschränken ist wichtig. Doch sollte bei diesen konkreten Auseinandersetzungen der Kontext nicht aus dem Blick geraten. Sonst stehen wir irgendwann mit weniger *istischen Werbungen aber immer noch ausbeuterischem Kapitalismus da. Und wem ist da am Ende geholfen? Jenen, die auch jetzt schon ihre Kaufkraft (die ja auch häufig auf privilegierten Positionen in einer rassistischen_hetero_sexistischen_ableistischen Gesellschaft beruht) für den Wandel ™ einsetzen können?

Die Veränderung von Konsumgewohnheiten wird an allen möglichen Orten beschworen, von feministischen Kreise bis hin zur FAZ. In letzterer wird aber wenigstens gar nicht erst so getan, als ob es sich um eine Option für alle handelt, heißt es dort doch: ” Sie leben in einem der reichsten Länder der Erde, Sie sind hervorragend ausgebildet, Sie haben Spaß am Leben und finden sich ganz gut.” Konsum kann schnell zum Ablasshandel werden: Wer mehr zahlt, die besseren ™ Produkte wählt, kann mit guten Gewissen durch unsere kapitalistische, zerstörerische Welt gehen. (Das Auto bleibt natürlich in der Garage.)

Ich habe kein Problem mit “bewusstem Konsum” – wie auch immer dieser dann aussehen mag. Ich finde es aber problematisch, wenn dieser quasi zu Aktivismus deklariert wird und ein Lebensstil, den eine_r sich eben auch erst einmal (auf verschiedenen Ebenen) leisten können muss, zur moralischen Selbstüberhöhung instrumentalisiert wird. (Weniger/Anders) Shoppen gehen als Aktivismus-Ersatzhandlung. Eigentlich ist natürlich “bei sich selbst anfangen” ein guter Start für Veränderungen. Das Konsumverhalten zu ändern, kann gerade auch die Vorstellung (Illusion?) geben, im kleinen Rahmen etwas zu ändern. Schließlich wird doch immer wieder betont, dass die (Nicht-)Nachfrage auf den Markt wirkt. Doch wenn die Systemkritik ausbleibt, stattdessen die (Konsum)Handlungen weniger privilegierter Personen zu den Ursachen von Ausbeutung erklärt werden, dann fehlt dem “bei sich selbst anfangen” noch eine ordentliche Prise (selbst)kritischer Betrachtung.


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Primark und die eingenähten Etikette: Guerilla-PR?

27. Juni 2014 von Nadia
Dieser Text ist Teil 13 von 14 der Serie Ökonomie_Kritik

Tatsächlicher Protest oder Guerilla-PR* irgendeiner NGO? Sei Tagen wird über die rätselhaften Primark-Etiketten berichtet, die mittlerweile drei Kundinnen in Primark-Kleidung gefunden haben (wollen). “Forced to work for exhausting hours” steht auf einem Zettel, den die britische Primark-Kundin Rebecca Gallagher gefunden hat. Das zweite Etikett fand Kundin Rebecca Jones: „Degrading sweatshop conditions”. Gallagher kommt aus dem walisischen Gowerton, Rebecca Jones aus Swansea, und eine dritte Kundin aus Belfast, Karen Wisinska, will eine auf chinesisch verfasste Nachricht in einer ungetragenen Primark-Hose gefunden haben.

primark

Mensch könnte diese Aktionen für gelungene Widerstandsakte halten: Näherinnen, die die widrigsten Arbeitsbedingungen aushalten müssen, treten direkt in Kontakt mit den Konsument_innen der von ihnen produzierten Ware – und begehren auf. Fast schon hollywoodreif kann eine_r_m das vorkommen: Stolze Näherin (oder stolzer Näher), gebeutelt vom Leben, näht Messages in Kleider, weil ja mit Sicherheit jede einzelne Made im Industriespeck die aus Versehen eine Primark-Leggins kauft dazu in der Lage sein könnte Ungerechtigkeit auf der Welt zu bekämpfen. (mehr …)


