Zum Todestag von Kurt Cobain: Brief an Bikini Kill

von Nadia

Tobi Vail & Kurt Cobain (via chapteronemanhatten – deactivated)

Ich mache es kurz, denn es ist ja allgemein bekannt: Ich bin ein ganz großer Nirvana-Fan. Letztes Jahr habe ich Kurt Cobains Tagebücher gelesen, und sie haben mich schwer beeindruckt, weil sie mir unter anderem auch vor Augen führten, wie viel von dem, was wir heute so besprechen und verhandeln, schon Jahrzehnte altes und hart umkämpftes Diskurs-Terrain ist: *Ismen, die Gratwanderung zwischen kritischer Counter- und Pop-Culture, Rape-Culture, und und und.

Niemand, niemand kann sagen, dass zum Beispiel so etwas wie Rape Culture nicht schon immer und immer und immer wieder behandelt und angeprangert worden ist, so dass es doch heute eigentlich ein Witz ist, dass Aktivist_innen sich immer wieder wiederholen müssen, wenn es darum geht, gesellschaftliche strukturelle Missstände (als reale Faktoren) zu thematisieren.

Zu Cobains Todestag heute habe ich mir also hier mal die Mühe gemacht, Kurts Brief an Tobi Vail (Schlagzeugerin von Bikini Kill), den er im Frühjahr 1991 geschrieben hat (wenige Tage nachdem die Aufnahmen zu „Nevermind“ abgeschlossen wurden), hier crosszuposten (also, abzutippen!). Der Brief stammt aus „Journals“ (2002), das auch in Deutschland veröffentlicht wurde („Tagebücher“ von Kurt Cobain, Kiepenheuer & Witsch). Ich kann wirklich sehr (sehr!) empfehlen, diese Tagebücher bzw. gesammelten Werke Cobains zu lesen, da sie wirklich eindrucksvolle Zeitdokumente enthalten und zudem aufzeigen, was der tatsächliche Lebensplan von Kurt Cobain (inklusive Nirvana) gewesen zu sein scheint. Zum generellen Weiterlesen empfehle ich zudem den großartigen Text „Kurt Cobain and Masculinity“ von Cortney Alexander.

Ich denke, mensch muss sich hier auf keine Diskussion versteifen, ob Kurt jetzt tatsächlich durchgängig Feminist gewesen ist oder nicht. Wer sich mit Cobain beschäftigt hat, der weiß, dass er sich gegen Ende seines kurzen Lebens mit Kathleen Hannah von Bikini Kill überworfen hatte und sich danach zudem einige Male über die „ständige Bedürftigkeit“ einiger feministischer Aktivistinnen beschwerte. Müßig, darüber zu philosophieren, ob dies an dem Konflikt mit Hannah lag oder an einer Einstellung, die sich über die Jahre aus irgendwelchen Erfahrungswerten gespeist hatte.

Viel interessanter ist für mich, zu sehen, in welchem Backlash wir heute festzuhängen scheinen. Steile These: Wenn feministische Webblogs quasi die Erbinnen von feministischen Fanzines sind, wie sie damals zum Beispiel auch von den Bikini Kill-Mitstreiter_innen betrieben wurden, wenn es damals großflächig Raum gab für anti-*istische Aussagen von Zugpferden der Mainstream-Musikkultur (wie eben: Nirvana) – wo stehen wir dann heute? In diesem Sinne, viel Spaß beim Lesen (allerdings: mit obligatorischer Content Warnung).

Auszug aus "Journals"

Auszug aus „Journals“

„Hi,

ja, ein Ismus speist den anderen, aber an der Spitze der Nahrungskette steht immer noch der weiße, industriehörige, kraftstrotzende Macho-Mann. Die kann man abschreiben, was mich betrifft. Ich meine, Klassismus wird durch Sexismus bestimmt, weil der Mann entscheidet, ob alte andere Ismen weiter existieren. Das bestimmen Männer. Ich will nur sagen, die Leute können keinen Ismus leugnen oder denken, dass einige mehr oder weniger untergeordnet sind. Er hat das Sagen. Er bestimmt. Ich glaube immer noch, man muss zuerst den Sexismus völlig ausschalten, ehe man was gegen die anderen Ismen unternehmen kann.

