Aufklären über transidente Menschen

von Helga

In jeder Folge der WWW Girls stellen wir euch eine Bloggerin und ihr Weblog vor. Heute:

Erlebnisse und Gedanken
Auch @michaela_w, auf Facebook, Google+ und YouTube.

Wie heißt du?
Ich heiße Michaela.

Seit wann bloggst du?
Ich blogge seit Mai 2006.

Drei Bloggerinnen mit weißen Laptops auf denen der Venusspiegel prangt, darum der Slogan - Feminists of the WWW: unite

(c) Frl. Zucker, fraeuleinzucker.blogspot.com

Warum hast du damit angefangen?
Um diese Frage zu beantworten, muß ich ein klein wenig ausholen. Damals im Jahr 2006 habe ich noch in der männlichen Rolle gelebt und habe damals begonnen, mich äusserlich als Frau aus dem Haus zu wagen. Ich wollte damals für mich diesen Schritt dokumentieren und meine Gefühle und Erlebnisse die ich dabei hatte festhalten. Ausserdem wollte ich durch das Bloggen einerseits mir zeigen, daß ich meine Angst vor den befürchteten gesellschaftlichen Konsequenzen überwinden kann und andererseits auch anderen Transgendern zeigen, daß sie ebenfalls ihre Ängste überwinden können. Ich habe, bevor ich meine Ängste diesbezüglich überwinden konnte, mich lange genug versteckt und nicht das Leben leben können, daß ich mir seit meiner Kindheit erträumte und ich habe in einigen Foren und Internetplattformen für Transgender mitbekommen, daß es sehr vielen Menschen so geht, wie es mir damals ging.

Worüber schreibst du?
Mein Blog ist ein privater Blog und ich schreibe über Dinge, die ich erlebe und die ich mich beschäftigen. Daß ich eine transidente Frau bin, spielt dabei natürlich auch eine entscheidende Rolle. Ich berichte also von ganz banalen Dingen, über EDV-Themen (ich arbeite als Programmiererin), bis hin zu Themen, die das Thema Transgender/Transidentität betreffen. Gerade das letzte Thema ist mir ein besonderes Anliegen, denn trotz aller Bestrebungen von Gleichberechtigung und Toleranz unter den Menschen, habe ich oft das Gefühl, daß es für transidente Menschen besonders schwer ist, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Transidente Menschen hinterlassen bei ihrem Gegenüber oftmals das Gefühl der Verunsicherung, was wiederum zu Angst und Ablehnung führt. Ich habe zwar keine statisischen Zahlen dazu, aber ich habe das Gefühl, daß in der Gruppe transidenter Menschen die Zahl von ALG II-Empfängern und -Empfängerinnen signifikant von der „normalen“ Bevölkerung abweicht. Auch habe ich das Gefühl, daß es für transidente Personen sehr schwer ist, einen Arbeitsplatz zu finden, weil sie in das gängige Geschlechtermodell nicht hinein passen. Ich versuche durch meinen Blog ein wenig Aufklärungsarbeit zu leisten, damit die Menschen mitbekommen, daß es transidente Menschen gibt und daß sie ganz normale Menschen sind, vor denen sich die „normale“ Bevölkerung nicht zu fürchten braucht. In diesem Unterfangen habe ich sehr gute Unterstützung durch meine sehr gute Freundin Farah, mit der ich zusammen auch eine ganze Reihe von Interviews mit transidenten Menschen auf Video aufgenommen haben und diese sind zum einen in meinem Blog eingebunden und zum anderen über unseren gemeinsamen YouTube-Kanal zu finden.

Was dir ohne Internet nicht passiert wäre:
Dadurch, daß ich auch in Videos zu sehen bin, kennt man auch mein Äusseres und meine Stimme. Letztes Jahr (2011) beim CSD in Konstanz wurde ich von einer jungen lesbischen Mutter angesprochen, die mich aus den Videos kennt, die meine Freundin Farah und ich zusammen produziert haben. Dies war für mich sehr überrschend, denn ich hätte nie gedacht, daß mir so etwas mal passieren könnte und daß unsere Videos so eine Reichweite haben, daß wir Fans haben könnten.

Wovon braucht das Internet mehr:
Ich glaube, daß das Internet der Freiraum bleiben soll, der er ist. Deshalb braucht es den Schutz vor Zensur und vor einer ungebremsten Monetarisierung der Inhalte. Ohne diesen Freiraum, können keine neuen Ideen und Bewegungen entstehen. Der unzensierte Austausch von Gedanken ist, meiner Meinung nach, die größte Errungenschaft seit der Erfindung des Buchdrucks und wird die Gesellschaft ähnlich stark wie damals unkrempeln. Daß etablierte Gruppen davor Angst haben, kann ich verstehen. Die Reaktionen heute sind ähnlich, wie sie es damals bei der Erfindung des Buchdrucks waren, und ich hoffe, daß die Freiheit des Internets auch in Zukunft gewährleistet bleibt.

Frauen* im Web…
sind immer noch zu wenig vertreten, vor allem als Content-Produzentinnen, obwohl ich das Gefühl habe, daß sich das gerade ändert. Gerade auf YouTube sehe ich, daß es immer mehr Frauen gibt, die über Sachen berichten, die sie bewegen. Wobei ich auch dort eine starke Trennung zwischen weiblichen und männlichen Themen feststelle. Frauen erzählen tendenziell eher über Schminke und Bücher und Männner eher über Computerspiele und Technik. Ich freue mich deshalb auch immer, wenn Männer über „weibliche“ Themen bloggen und Videos produzieren und Frauen über „männliche“ Themen, wobei ich glaube, daß Männer es hier schwerer haben sich auf die vermeintlich weiblichen Themen einzulassen, wie Frauen auf die vermeintlich männlichen Themen.

Tipps und Bewerbungen für die WWW Girls an post(at)maedchenmannschaft.net.




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Eintrag geschrieben: Donnerstag, 13. September 2012 um 9:23 Uhr unter Netz(kultur). RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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2 Kommentare

  1. Michaela sagt:

    Vielen Dank, daß ihr mir die Möglichkeit gegeben habt, mich und meine Netzaktivitäten hier vorstellen zu können.
    Liebe Grüsse vom Bodensee,
    Michaela

  2. Niklas sagt:

    Ich finde es wirklich toll, dass maedchenmannschaft.net in letzter Zeit einiges zu Transgender-Themen publiziert hat. Transgender werden in der öffentlichen Wahrnehmung fast immer ignoriert; das ist sehr schade und auch gefährlich, da so eine dringend notwendige Debatte fehlt, um eine faire Gesetzesgebung zu implementieren. Umso besser, dass ihr das hier behandelt :)