Archiv für Februar 2009


Kurz notiert am Wochenende

28. Februar 2009 von Katrin
Dieser Text ist Teil 31 von 138 der Serie Kurz notiert

Das war diese Woche auch noch los:

Foto der Woche:

Der chinesische Künstler Shu Yong bezieht auf diese Weise Stellung gegen den Schönheits(-OP-)Wahn in seinem Land. Gefunden auf sueddeutsche.de

Das Forum Männer tagte zum Thema: „Prekäre männliche Lebenswelten – Männer im Prekariat“ → weitere Informationen auf der Website des Forums

Kann der Staat Musliminnen zwingen, Perücken statt Kopftüchern zu tragen? Eine Frage der Freiheit → diskutiert auf taz.de

Ist das so? Christina Waechter schildert, wie viele Frauen im Internet zu Läster-Mäulern mutieren und damit nur alte Rollenbilder verfestigen → nachzulesen auf jetzt.de

Ein seltsamer Streit: Schadet Radfahren den weiblichen Geschlechtsteilen? Dr. Mück referiert (Danke an Mrs. Pepstein für den Link)

Ist Barbie eine „Gefahr“ für kleine Mädchen? Feministing-Autorin Courtney E. Martin sagt nein, Mütter seien „gefährlicher“ → Martin auf CSMonitor.com

Gescheiterter „Gütetermin“: Eva Herman konnte sich nicht mit ihrem Ex-Sender NDR einigen, den sie wegen ihrer Kündigung verklagt hatte → NetPlosiv.com berichtet

Was könnte mehr „Punk“ sein, als geschminkte Männer in rosa? Eine Frage, die ich auch neulich selbst in meinem Tagebuch notierte (wird bei Gelegenheit abgetippt), die sich auf der anderen Seite des großen Sees aber anscheinend auch Danny Hayes vom Bitch Magazine stellte: hier weiterlesen!

Vorfreude der Woche: am 2. März gibt es endlich die neue Missy!Das neue Heft angucken


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Denn wir fürchten die Liste nicht, wir analysieren sie

27. Februar 2009 von Verschiedenen

In der Serie “Der Kommentar” veröffentlichen wir eure Gedanken zu einem Thema eurer Wahl. Heute schreibt Hanna über die aktuelle FHM-Liste der 100 unsexiest Frauen.

Das Jahr 2009 hat gerade erst begonnen, doch das Männermagazin FHM weiß schon ganz genau, welche Frauen gar nicht sexy sind. Die alljährlich neu erstellte Liste der “Unsexiest Frauen” sei, so FHM letztes Jahr, “die bei den weiblichen Stars am meisten gefürchtete Liste”. Auf Platz eins – wie bereits berichtet – Charlotte Roche. Die Begründung: “Wer in seinem Roman kein noch so ekliges Detail über sämtliche Körperöffnungen und Körperflüssigkeiten auslässt, wird eben alles andere als sexy empfunden. Charlotte Roche hat uns Männern etwas zu ausführlich geschildert, was wir ohnehin nie wissen wollten.”- “Feuchtgebiete” als die zum Buch gewordene vagina dentata.

Wer jetzt denkt “Na und? Von denen lass ich meine Meinung über Frauen sicher nicht beeinflussen!”, und dass das Ranking sicher auch weitaus weniger gefürchtet wird als gewünscht, übersieht etwas. Denn was klingt wie ein infantiler Grundschülerstreich, ist nicht nur primitives “Entertainment” – das zudem sehr gerne von anderen Medien übernommen und weiterverbreitet wird (N-TV, zum Beispiel, hat gleich eine entsprechende Fotostrecke online gestellt.) FHM bedient ein Stereotyp, das schon 1970 sehr treffend von der australischen Feministin Germaine Greer beschrieben wurde:

The stereotype is the Eternal Feminine. She is the Sexual Object sought by all men, and by all women. She is of neither sex, for she has herself no sex at all. Her value is solely attested by the demand she excites in others. All she must contribute is her existence. She need achieve nothing, for she is the reward of achievement.