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Bezahlte Reproduktion: Politische Kämpfe und Organisierung von illegalisierten Arbeiter_innen

10. März 2014 von Gastautor_in
Dieser Text ist Teil 12 von 14 der Serie Ökonomie_Kritik

Wir freuen uns über diesen Gastbeitrag von Emilia Roig, die mit uns ihre Eindrücke eines Workshops aus dem vergangenen Jahr teilt. In diesem ging es um politische Kämpfe und Organisierung von illegalisierten Arbeiterinnen im Care-Sektor. Wir veröffentlichen diesen Beitrag anlässlich der heute und morgen stattfindenden Tagung “Deutschland im Pflegenotstand – Perspektiven und Probleme der Care-Migration”, auf der Emilia als Referentin vertreten ist. Leider kommt die Tagung ohne Beteiligung der Menschen aus, um die es geht: migrierte Pfleger_innen und Pflegebedürftige. In diesem Zusammenhang weisen wir außerdem auf die Care Revolution Konferenz in Berlin hin, die dieses Wochenende stattfindet.

Emilia wrote this article in English, so please scroll down for the English version!

Am 9. November 2013 organisierten die Gruppe Respect und die Gender-AG von Attac einen Workshop mit dem Titel “Do you want to build a fairer world, but don’t know how?” [deutsch: Möchtest du eine gerechtere Welt aufbauen, aber du weißt nicht wie?].
Im Flyer war es als ein “Workshop von und für Frauen, die arbeiten” angekündigt. Im Rahmen des Workshops tauschten sich Frauen, die so genannte reproduktive Arbeit – Reinigen, Kinderbetreuung und Altenpflege – ausüben, über ihre Erfahrungen aus, suchten nach Handlungsstrategien und entwickelten Lösungen. Der Workshop war in drei Gruppendiskussionen aufgeteilt: die erste eröffnete einen Raum, um mögliche Alternativen zu Reproduktionsarbeit für Frauen mit einem ungesicherten Aufenthaltsstatus zu reflektieren; die zweite Diskussion sollte nach Lösungen für eine bessere Organisation von Kinderbetreuung und häuslichen Reinigungstätigkeiten suchen; und die dritte hatte das Ziel über politische Kämpfe von Arbeiter_innen, die von ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen betroffen sind, zu sprechen.

Diese Diskussionsräume waren mit Kreativität, Selbstreflektion, politischem Aktivismus und Visionen gefüllt. Es ging nicht darum zu jammern oder die eigene Frustration in die Gruppe zu tragen. Stattdessen wurden Viktimisierung und Selbstmitleid in Austausch, Solidarität und Empowerment verwandelt. Ideen, Fragen und Kommentare strömten aus allen Richtungen auf spanisch (castellano), englisch, französisch und deutsch, entweder als direkte Redebeiträge oder als Übersetzungen. Frauen aus Peru, Chile, Ecuador, Kenia, Benin und weiteren Ländern haben seit einigen Jahren über gemeinsame Erfahrungen eine Community aufgebaut. Women in Exile, eine selbstorganisierte Gruppe von Flüchtlingsfrauen in Brandenburg-Berlin mit einem Fokus auf die spezifischen Themen von asylsuchenden Frauen und Flüchtlingsfrauen in Deutschland, teilten ihre Erfolge und Strategien und trugen Hoffnung und Motivation in die Gruppe, die zu politischen Kämpfen arbeitete.

Aufgrund der großen Herausforderungen und Schwierigkeiten für illegalisierte Frauen auf struktureller und institutioneller Ebene und aufgrund ihres ungesicherten Statuses kann politischer Aktivismus überfordernd sein. Restriktive Politiken, diskriminierende Praktiken und unmenschliche Gesetze entmachten sehr und erschweren kontinuierliche und koordinierte Aktionen. Angst vor Abschiebung, einbehaltene Löhne, erniedrigende Arbeits- und Wohnverhältnisse, Machtmissbrauch, Unsichtbarmachung und Rassismus sind die Themen, zu denen politische Aktionen organisiert werden. Das praktische Organisieren von Kinderbetreuung und Reinigungsarbeiten/Putzen wurde ebenfalls diskutiert, die Gruppe stellte die Frage: „wer betreut unsere Kinder und reinigt unser Zuhause, während wir andere Kinder betreuen und das Zuhause von anderen reinigen?“, weil die meisten Frauen im Workshop keinen Zugang zu staatlicher Kinderbetreuung und anderen staatlichen Dienstleistungen haben. Während nach alternativen Lösungen gesucht wurde, schlug die Gruppe vor, ein Rotationssystem zu starten, in dem jede Frau einmal die Verantwortung für einige Kinder übernehmen würde.

