Keine unschuldigen Komplimente

von Naekubi
Dieser Text ist Teil 1 von 7 der Serie Die Emanzipation der Banane

Naekubi bloggt bei Danger! Bananas über das Leben von Asiat_innen in Deutschland, Kultur und Alltag, Rassismus und Feminismus, Selbstbewusstsein und Selbstverständnis. Wir freuen uns sehr, dass sie ab diesem Monat auch eine Kolumne bei der Mädchenmannschaft schreibt – Fanfare und Konfetti: dies ist die erste in Naekubis Reihe „Die Emanzipation der Banane“! 

Neulich war ich mit dem Rad in München unterwegs. Ich dachte an nichts Besonderes, als vor mir auf dem Radweg zwei Herren standen. Schnell klingelte ich Sturm, denn auf dem Radweg ist die Radfahrerin im Recht. Die Männer sprangen gerade rechtzeitig beiseite. Fast war ich schon an ihnen vorbei, als ich in unvergleichlichem Münchnerisch hörte: „Und hübsch aa no!“ Ich fuhr weiter und lächelte – um mich gleich danach innerlich zu schelten. Warum um Himmels willen lächelte ich? Hatte ich nicht gelernt, dass das eine unerwünschte, sexistische Grenzüberschreitung war? Dass es sich hier einfach nur um dialektal gefärbtes „Catcalling“ handelte, das es zu bekämpfen galt?

Diese Sache und meine Reaktion darauf beschäftigten mich. Ich dachte an eine Freundin, die während ihres Auslandssemesters in Spanien nach eigener Aussage wesentlich häufiger ungefragten Komplimenten ausgesetzt war. Ihr machte das wenig aus, im Gegenteil: Wenn harmlose Kommentare wie „Hallo Hübsche“ kamen, genoss sie die Aufmerksamkeit sogar. Und, so fuhr sie fort, sie fände es eher schade, dass man in Deutschland nie einfach so Komplimente bekäme. Die sexuelle Seite, die man als Mensch ja auch hätte, würde immer ignoriert. Das konnte ich nachvollziehen: Ein wenig Bestätigung der eigenen Attraktivität tut gut. Und doch fühlte ich mich bei diesen Überlegungen unwohl.

Zum einen ist da die Heteronorm: Komplimente an Frauen* von Männern* sind eine Hetero-Angelegenheit. Da entsteht eine Normalität, die wirklich nur einen Teil des Gesamtbildes zeigt – Bi-, Homo- oder Asexuelle, aber auch Trans-Menschen bleiben ausgeschlossen. Nicht-heterosexuelle Frauen bekommen Beleidigungen und Anzüglichkeiten an den Kopf geworfen. Zum anderen werden derlei Komplimente nach wie vor nicht wahllos verteilt, sondern zeigen, wer in dieser Gesellschaft „sexuell wertvoll“ ist: Dicken Menschen oder Menschen mit Behinderung wird generell eine Sexualität abgesprochen. Diese Komplimente, und das klingt jetzt wirklich entsetzlich, sind auch ein Privileg.

Letztendlich aber geht es bei der Vergabe von Komplimenten um Sexualität. In einem bestimmten Code wird mir mitgeteilt, dass ich sexuell interessant für jemanden bin. Da fangen die Probleme an, denn Sexualität ist vermintes Gebiet für Frauen*: Frauen* verlieren eigentlich immer, ob sie nun sexuell eher offen sind oder eher vorsichtig. Neben der Abwertung weiblicher Sexualität wird auch auf Zustimmung der Frau* im Rahmen der Heteronorm häufig kein gesteigerter Wert gelegt. Das betrifft konkret nicht nur Sex, sondern auch die Abbildung von Frauen*, welche Fragen sie gestellt bekommen und wie sie sich zu verhalten haben. Mit meinem Lächeln auf dieses Kompliment, so hatte ich im Nachhinein das Gefühl, gab ich die Bestätigung, dass es in Ordnung ist, mich auch im profanen Alltag als sexuelles Wesen zu betrachten. Dass ich vielleicht sogar darauf Wert legte. Menschen sind nun mal durch ihre Sexualität mitgeprägt, dagegen ist nichts zu sagen. Also alles in Ordnung?

