Das Wort, das fehlt.

von Sharon

Sharon Dodua Otoo ist Schwarze Britin – Mutter, Aktivistin, Autorin und Herausgeberin der englischsprachigen Buchreihe „Witnessed“ in der edition assemblage. Ihre jüngste Publikation ist The Little Book of Big Visions. How to be an Artist and Revolutionise the World herausgegeben mit Kuratorin und Künstlerin Sandrine Micossé-Aikins (edition assemblage, 2012). Außerdem ist sie im Vorstand der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD-Bund) e.V.  „Die Geschichte vom Kreis und Viereck“ erschien in (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache, herausgegeben von Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard (UNRAST Verlag, 2011). „the things i am thinking while smiling politely“ erschien im Februar 2012 und ist ihre erste Novelle. Sharon Dodua Otoo lebt, lacht und arbeitet in Berlin.

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Deutschland ist ein armes Land. Ich habe dies festgestellt, als ich immer wieder erlebt habe, dass ich schief angeschaut wurde, immer wenn ich mein Bedauern für etwas ausdrücken wollte.

„Wieso?“ kam meist als Antwort. „Du kannst doch nichts dafür. Es ist nicht deine Schuld.“

Diese Aussage hat mich sehr oft irritiert, denn von Schuld war gar nicht die Rede. Mir war klar, dass ich nicht diejenige gewesen bin, die den Zug zum Anhalten gebracht hat und darum mein Gegenüber zu spät zum Einstellungsgespräch kam. Natürlich habe ich nicht das Wetter so eingestellt, dass die Freundin doch nicht ihre Party draußen feiern konnte wie geplant. Und klar: ich war nicht mal in der Nähe, als mein Arbeitskollege gestolpert ist. Trotzdem, ich wollte zum Ausdruck bringen, dass ich mich nicht gerade über diese Ereignisse freue.  Warum wird dieses Bedürfnis hierzulande als Schwäche angesehen?

Ich habe das bisher immer auf mein Britin-Sein geschoben. In London kommen die meisten Menschen nicht ohne schlechtes Gewissen durch den Tag, ohne mindestens fünfmal  „Sorry“ gesagt zu haben. „Sorry“ kann alles heißen von „Wie bitte?“ über „Ich wiederhole; was ich eigentlich sagen wollte ist…“ und „oh – da hast du aber Pech gehabt“ bis  „es tut mir Leid.“ In Deutschland, habe ich gelernt, wird tatsächlich um „Entschuldigung“ gebeten.  Darum ist es eigentlich verständlich, dass das Wort nicht gerne in den Mund genommen wird (um von Verzeihung – laut Wiki „die Annahme von bekundeter Reue“ – ganz zu schweigen).

Dennoch finde ich es sehr schade, dass es nicht ein Wort in der deutschen Sprache gibt, kurz und prägnant, das ich benutzen kann, um meinem Gegenüber mitzuteilen: „Es tut mir Leid, dass es dir so schlecht geht. Ich fühle mit dir.“ Eine Botschaft, die sicherlich oft nötig und willkommen wäre. Eine Botschaft, die bestimmt viel Gutes zu unserer Gesellschaft beitragen würde.

Leider, da es ständig um die Schuldfrage geht, sind wir in Deutschland-Wohnenden oft viel zu sehr mit unseren eigenen Gefühlen beschäftigt. Wir wollen anderen schnell klar machen, dass wir etwas nicht getan haben. Oder, wenn es doch ohne jegliche Zweifel bewiesen wird (verdammt!), dass wir es ja wohl gemacht haben, dann geht es darum, dass wir es so nicht gemeint haben. Das führt zu Armut in diesem Land. Wir sind weniger bereit und deshalb weniger fähig unsere Mitmenschen wirklich zu sehen und Empathie mit ihnen zu haben. Wir werden abgestumpft.