Candy*, eine der Teilnehmerinnen, suchte nach einem Ort, wo sie sich mit anderen Frauen in einer ähnlichen Situation und mit ähnlichen Problemen vernetzen konnte. Ihre ständige Angst, ihre Arbeit zu verlieren, produziert belastende Machtdynamiken mit ihren Arbeitgeber_innen, die manchmal ihren Lohn einbehalten oder ihr nur die Hälfte des vereinbarten Betrags zahlen. Um ihre Lebenssituation zu verbessern, wäre eine Lösung, sich Papiere zu beschaffen, wie sie sagt; aber auch, dass sich politischer Aktivismus sich für mehr einsetzen muss als nur für Papiere und bezieht sich dabei auf eine ihrer Freund_innen, die noch immer auf der Arbeit ausgebeutet wird, obwohl sie eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten hat.

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Revolution.

5. Februar 2014 von Lisa
Dieser Text ist Teil 11 von 14 der Serie Ökonomie_Kritik

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Sorge-Arbeit – also sich um Menschen zu kümmern, die Unterstützung benötigen, seien es Kinder, kranke oder alte Menschen – ist grundlegend für menschliches Leben. Trotzdem wird sie gesellschaftlich geringschätzt, abgewertet und meist nicht oder sehr schlecht bezahlt. Im heutigen Kapitalismus findet die Sorge für Menschen nur Berücksichtigung, wenn sie ökonomischen Gewinn bringt. Oft wird die jetzige Situation deswegen als Sorge-Krise bzw. ‘Care-Krise‘ bezeichnet.

Feministische Wissenschaftler_innen wie Gabriele Winkler kritisieren deswegen, dass die aktuelle Familienpolitik im Kern Wirtschaftspolitik sei und fordert seit lange eine Revolution der Sorge-Arbeit. Für Winkler bedeutet die Revolution vor allem den “Ausstieg aus dem Wachstumsfetischismus”, der zu immer größeren sozialen Ungleichheiten führe. Ziel von Politik sollte nicht Profit sein, sondern die Erfüllung gesellschaftlicher Lebensbedürfnisse. Dazu schlägt sie in einem Aufsatz zwei Aspekte vor: 1. Die Kürzung der Erwerbsarbeit mit Lohnausgleich für alle Menschen, Mindestlohn und Existenz sicherndes Grundeinkommen. 2.: Ausbau öffentlicher Bereiche zur Unterstützung von Familien und Sorge-Gemeinschaften; mehr staatliche Dienstleistungen in Gesundheit, Pflege und Bildung; die Aufwertung von Berufsgruppen, die Sorge-Arbeit leisten.

Um weiter über die Möglichkeit von Care-Revolutionen nachzudenken und politische Strategien zu entwickeln findet vom 14.-16. März in Berlin eine Aktionskonferenz mit dem Titel “Care Revolution Her mit dem guten Leben – für alle weltweit!” statt. Die Konferenz möchte sich mit folgenden Fragen beschäftigen: “Soziale Reproduktion betrifft uns alle – es geht um unser Leben, unseren Alltag: Wie und mit wem wollen wir wohnen? Wie sorgen wir für uns und andere? Wie wollen wir gepflegt werden und wie kann gute Gesundheitsversorgung aussehen? Viele Menschen arbeiten in diesen Bereichen – einige bezahlt, andere unbezahlt. Wir alle sind darauf angewiesen. Wie also können die Lebensverhältnisse so gestaltet werden, dass sie unseren Wünschen und Bedürfnissen entsprechen?”