Die Frau sei deshalb, so Greer, ein Eunuch. Kastriert. Genitalfrei wie Barbie. Wie die Namen von Politikerinnen, Autorinnen, Sängerinnen, Journalistinnen, Sportlerinnen, auf der FHM-Liste und die Begründungen für ihre Positionen Greers Theorie bestätigen, zeigen folgende Beispiele:

Die ideale Frau muss nichts können, sie ist eine Trophäe
Die Expertenmeinung von Regina Halmich und Birgit Prinz will man weder beim “Kirmes-Kampf” noch bei Bundesliegaspielen hören: “Unsere User fanden die Prügeleien im Ring zu Regina Halmichs Zeiten schon nicht so sexy. Aber dass sie jetzt auch noch bei jedem Kirmes-Kampf als Expertin antritt, ist einfach zuviel. Die Bundesliga wollen unsere User schließlich auch nicht von Birgit Prinz kommentiert haben.”
Wie Greer schreibt: “Sie muss nichts erreichen, denn sie ist die Belohnung für Erfolg.”

Die ideale Frau möchte unbedingt als sexy wahrgenommen werden
Die Liste wird als von Frauen gefürchtet bezeichnet, und obwohl das zu bezweifeln ist, gilt dennoch die Bestätigung des Stereotyps.
Wie Greer schreibt: “Sie ist das Sexuelle Objekt, das von allen Männern und von allen Frauen ersehnt wird.”

Die ideale Frau hat nur einen sexuellen Wert
Die Wähler bewerteten die Personen auf der Liste nach ihrer Attraktivität.
Wie Greer schreibt: “Ihr Wert wird allein durch das Verlangen bestätigt, das sie in anderen hervorruft.”

Die ideale Frau hat kein Geschlecht, keine “ekligen Körperöffnungen”
Auf Platz eins ist Charlotte Roche, die es gewagt hat “sämtliche Körperöffnungen und Körperflüssigkeiten” zu thematisieren.
Wie Greer schreibt: “Sie gehört keinem Geschlecht an, denn sie hat überhaupt kein Geschlecht.”

Menschen in ein Stereotyp zu pressen, ist eine Einschränkung der Freiheit. In diesem Fall eine Freiheit, die Germaine Greer beschrieb als “Freedom from being the thing looked at rather than the person looking back.” Mit diesem Ranking wird nicht nur ein Stereotyp für die Frau unterstützt, sondern auch eines für den Mann. Auf der Liste tauchen nämlich auch Männer wie Bill Kaulitz und Bushido auf. Nicht nur das Label “Frau”, oder “effeminiert” (die Beschimpfungen “Du Mädchen”, “Du Homo”, usw. hat man(n) ja schon zu Genüge gehört), sondern auch die Bezeichnung “unattraktive Frau” fungiert also als Erniedrigung für den Mann. Als Entmannung, sozusagen. Er ist kastriert wie der “weibliche Eunuch”, aber schneidet in dieser Kategorie auch noch schlecht ab.

Auch wenn viele der Plätze auf Grund von gewissem Verhalten oder Denken vergeben wurden (Sahra Wagenknecht etwa wird dafür kritisiert, dass sie “[s]ich selbst als Rosa Luxemburg der Postmoderne” stilisiert habe), so erhält FHM mit dieser Liste ein fragwürdiges körperliches Ideal aufrecht. Über Britney Spears schreibt das Heft: “Mit weniger Skandalen und Speck beim Hüftschwung ist es diesmal schon Platz 8 und nicht mehr 1 (2007) und 2 (2008)”. Und über Hillary Clinton: “Sogar ihr eigener Mann entschuldigte sich dafür, sie nicht jünger machen zu können.” Germaine Greer hält gegen solche körperlichen Stereotype:

Every human body has its optimum weight and contour, which only health and efficiency can establish. Whenever we treat women’s bodies as aesthetic objects without function we deform them and their owners. Whether the curves imposed are the ebullient arabesques of the titqueen or the attenuated coils of art-nouveau they are deformations of the possibilities of being female.