Jahrelang lief ich mit Fragezeichen im Kopf herum. Sollte ich dann aufhören „tut mir Leid“ zu sagen? Schließlich wollte ich mich ja nicht haftbar machen. Und dann, eines Abends, bei einer sehr guten Freundin, habe ich erlebt wie sie mit ihrer Tochter, die gerade geweint hat, weil sie ein Lieblingsspielzeug verloren hatte, umging. Meine Freundin nahm ihre Tochter in den Arm, streichelte sie und sagte: Pole (Aussprache POR-le). Da bin ich hellhörig geworden. Besonders weil ich danach merkte wie oft das Wort fiel bei meiner Freundin zu Hause.

„Was bedeutet das?“

Pole“ erklärte ihr Mann „das ist Swahili. Es bedeutet so viel wie es tut mir wirklich Leid, dass es dir so schlecht geht. Ich teile deinen Schmerz.“

So Leute, was meint ihr? Es ist schließlich kein ungewöhnlicher Vorgang, die deutsche Sprache durch tansaniische Lehnwörter zu bereichern: Wir haben „Safari.“ Lasst uns da nicht aufhören!

Ich bin dafür, wie führen „Pole“ in unserer Sprache, in unserer Haltung und in unserem Alltag ein. Das Wort fehlt.




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Eintrag geschrieben: Freitag, 26. April 2013 um 15:00 Uhr unter Ideen - Theorien. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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18 Kommentare

  1. Karo sagt:

    Und „jenga“, das Spiel ;)
    Ich habe tatsächlich schon im ersten Absatz an „pole“ gedacht. Das Wort ist mir in Tansania mindestens so häufig begegnet wie „sorry“. Leider ist das deutsche „es tut mir leid für dich“ nicht gleichzusetzen.

  2. […] Das Wort, das fehlt. Sharan Dodua Otoo wirft einen Blick auf eine Lücke im deutschen Wortschatz. […]

  3. Debs sagt:

    Oh, ein schöner Text. Ein brauchbares Wort um Anteilnahme auszudrücken, wäre so wohltuend für eine empathische Kommuniktion.

    (Ich habe ein Frage am Rande: „Mutter, Aktivistin, Autorin und Herausgeberin der englischsprachigen Buchreihe“ eine selbstgewählte Beschreibung? Wenn nicht, war es eine bewusste ENtscheidung das „Mutter“ an erste Stelle zu setzten?)

  4. Sharon sagt:

    @ Debs

    Es ist eine selbstgewählte Beschreibung.

  5. Denise sagt:

    Ich hab den Artikel mit Vergnügen gelesen und kann dem bisher Geschriebenen nur zustimmen. Vielleicht findet „pole“ irgendwann auch einmal Einzug in den Duden?!

    Lustigerweise ist mir dazu eine umgedrehte Situation eingefallen. Als ich eine Freundin in London besuchte, die dort für ein Jahr studiert, hatten wir ein Gespräch mit ihrem Londoner Mitbewohner. Meine Freundin meinte an einer Stelle (auf englisch), dass es ihr leid tue, dass seine Verletzung noch weh tue. Er war total irritiert und meinte, dass es ihr nicht leid tun müsse, da sie ja nichts dafür könne. Naja, wir haben ihm dann versucht zu erklären, dass es in der deutschen Sprache mehrer Bedeutungsebenen von „Sorry“ gebe, die es anscheinend im englischen nicht gäbe (was er dann zumindest meinte). Interessant finde ich nun, dass die Erfahrungen andersherum liefen als oben beschrieben:)

  6. ka sagt:

    Mit-leiden
    Aber das hat sich ja gewandelt -sich von dem leid anderer berühren lassen, mitleidig sein vs mit-kLeiden.. Sprache ist seltsam

  7. Theresia sagt:

    Ich stimme dir voll und ganz zu und habe das Wort „pole“ lieben gelernt, als ich in Kenia lebte. Auch in anderen Ländern ist mir viel häufiger aufgefallen, dass Menschen, wohl auch aufgrund der Möglichkeit es in einem der zwei Wörtern ausdrücken zu können, Mitgefühl äußerten.

    Gleichermaßen versuchte ich dies dann hier zu etablieren, wurde dabei aber auch oft schief angeschaut und mir leider oft beschieden, dass „es in anderen Ländern/ Sprachen dann ja auch oberflächlich ist, wenn es so oft gesagt wird.“ Die Meinung teile ich aber nicht.