Ziel der Konferenz ist der Austausch von Perspektiven und Erfahrungen, Vernetzung, die Erhöhung der Sichtbarkeit von Reproduktionsarbeit und die Stärkung bereits bestehender sozialer Kämpfe.

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Winkler, Gabriele (2011): “Care Work als Ausgangspunkt politischen Handelns”. In: Felicita Reuschling/Kunstraum Kreuzberg/ Bethanien (Hg.), Beyond Re/Production of motherhood?, Berlin: Revolver Publishing, S. 40-46.


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Hartz IV ist scheiße! Weg mit den Sanktionen und Leistungseinschränkungen

2. Dezember 2013 von Magda
Dieser Text ist Teil 10 von 14 der Serie Ökonomie_Kritik

Von mir aus können wir Hartz IV auch ganz abschaffen und ein Bedingungs­loses Grund­einkommen einführen. Ach, was rede ich: Einfach weg mit dem System und eine ganz neue Gesellschaft basteln. Eine Revolution fällt aber nicht vom Himmel, also fangen wir doch etwas kleiner an: Inge Hannemann – bekannteste Kritikerin des Hartz IV-Systems – hat gerade eine Petition in den Bundes­tag eingebracht hat, welche ihr bis zum 18. Dezember 2013 unter­schreiben könnt.

Inge Hannemann

Konkret geht es in der Petition um die Abschaffung der Sanktionen nach dem Sozial­gesetz­buch II und XII. Jobcenter-Mitarbeiter_innen können Sanktionen beispiels­weise bei Ablehnungen von Erwerbs­arbeit, Abbruch einer Bildungs­maßnahme oder Termin­versäumnissen aussprechen. Die Leistungs­kürzung kann je nach “Pflicht­verletzung” (was für ein Wort!) 10% bis 100% betragen. Das kritisiert Inge Hannemann: “Wem ganz oder teilweise die Grund­sicherungs­leistung gestrichen wird, dessen Existenz und gesell­schaftliche Teil­habe ist bedroht.”

In der Praxis heisst das: Das Jobcenter kann dich in ätzende Jobs rein­zwingen, von dir verlangen an unsinnigen Maßnahmen teil­zunehmen oder kürzt das wenige Geld, welches dir zur Verfügung steht, einfach weg. Eine warme Mahlzeit gibt’s halt nur gegen Leistung, Leistung, Leistung. Das sind keine bedauerlichen Einzelfälle, das ist die deutsche Realität. Hätte ich nach sechs Monaten Hartz IV keinen Job gefunden, würde ich heute unfrei­willig im Call Center oder in meiner zweiten, dritten oder vierten Maßnahme sitzen. Die andere Option wäre Leistungs­kürzung gewesen. Das Jobcenter hat kaum Interesse daran, seine Kund_innen in Jobs zu vermitteln, von denen sie leben können und/oder die ihnen Spaß machen. Menschen ohne Abschluss oder Berufsausbildung trifft es am härtesten: Sie werden von einem zum nächsten prekären Job vermittelt und landen immer wieder im Amt.

Hartz IV geht uns alle an. Wie Bedürftige, Erwerbs­arbeits­suchende, Arbeits­unfähige oder Erwerbs­arbeits­verweiger_innen behandelt werden, verrät eine Menge darüber, wie das Leben und Arbeiten in Deutschland strukturiert ist: Ein Amt darf deine Grundsicherung kürzen, wenn du Arbeit ablehnst, einen Termin verpasst oder eine Maßnahme unsinnig findest. Damit alle Hartz IV-Bezieher_innen etwas ruhiger schlafen können, bin ich für die Abschaffung der Sanktionen und Leistungs­ein­schränkungen. Die Petition kann jede_r mitzeichnen, unabhängig von Alter, Wohn­sitz oder Nationalität.