Mitnichten. Als Frau* auch nur zuzugeben, eine sexuelle Natur zu haben, ist nach wie vor, als ob man einen Schwachpunkt offenlegt und sich angreifbar macht. Man wird nicht mehr ernstgenommen (es sei denn, man ist Beyoncé). Mein unangenehmes Gefühl kam genau daher, weil ich wusste: Die Geschlechter bewegen sich eben nicht auf demselben Grund. Ein (heterosexueller) Mann kann seiner Sexualität Ausdruck verleihen, ohne verdinglicht zu werden oder sich zu diskreditieren. Politiker können die 5. Frau heiraten, ohne dass es jemanden juckt. Eine Politikerin, die den 5. Ehemann ehelicht? Da würden die meisten doch eher an ihrer Kompetenz zweifeln.

Nun ging es in meinem Fall gottlob nur um ein Lächeln auf ein Kompliment von einem Fremden. Das verursacht im Normalfall nicht allzu viele Störungen im Alltag. Aber besser wäre es doch, wenn ich mir keine Gedanken machen müsste. Wenn ein Kompliment unschuldig und unbelastet von Gender-Ungleichgewicht sein könnte. Ich würde gerne in einer Welt leben, in der ich bei einem Kompliment egal von wem lächeln könnte. Einfach so.






Anzeige



14 Kommentare

  1. Biene sagt:

    Mhm…

    irgendwie fehlt mir hier dass es auch Komplimente ohne sexuellen Hintergrund gibt. Es gibt durchaus Frauen oder Männer, denen ich Komplimente ohne jegliche sexuelle Nuance mache, weil mir etwas auffällt und mir gefallt… wie einem zum Beispiel eine Blume oder ein Gemälde oder eine Landschaft oder so gefallen kann. Ist mir irgendwie zu einseitig gedacht…

  2. Lea sagt:

    Meiner Ansicht nach ist das Pragmatisch-Rituelle am Kompliment (die ursprüngliche Bedeutung des Wortes war ja „Höflichkeitserfüllung“) heutzutage etwas verdreht worden. Komplimente dienen heute eher einem (für die turbokapitalistische Gesellschaft typischen) Profilierungswunsch gepaart mit einer gewissen Erwartungshaltung.
    Der Profilierungswunsch („Wenn ich ein Kompliment mache, bin ich mutig/traue mich was und alle halten mich für einen starken Typen!“) und die damit verwandte Erwartungshaltung („Wenn ich ein Kompliment strategisch einsetze, bringt es mir vielleicht etwas ein!“) lassen viele Komplimente heute seltsam leer und verlogen wirken.
    Warum lächle ich – wenn überhaupt – nur kurz, wenn Männer mir ein Kompliment hinterherrufen? Weil ich die Männer nicht kenne und davon ausgehen muss, dass sie nur mein Äußeres attraktiv finden und sich vor anderen Menschen oder vor sich selbst profilieren wollten und (mindestens unterschwellig) auch eine gewisse Erwartungshaltung haben: „Wenn ich ihr schönes Aussehen lobe, hält sie vielleicht an, steigt vom Fahrrad und gibt mir ihre Telefonnummer…“

    Letztlich ist bei solchen Komplimenten die objectification so stark, dass man wahrscheinlich (man stelle sich eine geschickt gefilmte Szene vor) als Beobachterin kaum feststellen könnte, ob das Kompliment einer vorbeifahrenden Frau oder einem vorbeifahrenden Sportwagen galt.

  3. caro sagt:

    ich habe, wenn ich an denke irgendwie immer so ein unwohlsein im hinterkopf.

    mir kommt das eben auch wie eine raumergreifung vor. ich habe bspw. noch nie von frauen in vergleichbaren situationen ausgesprochene komplimente beobachtet.
    klar wäre es schön, wenn sich die allgemeine alltagskultur dahingehend wandeln würde, dass mehr achtsamkeit und wertschätzung herrscht und diese auch ausgesprochen wird. trotzdem ist es eine schmale grenze zwischen kompliment und übergriffigkeit.

    dabei kommt es auch darauf an, welcher teil von mir angesprochen wird. (klar, dass es sich in der regel um äußerlichkeiten handelt, die persönlichkeit ist schwer aus 5 meter entfernung zu erkennen.) es ist aber schon ein unterschied, ob sexuell konnotierte teile von mir gelobt werden, oder z.b. meine frisur (obwohl die sicherlich im individuellen fall auch durchaus sexuell konnotiert sein kann).
    und dann natürlich ist es auch noch wichtig, worauf die angesprochene grade bock hat. in deinem fall scheint ja irgendein bedürfnis erfüllt worden zu sein. darüber hinaus frage ich mich aber schon, warum du „auch noch“ hübsch bist. etwa „auch noch“, weil du dir die „frechheit“ rausgenommen hast, deinen platz einzufordern? war das kompliment dann vielleicht die antwort auf diese „unzulässige“ raumergreifung deinerseits (obwohl du völlig im recht warst), die nicht unbeantwortet stehen bleiben konnte?