Es ist fast unmöglich, die inzestuös-programmierten männlichen Unterdrücker zu deprogrammieren. Besonders diejenigen, die das in ihren Familien schon seit Generationen mit der Muttermilch aufgesogen haben, zum Beispiel stockkonservative NRA-Freaks und die erblich vorbelasteten Machtmenschen in den Großkonzernen. Diejenigen, die von Geburt an keine Wahl hatten, als die Fackel weiterzutragen, und nur Funken sprühen, damit der Rest von uns sich zu ihren Füßen sammelt. Aber es gibt tausende grüne Gehirne, kleine, beeinflussbare 15-jährige Jungs da draußen, denen eingetrichtert wurde, wie ein Mann zu sein, und die schon anfangen, sich entsprechend zu verhalten, und dagegen kann man viele Waffen einsetzen. Die effektivste Waffe ist Unterhaltung. Die Unterhaltungsindustrie fängt gerade erst an, uns zu akzeptieren (hauptsächlich aus trendiger Verlogenheit, mit der gerade Umweltbewusstsein und soziale Verantwortung gehypt werden), d.h., die neue Attitüde der Neunziger, die sich (wegen der patriotischen Spätfolgen des Kriegs und der ganzen Paraden wie Aufmärsche zum Reichsparteita), total totgelaufen hat, aber sie benutzen Medien! Medien. Major Labels, (die bösen Unterdrücker in den Konzernen – oh Gott, ich brauche ein neues Wort) die mit der Regierung unter einer Decke stecken, die, denen die Underground-Bewegung Anfang der Achtziger den Kampf angesagt hatte. Die Industrie bewilligt jetzt den vermeintlich subversiven, alternativ denkenden Bands Vorschüsse, um ihre Kampfziele öffentlich bekannt zu machen. Klarerweise werfen sie nicht aus diesem Grund mit Vorschüssen um sich, sondern eher deswegen, weil sie darin eine Ware sehen, die sich zu Geld machen lässt, aber wir können sie benutzen!

Wir können in der Maske des Feindes die Mechanismen des Systems infiltrieren, um es von innen heraus zu zersetzen. Das Imperium sabotieren, indem wir so tun, als spielten wir ihr Spiel mit. Gerade genug Kompromisse machen, um sie bloßzustellen. Und die haarigen, verschwitzten, sexistischen Macho-Schwanzgesichter werden bald in einem Meer von Rasierklingen und Samenflüssigkeit ersaufen, das der Aufstand ihrer Kinder mit sich bringt, dem bewaffneten und deprogrammierten Kreuzzug, der das Parkett der Wall Street unter revolutionärem Schrott begräbt. Tyrannenmord, zugleich das kleinere und das größere von zwei Übeln, bringt eine immerwährende, sterile, bakterielle, unkrauttechnische, botanische und industrielle Säuberung, die unsere Vorfahren andächtig bestaunt hätten. Andacht? Jeeezus Christus. (Nochmal): in der Maske des Feindes die Mechanisem der Herrschaft infiltrieren und deren langsamen Verfall von innen heraus in Gang setzen, das ist ein Job für einen Insider – er beginnt mit den Hausmeistern und den Cheerleadern und endet mit den Entertainern. Die ungeduldige Jugend wartet schon – auf die homophobe Sterilisation.

Das ist wie das, was Kathleen von der Schule erzählt hat, dass sie so einen Kurs hatten, wo den Mädchen beigebracht wurde, sich für eine Vergewaltigung zu wappnen, und wenn man rausguckte und die Vergewaltiger draußen Football spielen sah, dachte man sich, die sollten hier drin sein und beigebracht bekommen, nicht zu vergewaltigen. Wie wahr. Man muss sie mit Entertainment-Qualität locken und dann mit Realität konfrontieren. Die Revolution wird eben doch im Fernsehen übertragen.

