„Zusammenkommen und über tollen, einvernehmlichen Sex reden“

von Helga

Seit dem letzten Herbst gibt es das Projekt „Wir lieben Konsens“ – Gründerin Hildegard bloggt über das Zustimmungskonzept und hält Workshops zu diesem, in Deutschland noch kaum bekannten, Thema. Im Interview erklärt sie die Hintergründe

Worum geht es bei „Wir lieben Konsens“?

Die Idee ist, das Zustimmungskonzept im gesamten deutschsprachigem Raum zugänglich zu machen. Die Internetseite ist dazu da, Ressourcen zu bündeln, damit Interessierte sich selbst informieren oder Kontakt zu mir aufnehmen können. Die Workshops bieten Raum, um sich mit anderen persönlich auszutauschen und seine eigene Art für das Zustimmungskonzept zu finden. Zudem hat „Wir lieben Konsens“ auch eine politische Seite und versteht sich als Teil der Arbeit gegen sexualisierte Gewalt und gegen Machtasymetrien die auf dem Geschlecht der Beteiligten basieren.

Das Projekt insgesamt, also das Zustimmungskonzept zu verbreiten, hat auf der individuellen Ebene das Ziel, dass alle Beteiligten guten Sex haben, weil der Idealzustand Einvernehmlichkeit gelebt wird. Dazu ist in manchen Fällen das Aushebeln von Machtasymmetrien in zwischenmenschlichen (intimen) Beziehungen nötig, was unter anderem durch „Nein heißt Nein“ und „ohne explizit gegebene Zustimmung kann man auch nicht von Zustimmung ausgehen“, zusammen mit der Definitionsmacht, für alle Beteiligten hoffentlich auch erreicht wird. Politisch gesehen läuft da viel Empowerement ab und im Idealfall trägt das Zustimmungskonzept (zusammen mit anderen Sachen wie Traumaarbeit, Täterarbeit, …) zum Ende der Rape Culture bei.

Aber das klingt alles schrecklich akademisch was ich da geantwortet habe. Eigentlich geht es einfach darum, dass Menschen zusammenkommen und darüber reden wie sie tollen, einvernehmlichen Sex haben können.

Was genau ist denn das Zustimmungskonzept?

Das Zustimmungskonzept kommt aus dem US-amerikanischem Raum (dort bekannt als consent) und nutzt Definitionsmacht und „Nein heißt Nein” im positiven Sinne für unsere persönlichen, intimen Beziehungen.

Im Gegensatz dazu, wie sich viele Menschen im Moment bei Berührungen oder Sex verhalten, nämlich zu berühren und vorauszusetzen, dass das schon okay ist und das Grenzen schon angesprochen werden wenn sie verletzt werden, sagt das Zustimmungskonzept, dass man sich immer Zustimmung holen muss, bevor es zu Berührungen kommt. Und dass, sollte nicht gefragt und weder zugestimmt noch abgelehnt werden, nicht davon ausgegangen werden kann, das Zustimmung bestand.

Wie kann ich es in meinem Leben umsetzen?

In einer einmaligen oder flüchtigen sexuellen oder intimen Begegnung sollte man darauf achten „Nein heißt Nein“ zu beachten und vor Berührungen zu fragen, ob sie erwünscht sind. Oder man legt, zum Beispiel bei einem One Night Stand, fest, bis wohin man gehen möchte, bevor man loslegt.

Sehr wichtig ist es, nur verbalisierte Zustimmung als Zustimmung zu interpretieren (im Gegensatz zu nonverbaler Kommunikation). Um ein Beispiel zu nennen: Vor einiger Zeit unterhielt ich mich mit einer Frau in einer Bar. Ich meine, ihre Hand landete mehrmals auf meiner Schulter und meinem Rücken. Sie lächelte mich an, bot mir einen Schluck aus ihrer Bierflasche an und beugte sich zu mir rüber. Ich verstand das als Flirten und dachte „Oh… ich würde sie so gern küssen.“ Da ich sie ja aber schlecht, einfach ohne dass sie damit rechnet, küssen kann, sagte ich ihr, dass sie mich ja küssen könnte, wenn sie wollte. Nun, leider gab sie mir einen Korb. Trotzdem bin ich sehr zufrieden nach Hause gegangen und habe mich seeeeeeeehr cool gefühlt weil ich mich getraut habe sie zu fragen. Falls ihr jetzt denkt, Fragen führt grundsätzlich dazu, nicht geküsst zu werden, kann ich euch beruhigen: Die nächste Frau die ich gefragt habe, wollte geküsst werden. Mit der stecke ich immer noch im Happy Ending… ähm, Beginning.

