Meine ersten Frauentage

von Silviu

Als kleiner Junge ging ich zur Schule im Bukarest der achtziger Jahre. Immer wieder im März feierten wir die Frauentage, oder, genauer gesagt, die Frauen­woche. Am ersten Frühlingstag, dem 1. März fing es an mit dem „Märzchen“: Wir Jungen kauften Schneeglöckchen und kleine handgemachte Schmucksachen für die Mädchen in unserer Klasse und für die Lehrerinnen. Mit einer rot-weißen Schnur befestigten sie das schönste Geschenk an der Bluse und trugen es eine Woche lang.

Wer wem was für ein Märzchen schenkte, war uns natürlich sehr wichtig, denn das ließ auf viele andere wichtige Sachen schließen: Wenn frau am Ende des Tages nur wenige Geschenke hatte, konnte das durchaus als eine Art kollektive Aussage über deren Beliebtheit interpretiert werden. Und obwohl die Märzchen sich vom Preis her kaum unterschieden (sie waren alle eher billig und sahen auch entsprechend aus), hatte man(n) doch die Möglichkeit, differenziert zu schenken, denn es gab natürlich die langweiligen Modelle, die jedes Jahr überall auftauchten, es gab die klassischen (eher was für Lehrerinnen), die raren und die Hit-Modelle.

Die Mädchen konnten wiederum mit der Entscheidung, welches Märzchen zu tragen, eine klare Botschaft senden, die unter den Jungen starke Gefühle, von Stolz und Selbstbestätigung über Eifersucht bis zu Verzweiflung, verbreiten konnte. Denn wenn Mädchen das Geschenk eines Idioten oder eines Arschlochs ablehnten, dann war das der Audruck der endgültigen Beleidigung.

Das Märzchen ist ein alter Brauch, ungefähr so alt wie unsere Vorfahren, die „tapferen, zivilisierten römischen Eroberer“ und die „gastfreundlichen, un­kom­pli­zier­ten ein­heimischen“ Daker, von denen wir damals in den Geschichtsbüchern immer wieder lasen. Über die Daker wussten wir eher wenig. Schließlich hatten sie den Krieg verloren. Allerdings wurde uns erzählt, dass die Frauen der Daker so schön und fleißig waren, dass die römischen Soldaten sich in sie verliebten und dort blieben, um sie zu heiraten. Aus dieser Liebe sind wir entstanden, so die Ge­schichte.

Schön und fleißig waren nicht nur die Frauen der Daker, sondern auch die anderen Frauen, die wir am 8. März feierten. Grundsätzlich gab es davon zwei: Einerseits die Ehegattin des KP-Generalsekretärs, die in der Propaganda der späten Staats­sozialismus die Rolle einer Mutter der Nation einnahm, andererseits „die Mutter“ an sich, die in den Schulbüchern entweder als Bäuerin oder als Industrie-Arbeiterin auftauchte. Über diese beiden Mutterfiguren mussten wir am 8. März Gedichte auswendig lernen.

Meine Mama war weder Bäuerin noch Arbeiterin und hielt eher wenig von den Gedichten. Am 1. März kam sie aber mit vielen Märzchen und Blumen vom Büro. Zu Hause sortierte sie die Märzchen und wir kommentierten zusammen den Geschmack ihrer Kollegen. Manchmal durfte ich sogar ein Märzchen tragen, obwohl das Frauensache war. Allerdings nur zu Hause, denn wir wollten uns doch nicht lächerlich machen.




Tags: ,

Eintrag geschrieben: Dienstag, 15. März 2011 um 12:55 Uhr unter Ökonomie, Zeitgeschehen. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



Anzeige



5 Kommentare

  1. Inge sagt:

    da wird ja bei den schulmädchen ganz niedlich eingeübt den selbstwert über das urteil von jungs zu definieren.