Was FHM außerdem versucht aufrecht zu erhalten, ist eine Hoheitsgewalt. Oberflächlich ist es “nur” die Gewalt darüber, entscheiden zu können, ob ein Mensch sexuell erregend ist oder nicht. Weil aber das Ranking die stereotype Frau als das Ideal zu unterstützen scheint, und der Wert dieser, wie Germaine Greer attestierte, “[...] allein durch das Verlangen bestätigt [wird], das sie in anderen hervorruft”, könnte man in dieser Liste aber auch den Versuch sehen, die Entscheidungsgewalt über den absoluten Wert einer Frau zu beanspruchen.

Auch wenn FHM mit seinen Listen nur ein winziges Glied in einer Jahrtausende alten Kette ist, deren Schwachstellen – wie hier in Ansätzen am Beispiel von Greers berühmten “Female Eunuch” gezeigt – schon lange analysiert sind, so wurde diese Kette noch immer nicht zerbrochen. Deshalb ist das FHM-Ranking als singuläres Geschehen zwar tatsächlich völlig irrelevant, als Teil der ganzen rostigen Frauenunterdrückungskette aber eben ein Beispiel dafür, dass Frauen noch nicht frei (und wenn es nur Freiheit vom Stereotyp ist) und gleich sind.

HANNA

Literatur: Germaine Greer: “The Female Eunuch”. London: Harper Perennial, 2006. Erstauflage 1970.


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Ein Weckruf aus Schweden: „Bitterfotze“

27. Februar 2009 von Katrin
Dieser Text ist Teil 23 von 58 der Serie Die Feministische Bibliothek

Heute ist es endlich so weit: Der Roman „Bitterfotze“ von Maria Sveland erscheint im Buchhandel (und ihr könnt fünf Exemplare gewinnen – siehe unten).

Der Titel macht neugierig: Was hat es damit auf sich? „Bitterfotzig“, so nennt sich Svelands Ich-Erzählerin Sara, wenn sie strukturelle Ungerechtigkeiten, die sie aufgrund ihres Geschlechts oder aufgrund ihrer Mutterrolle erfahren muss, nicht einfach mit einem zuckersüßen Lächeln hinnimmt und so tut, als sei alles in bester Ordnung, wie das von den meisten Frauen erwartet wird. Indem sich Sveland selbst so betitelt, nimmt sie herablassenden Männer-Urteilen in kluger Voraussicht ihre Munition, wie sie im Interview mit dem Verlag Kiepenheuer & Witsch erzählt, wo das Buch erscheint:

„Sowohl »verbittert« als auch »Fotze« sind beides Wörter, die von Männern genutzt werden, um Frauen und Mädchen zu diffamieren. Ich habe erwartet, dass man mich und mein Buch genauso abstempeln würde, da das ja immer passiert, wenn Frauen sich nicht der Norm entsprechend verhalten. Ich habe mein Buch also so genannt, damit es niemand anderes tut.“

Sveland greift die Wut und Verzweiflung im Bauch vieler junger Frauen selbstbewusst auf. Sie seziert akribisch den scheinbar normalen und wenig aufregenden Alltag einer Mutter, geht zurück in die Vergangenheit, in die Kindheit der Tochter eines abwesenden und tyrannischen Vaters, der auf seine ewig kochende und putzende Frau wenn er einmal da war nichts als Psychoterror ausübte. Sveland lässt die Leserschaft mit den Augen eines kleinen Mädchens zuschauen, wie die Mutter alles erträgt und sich in einen Putzzwang völlig zurückzieht, auch für die Tochter unerreichbar. Wenig später lässt die Autorin ihre LeserInnen in die Haut einer erwartungs- und hoffnungsvollen Jugendlichen schlüpfen, die es für selbstverständlich hält, ebenso wie ihre männlichen Altersgenossen wild herum zu probieren. Den Stempel der „Hure“ trug sie alsbald auf ihrer Stirn.