Ausführliches Dossier (PDF): »Sanktionen nach dem Zweiten Buch Sozialgesetzbuch (SGB II, Hartz IV)« von Katja Kipping (30. Juli 2013)


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Gemeinsam leben, gemeinsam umverteilen

12. Dezember 2012 von Nadine
Dieser Text ist Teil 9 von 14 der Serie Ökonomie_Kritik

Dies ist ein Bericht von der Tagung “Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren”. Insgesamt waren sechs Bloggerinnen auf der Tagung und haben von ihren Eindrücken berichtet – alle Berichte findet ihr auf gender-happening.de.

“Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren” hieß das Motto der Tagung “Schneewittchen rechnet ab”. Beim abendlichen Open Space bekam dieses Motto den vielleicht größten Raum: Die Teilnehmenden konnten Themen und Perspektiven vorschlagen, über die sie sich mit anderen Teilnehmenden gerne austauschen wollten. Auf Expert_innenwissen kam es dabei nicht an. Jede Idee war es wert, dem Publikum vorgeschlagen zu werden. Neben postkolonialen Perspektiven auf Feministische Ökonomiekritik, unterschiedlichen Standpunkten zum Bedingungslosen Grundeinkommen sollten auch Frauendörfer und Umverteilung im eigenen Alltag Thema sein.

In kleinen Gruppen verteilten sich die vorgeschlagenen Themen über die gesamte Etage und jeder_m stand es frei, sich für wenige Minuten dazuzusetzen, sich mit eigenen Wortbeiträge einzubringen oder schlicht nur zuzuhören. Jede Person konnte über Art und Dauer ihrer Partizipation beim Open Space selbst entscheiden.

Utopien leben: Frauendörfer

Eine Teilnehmerin wollte mit anderen über die Möglichkeit und Umsetzbarkeit eines Frauendorfes nachdenken. Durch Landflucht vor allem – aber nicht nur – in den ostdeutschen Bundesländern sind viele Dörfer kaum mehr bewohnt. Die leerstehenden Häuser eignen sich daher wunderbar für die Verwirklichung eigener Utopien eines schöneren Lebens in der Gemeinschaft. Zusammen wurde frei von Zwängen überlegt, was sich jede vorstellen kann. Folgende Fragen waren den Teilnehmerinnen wichtig: Was verspricht sich jede von dieser Art des Zusammenlebens? Welche materiellen und immateriellen Güter kann sie ein- bzw. mitbringen? Welche Tätigkeiten sind Aufgabe der Gemeinschaft, was hat jede selbst zu leisten?

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Was kann feministische Ökonomie leisten?

6. Dezember 2012 von Franca
Dieser Text ist Teil 8 von 14 der Serie Ökonomie_Kritik

Dies ist ein Bericht von der Tagung “Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren”. Insgesamt waren sechs Bloggerinnen auf der Tagung und haben von ihren Eindrücken berichtet – alle Berichte findet ihr auf gender-happening.de.

Auf der Podiumsdiskussion im Nachmittagsblock „Alternativen & Utopien“ stellten die Soziologin Dr. Christa Wichterich, die Volkswirtin Dr. Friederike Habermann und die Politologin Christine Rudolf ihre unterschiedlichen Auffassungen von feministischer Ökonomie als Konzept und Strategie zur Diskussion.

Für Christa Wichterich ist feministische Ökonomie ein Ansatz, der das Ganze der Ökonomie in den Blick nimmt. Sowohl die Produktivität der Natur als auch die Sorgearbeit sollen als Produktionsfaktoren anerkannt werden. Da soziales Geschlecht durch Ökonomie produziert und diese wiederum von Geschlechterverhältnissen geprägt ist, sollen Ungleichheitsmomente als Prozess in der Ökonomie erkannt werden. Das Ziel ist, sowohl die einzelnen Atkeur_innen wie auch übergreifende Machtstrukturen im globalen Kontext sichtbar zu machen. Hierbei steht die Logik von Versorgung und sozialer Reproduktion im Vordergrund, anhand derer Kritik an der kapitalistischen Verwertungslogik geübt wird. Wichterich betont, dass die feministische Ökonomie kein abstraktes Analyseinstrument ist. Sie sei eine Strategie, mit der Konflikte in als nicht system-relevant gewerteten Bereichen aufgefangen und mit der Möglichkeiten zur Veränderung der Mainstream-Ökonomie aufgezeigt werden können. Als Beispiel hierfür nennt sie die Unterstützung und Sichtbarmachung der Arbeitskämpfe von Hebammen und Kita-Angestellten. Als wissenschaftliches Konzept sei feministische Ökonomie in so fern wichtig, als sie der neo-klassischen Ökonomie, also dem hegemonialen Konzept an Universitäten, eine wissenschaftliche Alternative entgegensetzt.