  2. DasDodo sagt:

    Erinnert mich ein bissel an den Valentinstag im Japan. Wobei da die Mädchen/Frauen den Jungen/Männern die Schockolade schenken.
    Es gibt da zwei Arten:
    Die Giri-Chocko: Für Freunde/Kollegen/Klassenkameraden/etc. Sie ist nicht besonders teuer also nur so eine Art Freundschafts-Geschenk.
    Dann gibt es noch die Honmei-Chocko, sie wird nur an den verschenkt, in dem frau verliebt ist und dementsprechend aufwendiger und auch oft selbst gemacht (Die Giri-Chocko aber auch).
    Die Männer sind dann am White-Day einen Monat später dran.
    http://www.stern.de/panorama/valentinstag-in-japan-wo-schokolade-die-maennerherzen-zum-schmelzen-bringt-1653742.html

  3. Jules sagt:

    Dieser Brauch war mir neu, interessanter Artikel.
    Was ich einen ganz interessanten Aspekt in Lettland fand: Die Lettinnen lehnen den Frauentag eher als eine „sowjetische“ Erfindung ab (In Deutschland sind die Leute ja eher der Meinung, es sei „unnötig“ usw.).
    Weiß jemand, ob der Tag in den anderen ehemals sozialistischen Staaten auch noch diese sowjetische bzw. sozialistische Konnotation hat?

  4. Nele sagt:

    @Jules: Woher weißt du das mit den Lettinnen? (Ich frage nicht, weil ich dir nicht glaube, sondern weil es mich interessiert.)
    Ich kenne Polinnen, Ukrainerinnen, Tschechinnen und Russinnen, die diesen Tag „feiern“. Irgendwie besteht das Feiern aber auch nur darin, sich gegenseitig Blumen zu schenken (ggf. virtuell) und sich zu gratulieren. Meine Wahrnehmung ist aber, dass sich auch Frauen gegenseitig gratulieren/beschenken.
    Bisher habe ich noch keine Frau getroffen, die diesen Tag als sowjetisch ablehnt – auch wenn es gelegentlich mal dumme Sprüche darüber gibt. Daher bin ich bisher davon ausgegangen, dass der „sowjetische“ Frauentag von dem „Blumenschenk“-Frauentag getrennt gedacht wird. So wie es ja auch Silviu beschreibt. (Die Mutter, die das sowjetische Arbeiterin-Mutter-Getue eher ignoriert/ablehnt, aber sich natürlich über die Märzchen freut)

  5. Jules sagt:

    Sorry, hatte deinen Kommentar gar nicht mehr gelesen – jetzt ists wohl auch zu spät, hier aber dennoch die Antwort nachgeschoben:
    Ich habe letztes Jahr ein Praktikum in Lettland gemacht und war eben auch während des Frauentags dort. Da hatten dann zwar wir alle von unseren männlichen Kollegen jeweils eine Blume bekommen (und überall sah man an dem Tag Frauen mit Blumen), aber die lettischstämmigen Kolleginnen meinten dann, dass sie eigentlich nichts davon hielten, eben weil es eine sowjetische Tradition sei.
    Der russischstämmige Bürgermeister hatte außerdem überall in der Stadt Plakate aufhängen lassen, auf denen ein paar Blumen zu sehen waren mit der Inschrift „Liebe Frauen, alles Gute zum Frauentag!“. Dazu meinte eine Kollegin: Na super, jetzt haben wir Frauen von unseren Steuergeldern diese Plakate bekommen, das Geld wäre sinnvoller in anderen Projekten angelegt gewesen.
    Ich hatte so den Eindruck, dass man im Baltikum nochmal anders mit dieser sowjetischen Vergangenheit umgeht, da man die Zeit in erster Linie als „Besatzung“ empfunden hat; man hat sich nie wirklich als Teil der Sowjetunion gesehen (als weiteres Beispiel finde ich auch den 8. Mai passend, der nur von der russischsprachigen Bevölkerung wirklich gefeiert wird, weil er für sie den Sieg über Nazideutschland symbolisiert – für die Letten bedeutet er lediglich den Beginn der erneuten sowjetischen Besatzung und daher keine „Befreiung“. Entsprechend wird er auch nicht gefeiert).