Im weiteren Verlauf schlüpfen wir mit ihr in die Rolle einer jungen Frau, die sich verliebt und eine Beziehung versucht – mit mäßigem Erfolg: Der Kerl treibt uns schon beim Lesen völlig in den Wahnsinn, weil er seinen Kontrollwahn nicht im Griff hat und über-anhänglich ist. Und als Sara mit ihrer Arbeit als Journalistin immer wieder gegen die verhärtete Wand aus mittelmäßig arbeitenden Männern rennt, die sie ignorieren oder herabwürdigen, platzt uns irgendwann komplett der Kragen.  Deswegen applaudieren wir begeistert, wenn Sara ihren bescheuerten Kollegen am Ende bloßstellt, indem sie für alle laut hörbar erklärt: „Dennis hat mir gerade erzählt, dass er früher zu thailändischen Prostituierten gegangen ist, und das hat mir nicht gefallen“.

Ja, das Buch nimmt seine LeserInnen gefangen. Man beginnt, die Welt mit anderen Augen zu sehen, wofür man Sveland nur sehr dankbar sein kann. Scheinbar unauffällige Alltags-Situationen werden entlarvt: Es ist nicht das persönliche Problem einer Frau, wenn sie mit der Kinderbetreuung überfordert ist. Nein, es ist ein strukturelles Problem, ein gesellschaftlicher Irrglaube an Gleichberechtigung, der sich darin manifestiert, dass Frauen weiterhin von riesigen Schuldgefühlen geplagt werden, wenn sie sich die gleiche Freiheit herausnehmen, wie Männer es ohne mit der Wimper zu zucken machen. Die Schuld, die Last, die Verantwortung – zum Großteil geschultert von Frauen und immer noch zu wenig von Männern – zeigen sich an den Stellen, an denen Sveland vermeintlich kühle Statistiken zitiert. Männer sind innerhalb einer Ehe psychisch gesunder, als als Single, bei Frauen ist es genau umgekehrt. Zufall? Daran glaubt Sveland nicht, sie sieht eine Menge gesellschaftliche Strukturen und Normen, die zu solchen Double Standards führen, sie ist Feministin:

„Feminismus heißt, dass man sich der ungerechten Strukturen zwischen Frau und Mann bewusst ist. Davon gibt es auch heute noch viele. Und natürlich sollte es nicht nur bei dem Bewusstsein bleiben, sondern man muss auch dagegen kämpfen. Für mich ist Feminismus keine private Meinung, sondern eine politische Haltung. Ich persönlich habe viele Jahre lesen, diskutieren, analysieren und nachdenken müssen, bis ich diese Haltung auch wirklich begründen konnte und nun weiß, wie uns Machtverhältnisse beeinflussen. Am meisten kämpfe ich gegen die Ignoranz und Leugnung von Diskriminierung – denn sie sind die ärgsten Feinde des Feminismus.“ (aus einem Brigitte.de-Interview von Susanne)

Am Ende ist das Buch dennoch vorsichtig optimistisch. Geschlechtergerechtigkeit in Beziehungen ist eben keine Selbstverständlichkeit, sie auszuhandeln eine anstrengende Aufgabe für jeden gemeinsamen Tag.

Erschienen bei KiWi Paperback, 272 Seiten, 8 Euro 95.
Eine Leseprobe aus “Bitterfotze” gibt’s hier.

Interviews und Rezensionen

- Interview mit Sveland auf kiwi-verlag.de

- Susanne interviewte Sveland für Brigitte.de

- Rezension von Dirk Knipphals auf taz.de

- Rezension von Heide Oestreich auf taz.de

Gewinnen!
Mit freundlicher Unterstützung des Verlages Kiepenheuer & Witsch haben wir etwas zu verlosen: Schreibt uns bis Montag, 12 Uhr eine Mail an gewinnen(at)maedchenmannschaft.net und ergattert eines von fünf Exemplaren von Maria Svelands „Bitterfotze“!

Nachtrag:
Hier kannst du nachsehen, wer gewonnen hat.

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Das Buch über diesen Link zu bestellen unterstützt die Mädchenmannschaft.