    zum thema anderswo: ich habe auch einige zeit im ausland gelebt und fand die komplimente dort so richtig übergriffig und nervig, obwohl das größtenteils solche in der art wie dein beispiel waren. trotzdem hat es mich extrem angepisst, nirgends mal einfach so rumlaufen zu können, sondern immer und überall eine zwar positive aber trotzdem noch bewertung aufs brot geschmiert zu bekommen.

    ich finde auch, dass es ein sehr schwieriges feld ist und bis ich mir gerne komplimente von wildfremden mit einem lächeln anhöre, muss sich so einiges anderes noch ändern. aber vielleicht könnte ja ein leitfaden für wertschätzende komplimente aufgestellt werden ;)

  4. Biene sagt:

    Also ich bin gerade im Ausland… und eigentlich bekomme ich hier sehr freundliche und höfliche Komplimente. Und ich habe als Erfahrung gemacht, wenn ich Leuten ein Kompliment mache, sie strahlen, sie freuen sich. Das finde ich sehr schön!
    Es ist nicht nur ein Kompliment an sich, sondern auch die Art wie es vorgebracht wird. Ich finde man sollte beidest nicht in einen Topf werfen, sondern das differenziert betrachten können. Einfach Komplimente im Ganzen ablehnen würde die Welt weniger freundlich machen.

  5. Lea sagt:

    Zieht man mal die sexuelle und selbstdarstellerische Komponente vom Kompliment ab, bleibt eine Art „altruistisches Gerüst aus Freundschaft und Liebe“. Die Frage ist aber, ob man solch ein Kompliment auch einer fremden Person machen würde?
    Außerdem sollte man nicht Kompliment und Lob synonym verwenden. Ich habe das Gefühl, dass man eigentlich nur für Leistungen (also etwas auf das man auch stolz sein kann, wie z. B. gute Arbeit) legitim gelobt werden kann und freue mich dementsprechend über solches Lob, wo hingegen man ein Kompliment _auch_ für etwas bekommen kann, für das man gar nichts geleistet hat (z. B. lange Beine).
    Vielleicht macht das auch die Problematik mancher Komplimente aus: „Ich habe doch gar nichts geleistet!“ Vielleicht ist das der Kern der objectification…

    Ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals ein Kompliment über meine langen Beine gern hören will. Für mich ist das im Endeffekt nichts anderes als ein Kompliment für meine Jugend oder meine Hautfarbe: einfach Mist!

  6. Naekubi sagt:

    @Biene: Es gibt natürlich schon Komplimente ohne Hintergedanken. Die Frage ist, ob ich das als Komplimente-empfangende Person auch so sehe. Durch die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern bin ich eher dazu verleitet anzunehmen, dass das Kompliment eben nicht so absichtslos war wie angenommen. Und in dieser Annahme wurde ich immer wieder leider auch bestätigt.

  7. mom sagt:

    Ist ein Problem nicht auch, dass die Initiative zu einer Bewertung (was ein Kompliment ja ist) i. d. Regeln von einem Ranghöheren ausgeht. D.h. der, der das Kompliment macht – einer/m Wildfremden gegenüber – setzt sich gleichzeitig auf die Siegerposition: ICH darf DICH bewerten.
    Unter Freund/innen und Kolleg/innen sehe ich das anders, ich freue mich, wenn jemand mein Outfit schön findet oder spreche sie an, wenn mir ihr Outfit gefällt. Aber das ist im Rahmen einer Freundschaft/langjährigen Zusammenarbeit anders als auf offener Straße.

  8. Trippmadam sagt:

    […] Politischen zum Privaten, das ja auch mitunter politisch sein kann: Gibt es unschuldige Komplimente? fragt sich Naekubi. Zur  Kunst des Piropeo habe ich hier ja schon einmal etwas gesagt. Manche […]

  9. =) sagt:

    Komplimente sind generell so ne Sache… vor allem, weil die meisten den Unterschied zwischen „ein Kompliment machen“ und „jemandes Aussehen bewerten“.
    Wenn jemand die Sache individualisiert („Das ist ein schönes Muttermal“), ist das (für mich) ein Kompliment – aber dieses Hinterherrufen und -pfeifen, da fühlt man sich wie die Preiskuh vor der Jury.