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“Das ist für mich schon das Gegenteil kapitalistischer Ideen”

3. Dezember 2012 von Nadine
Dieser Text ist Teil 7 von 14 der Serie Ökonomie_Kritik

Dies ist ein Interview mit Julia Lemmle zur der Tagung “Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren”. Insgesamt waren sechs Bloggerinnen auf der Tagung und haben von ihren Eindrücken berichtet – alle Berichte findet ihr auf gender-happening.de.

Julia, du hast “Schneewittchen rechnet ab…” mitorganisiert und warst für das künstlerische Programm verantwortlich. Warum Performancekunst auf einer Tagung zu feministischer Ökonomiekritik?

Weil jede Reflexion und Kritik ganzheitlich stattfinden muss. Etwas kognitiv und abstrakt zu verstehen, ist nur eine Seite, auf die mir viel zu oft viel zu viel Gewicht gelegt wird. Die meisten Menschen wissen darüber Bescheid, dass die Länder des Nordens auf Kosten der Länder des Südens leben, endliche Ressourcen verschwenden usw. Das heißt nicht, dass das zu einer Veränderung der eigenen Prioritäten führt. Das hat damit zu tun, dass mein Leben und die Entscheidungen die ich treffe, nicht nach rein „logischen“ Prinzipien erfolgen. Jede Person hat eine andere Normalität erfahren, hat andere emotionale Zugänge und Reaktionen auf die gleichen Themen. Anzunehmen, dass Themen, die die Lebenswirklichkeit von allen betreffen, rein durch akademische Diskurse abgehandelt oder angemessen behandelt werden könnten, halte ich für einen Trugschluss. Außerdem führt ein solches Vorgehen zu Ausschlüssen. Fremdwörter, der universitäre Habitus und die Annahme, dass ein bestimmtes angelesene Wissen das relevante Wissen darstellt, schließen eine große Gruppe von Interessierten von vornherein aus.

Ich möchte außerdem verschiedene Felder, die sich leider zu wenig im Austausch befinden, zusammenzubringen. Bei den Feldern Kunst und Politik erlebe ich häufig eine wechselseitige grundsätzliche Ablehnung und Unterschätzung. In der Theaterlandschaft zeigt allein schon das Label “politisches Theater” das offenbar Theater normalerweise nicht als politisch gesehen wird. Diese Grundannahme ist mir völlig unverständlich, weil sie Theater als freien Raum, der über den Dingen schwebt und lediglich “berichtet”, verkauft. So eine Sichtweise führt dann auch zu einer expliziten Entpolitisierung der eigenen künstlerischen Tätigkeit. Das konnten wir ganz gut bei der Blackface-Debatte beobachten, wenn weiße Theatermacher (in der Hauptsache waren es Männer, darum lasse ich das so stehen) die Kunstfreiheit als Argument gebrauchen, um nicht über die Reproduktion rassistischer Bilder nachdenken zu müssen.

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Ökonomie: (De)Koloniales Setting und feministisches Selbstverständnis

30. November 2012 von Franca
Dieser Text ist Teil 6 von 14 der Serie Ökonomie_Kritik

Dies ist ein Bericht von der Tagung “Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren”. Insgesamt waren sechs Bloggerinnen auf der Tagung und haben von ihren Eindrücken berichtet – alle Berichte findet ihr auf gender-happening.de.