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Heute Abend in Berlin: “Football under cover”

26. Februar 2009 von Katrin

Ein Tipp für Spontane: Heute Abend wird in der Heinrich-Böll-Stiftung Berlin der interessante Dokumentarfilm “Football under cover” gezeigt. Worum es geht?

“Weder wallende Gewänder noch Kopftücher hindern junge Frauen aus Berlin-Kreuzberg und Teheran daran, sich eine vermeintliche Domäne männlicher Dominanz zu eigen zu machen. In ihrem Wunsch nach Selbstbestimmung und Gerechtigkeit setzen sie mit ihrem gegen alle Schwierigkeiten und Widerstände ausgerichteten Frauenfußballmatch in der iranischen Hauptstadt ein Zeichen: Veränderung ist möglich.”

Das klingt doch spannend. Präsentiert wird der Film von Regisseur Ayat Najafi und die Fußballspielerin Marlene Assmann. Anschließens gibt es eine Diskussion mit DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger. Dabei soll vor allem folgenden Fragen nachgegangen werden:

“Welche Rolle kann der Fußball als weltumspannender Integrationsmotor spielen – trotz der immer noch existenten Fremdenfeindlichkeit in den Stadien? Welche Potenziale stecken im Aufstieg des Frauenfußballs – auch in islamischen Ländern, in denen die Vormachtstellung des Mannes gegenüber der Frau in der Religion begründet wird? Kann der Fußball dazu beitragen, religiöse Lesarten mit pluralistischen und demokratischen Gesellschaftsverhältnissen zu versöhnen?”

Beginn ist 19.00 Uhr in der Schumannstraße 8. Wer hingehen will, findet hier alle nötigen Informationen.


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Das Biedermeier-Komplott

26. Februar 2009 von Barbara
Dieser Text ist Teil 22 von 58 der Serie Die Feministische Bibliothek

Unsere Zukunft ist in Gefahr: Terrorattentate, Arbeitslosigkeit und Finanzkrisen bedrohen unseren Außenkosmos; die Auflösung von traditionellen Bindungen unseren Innenkosmos. Wohin sollen wir nur fliehen? Vielleicht in die fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts, die Epoche des Biedermeier. Diese Zeit scheint, so die Publizistin Claudia Pinl in ihrem Buch “Das Biedermeier-Komplott. Wie Neokonservative Deutschland retten wollen”, für manche als die Rettung vor eingangs genannten Gefahren. Denn damals war alles gut:

Der [Bürger] träumte von einfachen, überschaubaren und geordneten Verhältnissen. Er richtete sich in einer heilen rückwärtsgewandten Welt ein, die ihn vor den Kräften des sozialen Wandels und des politischen Kampfes schützen sollte. … Der biedermeierliche Paterfamilias trennt streng zwischen seiner eigenen Betätigung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und dem ruhigen Wohlbehagen des häuslichen Wohnzimmers, in dem die Gattin die Kinder um sich schart.

Kommt uns bekannt vor? Natürlich! Frauen an den Herd, ins Kinderzimmer und weg aus dem Berufsleben – mit dieser Anmutung eines rückwärts gewandten Lebensstils haben in den vergangenen Jahren mehrere Publizistinnen und Publizisten für Diskussion gesorgt. Claudia Pinl nimmt deren konservativen Theorien unter die Lupe: Frank Schirrmacher, FAZ-Herausgeber, der etwa beklagt, es gäbe in Deutschland keine “Normalfamilie” Vater, Mutter, Kind(er) mehr, sondern nur noch Singles, nichteheliche Gemeinschaften, kinderlose Ehen und andere Gewächse, die man aus Fernsehserien wie “Gute Zeiten, schlechte Zeiten” kennt. Oder Matthias Matussek, Spiegel-Kulturchef, der einen “Zeugungs- und Gebärstreik egoistischer Selbstverwirklichungslümmel” national wie international befürchtet. Natürlich Eva Herman, Moderatorin, und ihr “Eva-Prinzip”. Aber auch der Pädagoge Bernhard Bueb, der Kinder mit Autorität zu guten Menschen formen möchte. Und Udo di Fabio, Richter am Bundesverfassungsgericht, der die “Gleichheits- und Selbstbehauptungsansprüche” von Männern und Frauen dafür verantwortlich macht, dass die “Freiheit zur Bindung” ausgehöhlt werde. Womit er mehr die Ansprüche der Frauen meint, denn, so der an der TU Berlin lehrende Medienwissenschaftler Norbert Bolz: Neben der Pille ist die Frauenemanzipation der wichtigste Faktor “für den Zerfall der klassischen Familie”.