Womit ich auch beim nächsten Punkt wäre: In einer festen Beziehung kann man sich auch längerfristig auf etwas verständigen. Ich muss meine Freundin nicht vor jedem Kuss fragen, da wir darüber geredet haben wann sie es mag ungefragt geküsst zu werden. Das heißt man muss sich zusammensetzen und darüber reden. Eine kleine Checkliste, worüber auf jeden Fall gesprochen werden sollte: Vorlieben, Grenzen, Trigger, die eigenen Arten „Ja“ und „Nein“ auszudrücken, Safer Sex und Verhütung. Auch hierbei gilt „Nein heißt Nein“ und dass etwas nur gemacht wird wenn beide einverstanden sind. Will eine Person etwas nicht. gilt diese Grenze, egal was die andere Person will.

Auch in platonischen Beziehungen ist das Zustimmungskonzept hilfreich. Das heißt, man sollte Freunde fragen ob sie umarmt werden möchten, Kinder fragen ob sie hochgehoben werden möchten. Fragen, fragen, fragen… statt anzunehmen, dass Berührungen schon okay sind oder beanstandet werden, wenn sie unerwünscht sind. Ein Patentrezept gibt es nicht und es dauert eine Weile es zu lernen. Aber es lohnt sich.

Was finde ich auch auf der Webseite zu „Wir lieben Konsens“?

Da gibt es den Blog, in dem Patrick und ich Aktuelles und Erfahrungen mit Konsens posten. Diese Erfahrungen müssen nicht zwangsläufig von uns sein, sondern können auch von uns im Namen anderer veröffentlicht werden. Dann gibt es Zines und andere Sachen, die man nutzen kann um zu lernen, wie Consent praktisch aussieht und diverse Links. Außerdem findet ihr auch eine etwas versteckte Aufforderung euch zu beteiligen, eigene Erfahrungen beizusteuern, mitzubloggen, Zines ins Deutsche oder andere Sprachen zu übersetzen oder euch in anderer Form einzubringen.

Wann hast du mit Deiner Arbeit angefangen?

Das erste Mal von Consent gehört habe ich bei einem Workshop, der Anfang letzten Jahres stattfand. Nachdem ich gemerkt habe, dass das Konzept im deutschsprachigem Raum so gut wie gar nicht bekannt war, habe ich im September 2010 angefangen Workshops zu machen und schließlich, um Informationen und Erfahrungen zu bündeln, die Internetseite aufgebaut. Letzteres war im Oktober 2010.

Noch einmal zur versteckten Aufforderung – wie kann ich denn mitmachen, muss ich irgendwelche Vorraussetzungen erfüllen?

Ich bin immer auf der Suche nach Leuten die sich beteiligen. Wenn du das Zustimmungskonzept verstanden hast, es bejahst, lesen und schreiben kannst, dann darfst du gerne mitmachen. Ich bin nicht die große Bestimmerin dessen, was auf der Seite passiert, sondern mache da nur, was ich will. Patrick macht das auch so. Wenn du also ganz dringend für ein besseres Layout, mehr Links, tolle Blogbeiträge, witzig-lustig-traurig-ernste Comics, amüsante Fotos, neue Flyer, Übersetzungen oder andere schöne Dinge sorgen möchtest dann schreib eine Email an Zustimmungskonzept@web.de, beantworte mir ein paar Fragen, unterschreib die Netiquette und leg los. Das einzige was ich nicht zulasse, ist ein Co-Admin (aus Furcht vor antifeministischen trojanischen Pferden in Menschengestalt).




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Eintrag geschrieben: Freitag, 4. Februar 2011 um 9:58 Uhr unter Sex_ualität. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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18 Kommentare

  1. http://spurensucherin.blogspot.com/2011/02/uber-quotenfrauen-und-kopftuchmadchen.html#links

    “ … Ich finde den Ansatz, erst mal nachzufragen statt einfach zu machen, toll. Ich frage mich nur, ob man es nicht auch übertreiben kann. …“

  2. erlehmann sagt:

    Ich möchte in diesem Zusammenhang noch einmal auf die konsequenteste Strategie verweisen, keine Vergewaltigerin zu werden.