Der dritte und letzte Teil der Tagung „Schneewittchen rechnet ab“ hatte den Themenschwerpunkt „Vernetzen / Verarbeiten / Alternativen entstehen lassen“. Die Form des Open Space wurde gewählt, um im Anschluss an die Ausführungen der Expert_innen Raum für die Ideen und Kompetenzen der Teilnehmenden zu schaffen. Auch eventuelles Unbehagen sollte hier einen Platz finden. An diesem Punkt konnten eigene Themenvorschläge gemacht werden, um dann mit der Hilfe anderer Interessierter die Umsetzung der eigenen Projektideen zu planen.

Die Moderatorin stellte Open Space als eine Methode vor, die auf dem Konsensprinzip beruht. Durch die Struktur eines Hierarchie-freien Raums sollen die Mechanismen des patriarchalen Kapitalismus ausgehebelt werden, die Art der Teilnahme war den Einzelnen freigestellt. Sie konnten sich aussuchen, ob sie nach dem „Schmetterlingsprinzip“ nur kurz bei einem Projekt reinschauen, weiterziehen und dann nochmal wiederkommen oder nach dem „Hummelprinzip“ mit dem Inhalt des einen zum nächsten gehen wollten, um so eine inhaltliche Verbindung zwischen den Projekten zu schaffen. Als Strukturierungshilfe wurde festgelegt, dass auf einen Input eine kurze Vorstellung, das Notieren der Projektidee und die Verwaltung der jeweiligen Projektplanung folgen sollten. Im Anschluss an den Open Space fand ein Rundgang statt, an dem die ausgearbeiteten Projektideen den anderen vorgestellt wurden.

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Wachstumskritik und Alternativen in der Feministischen Ökonomie

27. November 2012 von Nadine
Dieser Text ist Teil 5 von 14 der Serie Ökonomie_Kritik

Dies ist ein Bericht von der Tagung “Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren”. Insgesamt waren sechs Bloggerinnen auf der Tagung und haben von ihren Eindrücken berichtet – alle Berichte findet ihr auf gender-happening.de.

Wachstum gilt innerhalb der Mainstream-Ökonomie und in der heutigen westlich geprägten Wirtschaftspolitik als erstrebenswertes Ziel. Gerechtfertigt wird die Orientierung an Wachstum innerhalb einer nationalstaatlich und kapitalistisch organisierten Gesellschaft mit allerlei Gründen: Wachstum führe zu einer höheren Bedürfnisbefriedigung und zu einem erhöhten Steueraufkommen, was wiederum dem Wohlfahrtsstaat diene und deshalb Frieden und Demokratie schütze. Arbeitsplätze würden durch Wachstum gesichert, Maßnahmen zum Schutze der Umwelt können ermöglicht und bezahlt werden, Umverteilung von Reichtum geschehe in einer Wachstumsgesellschaft von oben nach unten. Wachstum gelte als zutiefst „menschlich“, weil der Mensch an sich angeblich stets nach mehr und Höherem strebe.

Auf der Tagung „Schneewittchen rechnet ab. Feministische Ökonomie für anderes Leben, Arbeiten und Produzieren“ wurde den gängigen Begründungen, warum Wachstum erstrebenswert sei, etwas entgegengesetzt. In einem Panel zu „Wachstumskritik in der Feministischen Ökonomie“ kritisierten Dr. Tanja von Egan-Krieger und Dr. Barbara Muraca Wachstum dahingehend, dass die wirtschaftspolitische Orientierung an Wachstum eigene Produktionsgrundlagen gefährde und nicht berücksichtigt werde, dass Ressourcen und Produktionsmittel weder aus dem Nichts entstehen noch einer Gesellschaft unbegrenzt zur Verfügung stehen. In der Mainstream-Ökonomik seit Adam Smith sei Warenwohlstand zentrales Thema, deshalb müssten ständig Waren produziert werden, um Wohlstand zu sichern. Deshalb gelte lediglich Erwerbsarbeit als produktiv. „Soziale und ökologische Produktivität werden somit aus der ökonomischen Mainstream-Theorie herausgetrennt oder bestenfalls in den sogenannten reproduktiven Bereich verbannt“, führt von Egan-Krieger aus.

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