Detailliert gesammelt und klug eingeordnet, versammelt Pinl hier die üblichen Verdächtigen und ihre Äußerungen. Es ist natürlich ein Kabinett des intellektuellen Grauens, das sie einberufen hat. Und ein Ende des Grauens war nicht in ihrer Sicht, da sie mit den Worten schließt:

In Deutschland hat mancher Spießer sich bislang Äußerungen verkniffen, wonach die Frauenemanzipation am Bevölkerungsschwund und Drogenelend schuld ist, die Mutter zum Kind gehört, Kinder zu Disziplin, Fleiß und Gehorsam erzogen werden sollen und man stolz auf Deutschland zu sein hat. Dank Eva Herman, Udo di Fabio, Frank Schirrmacher, Bernhard Bueb und anderen muss niemand mehr Angst haben, wegen derartiger Äußerungen als politische Dumpfbacke dazustehen.

Das Buch ist 2007 erschienen, und man muss sagen, dass sich seitdem einiges getan hat. Es gibt wieder eine öffentliche Debatte zum Themenkomplex Gleichberechtigung. Eine Menge Frauen und Männer, junge und alte, haben großes Interesse an einer neuen, gerechten Geschlechterordnung. Der Feminismus ist wieder wer, und die allzu frechesten neokonservativen Stimmen sind vorerst wenigstens verstummt. Was nicht heißen soll, dass sie nicht wiederkommen können. So ist Pinls Buch auch als Mahnung zu sehen, wie schnell ein gesellschaftlicher Backlash kommen kann, wenn sich Frauen und Männer nicht permanent gegen überholte Rollenbilder wehren.

Claudia Pinl: “Das Biedermeier-Komplott. Wie Neokonservative Deutschland retten wollen.” Konkret Literatur Verlag, 2007. 176 Seiten, broschiert. 15 Euro.

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Eine Frage des Alters?

25. Februar 2009 von Verena
Dieser Text ist Teil 8 von 25 der Serie Wilde Mädchen

Haben wilde Mädchen eigentlich ein Verfallsdatum? Auch unsereins mit 30± verfängt sich immer wieder in Diskussionen, ob das „Mädchen“-Label denn nicht zu sehr nach Liebkind klänge.

Ich frage bloß, weil mir in letzter Zeit vor allem Frauen 50+ auffallen, die coole Dinge zum Thema Feminismus sagen und stärker für unangepasste Frauen werben, während sich die jungen Damen in gefälligen Widersprüchen verfangen. Zum Beispiel Kelly Clarkson. Feministing.com griff ein Interview der American Idol-Gewinnerin auf, in dem sie die Frage, ob sie eine Feministin sei, vehement verneinte.

No, not at all. [...] I’m like, “Hey, knock-knock, 2008.” Most of the men in my life have been very highly supportive. I’ve never had to even think like a feminist because no one around me even thinks one [sex] is higher than the other.

(C) Eva Hillreiner, www.evahillreiner.de

Ein paar Fragen weiter fiel ihr das Musikbusiness dann doch als Boys-Club auf.

I just know for a fact … why I said that was because I was actually on a phone call with two people who did not know I was on the phone, and I literally heard somebody I used to work with say, “Well, you know what, he can get away with it because it’s a guy. She’s a girl, so let’s just face it, it’s different.” And I was like, “Is this the 1950s?” I hung up and didn’t listen to the rest.