  10. Nicola sagt:

    Danke für den Post, du beschreibst ein Dilema in dem ich mich auch oft wieder gefunden habe. Ich freue mich über ein Kompliment und spüre gleichzeitig so eine Art Übergriff. Vielleicht weil ich weiss, dass mir als Frau das gleiche nicht gestattet ist, bzw. ich mich das ehrlich gesagt nicht trauen würde, einem Mann nach zu pfeifen. Mich stört mehr die Einseitigkeit, die ich dann spüre. Manchmal kann es ja auch schön sein als sexuelles Objekt gesehen zu werden, aber nur wenn ich das will und nicht weil das Machtgefüge das so mit sich bringt.

  11. maxi sagt:

    Wenn jemand die Sache individualisiert (“Das ist ein schönes Muttermal”), ist das (für mich) ein Kompliment

    Ist es auch noch ein Kompliment, wenn Du das Muttermal nicht magst. Wenn es das ist, wofür Du in der Schule gehänselt, gemobbt und ausgeschlossen wurdest. Wenn Du jeden Tag versucht genau das zu verstecken, dein Selbswertgefühl deswegen schon fast ins Negative rückt. Du dich deshalb niemals traust jemanden anzusprechen, durch diese abweisende Haltung bisher auch Dich niemand angesprochen hat, Du viele Abende zu Hause sitzt und einer theoretischen Beziehung nachtrauerst. Wenn Du dich im Spiegel nicht anschauen magst und mittlerweile auch unter Depressionen leidest …

    Ist das dann noch ein Kompliment? Möglicherweise, aber man sollte nur solchen Menschen Komplimente machen, bei denen man weiß, was in diesen steckt und wie das Kompliment ankommt.

  12. Thunder sagt:

    Besonders entnervend finde ich an der ganzen Sache, dass augenscheinlich die meisten Männer* automatisch davon ausgehen, dass mich deren Meinung über mein Äußeres interessiert. So als gingen sie davon aus, dass mein Selbstbild maßgeblich durch deren Kommentare, Blicke, evtl. sogar Gesten geprägt würde. Als hätte ich keine eigene Meinung zu mir. Als wartete ich sehnsüchtig darauf, von irgendwelchen random Typen zu hören, ob ich ihnen gefalle.
    Das finde ich zum Kotzen.

  13. Auralibby sagt:

    @Thunder: Auch ich empfinde „Komplimente“ Wildfremder nicht als angenehm, sondern als übergriffige „boner messages“. Und nein, es interessiert auch mich NICHT, welcher mir völlig unbekannte Mann (ich muss mich hier auf die Männer konzentrieren, da ich von einer Frau noch nie gecatcalled wurde) mich für wie bumsbar genau hält. Komplimente von Freunden und Bekannten bewerte ich anders, zumal ich in diesen Fällen 1. in etwa einschätzen kann, WIE mein Gegenüber sein/ihr Kompliment meint und 2. zumindest in meinem Freundeskreis keine „geile Ti**en!“ oder „sexy Ar***!“-Bemerkungen fallengelassen werden. Insofern wäre jedenfalls ich alles andere als unglücklich, wenn diese Straßenkomplimente unüblich würden.

  14. Nicola sagt:

    Ich habe über das Thema in den letzten Tagen immer wieder nachgedacht und bin gestern auf den Grund gekommen, was ich an Strassenkomplimenten übergriffig empfinde:

    Ein Kompliment soll doch eigentlich etwas Angenehmes sein. (Ich zitiere Wikipedia, auch wenn das auch nciht immer über jeden Zweifel erhaben ist: „Ein Kompliment ist eine wohlwollende, freundliche Äußerung…“) Ein Kompliment, es kann auch gern sexuell sein, ist dann gut, wenn der der es auspricht möchte, dass ich mich damit gut fühle. Wenn er davon ausgehen kann, dass es unserer Beziehung und Nähe zueinander angemessen ist. Natürlich kann man immer mal auf dem falschen Fuss erwischt werden.

    Männern, die mir an Baustellen nachpfeifen, nachzischen oder nachrufen, geht es nicht darum, dass ich mich mit diesem „Kompliment“ gut fühle. Ich denke, es ist ihnen egal, was es mit mir macht, in welcher Stimmung ich bin und oft fühlt es sich sogar eher an wie eine Machtdemonstration.

    Ich mache gern anderen Frauen Komplimente, auch Unbekannten auf der Strasse, wenn sie z.B. etwas anhaben, das mir gefällt. Meist kommt es an. Leider machen das wenige.