    Pole! Pole sana!

    (sana bedeutet: sehr, viel)

  8. Lea sagt:

    Ich habe eine ähnliche Beobachtung gemacht. In Togo sagt man „Babadé!“ (Ewe) bzw. „Bokéo!“(Akposso) um auszudrücken: „Nur Mut!“, „Du schaffst das/das wird schon wieder“. Es wird gesagt, wenn es jemandem nicht gut geht, jemand in der Familie gestorben ist, aber auch wenn sich jemand bei der Arbeit sehr anstrengen muss oder sonstwie Mühe hat. Es ist also auch ein Mitfühlen/Mitleiden aber verbunden mit einer Aufmunterung und Bestärkung. Dieses Wort fehlt mir auch im Deutschen, ich sage manchmal „Nur Mut!“, aber es klingt seltsam.

  9. frau fuechsin sagt:

    Sehr interessanter Text. Meiner Wahrnehmung nach ist das im österreichischen Raum etwas anders gelagert. Jedenfalls ist mir „das tut mir leid (für dich)“ schon als Ausdruck des Bedauerns geläufig, ohne dass damit automatisch „Schuld“ impliziert wird. Es scheint mir außerdem generell ein kultureller Unterschied zwischen Deutschland und Österreich in der Praxis des Sich-Entschuldigens gegeben zu sein. So wird „Entschuldigung!“ in Ö recht inflationär, als Anrede, gebraucht – immer wenn man eine fremde Person auf sich aufmerksam machen möchte, etwa wenn man eine Frage stellen oder eine Dienstleistung beanspruchen will. Das gehört zum österreichischen, etwas umständlichen Höflichkeitsanspruch wie das Formulieren von Anliegen im Konjunktiv („Ich hätte gerne ein Brot!“ als Bestellung).
    Wie nehmt ihr das wahr?

  10. qwert sagt:

    Achja, pole – ich hatte es fast vergessen.
    Nachdem ich ein paar Monate in Kenia und Tansania verbracht hatte, hatte ich sehr oft das Bedürfnis „pole“ zu sagen. Mit der Zeit hab ich das ganz verdrängt. Auch, weil ich nicht ständig mich erklären wollte… Aber ein solches Wort fehlt der deutschen Sprache und vielleicht auch den Deutschen sehr. pole!

  11. Jan sagt:

    Ich kenne das mit der Reaktion auf „Tut mir leid“ ziemlich gut. Ich hab die Bedeutung von „Tut mir leid“ ehrlich gesagt auch immer genauso aufgefasst – nämlich, dass man ausdrückt, dass man etwas nachvollziehen kann, mitfühlt. Aber bekam ich beim Sagen von „tut mir leid“ immer zu hören: Was tut dir denn leid?
    Ich glaube, die deutsche Gesellschaft muss in einigen Teilen tatsächlich das mit dem Mitgefühl noch sehr viel besser lernen. Empathie ist meines Erachtens eine der Voraussetzungen dafür, dass eine Gesellschaft funktionieren kann und sich auch Leute, denen es vielleicht nicht so gut geht oder die in irgendeiner Form von der „Norm“ abweichen, verstanden und willkommen fühlen können.

  12. Nobelix sagt:

    Wenn ich so darüber nachdenke, hast du Recht!
    Leider geht aber in unserer Sprache beziehungsweise im Sprachgebrauch gerade sowas mehr und mehr verloren.
    Nicht nur, dass Anteilnahme out zu sein scheint, nein, auch Freundlichkeit (die schon bei einem einfachen Lächeln beginnt) oder sogar Höflichkeit stirbt aus.
    Menschen rennen mit verkniffenen Gesichtern durch die Gegend, Türen werden einem vor der Nase zufallen gelassen und selbst ein „Guten Tag“ scheint schon zu viel verlangt.
    Eigentlich passt Pole ganz hervorragend und könnte durchaus häufig gebraucht werden – als eine freundlich gemeinte Aufmunterung, als ein „Kopf hoch“, ein „du schaffst das schon“ oder auch als ein aufrichtiges „ich fühle mit dir“. Aber werden Menschen, die schon nicht mal mehr ein „Guten Tag“, ein „Hallo“ oder ein Lächeln von sich geben, dieses Wort auch nutzen?
    ich fürchte nicht.