Und jetzt Iris Berben. Die Schauspielerin hat gerade das Buch „Frauen bewegen die Welt“ mitherausgegeben. Dort werden Frauen portraitiert, die mit aller Konsequenz für ihre Überzeugungen einstehen und, ungeachtet der eigenen Sicherheit, gegen Ungerechtigkeiten und Unterdrückung aufbegehren wie die russische Journalistin Anna Politkowskaja, die 2006 einem Mordanschlag zum Opfer fiel. Oder die Menschenrechtsaktivistin Monira Rahman, deren Organisation sich für die Opfer von Säureattentaten in Bangladesh einsetzt.

Im Interview mit Spiegel Online gibt Iris Berben ein paar Antworten auf die Frage nach männlicher und weiblicher Courage. Zwar bezeichnet sie sich nicht als „Feministin im Sinne von Alice Schwarzer“, nennt aber genau jene Eigenschaften, die ein wildes Mädchen ausmachen: Selbstbewusstsein, die Fähigkeit ungewöhnliche Entscheidungen treffen, Radikalität und – wenn notwendig – Wut und Angriff als die bessere Verteidigung.

Es gab Momente, wo ich reagiert habe, und ich würde das auch heute tun. Ich erinnere mich an einen Abend, als wir im niederösterreichischen Waldviertel in einer Gaststätte Theaterproben hatten. Da saß ein alter Mann allein am Tisch und wurde von anderen Gästen permanent bepöbelt. “Dich haben wir ja hier nur aufgenommen, weil sie vergessen haben, dich zu vergasen”, sagte einer der Bauern. Ich bin dem buchstäblich an die Gurgel gesprungen vor Wut.

Ein anderer alter Hase unter den wilden Mädchen ist die Schauspielerin und Regisseurin Katharina Thalbach. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erklärte sie im vergangenen Jahr, warum ihr Elisabeth I. die liebste historische Figur ist.

Weil sie eine grandiose Frau in einer überaus spannenden Zeit voller Umschwünge war, in der das Bürgertum eine revolutionäre Klasse darstellte und diese wilden Weiber – auch Katharina von Medici, Maria Stuart, die allerdings politisch unfähig war, oder Jeanne d’Albret, die Mutter von Henri IV. – plötzlich erhebliche Macht ausübten. Elisabeth I. hat das Hausfrauendenken und ihre Weiblichkeit auf eine praktische, uneitle Art in die Regierungsform hineingebracht und produktiv mit einem Stab – aktuell würde man es Kompetenzteam nennen – zusammengearbeitet. Die Frechheit, mit der sie sich etwa die Dienste von Piraten gesichert hat, um spanische Schiffe auszurauben, und dann Francis Drake noch zum Ritter schlug, gefällt mir.

Es scheint, als wäre es mit den wilden Mädchen wie mit Wein und Käse, je älter und reifer, desto besser. Auch ohne sich explizit das F-Schild umzuhängen, nehmen sie Stellung und bewerten jene Eigenschaften als positiv und zum Vorbild eignend, die sich nicht in einem kleinen Abendhandtäschchen verstecken lassen. Ganz schön klasse – aber erreichen solche Statements uns überhaupt? Und wenn ja, haben die Aussagen zum Feminismus von Frauen der Generation 50+ einen anderen Effekt auf uns, als die der Vertreterinnen unserer Generation?


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Die Lohnschere

24. Februar 2009 von Barbara

Die Nachricht des Tages war ja heute wieder einmal die Lohnschere: Schwarz auf weiß wissen wir es jetzt wieder, dass in Deutschland Frauen 23 Prozent weniger verdienen als Männer. Schlechter verdienen als der europäische Durchschnitt, der liegt nämlich bei 17,4 Prozent weniger. Weil das dem EU-Kommissar Spidla sauer aufstößt, plant er einen Aktionstag für den 3. März, so die Süddeutsche Zeitung, an dem diese Ungleichheit thematisiert werden soll. Mit Internetseite in 22 Sprachen.

Wir bleiben gespannt.


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Über die Hingabe

24. Februar 2009 von Barbara

Im aktuellen Kulturspiegel diskutieren Kathrin Röggla, Rita Süßmuth und Amelie Deuflhard generationenübergreifend über die Gleichberechtigung. Anlass ist das äußerst lesenswerte Buch “Bitterfotze” der schwedischen Autorin Maria Sveland, über das wir auch berichten. Mir hat das Gespräch gut gefallen;  als E-Paper steht es zum Nachlesen online.