  3. Helga sagt:

    @erlehmann: Bitte vor dem Kommentieren in die Netiquette schauen.

  4. Keks sagt:

    Super, danke für’s Vorstellen des Projekt! Das kannte ich noch gar nicht.

    Das Konsens- und „Yes means Yes“-Konzept finde ich sehr, sehr sinnig. Es entzieht sich mir total, wie eine_r damit ein Problem haben kann. Um mal mit einem Link auf den obigen gehässigen zu kontern:
    http://shakespearessister.blogspot.com/2007/10/modest-proposal-thorny-issue-of-sexual.html

  5. Naekubi sagt:

    Ich kannte das Consent-Konzept zwar schon, wusste aber nicht, dass sich das auf jeglichen körperlichen Kontakt anwenden lässt…

    Ich finde die Idee gut. In unserer heutigen Gesellschaft, wo die ungeschriebenen (und unausgesprochenen) Normen neu verhandelt werden, ist es einfach die sicherere Methode, einfach nachzufragen.

    Für Liebesbeziehungen ist gegenseitige Zustimmung zu Sex oder ähnlichem ein Muss. Es wird Zeit, dass dieses Gerücht vom „irgendwas von den Augen ablesen“ ausstirbt!

  6. Patrick sagt:

    Danke an Hildegard für das Projekt. Ich bin geschmeichelt, dass sie mich erwähnt hat. Ich sehe mich klar in der Rolle eines Gast- oder Hilfskommentators :)

    Trotzdem darf natürlich alle Kritik an meinen Beiträgen auch an mich gerichtet werden *g*

  7. boxi sagt:

    grundsätzlich find ich sache richtig. ebenso find ich es gut, dass sich eine initiative sich diesesn thema annimmt und versucht die menschen diesbezüglich zu sensibilisieren.

    trotzdem sollte man das -meines achtens- nicht als dogma begreifen. ebenso sehe ich keinen bedarf für eine checkliste, zumal ja doch nie alle situationen abgedeckt werden können.
    ebenso sollte man bedenken,dass ein verbales „ja“ nicht unbedingt mehr sagt als eins mit der mimik.

    aber das ist nur meine meinung und zum glück kann das jede person für sich entscheiden.

  8. Patrick sagt:

    Boxi, du hast absolut Recht: eine Checkliste muss niemand benutzen, und alles kann man damit auch nicht abdecken. Aber wer will, *kann* eine benutzen, und sei es nur aus Spaß und zum gegenseitigen Kennenlernen. So, wie man auch „Wahrheit oder Pflicht“ spielen kann, oder sich gegenseitig Fantasien schreiben, oder einfach nur reden, oder…

    Eins sehe ich zumindest aber schon dogmatisch: Konsens muss da sein. Wie bei vielen anderen Dingen kommunizieren Menschen, die sich nicht explizit damit befasst haben, Konsens meistens etwas schwammig oder diffus, aber nichts desto trotz kommunizieren sie diesen meistens. Ich bin der Ansicht, dass dies explizit geschehen sollte – zumindest sollte darüber geredet werden, wie man jeweils Konsens kommuniziert.

    Denn tatsächlich gegen den Willen von jemandem diese Person zu berühren oder intim anzugehen, ist für mich ein Übergriff, den ich nicht verantworten will. Und je klarer ich weiß, wie diese Person mir zeigt, ob das okay ist oder nicht bzw. was diese Person okay findet und was nicht – desto geringer ist die Gefahr, dass ich so etwas tue. Was mich dann sogar in der Situation ein wenig befreit.