    Aber gerade das ist ein Grund mehr, trotzdem freundlich zu sein, zu grüßen, eventuell auch mal eine Tür aufzuhalten oder einfach mal zu lächeln.

  13. CharredC sagt:

    Vielleicht liegt es ja an meinem hohen Konsum englischer Texte, aber ich bilde mir zumindest ein „Ich fühle mit dir“ sei doch eine deutsche Formulierung, die stark in diese Richtung geht. Oder handelt es sich dabei nur um eine unkenntliche Übersetzung von „I feel with you“?
    Wobei aber die Formulierung trotzdem nicht heißt, dass es deswegen üblicher ist, das eigene Mitgefühl zu bekunden.
    Ich hab da im Hinterkopf auch schon wieder die Antwort „Davon kann ich mir auch nix kaufen!“, was schon so einiges über die Reaktion auf solche Bekundungen aussagt. Hängt da möglicherweise die Erwartungshaltung dran, dass man entweder gleich was helfen können muss oder sonst halt besser schweigt?

  14. Horsti sagt:

    So ein wunderschöner Text. Und er trifft etwas: als meine Trans-Mutter gestorben ist, konnte ich nicht damit umgehen, dass Menschen „es tut mir Leid” sagen, weil sie einerseits nichts dafür konnten, ich andererseits nicht bemitleidet werden wollte. Der Satz fühlte sich einfach nicht richtig an; wie eine Floskel, die abfertigt, nicht wie Trost. Als meine Tochter starb, ging das auch nicht, der Satz creepte mich aus. Ich konnte ihn nicht selbst sagen, wenn Menschen starben. Auch nicht gut, weil nichts sagen eine Lücke zwischen Menschen lässt, wo Nähe notwendig ist. Und was sagt man, wenn man ihn bekommt. Danke?
    Bei Fehlern Entschuldigung zu sagen, ist hingegen so ein Akt, das jedes Mal wenn es ernsthaft passiert, sich anfühlt, wie ein Segen, sowohl gegeben als auch empfangen.

    Menschen, die Türkisch können, kann es sein, dass „Pole” ein bisschen so funktioniert wie „Tamam”? Eine Weise ein Kind auf Deutsch so zu trösten, wäre vielleicht zu sagen „Schhhh ist alles gut” und das trifft es auch nicht wirklich. Ich will auch Pole sagen üben!

  15. cathy sagt:

    Mich hat dieser Bericht unheimlich zum lachen gebracht. Warum? Ich lebe seit ca. 2 jahren in Großbritannien und habe mir selbst mittlerweile, ganz unbewusst, angewöhnt, ständig ’sorry‘ zu sagen. Wenn ich in Deutschland bin und dieses Verhalten fortführe werde ich seltsam angeguckt….:D

  16. trippmadam sagt:

    Komisch, ich scheine mich in einem völlig anderen Umfeld zu bewegen. Bedauern und Mitgefühl oder andererseits auch Freude, z.B. über den Erfolg eines anderen auszudrücken, ist in meiner Umgebung vollkommen normal, wenn auch die Formulierungen variieren.

  17. Roser sagt:

    Mmm, auch wenn „pole“ sicher das griffigere Wort ist: Die Formulierung „Das tut mir Leid für dich“ sagt doch genau das aus und ist, zumindest in meinem Umfeld, auch sehr gebräuchlich. Das „für dich“ ist stellt dabei die feine, aber entscheidende Abgrenzung zum Schuldbekenntnis dar, dass man mit der Formulierung „Das tut mir Leid“ äußert.

  18. Jonas sagt:

    Es stimmt und macht mich nachdenklich, dass Leid-Tun immer wie Schuld-bekunden gehört wird.
    Und auch, dass das Mit-fühlen oder Mit-Leid nicht angenommen werden kann oder aber als wertlos empfunden wird.

    Da „Tut mir leid!“ offenbar im Sprachgebrauch besetzt ist und die Missverständnisse zahlreich… bin ich für „Pole“.