Zum Thema Schuldgefühle einer Mutter, ihr Kind nur kurz mal in andere Obhut zu geben

Süssmuth: Der Mann kann sich leichter trennen, weil er kulturgeschichtlich immer der später Hinzukommende war, während die Mutter zum Kind gehört. Dabei sind wir nicht instinktiv Mütter. Doch soziale Prägungen halten einfach sehr, sehr lange. Fast alle Frauen kennen diese innere Anspannung, ich möchte einerseits beim Kind bleiben, andererseits möchte ich auch mal weg, solche Doublebind-Situationen, die erleben junge Mütter immer wieder, wenn sie sich fragen, was sie eigentlich wollen. Da hat uns die Literatur wirklich bereichert, indem sie diese widerstrebenden Bedürfnisse thematisiert hat. Denn permanente Hingabe macht nicht stärker, sondern schwächer.

Dieser letzte Satz klingt so leicht, ist aber so schwer. In ihm steckt viel vom Dilemma, in dem sich Frauen mit Kindern, Frauen mit Familie befinden. Denn Hingabe ist oftmals gleichbedeutend mit dem Stress, den man sich selbst macht. Dazu noch ein paar Zitate:

Zum Thema Stress einer Mutter:

Röggla: Mutter zu werden ist natürlich auch Stress. Wie sehr, liegt an der Unterstützung, die Frauen erleben. In Deutschland nehmen 14 Prozent der Männer Erziehungszeit, die allermeisten davon nur zwei Monate.

Süssmuth: Wenn man bedenkt, dass die Zahl bis vor zwei Jahren unter fünf Prozent lag, ist das schon ein hoffnungsvoller Fortschritt. …

Süssmuth: Es gibt aber noch ein weiteres Problem. Frauen wollen heute Tausendsassas sein. Zu Hause sind sie diejenigen, die alles organisieren, viele sind berufstätig, sie kümmern sich außerdem noch um Familie und Freunde und sind dazu bitte in jedem Alter schlank und faltenfrei. Dieser Berg von Erwartungen erdrückt viele Frauen, das zeigt sich auch darin, dass die psychosomatischen Erkrankungen stark zunehmen.


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Alter Hut, äh Schuh

24. Februar 2009 von Barbara

Unter dem Titel “Feminist Footwear Advice From 1930″ wird auf jezebel.com ein knapp 80 Jahre alter Artikel über die seltsame Bereitschaft von Frauen, sich die Füße mit schicken Schuhen zu ruinieren, zitiert. Das Magazin heißt Physical Culture:

Will the day ever come when this last citadel of fashionable distortion of the [female] body will be captured and razed, and when women will get over the notion that there is beauty to be achieved by wearing on the foot a leather harness designed expressly to throw it out of position, destroy its beautiful mechanical efficiency, cripple it in and out of action, and make it look from in front as much as possible like a hoof?

Auf jezebel.com heißt es dazu, “we’re guessing the answer is ‘not anytime soon’”. Sehe ich ja anders. Die Tage, in denen ich meine Füße von schicken Schuhen ruinieren ließ, sind längst vorbei. Und es war immer meine eigene Entscheidung! Außerdem möchte ich ein für alle Mal Abstand nehmen von diesem Frauen-und-Schuhe-Klischee. Etwa so viele Leerzeilen

Abstand.


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Natürlich alles rein wissenschaftlich…

23. Februar 2009 von Susanne

Online berichtet der UniSpiegel heute über eine echt empörende Geschichte:

Uni zwingt Studentinnen zu Intim-Auskunft

Ihre Forschungsinteressen hat die Freie Universität Zacatecas besonders weit ausgedehnt: Die mexikanische Hochschule erkundet das Intimleben ihrer Studentinnen. Wer sich bewirbt, muss über Zyklus, Abtreibungen und Sex-Partner Auskunft geben.

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