  9. jj sagt:

    Helga,

    also, das Thema ist gut und wichtig, aber schon „consent“ im Englischen ist so ein problematischer Begriff, von der Schwammigkeit von „enthusiastic consent“ ganz zu schweigen, Menschen verhalten sich einfach unterschiedlich und das Konzept wird ganz schnell logisch haarig, wie zum Beispiel bei der Definitino von Prostitution oder freiwilligem Sex in Beziehungen, wo ein Partner halt mitmacht, aber selbst gar nicht sooo wirklich will. Letztlich ist das Prinzip nur auf einen Ausschnitt von Interaktionen überhaupt sinnvoll anwendbar, weil extreme Anforderungen an die individuelle Kommunikationsfähigkeit von Menschen gestellt werden – sowohl Männer als auch Frauen. Ich kenne mehr Frauen, die Probleme haben, das zu *sagen*, was sie wollen, als Männer. Selbst dann, wenn sie *gefragt werden* – sie wollen lieber mit Optionen konfrontiert werden, als sich vorher darüber Gedanken zu machen und ihre Wünsche aktiv zu kommunizieren. Dürfen die dann keinen Sex mehr haben?

    Schwieriges, aber wichtiges Thema… aber das deutsche „Zustimmungskonzept“, mal ehrlich, kann man da nicht einen weniger nach Wasserrechnung klingenden Begriff finden?

    „Sehr wichtig ist es, nur verbalisierte Zustimmung als Zustimmung zu interpretieren (im Gegensatz zu nonverbaler Kommunikation).“

    Das ist das nächste Problem. Klar Körpersprache ist mitunter kompliziert, aber sie enthält ca. 80% aller Informationen. Verbale Kommunikation nur unter 10% dessen, was wir eigentlich ausdrücken wollen. Die Reduktion auf nur 10% unserer Kommunikationsfähigkeit ist vor allem auch deswegen nicht so sinnvoll, weil sie ja nicht unbedingt vor Mißverständnissen schützt, wenn man nicht vorher die Regeln der Zustimmungsfähigkeit wie auch die Regeln zur subjektiven Beurteilung ihres Vorhandenseins „objektiviert“ hat. Da anderes zu verlangen als ohnehin schon sozialisierte Empathie wird eher zu Mißverständnissen führen als zu mehr Verständnis.

    Im übrigen machst Du in Deinem Artikel einen der ganzen Debatte inhärenten logischen Fehler – Du machst allgemeine Aussagen –

    „… vor Berührungen zu fragen, ob sie erwünscht sind. …“

    – und erzählst dann, wie cool Du die Berührungen von der Frau, die Dich angemacht hat fandest, auch wenn sie nicht *vorher* gefragt hat, ob sie Deine Schulter anfassen darf. Entweder nimmst Du es also mit dem Zustimmungsprinzip nicht so genau, oder Du hast bestimmte Bereiche, bestimmte Berührungen *implizit* ausgenommen (und vergessen, die oben erwähnte allgemeine Ausführung entsprechend anzupassen).

    „Um ein Beispiel zu nennen: Vor einiger Zeit unterhielt ich mich mit einer Frau in einer Bar. Ich meine, ihre Hand landete mehrmals auf meiner Schulter und meinem Rücken. Sie lächelte mich an, bot mir einen Schluck aus ihrer Bierflasche an und beugte sich zu mir rüber. Ich verstand das als Flirten und dachte „Oh… ich würde sie so gern küssen.““

    Und da liegt eben ein Riesenproblem für die ganze Formalisierung, weil Menschen unterschiedliche Grenzen haben, diese auch noch unterschiedlich definieren und unter Umständen auch unterschiedlich viel Wert drauf legen, an ihre eigenen Grenzen geführt zu werden. Gerade beim Küssen ist es doch so, daß viele Frauen – und das weiß ich von einer Reihe Freundinnen, mit denen ich *nichts* hatte, also auch nicht in der Situation war und irgendwas subjektivieren würde – es total unromatisch und abtörnend finden, wenn sie vorher gefragt werden. Eine Freundin formulierte das mal so: Wir bauen doch darauf, daß ihr drückt. Wenn ihr das nicht macht, dann fühlen wir uns abgewiesen und sehen dann weder Euch als Mann noch uns als Frau.

    Sicher gibt es Communities, in denen partiell andere Regeln gelten, BDSM, insbesondere. Aber der Mainstream hat schlicht andere Regeln. Klar kann man die kritisieren und versuchen, zu ändern. Aber *wenn* man das tut, dann sollte man nicht Unschärfen einbauen, die das Problem nur verlagern.