Es gibt da so einen 24-Stunden-Kabelsender, der sich The 90s nennt, den man vorerst nur in wenigen Staaten empfangen kann, und ein Zusammenschnitt davon läuft einmal die Woche auf pbs (public broadcasting system). Ist verdammt informativ und deckt in so einem irgendwie konservativ-liberalen Format Ungerechtigkeit auf, aber er ist neu, da muss es ja so sein. Ich habe es ein paar Mal gesehen und fand es wirklich gut. Außerdem gibt es Nightflight wieder. Weißt Du, die Sendung, in der sie immer New WAve Theater gebracht haben? Wir planen, diese und ein paar andere Sendungen zu nutzen, wenn sich die Chance bietet. Ja, ich weiß, ich bin ein verwirrtes, ungebildetets, lebendes Klischee, aber ich brauche keine Inspiration mehr, nur noch Unterstützung.

Oh ja, die Gefräßigkeit, die Gefräßigkeit hatte ich glatt vergessen. Die Band hat jetzt ein Image – das anti-gefräßige, -materialistische und -konsumistische Image, das wir vorhaben, in unsere gesamten Videos zu integrieren. Im ersten, „Smells like Teen Spirit“, werden wir durch eine Mall gehen und mit Tausenden von Dollars um uns werfen, auf die sich die Käufer in der Mall stürzen wie die Geier, um so viel wie möglich zusammenzuraffen, dann gehen wir in ein Juweliergeschäft , das wir in antimaterialistisch motiviertem Punk-Rock-Vandalismus kurz und klein schlagen, dann gehen wir zu einer Highschool-Fete, und die Cheerleader haben Anarchy-As auf ihren Sweatern, und die Hausmeister bzw. militanten Revolutionäre teilen Gewehre mit Blumen in den Gewehrläufen and die ganzen johlenden Studenten aus, die runter auf den Centercourt drängen und ihr Geld, ihren Schmuck und ihre Andrew-Dice-Clay-Kassetten auf einen großen Haufen werfen, dann setzten wir ihn in Brand und rennen kreischend aus dem Gebäude. Oh, gab`s das nicht schon bei Twisted Sister?

Dinge, die mir in den letzten beiden Monaten weggenommen wurden: 1 Brieftasche, Führerschein usw.,  $ 400, drei Gitarren (u. a. die Mosrite), meine ganzen 70er Effekt-Boxen, Wohnung und Telefon, aber ich hab eine neue, richtig geniale Fender Jaguar für Linkshänder, die meiner Meinung nach fast so cool wie eine Mustang ist. Ich halte sie also für einen guten Tausch gegen die Mosrite.

(…)

Wie Dir mittlerweile vielleicht schon aufgefallen ist, hab ich in letzter Zeit ziemlich viele Drogen genommen, vielleicht wird es Zeit, dass die Betty-Ford-Klinik oder die Richard-Nixon-Bücherei mich davor rettet, meinen anämischen, nagetierhaften Körper weiterhin zu schädigen. Ich kann es nicht erwarten, wieder zu Hause zu sein (wo immer das ist) und im Bett, neurotisch und unterernährt und nörgelnd, dass das Wetter zum Kotzen ist und der einzige Grund meines Elends.

Ich vermisse Dich, Bikini Kill. Ich liebe Dich total. Kurdt.“




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Eintrag geschrieben: Freitag, 5. April 2013 um 14:52 Uhr unter Kultur. RSS 2.0. Weder Kommentare, noch Pings erlaubt.



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5 Kommentare

  1. […] ich auf meinen anderen Kanälen schon alles geschrieben was ich so zu schreiben hatte, und zwar hier (für die Mädchenmannschaft) und hier (für JorZine), und eswegen gibt es an dieser Stelle einfach […]

  2. TeenSpirit sagt:

    Aha, und nach dem er das geschrieben hat, hat er sich kurze Zeit später erschossen…makes you think

  3. Nadia sagt:

    Erlaube Dir und mir doch den Spaß und definiere „kurze Zeit“.

  4. […] Es sit schon interessant, wie langsam all das in den Köpfen ankommt, denk nur an Kurt Cobain Anfang der 90er und seine Überzeugungen. Nadia schrieb dazu mal bei der Mädchenmannschaft: […]

  5. […] Es gab viel Schabernack, und mit der Zeit konnten ich vor vielen meiner Leser_innen auch nicht mehr mein exzessives Nirvana-Fantum verbergen – da half es auch nix, dass ich die Artikel vorsorglich weitläufig streute. […]