    Im Antioch College in den USA gab es in den 90ern mal eine „explizit consent“ Politik, die für jede Eskalationsstufe expliziten verbalen Consent voraussetzte. Nach Jahren gab dann der Direktor zu daß

    „One of the major oversights of such an explicit policy was neglecting to delineate exactly what different ‘levels’ of sexual behaviour look like, which reduces the process to the subjective interpretation of the individuals involved – which was what it was before the policy.“
    (p.122 – hier: books.google.de/books?hl=de&lr=&id=FSjEnDrb8QcC&oi=fnd&pg=PA209&dq=Sexual+Offense+Prevention+Policy+antioch&ots=JsUQC4PBT_&sig=gzYsV3zjeLSRqz8sOFMu_BdCWow#v=onepage&q=Sexual%20Offense%20Prevention%20Policy%20antioch&f=false)

    die Regeln haben zu neuen double-standards geführt und wurden gleichzeitig „routinely ignored“ –

    „Maybe the moral is that Antioch students like to have sex even more than they like to talk about it. “I don’t think anybody is following that policy word for word,” says Greg Powers. “I’m certainly not.” Who was worrying about sexual politics when a performance group came to Antioch a year ago for a “Dionysian Rock Orgy”? Not the men and women of Antioch-they were too busy moshing nude.”

  10. Jan sagt:

    Abgesehen vom absolut unerotischen Checklisten-Aspekt – ich habe zwar kein Problem damit, vor jeder meiner Handlungen Zustimmung zu erfragen, aber ich wäre sehr genervt, wenn ich von einer interessierten Person ständig gefragt würde, ob dieses oder jenes in Ordnung ist. Meine Antwort auf spätestens die dritte Frage wäre: Mach einfach, ich hau Dir dann schon auf die Finger, wenn mir was nicht passt.

    Anders ausgedrückt: Ich bin ein aktiver Verfechter des Zustimmungskonzepts, aber ein passiver Saboteur. :)

  11. jj sagt:

    Jan,

    absolut. Letztens hat mich ein eher unsicheres Mädel ständig gefragt, darf ich mich einhaken, darf ich Dich umarmen, darf ich (beim Döner) meinen Kopf auf Deine Schulter legen… ich fand’s irgendwie süß, aber auch merkwürdig abtörnend.

  12. Patrick sagt:

    Hm. Ich verstehe die Skepsis von jj sehr gut. Aus meiner Sicht ist es so, dass ich gut zwischen Anspruch und Wirklichkeit unterscheiden kann. Das eine ist das abstrakte Konzept, vielleicht auch Ideal – das andere ist die schmutzige Wirklichkeit. Für mich ist einfach dadurch, dass ich das Konzept im Kopf habe, dass ich mir über das Ideal Gedanken mache, viel getan, weil ich dann die Wirklichkeit ein wenig in die richtige Richtung bewege.

    Vollständige Konsistenz und Konsequenz sind nicht möglich und wahrscheinlich nicht einmal erwünscht, weil sie dann Zwangsjacke wären. Dazu müssten wir tatsächlich alle dieselben Wortbedeutungen und Vorstellungen von Konsens und Intimität besitzen. Gerade, weil wir das aber nicht besitzen, ist die Frage und die Offenheit für andere Bedeutungen („Ich mag es nicht, wenn jemand Kopf und Döner auf meine Schulter legen“) aber wiederum wichtig.

    Ich weiß allerdings nicht genau, was die Anmerkung soll, gerade Frauen hätten oft Schwierigkeiten damit, zu sagen, was sie wollen. Mit diesem Konzept verbindet sich für mich auch der Anspruch, Menschen in die Lage zu versetzen, ihre Wünsche äußern zu können. Dazu muss man sich auch über diese gewahr werden. Dazu muss man versuchen und lernen, diese zu äußern und die Äußerung auch nicht übel zu nehmen. Die Alternative, die mir dabei direkt in den Sinn kommt, dass Frauen nicht gewohnt sind, nach ihren Wünschen gefragt zu werden, und man sie deshalb nicht fragen solle, funktioniert nicht mit meinen aufklärerischen und emanzipatorischen Idealen.

  13. jj sagt:

    Schade, daß Helga offenbar nichts mehr dazu sagen möchte…

  14. Helga sagt:

    jj, wir betreiben dieses Blog in unserer Freizeit – das heißt aber nicht, dass wir immer und jede Menge Freizeit haben. Wenn Du mehr zum Konsenskonzept wissen willst, gibt es dafür ja nun auch ein Blog, das sich explizit mit diesem Thema auseinandersetzt.

  15. jj sagt:

    Helga… (in Bezug auf den zur Zeit nicht sichtbaren Kommentar). Verweis auf Eure Netiquette, Artikel 1, Satz 1. So am Rande. Ihr entwickelt Euch echt langsam weg von Diskussionskultur. Schade. Das war mal anders.

  16. Name (notwendig) sagt:

    Boah jj, bevor Du Dich beschwerst, lies doch bitte nochmal den Artikel. Das ist ein Interview. Helga hat das Interview nur geführt. Wieso soll sie Dir denn Antworten auf Inhalte ihrer Gesprächspartnerin geben?

  17. jj sagt:

    oops. fair point. Mein Fehler.

  18. Hi JJ,
    Also Interviewte nehme ich mal Stellung.
    Als erstes muss ich anmerken: Das Zustimmungskonzept umzusetzen zu lernen ist ein Prozess. Niemand erwartet von irgendwem das alle immer 100%tig alles super kommunizieren können und wissen. Das kann, vermutlich, niemand erfüllen. Deshalb dürfen wir trotzdem alle Sex haben. Es geht vielmehr darum Kommunikation zu lernen. Und zwar eine Art von Kommunikation mit der mensch sich individuell wohlfühlt. Wer keine Lust hat „Ich will deinen Penis in meiner Möse“ zu sagen, soll das bitteschön lassen und mit seiner/m Partner/in individuell angenehmere Wege finden eben das auszudrücken wenn es erwünscht ist. Es gibt ebenso auch kein Konsens-muss-verbal-sein-Dogma. Wenn sich zwei mit nonverbaler Kommunikation wohlfühlen dann sollen sie nonverbal kommunizieren. Das ist okay. Es muss vorher halt geklärt werden wie denn ein nonverbales zustimmen oder ablehnen aussieht. Und das muss verbal geklärt werden, daher auch der Satz “Sehr wichtig ist es, nur verbalisierte Zustimmung als Zustimmung zu interpretieren (im Gegensatz zu nonverbaler Kommunikation).”
    Mal davon abgesehen, dass nonverbale Kommunikation nicht immer 100%tig funktioniert. (Du darfst mich gern vom Gegenteil überzeugen, z.B.: Wie kommuniziere ich nonverbal „Dein Finger muss 0.5 mm weiter nach links“?)

    „Zustimmungskonzept“ Ja, ich hab mir das Wort nicht ausgedacht. Denk dir ein schöneres aus und ich werde es eventuell konsequent benutzen. Im Moment spreche ich bevorzugt von Consent.

    Und ob mir Frauen in Bars ihre Hand auf den Rücken legen und ich das mag geht mich ganz persönlich was an. Das war ein Beispiel in dem eine bewusst-consent-Anwendende und eine unbewusst-consent-Anwendende kommuniziert haben. Soll ich sie und ihre Berührung jetzt verteufeln, weil sie eine andere Sprache spricht als ich? Solange Menschen, die noch nie von „Nein heißt Nein“ und Consent gehört haben sich an die gewöhnlichen Regeln halten und im Falle von „Ich mag das nicht, lass das“ ihre Hand wegnehmen ist doch alles schick.
    Es ist mitnichten so, dass das Zustimmungskonzept sagt dass Berührungen vor denen nicht gefragt wurde unerwünscht sind. Es sagt nur, dass man bei Berührungen bei denen nicht gefragt wurde nicht davon ausgegangen werden kann ob sie erwünscht sind – nicht mal, wenn das Gegenüber lächelt.
    Dieses Uni-Beispiel klingt meines Erachtens danach, dass Leute versucht haben auf Consent ein Schema F gemacht zu haben. Das gerade will ich eben nicht, sondern das immer individuell kommuniziert wird. Jedes Päarchen muss sich (wenn erwünscht) sein eigenes Schema F bauen.

    An Jan: Es ist eine vollkommen legitime Art, Consent anzuwenden indem du sagt „Fass mich an wie du magst und wenn ich es doof finde sag ich dir das schon.“ Ob das für dein Gegenüber genauso ist, müsst ihr halt noch klären.